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Die Wahrheit · 1932-03-25 · Heft 13 (25.3.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 13 (25.3.1932)
Date
1932-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Die Zerreißung des Habsburgerreiches hat auch die Bande zwischen den Juden in den Ländern desselben zerrissen und eine historische, kulturelle und geistige Entwicklung unterbrochen, die sich gegenseitig vielfach befruchtete. Eine Wirtschaft l i c Ii e A n n ä h e r u n g der Donauländer, die Wiederherstellung der Freizügigkeit in Handel und Verkehr würde nicht nur die wirtschaftliche W i e d e r a n k n ü pfung der früheren Beziehungen fördern, sondern auch die Wiederknüpfung der geistigen und kulturellen Bande unter den Juden dieserLänder, diesich doch bis 1918 s o nahegestanden sind und trotz aller religiösen und kulturellen Verschiedenheiten sich gegenseitig befruchteten. Vom Standpunkte der Juden wäre somit das Zustandekommen einer Union der Donauländer in irgend einer Form nur zu wünschen. Je größer und umfassender das zu schaffende Einheitsgebiet — desto besser! Westösilicher Diwan. Nachwort zum Goethe-Tag. Als der Oesterreicher Hammer-Purgstali die Orientalistik als Wissenschaft schuf und u. a. die Dichtungen des Persers Hafis in deutsche Verse übertrug, geriet Goethe so sehr in den '3ann dieser alten, aber dem Abendlande eben erst erschlossenen Poesie, daß er seine eigene, urdeutsche Gefühlswelt im exotischen Gewände des Orients zu dichterischem Leben erstehen ließ. Die Frau, die ihm damals seelisch nahestand, die Linzerin Marianne Willemer, wurde zur „Suleika", er selbst tritt unter einem mohammedanischen Namen, auf, Karawanen beleben, das Bild, orientalische Kulissen bilden den Hintergrund des Geschehens — aber das Geschehen selbst, soweit man bei einem vorwiegend lyrischen Werk überhaupt von Handlung sprechen kann, ist weder spezifisch morgen-, noch rein abendländisch, sondern allgemein menschlich. „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen." Der große Weltbürger Goethe erschließt hier sein Innerstes in asiatischer Maske und wie wohl er sich in diesem Kostüm fühlt, das spüren wir aus dem warmen Behagen, das jede Zeile dieser Dichtung atmet, die er, bezeichnend genug, „Westöstlicher Diwan" benannte. Im Goethe-Jahr 1932 herrscht in deutschen Landen die entgegengesetzte Tendenz. Auch heute sehen wir phantasiebegabte Federhelden behaglich damit beschäftigt, deutsche Männer und Frauen als „Orientalen" einzukleiden und deren gesamtes Tun und Lassen, vom äußeren Gehaben bis zur geheimsten Seelenregung, als „asiatisch" zu kennzeichnen. Sie sprechen aber dabei nicht von einer Maskierung, sondern im Gegenteil von einer „Entlarvung". Das Motiv, das sie beherrscht, ist nicht schöpferische Freude an neuen Nuancierungsmöglichkeiten der künstlerischen Farbenpalette, sondern die Vernichtungswut politisch-geistiger Armseligkeit. Geplant ist nicht ein© Kulturbereicherung des Deutschtums, sondern dessen Verödung durch willkürliche Ausscheidung kulturfreudiger Elemente. Wertvolle Staatsbürger, die durch Muttersprache und Bildung tief im Deutschtum verwurzelt sind, sollen jetzt als „Wüstensöhne" entrechtet werden, weil ihre Urahnen im grauen Altertum in der Wüste einer göttlichen Offenbarung gewürdigt worden sind, zu einer Zeit, da die Urahnen ihrer jetzigen „Enüarver" — — — „hier stock ich schon": Ja, wo waren damals die Urgermanen? Die seriöse Wissenschaft vermag diese Frage noch immer nicht zu beantworten. Dabei waren Geuitteton Rom in biblischer Beleuchtung. Von Joseph Lazarus. Die stolzen Ruinen Roms sind demütige Zeugen biblischer Prophezeiung. Babel fiel, weil es mit seinem Turm in den Himmel ragen wollte, Rom war der ewigen Vernichtung ausgesetzt, weil es mit seinem Namen die Ewigkeit herausforderte: ewig wurde zerstört — die sich „ewig" Nennende: stets wurde sie zerstört wegen ihrer ständigen Grausamkeiten im Sinne der göttlichen Sendung an Jona: „Rufe Wehe! über Ninive". Nero steckte zu seinem Vergnügen die Stadt in Brand (im JahTe 64): im Jahre 83 brannte Rom bis auf den Grund ab; ebenso unter Commodus im Jahre 191: dann unter Carinus im Jahre 283. Was ein römischer Kaiser erbaute, zerstörte sein Nachfolger: Trajan zerstörte im Jahre 100 Neros „Goldenes Haus", um aus dem gewonnenen Baumaterial seinen eigenen Palast und das Coliosseum zu erbauen. Der Senat zerstörte im Jahre 83 Domitians denkwürdige, 18 m hohe Reiterstatue. Papst Paul III. zerstörte im Jahre 1540 den Triumphbogen des Augustus, aus keinem anderen Grunde, als um Material zu gewinnen. Zu Erdbeben und Bränden gesellte sich die Zerstörungswut einfallender Feinde, so im Jahre 390 der Einfall der Gallier, dem die Einfälle der Gothen, der Hunnen und-der Vandalen folgten. So viel Einfälle, so viel Zerstörungen. Der Schutthaufen wuchs immer höher und höher. Vierzehn Meter hoch, begrub er die Pracht der Tempel und Paläste. Ein Weideplatz, aus dem einige Säulenknäufe hervorragten, war die Stelle, auf der einst (vierzehn Meter tiefer) Cicero seine Reden hielt Der Ort wo einst das Forum stand, geriet in Vergessenheit: zur Bewahrheitung des biblischen Fluches: ..Nicht gedacht soll seiner werden!" Was Menschenhände und Flammen verschonten, fiel dem Erdbeben zum Opfer, deren allergrößtes, ein schauerliches Naturereignis, im Jahre 896 die Bibliothek des Domitian, die großartigste Europas ihrer Zeit ferner die Juturna-Quelle mit dem Altar des Casior und Poilux und das Haus der Vestal- 1 inen begrub. Aber/auch unter der Erde hatte die begrabene Stadt keine Ruhe. Die großen Baumeister Michel Angelo, Bramante, und Andere, gruben in diesem Wedeplatz, um verschüttete Tempel und Kaiserpaläste zu plündern, sie ihrer Marmorverkleidungen und Statuen < : A, -■ zu berauben und damit Kirchen und Adelspaläste zu bauen. Manch' klassische Statue wurde hierbei zu Baukalk verbrannt um Mörtel zu machen, so daß der Volksmund sagt: „Was die Barbaren nicht geplündert das haben die Barberini vernichtet" (Barberini — ein vornehmes Adelsgeschlecht). Aber auch die, aus Michel Angelos und Bramantes Hand wiedergeborene Stadt, entging nicht ihrem Biblischen Fluch, denn im Jahre 1527 plünderte Karl von Bourbon durch volle neun Monate die „Wiedergeborene" so gründlich, daß seine spanischen Truppen alles Faßbare wegschleppten, wobei Rom, die einstige Weltmetropole, die zu ihrer Blütezeit 2,500.000 Einwohner zählte, zu einem kleinen Landstädtchen von 30.000 Einwohnern zusammenschrumpfte. Sodom und Gomorra wurden auf einmal zerstört Woher aber das Schicksal des ewigen Zerstörens? Wer in der Bibel lesen kann, wird es leicht deuten. Der Maler Gerome liefert hierzu zwei Bilder: Auf dem einen stellt der Maler Vestalinnen in ihrer Hoflcge im Colosseum dar, wie sie über einen vom Gladiator zu Boden geworfenen, wehrlosen Kriegsgefangenen den Daumen neigen, was den Befehl bedeutet: „Stich ihn nieder". Am Platze des heutigen Finanzministeriums, in der Via del XX. Settembre zu Rom, wurden die unkeusch gewordenen Vestalinnen bei lebendem Leibe begraben. Verständlich Jona's Sendung: „Gehe nach Ninive und rufe „Wehe" über die Stadt!" Gerome's zweites Bild stellt einen Löwen dar, wie er in den Circus tretend, Gefangene wittert, die aneinander gepreßt die letzte grauenvolle Minute erwarten. Weihrauchsäulen steigen empor, damit Kaiser und Hof vom Gerüche der Raubtiere nicht belästigt werden. Rufe Wehe über die Stadt!" In Kaiser Hadrians Sommersitz in Tivoli bei Rom, wird ein Marmorbassin gezeigt in welches Gefangene herabgestoßen wurden, um bei lebendem Leibe von Raubfischen, die mani Muränen nennt, zerfetzt zu werden, worauf die, mit Menschenblut getränkten Tiere an der kaiserlichen Tafel verspeist wurden, nachdem Kaiser und Hof sich am Todeskampf zwischen Mensch und Fisch ergötzt haben. „Rufe Wehe über Ninive!" Gott befreit Seine Erde von Bedrückern...... Daß die Muränen keine Mythe waren, das kann sich jeder überzeugen, der das Aquarium der Kaiser Wilbelm- Gesellschaft in Neapel besucht, wo lebende Muränen zu sehen sind; sie sind noch heute der Schreck der Fischer in der Bucht von Pozzuoli. Als Rabbi Chanina in seine Thorah-Rolle gewickelt, auf flammendem Scheiterhaufen stand, von römischer Schergenhand unterzündet, da fragen ihn seine Schüler: „Rabbi was siehst JDu?" Er aber antwortete; „Ich sehe wie die Thorah brennt, ihre Buchstaben a*er steigen zu m Himmel" . . . -. und die Büchstaben stiegen zum Himmel . . . und aus Rom, der Weltmetropole, die vom Euphrat bis Schottland herrschte, wurde ein Landstädtchen. Als noch Rom Weltmetropole war, wurden dem Erzvater Abraham daselbst Statuen errichtet. Die Bekenner aller Religionen strömten nach Rom, angefangen von Juden, die als römische Soldaten den Wein am Rhein pflanzten, bis zum Aegypter. der, nach Rom kommend, hier seinen Mitras-Kultus pflegen konnte (dessen Götzenbild heute noch im Nationalmuseum zu Rom zu sehen ist). Heute zählt Rom bloß 650.000 Einwohner, obwohl es die Doppel-Residenz des Papstes und des Königs ist Rom ist eingeschrumpft, weil es geistig einseitig wurde, und seine .Zentralstellung als Förderin aller Bekenntnisse aufgegeben hat. Die jüdischen Katakomben Roms legen Zeugnis von der Größe der aus Alexandrien hierher eingewanderten jüdischen Gemeinde dieser Weltmetropole, als sie noch 2Vs Millionen Einwohner zählte. Als aber die prachtliebenden Päpste, nebst dem Hirtenstabe, auch das weltliche Zepter über Rom schwangen, da waren die Juden Roms ins Ghetto eingesperrt, und mußten einmal jährlich jnit Hunden um die Wette laufen, um vor dem christlichen Pöbel erniedrigt zu werden. Wieder bewährte sich das biblische Wort: „Rufe Wehe über Ninive!" Das päpstliche Rom fiel, das Königliche stieg empor! Die Festungsmauern Belizars, die das päpstliche Rom schützen sollten, stürzten---Garibaldi zog ein, der Eröffner der Ghetto-Tore. Westliche Kenntnisse strömten in die bis dorthin verschlossenen Ghettostuben und fielen auf den fruchtbaren Boden Talmudischer Kultur. Durften die Juden im päpstlichen Rom bloß Hausierer, Geldverleiher und Kaufleute sein, auch Aerzte und Uebersetzer, da Päpste und Könige sie brauchten, so entstanden im königlichen Rom jüdische Generäle und Minister. Einer Deputation der jüdischen Gemeinden von Livorno und Pisa erklärte der gegenwärtige König, daß die Privilegien, die sein Urgroßvater Amadeo VI, König von Savoyen den Juden gewährte, aufrecht bleiben. Biblisch betrachtet, hat die Vorsehung das Haus Savoyen zum Königreiche Italien erweitert, denn der Segen Abrahams lautet: „Wer Dich segnet — den werde Ich segnen". Im schroffen Gegensatze zur zentral- und osteuropäischen Rückkehr ins Mittelalter, sind die Juden den italienischen Universitäten zu Dank verpflichtet da Letztere die vom Numerus Clausus in Oesterreich, Ungarn, Polen und Rumänien betroffenen jüdischen Studenten gastfreundlich (unter Befreiuung von Kollegiengeldern) aufnahmen. Solch entgegengesetztes Verhalten zentral- und osteuropäischer Universitäten bleibt ein unvergeßlich trauriges Blatt in der Geschichte menschlicher Bildung und Kultur. Dankerfüllt wünschen alle Juden der Welt dem Volke Italiens, daß seine Hauptstadt wieder das werde, was sie als Millionenstadt im klassischen Altertum gewesen:'die geistige Metropole aller Religionen.

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