Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT. VORANZEIGE Schon jetzt überzeugen Sie sich durch Kostproben von der hochfeinen und außergewöhnlich schmackhaften Qualität der Schmiedj-Mazzoth, ürieB und Farvel. die in diesem Jabr besonders gut geraten sind, wie auch von der Extraaualität meines Fabrikates »Marke Schmiedl N. B.« (Mazzoth, Grieß und Farvel). NATHAN BRODETZKY, Zentrale: Wien II., Leopoldsgasse Nr. 43, Telephon A 46-1-90, A 41-9-5% A ,60-2-63 Erhältlich in allen besserenQeschäften Kulturvolk, aber damit ist wohl die höchste Grenze erreicht. Der Haß gegen die Juden konnte einen vierten Teil der Wählerschaft in Deutschland ins Lager des Hakenkreuzes führen — aber drei Viertel der Wählerschaft hat sich seiner Parole versagt. Da half nicht einmal das garstige Lied, daß „der Jud' an allem Unheil schuld ist . . ." Um das Ergebnis des Wahltages voll würdigen zu können, genügt der Hinweis, daß selbst die optimistischesten Berechnungen für Hindenburg höchstens eine Stimmenanzahl von etwa 15 bis 16 Millionen annahmen. Da Hindenburg über 18 Millionen erhielt, hat das Wahlergebnis alle Erwartungen übertroffen. Hingegen rechneten auch die Gegner Hitlers mit über 12 Millionen Stimmen für ihn — er hat aber um etwa eine Million weniger erhalten — ist also hinter den Berechnungen zurückgeblieben. Wenn somit seine offenen und geheimen Anhänger sich brüsten, daß das Hitlertum seit September 1930 einen Stimmenzuwachs von Wenn in der ganzen Kulturwelt das Gedächtnis Goethes anläßlich des 100jährigen Todestages festlich begangen wird, so hat auch die jüdische Gemeinschaft im weitesten Sinne Pflicht und Recht, nicht achtlos an dieser Feier vorüberzugehen. Hat doch dier große Dichter und Denker eine ungeheure Fülle von Anregungen aus dem Weltenbuche Israels geschöpft Die Tatsache, daß zahlreiche Motive aus der Bibel seine Dichtungen durchziehen, ist in den Kreisen der Goethekenner bekannt Daß ihn aber die Bibel, insbesondere unsere Bibel, von der Knabenzeit an bis ins höchste Lebensalter hinein unablässig beschäftigt und erfüllt hat, wird doch in den meisten Fallen übersehen. Die Frage, warum Goethe nicht selbständige Werke altbiblischen Inhaltes geschaffen, läßt sich auf Grund seiner Gespräche mit einiger Sicherheit beantworten. Wiederholt hat er erklärt, daß ihm die Kraft fehle, Gebilde zu schaffen, die neben der biblischen Darstellung Daseinsrecht behaupten könnten. „Als jugendlicher Zwerg", so ungefähr tfeuHteton Goethe als Kabbaiist. Von G. Was bisher über Goethes Beziehungen zu Juden und Judentum bekannt geworden ist, hat H. Teweles in seinem ansprechenden Büchlein „Goethe und die Juden" übersichtlich zusammengestellt Zur Ergänzung diene der Hinweis, daß die bekannte amerikanische Dichterin Emma Lazarus durch ihr Erstlingswerk „Alide: An Episode of Goethe's Life", Philadelphia 1874, das von Friederike Bräon handelt, in ihrer Heimat das Interesse an Goethe gefördert hat Erwähnung verdienen auch die Uebersetzungen Goethescher Gedichte, wie „Erlkönig", „Mignon". „Wanderers Sturmlied", „Schäfers Klagelied" u. a. ins Hebräische von Alexander. S. Bacher, J. Fischer, J. H. Low, Günzburg, T. Unger. Ehrentheil u. a. Der berühmte Prediger des Wiener Stephansdoms Veith, der mit dem Kruzifix in der erhobenen Rechten auf der Kanzel die Unwahrheit der Ritualmordbeschuldigung der Juden beschworen hat, war in setner frühen Jugend indirekt durch das Talmudstudium, dem er als angehender Rabbinatskandidat sich unter der Leitung seines Vaters widmete, zu einem glühenden Verehrer Goethes geworden. Ließ er es an Eifer fehlen, so sperrte ihn der Vater zur Strafe in eine Holzkammer ein. Dort entdeckte er, wie er selbst erzählt eines Tages hinter einem Verschlage unter anderen Büchern Goethes Werke. Er fühlte sich von dieser Lektüre derart angezogen, daß er durch zunehmende Vernachlässigung des Talmuds seine Stunden mit Goethe m dem nunmehr freiwilligen Gefängnis nach Möglichkeit zu vermehren suchte. Aus seinem Heimatsorte Kuttenplan, wo heute eine Gedenktafel sein Geburtshaus bezeichnet wanderte er eines Tages Stunden lang den weiten Weg nach Karlsbad, um Goethe zu sehen. 5 Millionen aufweist, so wird die Bedeutung dieser immerhin traurigen Tatsache durch den Umstand abgeschwächt, daß eben die Not und die Verzweiflung der breiten deutschen Volksmassen seither so sehr ins Furchtbare sich gesteigert haben. Wo ein Aas, dort sammeln sich die Geier — wo Not und Elend, dort können sich die Hitlergesellen breit machen. Aber wie den Wogen des Meeres ist auch ihnen eine Grenze gesetzt: bis hierher und nicht weiter! Was ein Sieg Hitlers für die Juden, nicht bloß Deutschlands, zu besagen hätte, darüber sind wohl alle Schildierungen überflüssig. Selbst wenn Hitler nur einen geringen Bruchteil seiner diesbezüglichen Ankündigungen verwirklicht hätte, wäre es furchtbarer als je. Nun, da ihm dieser Sieg versagt blieb, können wir Juden freier aufatmen. Wir werden hoffentlich in absehbarer Zeit das vollständige Ende dieses Hamans des 20. Jahrhunderts erleben. schrieb er einmal seiner Schwester, „habe ich versucht, biblische Gestalten, Jesabel, Belsazar, Ruth, auf die Bühne zu stellen; doch ich habe sie dem Feuer überantwortet, weil sie kein Lebensrecht besaßen". „Thronfolger Pharaos", „Selima" und „Joseph", weitere Jugenddichtungen Goethes, ereilte das gleiche Schicksal. Teile des „Belsazar sind allerdings in dem 1910 aufgefundenen „Urmeister" erhalten geblieben; xSer j$2Ö von Piper als „Goethes erste große Jugendaichtung" herausgegebene „Joseph" wird in seiner Echtheit mit Recht bezweifelt Vollständig erhalten sind von den Jugenddichtungen Goethes zwei Werke biblischen Inhaltes, die Parabeln „Salomos, König von Israel und Juda, güldene Worte von der Ceder bis zum Ysop" und eine freie Uebersetzung aus dem hebräischen Urtext „Das Hohe Lied Salomonis", in 31 Abschnitten, sowie die Arbeit „Zwo biblische Fragen". Weitere Arbeiten und Pläne biblischen Inhaltes ließ Goethe unausgeführt da er es für Tätlicher hielt, Stoffe „von geringerer spezifischer Daß aber unter den Bildungselementen, die Goethes geistige Entwicklung beeinflußt und sich in seinen Schöpfungen ausgewirkt haben, die .Kabbala eine nicht unbedeutende Rolle spielt, ist bisher im allgemeinen wenig beachtet worden. Als der Dichter im Jahre 1768 nach der bösen Leipziger Zeit im Elternhause Wiederherstellung seiner erschütterten Gesundheit suchte, empfahl ihm der Arzt das Studium gewisser mystischer und alchimistischer Bücher. So las er mit seiner Freundin, der er ein noch heute im Frankfurter Goethe-Haus verwahrtes Lesezeichen mit den von ihm selbst in der Originalsprache geschriebenenen vier ersten Worten des 8. Verses des 16. Psalms widmete, dem Fräulein von Klettenberg, und einer Mutter Wellings Opus mago-cabhaliscioum, ferner van Helmont u. a. Werke über Kabbala, zu deren Venbreituns in christlichen Kreisen Agrippa von Nettesheim, Fludd und Knorr von Rosenroth das meiste beigetragen hatten. In der Leipziger Faust-Ausstellung konnte man vor einigen Jahren eine ganze Bibliothek solcher okkultistischer Schriften aus älteier Zeit sehen, zum Teil dem Landesmuseuin in Baden bei Wien entlehnt, wo sich eine reichhaltige Sammlung von Zauberbüchern und -Apparaten (Zauberkappe, -Stab, -Ring-, -Stein usw.) aus dem Nachlaß eines vor nicht langer Zeit verstorbenen Geisterbeschwörers befindet die uns ganz in die Atmosphäre des „Faust" versetzt Auch Goethe blieb nicht bei der theoretischen Beschäftigung mit diesen Okkultisten stehen, sondern schaffte sich einen alchimistischen Apparat an und versuchte sich in dieser schwarzen Kunst, achtete hierbei aber vor allem auf die Kristallisation der Mineralien. Und so wie die Beschäftigung mit dem Judendeutschen den Knaben Goethe zum eingehenden Studium der Bibel geführt hatte, so kam er durch die Vertiefung in die Kabbala zur Naturforschung, die gleichfalls für seinen ganzen geistigen Werdegang entscheidend werden sollte, wie er selbst sagt: „So erbaute ich mir eine Welt die seltsam genug aussah." Das Werk, in dem diese kabbalistischen Studien TEPPICHE MÖBELSTOFFE VORHÄNGE TEPPICHHAUS S. SCHEIN & WIEN NUR I., BAUERNMARKT 12 -14 Keine Filialen in Wien )................ . .- ______l.-L. JU JJJ Schwere" zu wählen. Als Lord Byrons Leben auf hellenischem Boden den tragischen Abschluß fan$, rief Goethe in seiner Totenkläge aus: „Nun hat die Welt den einzigen Dichter verloren, der fähig gewesen wäre, das Alte Testament zu dramatisieren". Nur noch einmal im Alter hat Goethe einen biblischen Stoff behandelt, als er 1817 zur 300jährigen Wiederkehr des Reformationstages die „Cantate zum Reformätionsjubiläum" entwarf*). Die Zahl der selbständigen Schöpfungen Goethes mit biblischem Inhalt ist also gering. Doch erfüllten biblische Motive fast alle seine großen Dichtungen. Hierin zeigt sich der Einfluß Herders, dessen Anschauungen von der herrlichen Kraft und Schönheit der Bibel Goethe wesentlich beeinflußt haben. Nur in dreien der größeren Werke („Clavigo", „Tasso", „Reinecke Fuchs") sind biblische Motive nicht erkennbar. In allen übrigen Werken klingen biblische Gestalten, Bilder und Stimmungen an. Teils fördern sie die Handlung als künstlerische Ausschmückung, teils vertiefe« sie sie als ethische Gedanken. Einige Gestalten tragen biblische Züge, Landschaften werden mit biblischen Bildern geschildert. Die Behandlung ist Goethes hoher Verehrung für die Bibel entsprechend, stets ernst und würdig; nur jdi'as Estherbuch hat er im „Jahrmarktfest" scherzhaft verwendet. Ein wiederholt benutztes Lieblingsmotiv Goethes ist der Schöpfungsbericht den er ursprünglich in einem „Roman über das Weltall" bearbeiten wollte, und den er dann in mehreren Gedichten im „West-östlichen Divan" verwendete, besonders tiefsinnig in dem philosophischen Gecdicht „Wiederfinden". Die alttestamentlicfife Richterfigur verwertet Goethe in „Hermann und Dorothea", das Motiv von Daniels Rettung aus der Löwengrube in der „Novelle". Auch die idyllischen Stimmungen der Bibel hat Goethe bewußt nachgestaltet, die Brunnenszenen in „Hermann und Dorothea" und im „Werther", das Hohelied im „Egmont". Eine besonders wichtige Rolle spielen in Goethes Schaffen biblisch-ethische Motive; djer *) Eine Rekonstruktion versucht der Verfasser in seinem Buche „Goethe und das Alte Testament", Frankfurt 1923. D. Red. vor allem ihren Niederschlag gefunden haben, ist &kr „Faust". Für das „Hexeneinmaleins" hat Louvier in seinem viel verhöhnten Buche „Goethe als Kabbaiist" eine Lösung vorgeschlagen, die immerhin Beachtung verdient, sich jedenfalls in den Gedankengängen der Kabbala bewegt. Was bedeuten die Worte: 9?' Aus eins mach' zehn Und zwei lass' geh'n Und drei mach' gleich, So bist du reich. Verlier die vier. 1 Aus fünf und sechs, . So sagt die Hex', Mach sieben und acht, Dann ist's vollbracht. Und neun ist eins. Und zehn ist kein's . . .? Als Schlüssel für dieses Rätsel diene das Wort „Kalenderet" im zweiten Teil des „Faust" Vers 367. das soviel wie „Zauberei" bedeutet. Die Buchstaben dieses Wortes schreiben wir unter die Zahlen eins bis zehn, also „Und zehn ist keins", d. h. 0. „Aus 1 macht 10", d. h. 1=0; ich streiche däs K. „Und zwei lass' geh'n", A bleibt. „Und drei mach' gleich", ich verdoppele das L. „Verlier die vier", ich streiche sie. „Aus 5 und 6 mach' 7 und 8". 5 und 6 sind ND Ende. Ein „Ende" mache ich mit 7 und 8, d. h. ich streiche sie ebenfalls. Und neun ist eins, d. h. 0. Somit bleibt ALL. Aus den Zahlen 1—10 ist ja nach der. Kabbala das All entstanden. Liegt aber ein solches Quiproquo von ZaMen und Buchstaben vor, so könnte auch eine andere Lösung des Rebus in Erwägung gezogen werden, die weniger gekünstelt erscheint. Die Ländermasse zwischen Euphrat und Tigris, die in Beschwörungen oft wiederkehret! (Schindler, Aberglaube 158), war vornehmlich die Heimat der Zauberei. Setzen wir nun unter die Dekade das Wort Babylonren. Goethe und die Bibel.