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Die Wahrheit · 1932-03-25 · Heft 13 (25.3.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 13 (25.3.1932)
Date
1932-03-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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BgE WAHRHEIT S^to 3 Beim Einkauf von Palästinaweiuen achte man auf die Marke Karmel-Original aui der Etikette (nur vierfarbig), Kapsel, Plombe und Kork. Vor Falsifikaten wird gewarnt. Die aus den am Karmel im Jahre 1889 gegründeten ältesten palästinensischen Weinkellereien der Firma S. Friedmann & Söhne stammenden wohlgepflegten acht Sorten Weine sind den feinsten französischen und spanischen Naturweinen ebenbürtig. Rotweine: Alicant I und Alicante extra; goldgelbe Süßweine, Hasahron-gold. Malaga. Muscat und Zionsperle. Weißweine: Haute-Sautern. artig. Medizinalwein: Bar sei, eisenhaltig. Alleinberechtigt zur Führung der Marke Karmel- Original ist N. Spindel. I« Laurenzerberg 2. Telephon-Nr. R 29-7-34. Bei der isr. Kultusgemelnde St Pölten gelangt am 1. Juli 1932 die Stelle eines Kantors und Schochets zur Besetzung. Der Bewerber muß österreichischer Bundesbürger und auch autorisiert sein, den öffentlichen Religionsunterricht an Volkse und Hauptschulen zu erteilen. Eigenhändig geschriebene Gesuche mit Zeugnisabschriften und Lebenslauf sind zu richten an: Knltusvorsteher Kommerzialrat Albert Leicht. St Pölten. die Gelehrten keineswegs müßig. Sie haben die Ruinen von Troja und Mykenä ausgegraben und bei der Zutageförderung der jüdischen Urheimat gerade in der letzten Zeit ganz Erstaunliches geleistet. Die V a t e r s t a d t Abrahams wurde bloßgelegt und erst jüngst ging die Meldung durch die Weltpresse, daß die genaue zeitliche Datierung des Auszugs der Kinder Israels aus Aegypten durch neue Ausgrabungen ermöglicht wurde. Das alte Kanaan ersteht Stein um Stein vor den Augen der gesamten Kulturwelt aus dem Grabe versunkener Jahrtausende. Immer neue Funde legen beredtes Zeugnis für die historische Wahrheit der biblischen Geschichte ab — sogar solcher Partien, die von Aufgeklärten gern als Sagen und Mythen gedeutet worden waren. Um so grotesker wirkt das Fiasko, das in diesen Tagen der Kyffhäuserbund mit einer Ausgrabung auf deutschem Boden erlebte. Diese deutschnationale Vereinigung hätte gern das historische Schlachtfeld im Teutoburger Walde eruiert. An ein paar sogenannte Hünengräber in Westfalen klammerte sich schon lange die Phantasie und Hoffnung der Geschichtskundigen, und so ließ man jetzt diese „Gräber" öffnen, um die erhofften Zeugnisse der Schlacht in Form von Rüstungen und Kriegerskeletten zu bergen. Aber o Schrecken! Was man für Grabhügel gehalten hatte, entpuppte sich als geologische Formation und ihr Inneres war leer — keine Waffen, keine Skelette wurden zu Tage gefördert, die Frage, wo eigentlich die Hermannsschlacht stattgefunden hat, bleibt vorläufig noch ungeklärt. Zum Glück ist wenigstens die historische Realität dieser Schlacht allem Zweifel entrückt. Was sich im Jahre 9 n. d. gew. Zeitr. abgespielt hat, kann doch nicht so leicht ins Gebiet des Mythus verwiesen werden, wie Ereignisse, die noch um einige Jahrtausende älter sind. Und selbst wenn alle anderen historisch glaubwürdigen Berichte über die Hermannsschlacht fehlen würden, so müßte doch die bloße Schilderung, wie sich die Germanen damals durch die Uneinigkeit ihrer Fürsten um die politischen Früchte ihres gewaltigen Schlachtensieges bringen ließen und wie sie schließlich trotz der unerhörten Erfolge ihrer Warfen durch das Versagen ihrer geistigen Führung unterlagen, jede Skepsis über die Wirklichkeit dieser Geschichte verscheuchen. Der Vorgang ist denn doch zu typisch deutsch, entspricht viel zu sehr den Erfahrungen aller deutschen Generationen einschließlich derjenigen, die den Weltkrieg miterlebt hat, als daß man sich auch nur einen Moment der Ueberzeugung verschließen könnte, hier liegt nicht Dichtung vor, sondern Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit . . . Aber wenn schon die unzweifelhafte Wahrheit im historischen Teil der deutschen Vergangenheit dokumentarisch so mangelhaft belegt erscheint, wo soll man einwandfreie Zeugnisse zur Aufklärung der prähistorischen Zeit des Germanentums hernehmen? Während die Juden ihre Geschichte beinahe bis zu den Pforten des Paradieses auf historisch beglaubigten Spuren zurückverfolgen können, was sicherlich nicht dem Charakter eines seelisch „heimatlosen Nomadenvolkes" entspricht, gibt es noch immer nicht den kleinsten, historisch einwandfreien Fingerzeig für den Weg, den die germanischen Stämme zurückgelegt haben, bis sie sich an der Wende des Altertums zum Mittelalter in den Gegenden niederließen, die sie heute innehaben. Vor allem ist die Frage nach ihrem Woher? noch ein großes Rätsel. Nachdem Friedrich Schlegel die indogermanische Sprach Wurzel gemeinschaft entdeckt hatte, galt lange Zeit Indien als Urheimat der Arier. Die Germanen wurden als ein nachNorden versprengter Splitter dieser ursprünglich im Süden heimischen Rasse gefeiert, und in zahllosen Schulaufsätzen waren Generationen von Gymnasiasten vor die Aufgabe gestellt, die Germaneneinfälle in Italien von den Goten bis zu den Hohenstaufen und Habsburgern. ja sogar Goethes „Mignon"-Sehnsucht nach dem „Land, wo die Zitronen blühn", und seine überhastete italienische Reise auf die von den urarischen Ahnen der Vorzeit her in der germanischen Seele wurzelnde Sehnsucht nach der verlorenen südlichen Heimat zurückzuführen. Ganz im Geiste dieser Auffassung schrieb Heinrich Heine jene bekannten Verse, in denen er die schönen Menschen am Ganges den häßlichen, die den hohen Norden bevölkern, gegenüberstellt. Heine wäre heute nicht wenig erstaunt über den Wechsel, der inzwischen in der ästhetischen und ethischen Wertung der „nordischen" Rasse eingetreten ist. Der „nordische" Mensch gilt ja jetzt als der Prototyp des Edlen und Guten, dem die Beherrschung aller anderen, weit minder wertvollen Rassen als selbstverständliches Vorrecht von der ausschließlich auf Rassen-Eugenetik bedachten Vorsehung vorbehalten ist. Ein wissenschaftlicher Beleg ist für den neu „entdeckten" nordischen Ursprung der Germanen ebenso wenig vorhanden, wie für den früher angenommenen südlichen. Es handelt sich hier um eine rein gefühlsmäßige Einstellung. Während man ehedem nach einer idealistischen Motivierung germanischer Raub- und Eroberungsziige nach südlichen Ländern suchte, erscheint den heutigen Rasse-Teutonen der Orient als Wiege des Judentums,, der Süden als YODNCnMC FAMILIEN - PENSION b n^^^^^^l^B^iooMBAiDs täglich 5-Uhr-Tee 1SEMMERIN6 TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans M Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts s Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser ü 9 in jedem Zimmer. jü 3 AMkutf: Wlea Telephon 0 27-«-24. jj Ü Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer 9 Heimat der Neger und der Westen als Schöpfer und Heger der Demokratie verleidet, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als den von Heine als Wohnort der häßlichen Eskimos, Lappländer usw. verspotteten Norden als Urheimat der Germanen zu inthronisieren. Wann und warum die Germanen von dort weggezogen sind, das meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Jedenfalls müssen sie nach dem Verlust ihrer Urheimat in eine schreckliche Diaspora geraten sein, die der jüdischen von heute in nichts nachsteht. Denn H. St. Chamberlain, der durch seinen Dilettantismus berüchtigte Verkünder der germanischen Rassenüberlegenheit, entdeckte in der ganzen antiken Welt, unter allen möglichen und unmöglichen Völkern Germanen als die eigentlichen und alleinigen Schöpfer aller dem sittlichen und kulturellen Fortschritt der Menschheit dienenden Ideen und Einrichtungen. Nachdem Delitzsch „bewiesen" hatte, daß Moses seine Gesetze von dem Babyloner-König Hamurabi abgeschrieben hatte, war es für Chamberlain Ehrenpflicht, diesen Herrscher über ein semitisches Volk als Arier zu deklarieren. Er tut dies auf Grund einer Abbildung des Königs. Zwar konnte er sich leider keine Photographie ides Hamurabi verschaffen, aber in der Not tat es auch das einzige, von dem König auf dem primitiven Schreibmaterial der Vorzeit erhaltene, im Verlaufe der Jahrtausende sicher nicht deutlicher gewordene „Porträt". Ein Blick Chamberlains darauf — und sofort enthüllten sich seinem geschärften Blicke die geliebten Züge eines typischen Germanen! Dieselbe Intuition offenbarte ihm Christus als Arier. Und damit so nicht etwa dessen Abstammung aus dem Königshause David widerlegt erscheine, machte Chamberlain notgedrungen auch den David zum Arier — denselben David, den Antisemiten älterer Schule mit allen Zügen angeblich jüdischer Unausstehlichkeit ausgestattet hatten, wie z. B. Voltaire in seiner Bühnendichtung „Saul". Wie man aus idiesem Beispiel sieht, ist der Antisemitismus wenigstens keine starr dogmatische Wissenschaft, sondern so wandelbar, wie die menschliche — Phantasie überhaupt. Man darf daher auch das moderne Axiom von der „nordischen" Urheimat der Germanen nicht etwa als ein schon für alle Ewigkeit fixiertes Dogma der Rassenkunde ansehen, sondern kann sich in dieser Beziehung noch auf manche Ueberraschungen gefaßt machen. Ganz absurd ist es jedenfalls, die Herkunft eines Volkes aus irgend einer Himmelsrichtung zur Voraussetzung ethischer Ueberlegenheit — und politischer Vorrechte zu machen. Weiser als die Anbeter des „nordischen" Menschen urteilt Altmeister Goethe: „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident. Nord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände." Dr. Hugo S p i e g 1 c r. Hitler-Deutschland und Goethe. Der 22. März 1932 hat uns eine Goethe-Hochflut wie nie zuvor beschert. Goethes Lebensatmosphäre aber steht im tragischesten Gegensatze zu der deutschen Atmosphäre von heute. Der heutige deutsche Mensch, deutsche Gegenwartskultur, hat sich einigermaßen von den Bildungs- und Lebensidealen des klassischen Zeitalters fortentwickelt und der Geist von Weimar, gestern von dem Geist von Potsdam im praktischen Leben brutal ignoriert, wird heute von dem Geist der verschiedenen Exposituren des „Braunen Hauses" fast ganz in den Schatten gestellt. Ist der durch und durch industrialisierte, politisierte, rationalisierte, versportlichte Mensch (nicht nur in Deutschland) heute naturgemäß überhaupt noch fähig, sich in die hellsichtige Klarheit, die Tiefen und Weiten der beglückenden Reife des Geistes Goethes einzuleben? Die deutsche Bildungsschicht ist heute durch die Krise in jeder Beziehung desorientiert. Abschwenkung dieser Kreise nach ganz links und ganz rechts — wo bleibt da Verständnis für Goethes Lebensharmonie? Das Großbürgertum und anderseits die nationalsozialistisch gewordenen Mittelstands- und Kleinbürgerschichten folgen heute zum großen Teile nationalsozialistischen Richtlinien auch in der Literatur, die da rassisch, völkisch und judenrein sein muß. Wer bestehen will, muß eine arische Ahnenprobe ablegen, muß sich als nationalbewußter Mann zeigen. Dem gegenüber, der Gesinnung, fällt das Talent — der Name und Ruf ist bekanntlich gewöhnlich doch nur eine jüdische Mache — nicht besonders in die Waagschale. Die Nationalsozialisten haben bisher allerdings noch nicht Goethe für sich reklamiert; ihre Stellungnahme zu Goethe dürfte ziemlich schwierig sein, weil man ihn einerseits nicht ignorieren, anderseits aber nicht als Nationalheros hinstellen kann. Goethe ist absolut nicht so auszuschroten, er, der stets sein Weltbürgertum bekannt hat gegen eng beschränkten Nationalismus ebenso entschiedene Worte wie für Betonung der Weltliteratur und Weltkultur, edlen Menschentums überhaupt gefunden hat.

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