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Die Wahrheit · 1932-03-18 · Heft 12 (18.3.1932) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 12 (18.3.1932)
Date
1932-03-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 Ein polnischer Numerus clausus-Vorstoß abgewehrt Die Fraktion der N a ti ohalde mokra t en im polnischen Sejm brachte in der V o 1 k s b i 1 d u n g skommission des Seim offiziell den An t rag auf Einführung eines Numerus clausus für jüdische Studierende an allen polnischen Hochschulen ein. Zur Begründung des Antrages führte der nationaldemokratische Deputierte Kotornick. Professor für konstitutionelles Recht an der Wilnaer Universität, aus: Bereits im Jänner 1923 hat der Nationaldemokratische Klub im Sejm einen Vorschlag über Einführung des Numerus clausus für Juden eingebracht; damals konnte der Vorschlag keine gesetzliche Regelung finden (bekanntlich hatte der damalige französische Ministerpräsident Poincarä in einem Schreiben an die polnische Regierung der Einführung des Numerus clausus gegen die Juden, der dem Minderheiten-Statut widersprechen würde, widerraten. Die Red.). Man begnügte sich damit, daß der damalige Kultusminister Glombinski durch Zirkular den Universitätsleistungen aufgetragen hat, eine nach Religion und Nationalität sich richtende Prozentnorm in Anwendung zu bringen. Schließlich muß aber die Angelegenheit eine gesetzliche Regelung finden, die prozentuelle Aufnahme der jüdischen Jugend an den Universitäten müsse gesetzlich festgelegt werden, um die Verjudung der Hochschulen hintanzuhalten. Während die Juden in Polen nur 10 Prozent der Bevölkerung aus- machen, studieren an den Universitäten 20 Prozent Juden. Das ist daraus erklärlich, daß die Juden ein städtisches Element bilden. Jetzt aber, wo die Zahl der Studienwilligen aus Mangel an Raum und Mitteln überhaupt eingeschränkt werden muß. müsse man die christliche Jugend gegen das Vordringen der Juden verteidigen. Die Einführung eines Numerus clausus gegen die Juden werde der Unruhe an den Universitäten ein Ende machen. Auch der Verjudung der freien akademischen Berufe, besonders des Anwalts- und des Aerzteberufes, werde durch einen Numerus clausus Einhalt geboten werden. Polen werde sich darauf berufen können, daß schon im zarischen Rußland eine Prozentnorm gegen Juden bestand, daß im kaiserlichen Deutschland ein Jude nicht Offizier werden konnte und daß letztens auch Ungarn einen Numerus clausus eingeführt hat. Em Numerus clausus gegen Juden würde keineswegs der Verfassung oder dem Minderheitenstatut widersprechen, weü ja eine Prozentnorm für die Mehrheit wie für die Minderheit festgesetzt werden soll. Schließlich streben die Juden selbst nach einer Prozentnorm, indem sie beanspruchen, daß man jüdische Beamte nach dem Verhältnis der Zahl der jüdischen Bevölkerung zur allgemeinen Bevölkerung anstelle. Im Namen der Regierung erklärte der Abteilungsleiter für Hochschulen im Volksbildungsministe* riiim, Stipinski. die Regierung lehne den nationaldemokratischen Numerus clausus-Antragaus folgenden Gründen ab: Die Notwendigkeit, die allgemeine Zahl der Studierenden zu beschränken, besteht bloß an einigen Hochschulen und auch hier nur an gewissen Fakultäten. Der Antrag der Nationaldemokraten widerspreche in der Verfassung festgelegten Prinzip der Gleichheit allerBürgervordemGesetz. Im Namen des regierungsparteilichen Klubs beantragte Bogdani, über den Antrag der Nationaldemokraten zur Tagesordnung überzugehen. Es unterliege, sagte der Redner, keinem Zweifel, daß der Völkerbund gegen die Einführung eines Numerus clausus Einspruch erheben und daß sodann Polen vor der Welt kompromittiert sein werde. Am zweiten Tag der Debatte über den Numerus clausus-Antrag der Nationaldemokratischen Fraktion in der Volksbildungskommission des polnischen Sejm führte Sejmdeputierter Minzberg (Aguda h) u. a. aus: Die Nationaldemokraten gehen in den Fußstapfen der einstigen zarischen „Schwarzen Hundert", aber die Führer der Nationaldemokraten suchen die Purischkewitsch. Markow, Samislowski und wie die Führer der „Schwarzen Hundert" alle geheißen haben, in der Organisierung: der Judenverfolgung noch zu übertreffen, so daß man sagen kann, daß einige Methoden der zarischen Reaktion ein Kinderspiel waren im Vergleich mit dem Verfolgungsapparat, den die nationaldemokratischen Führer gegen die Juden in Szene gesetzt haben. Die Universitätsunruhen, die letzte große Serie der Ueberfälle auf Juden in den Städten und die sehr große Teile des Landes verseuchende Boykottpropaganda sind ein Werk der im Hintergründe bleibenden nationaldemokratischen Führer. Schon heute hat die jüdische studierende Jugend zu einem großen Teil keine Studiumsmöglichkert in Polen und muß in fremde Länder wandern. Die Hälfte der Hochschulen, die ja alle aus den Steuerleistungen der Bürger, also auch der Juden, erhalten werden, sind der jüdischen studierenden Jugend vollständig oder zu 99 Prozent versperrt. An der Universität Lublin darf kein Jude studieren, weil diese Universität katholischen Charakter tragen soll. In Posen läßt die Nationaldemokratie keine Juden in die Universität hinein. An der Krakauer Bergakademie dürfen kaum einige wenige Juden studieren. Die Landwirtschaftliche Hochschule ist judenrein. An anderen Universitäten dürfen bloß wenige Juden studieren. Der Redner sprach die Hoffnung aus, daß die regierungstreuen Parlamentarier verhindern werden, daß ein Antrag Gesetz werde, der die Ruhe im Lande stören und das Ansehen des Landes schädigen würde. Der Deputierte Sommerstein (Zionist) erinnert daran, daß die Nationaldemokraten schon 1922 einen Antrag eingebracht hatten, demgemäß die Juden aus allen Positionen im öffentlichen Leben und im Wirtschaftsleben entfernt werden sollen. Der Redner schilderte den Idealismus jüdischer junger Leute, die unter furchtbarer Not dem Studium obliegen, und führte aus: Obwohl neunzig Prozent der Studierenden in Polen Nichtjuden sind, Ist doch der medizinische oder Anwaltsberuf stark von Juden besetzt. Dies darum, weil die Juden zu Staats¬ und Stadtämtern nicht zugelassen werden. Die nichtjüdischen Mediziner haben es nicht nötig, sich in freiem Konkurrenzkampf zu bewähren, denn sie besetzen alle Stellen im staatlichen Sanitätsdienst, in den öffentlichen Spitälern und in den Krankenkassen. Zu allen diesen Stellen werden Juden nicht zugelassen. Der christliche Jurist hat es nicht nötig, sich dem freien Anwaltsberuf zuzuwenden, weil er als Richter. Staatsanwalt und im Verwaltungsdienst ein besseres und gesichertes Unterkommen findet. Unter den 4000 Richtern und Staatsanwälten Polens gibt es so wenig Juden, daß man sie an den Fingern einer Hand abzählen kann. Unter 204.349 etatmäßig angestellten Staatsbeamten gibt es bloß 3142 Juden, also kaum 1,5 Prozent. In diese 3142 Juden sind aber etwa 2000 jüdische Religionslehrer eingerechnet, weil man doch nicht gut Christen als Lehrer der jüdischen Religion anstellen kann. Abg. Sommerstein wies dann nach, daß die Einführung des Numerus clausus eine eklatante Verletzung der Verfassung der polnischen Republik und der von Polen unterschriebenen Minderheitenverträge wäre. Der Volksbildurogsausschuß beschloß gegen die Stimmen der Nationaldemokraten, über den Numerus clausus-Antrag der nationaldemokratischen Fraktion zur Tagesordnung überzugehen. Abg. Komanicki meldete im Namen des nationaldemokratischen Klubs ein Minoritätenvotum zur Behandlung vor dem Sejm-Plenum an. UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN Zentrale: IX., Berggasse 4. Tel. A 19-2-77. Die „Union" veranstaltet — den Zeitverbältnissen entsprechend diesmal im intimen Rahmen — im Cafe-Restaurant Tonello, II., Lilienbrunngasse 2, am Samstag, den 19. d. M„ abends, eine Purim-Feier Die Festrede hält Herr Rabbiner Dr. Arnold Frankfurter. Darauf folgt ein heiteres Programm unter Mitwirkung jüdischer Kunstler. Den Schluß des Abends bildet eine Tanzunterhaltung unserer Jugend. Regiebeitrag S 1.—. Ueberzahlungen werden dankend quittiert Ein etwaiger Reingewinn wird — wie bei allen Veranstaltunsen der „Union" — der Winterhilfe der Kultusgemeinde gewidmet. Anläßlich des 100. Todestages Goethes veranstaltet die „Union österreichischer Juden" im Festsaale des Oesterreichischen Handelsmuseums, IX, Berggasse 16, amDienstag, den 22. März, SUhrabends, einen Vortragsabend, bei welchem Vizepräsident Dr. Karl Steiner einen Vortrag über „Goethe, die Bibel und die Juden" halten wird. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Für den Zentralvorstand der „Union": Der Präsident: Dr. Jakob Ornstein. UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN Bezirksorganisation VI/VII. Donnerstag, den 24. März, 8 Uhr abends, im Klubsaal des Cafe Mariahilf, VL, Mariahilferstraße 89 a, Werbeversammlung der Bezirksorganisation. „Die österreichische Judenschaft — politisch und wirtschaftlich bedroht!" Referenten: Prokurist Ludwig Kettner und Dr. Ernst Feldsberg. J£afrenfrreuz amWewtk Synagogenbrandstiftung in Saloniki. Die vor zehn Jahren von der Familie Sarfatty erbaute prächtige „Sarfatty-Synagoge" in Saloniki wurde in der Nacht zum 5. März vonunbekannten Tätern in Brand gesteckt. Durch, rechtzeitige Entdeckung konnte der Brand gelöscht werden, ohne daß größerer Schaden angerichtet wurde. Die Brandstifter hatten mehrere Stühle mit Petroleum begossen und! angezündet. Die antisemitischen Zeitungen „Makedonia" und „Fos" erklären nun, die Juden hätten selbst das Feuer in die Synagoge gelegt, um Christen aus Rache der Brandstiftung beschuldigen zu können. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde Saloniki begab sich mit mehreren Führern der Gemeinde zum Generalgouverneur Genatas, um ihm die Besorgnisse der jüdischen Bevölkerung im Zusammenhang mit der Brandstiftung mitzuteilen. Die Abordnung erinnerte an den vorjährigen Generalangriff der Saloniker Antisemiten auf die Judenschaft von Saloniki, der in der N L ederbrennung eines ganzen jüdischen Viertels gipfelte, und unterstrich die Notwendigkeit eines schnellen Zugreifens der Behörden gegen die Synagogenbrandstifüer. Generalgouverneur Genatas gab der Abordnung die Versicherung, daß fürdieAufrechterhaltung der Ordnung mit allen Mitteln gesorgt werden würde. Es gibt keine jüdischen Horaks. Wie aus Lucenec in der Südslowakei berichtet wird, sind am 10. März alle sieben seinerzeit verhafteten Juden, die unter dem Verdacht standen, an den Exzessen der Nachkriegszeit teilgenommen zu haben, aus der Haft entlassen worden. Die Enthaftung erfolgte auf Weisung der Regierung und in Verfolg der durch den Preßburger Oberprokurator abgegebenen Erklärungen über die Liquidierung der Nachkriegsverbrechen gemäß dem Vertrag von Trianon. Der in Michalovce in der Westslowakei unter gleichem Verdachte verhaftete Kaufmann Samuel Goldberger ist dagegen noch in Haft und wird in einem ordentlichen Verfahren vor Gericht gestellt werden. Peinlich. Die deutschen Nationalsozialisten haben bekanntlich sehr genaue Bestimmungen ausarbeiten lassen, die deutlich vorsehen, welche Strafe den trifft, der „Rasseverrat" begeht. Zu diesen Delikten wird in erster Reihe jede Verbindung mit einem Juden gerechnet, und eine Person zu ehelichen, die jüdisches Blut in dien Adern hat, das gilt als eines der schwersten Verbrechen gegen die nationalsozialistische Gesetzgebung. Bei dieser Sachlage wird der Berliner Gauführer der Nationalsozialisten, Dr. Josef Goebbels, wenn das „Dritte Reich" erst in Deutschland Recht spricht, nicht glimpflich davonkommen. Das „Israelitische Familienblatt" konnte nämlich letzthin authentisch feststellen, daß die Gattin des Herrn Dr. Josef Goebbels ,dier Ehe eines Juden mit einer Nichtjüdin entstammt. Die Schwiegermutter des Herrn Goebbels, eine Frau Behrendt, war mit dem noch gegenwärtig dem Judentum angehörenden Kaufmann Friedländer verheiratet, von dem sie später geschieden wurde. Aus dieser Ehe ist Frau Goebbels hervorgegangen. Dies ist einwandfrei festgestellt. Peinlich, sehr, sehr peinlich! Gabriel Dukes-Feiern. Am Sonntag, den 13. d. M„ 'M Uhr nachmittags, fand im festlich geschmückten Tempel, Wien XXI., ein Festgottesdienst statt, um den 80. Geburtstag eines der verdientesten Bürger Floridsdorfs, des Herrn Gabriel Dukes, zu feiern. Das schöne Gotteshaus war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt Man sah unter den Erschienenen neben den Familienangehörigen das Gesamtpräsidium der Wiener Kultusgemeinde mit mehreren Kultusvorstehern und zahlreichen Beamten; viele Abordungen der verschiedenen Bezirkskommissionen, Bethausvorstände und der Chewra Kadischas, von Tempel- und Wohltätigkeitsvereinen; eine überaus starke Deputation der „Union österreichischer Juden", insbesondere der Floridsdorfer Bezirksorganisation derselben; ferner bemerkte man den Bezirksvorsteher Franz Bretschneider und die Bezirksräte Böck und F e i s t e 1. Den Gottesdienst leitete das Matauwu, gut vorgetragen von Herrn Oberkantor Teig, ein, dem nach dem Minchagebete die glänzende Festpredigt des Herrn Rabbiner Dr. Rosenmann folgte. Der Prediger entwarf in seinen Ausführungen ein Lebensbild des Jubilars. Er erzählte, daß Gabriel Dukes schon als junger Mann nach Floridsdorf übersiedelte und sofort sich in den Dienst der jüdiischen Gemeinde stellte. Wenn er auch infolge seiner Jugend dem Tempelbau noch fernestand, so hat er doch in den späteren Jahren als einer der ersten mitgeholfen, das Gotteshaus zu einem Brennpunkt des jüdischen Lebens in Floridsdorf zu machen. Sein tiefes jüdisches Empfinden ließ ihn aber nicht nur in der Kultusgemeinde und im Gotteshause mit allen Kräften mitarbeiten, sondern er erfüllte auch eine der höchsten religiösen Pflichten .dadurch, daß er zuerst als Obmannstellvertreter und dann als Obmann sich in der Chewra Kadischa betätigte. Aile Wohlfahrtsinstitutioneu

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