Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 13 (25.3.1932)
- Date
- 1932-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 60 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der ErsAeint jeden Freitag israelitischen Kultnsgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 25. März 1932 Nummer 13 Die Wahrheit Donauföderation und Juden. Seit Wochen wird die politisch-wirtschaftliche Diskusison in Europa von dem Thema „Donauföderation" beherrscht und man kann ohne Uebertreibung sagen, daß dieses Problem gewissermaßen alle anderen politischen und wirtschaftlichen Fragen in den Hintergrund gedrängt hat. Man spricht in Genf weniger von der Abrüstung als vom geplanten Bund der Donaustaaten, weniger von den Reparationen als von der Donauföderation — und mit Recht: denn dieses Problem ist zum Kernpunkt der ganzen europäischen Politik geworden. Die wirtschaftliche Lage der sogenannten Nachfolgestaaten ist seit Jahr und Tag desolat und sogar infolge der Ereignisse im letzten Jahre bis zu einer gewissen Grenze geradezu katastrophal geworden. Allgemein wird heute anerkannt, daß die Zerreißung des wirtschaftlichen Einheitsgebietes, wie es die ehemalige österreichisch-ungarische Monarchie darstellte, ein schwerer Fehler war. Da man aber aus politischen und nationalen Gründen nicht die letzten Konsequenzen aus dieser Erkenntnis ziehen kann und will, da man im Gegenteil alles vermeiden möchte, was unter Umständen eine Wiederaufrichtung des Habsburgerreiches begünstigen könnte, ist man auf der Suche nach einem Ausweg, der wohl der wirtschaftlichen und finanziellen Not abhelfen könnte, ohne jedoch die Souveränität der in Betracht kommenden Staaten irgendwie zu tangieren. ~ Im Grunde genommen handelt es sich darum, es den südosteuropäischen Staaten, wie Ungarn, Jugoslawien und Rumänien, zu ermöglichen, die Ueberschüsse ihrer Agrarproduktion zu annehmbaren Preisen abzusetzen, anderseits den beiden industriell am stärksten entwickelten Donaustaaten, Oesterreich und der Tschechoslowakei, die Möglichkeit zu bieten, für ihre industrielle Produktion ein aufnahmsfähiges Absatzgebiet zu finden. Würde man das Problem nur vom rein sachlichen Gesichtspunkt behandeln, wären nur wirtschaftlich-finanzelle Erwägungen maßgebend und würde nicht immer wieder die leidige Politik die Hand im Spiele haben, dann könnte leicht ein Ausweg gefunden werden. Man müßte nur das zerrissene Wirtschaftsgebiet der ehemaligen Habsburgermonarchie im Wege geeigneter Handelsübereinkommen wieder zusammenfügen und es wären die Hauptgründe der Wirtschaftskrise beseitigt. Aber die Politik pfuscht auch da ins Handwerk. Frankreich möchte am liebsten an der Donau ein Gebilde schaffen, das den Anschluß Oesterreichs an Deutschland ein für allemal verhindern sollte, ohne jedoch das Wiedererstehen eines Habsburgerreiches irgendwie Von Regierungsrat J. Kreppe 1. zu begünstigen, dies letztere hauptsächlich mit Rücksicht auf seine Bundesgenossen an der Donau: Tschechoslowakei und Jugoslawien. Deutschland und Italien wollen aber nicht ruhig zusehen, wie Frankreich an der Donau mit Hilfe dieses Gebildes seine Hegemonie befestigt, und möchten daher unbedingt dabei sein. Dagegen sprechen sich aber Frankreich und die Tschechoslowakei aus. England ist wohl für den französischen Plan, will aber verhüten, daß die gestärkte Industrie in Mitteleuropa seiner eigenen wesentliche Konkurrenz biete, und will auch mit Rücksicht auf seine Kolonien und Dominions eine Ausschaltung derselben von der Belieferung Mitteleuropas mit Agrarerzeugnissen hintanhalten. So geht denn die Diskussion vor sich und kein Mensch kann voraussehen, was schließlich - ... Wir verkaufen und VERLEIHEN Blektr. 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Die nächsten Wochen dürften nun zeigen, wohin der Weg führt, ob der gesunde Menschenverstand und die Rücksicht auf die Notlage von 50 Millionen Menschen sich stärker erweisen werde, als die krassen kommerziellen Interessen und der „heilige politische Egoismus". Wie dem immer sein mag: da die Juden in den Donauländern zu den Schichten gehören, die infolge ihrer wirtschaftlichen Struktur am stärksten von der Wirtschaftskrise betroffen werden, so wäre es wohl angebracht, schon heute die Frage zu erörtern, wie sie sich zu diesem Problem stellen. Was hätten sie von der Verwirklichung der zitierten Donaupläne zu erhoffen, bzw. zu befürchten? Die Aufrollung dieser Frage hat ihre guten Gründe. Es fällt bekanntlich kein Ziegelstein von einem Dache, ohne einen Juden zu treffen; jedes politische und wirtschaftliche Problem wird schließlich direkt oder indirekt mit der sogenannten „Judenfrage" in Zusammenhang gebracht. Kommt die geplante „Donau-Union" zustande, dann werden ihre Gegner von einer „jüdischen Spekulation" sprechen, dazu bestimmt, die „Macht des Judentums" zu stärken; fällt das Projekt infolge der angedeuteten Schwierigkeiten ins Wasser, dann wird man die Schuld den Juden in die Schuhe schieben, die aus „egoistischem Interesse" die Welt lieber in Not und Elend stürzen wollen .... Es dürfte daher nicht unangebracht sein, schon heute die oben gestellte Frage zu untersuchen. Um es vorweg zu sagen: die Juden in den Donauländern haben, als vornehmlich von Handel und Gewerbe lebende Volksschichte, alles Interesse an der Wiederherstellung eines großen Wirtschaftsgebietes. Die Juden in den Nachfolgestaaten haben sich in bewährter Loyalität auf den Boden der infolge des Kriegsendes geschaffenen neuen Tatsachen gestellt und sind überall treue Bürger ihres Vaterlandes, unbeschadet ihrer Weltanschauung und ihrer politischen Einstellung. Als Juden sind sie weder für noch gegen den Anschluß, weder für noch gegen die Hegemonie Frankreichs, weder für noch gegen eine Einflußnahme Deutschlands und Italiens im Donauraume. Aber als Wirtschaftsfaktor sind sie für die Niederreißung der künstlich aufgerichteten Zollgrenzen, gegen die übertriebenen Autarkiebestrebungen, gegen alle Einfuhr- und Ausfuhrbeschränkungen; sie sind für die weitestgehende Freizügigkeit für den möglichsten Abbau der Hypertrophie der wirtschaftlichen Grenzbarrieren — mit einem Worte: als real denkende Menschen sind sie für die Wiederherstellung gesunder Verhältnisse und für die Beseitigung aller Hindernisse, die nur die Not und das Elend fördern. Die Juden sind aber auch für die weitestgehende Annäherung der Völker, für die Hintansetzung des politischen und wirtschaftlichen Egoismus im Interesse der Allgemeinheit. Die wirtschaftliche Abschließungspolitik der Völker führt ja auch zur Verstärflilölleder und freunde der „Union" flbeifragen Lebensnnd Bemenfar- Versidieronöen der Slädiisdien Yersldiernngsanslall