Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien BP Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100918 XLVII1. Jahrgang Wien, 18. März 1932 Nummer 12 ti MegülahL Wieder wird in der nächsten Woche in den Synagogen die Megillah verlesen, wieder wird uns die Geschichte der Judenverfolgung durch Haman und der Judenbefreiung durch Mordechai und1 Esther erzählt werden. Man sollte doch meinen, daß diese Geschichte bereits allen, die sie wiederholt gehört oder gelesen haben, bekannt ist. Und doch wird sie jährlich am Vorabend und am Morgen des Purimfestes neuerlich geschildert. Alljährlich soll und muß diese Geschichte den Juden wieder ins Gedächtnis zurückgerufen werden, denn die Zeit lehrt uns immer wieder, daß trotz Kulturfortschritt, trotz Aufklärung der Menschheit noch immer Judenhaß und Judenverachtung, oft auch Judenverfolgungen täglich und stündlich in dem einen oder anderen Lande an der Tagesordnung sind. " Auch heuer werden wir in schicksalsschwerer Stunde die Megillah hören. Die allgemeine Wirtschaftskrise, der Verzweiflungskampf der Bevölkerung gegen vollständige Verarmung, Hunger, Not, Elend und Arbeitslosigkeit sind mehr denn je geeignet, gerade den Judenhaß zu fördern. Denn es ist leicht für jeden Demagogen, in dieser Zeit des Niederganges den Juden als Prügelknaben zu suchen und zu finden. Jahrtausende hindurch wuide der Haß gegen alles Jüdische gesät, Jahrtausende hindurch wurde die Menschheit gleichsam präpariert, Juden die Schuld an ^llen Ereignissen beizumessen. Wundert es uns dann, wenn in unserer Zeit überall versucht wird, durch den Antisemitismus begeisterte Anhänger politischer Ideen zu finden? In Oesterreich sucht man durch „Stundentehordnungen die Gleichberechtigung der Juden zu erschüttern, in Oesterreich versucht man weiters, durch das Schächtverbot die freie Religionsausübung der Juden zu beschränken, in Oesterreich versucht man, und dieser Versuch gelingt, durch praktischen und durch Wirtschartsantisemitismus die Existenz der Juden völlig zu untergraben, Jüdische Angestellte werden auf die Straße gesetzt, der jüdische Arbeitslose aber findet auch im Bedarfsfalle keine Anstellung. „Kauft nicht bei Juden!" ist der Kampfruf der antisemitischen Presse. An öffentlichen Anschlagsäulen, in öffentlichen Versammlungen, durch die Presse und durch Flugschriften wird die Bevölkerung zur Judenverfolgung und Judenverachtung gehetzt. Nicht ein Haman ist in Oesterreich am Werke, sondern in Oesterreich ist Haman ein Kollektivname für jene Unzahl antisemitischer Hetzer, die glauben, das Heil des Staates in der Entrechtung der Juden zu sehen. Was sich in Oesterreich noch im kleinen abspielt, das hat in Deutschland bereits ungeheure Dimensionen erreicht. Für Adolf Hitler haben in der Wahlschlacht am vergangenen Sonntag fast 33 Prozent der deutschen Wähler gestimmt. Ein Drittel der Wähler hat durch den Stimmzettel sich zu jener Partei bekannt, die nicht nur Judenentrechtung, sondern auch Judenverfolgung auf ihr Programm gesetzt hat. Von Polen, Rumänien und Rußland wäre es überflüssig zu erzählen, daß die Lage der Juden in diesen Staaten eine sehr traurige ist. Wenn auch die Motive, die Haman zur Judenverfolgung bewogen, andere waren als die Motive, die heute den Antisemiten den Judenhaß und die Judenverachtung vermitteln, so darf doch keine Gelegenheit übersehen werden, den Juden die Jahrtausende alte Geschichte ihrer Verfolgung in Erinnerung zu bringen. Die Kraft, die das Judentum alle Verfolgungen überstehen ließ, lag immer in der Begeisterung für eine Tradition, die trotz ihrer Jahrtausende alten Geschichte immer aufs neue ihre Existenzberechtigung beweist, weil sie seit urdenklichen Zeiten die Idee der Menschlichkeit, der Freiheit und der Gleichheit die Menschheit lehrt. Immer wieder werden wir alljährlich die Megillah verlesen und vielleicht wird einst, und es muß einst die Zeit kommen, wo die Megillah uns nicht mehr wird an den Judenhaß und die Judenverfolgung der Gegenwart, sondern nur der Vergangenheit erinnern. Dr. Ernst Feldsberg. Hitlers Niederlage. Der in aller Welt mit so großer Spannung erwartete Wahltag in Deutschland ist nun vorüber und hat dem Hakenkreuz den erwarteten Sieg nicht gebracht. Zwar konnte Hitler über 11 Millionen Stimmen auf sich vereinigen und somit gegenüber dem Ergebnis der Reichstagswahlen vom September 1930 einen Stimmenzuwachs von etwa 5 Millionen aufweisen — aber die Wahl zum Reichspräsidenten, die Uebernahme der Macht im Reiche ist ihm versagt geblieben — hoffentlich für immer. Wohl konnte auch Hindenburg nicht den Endsieg erringen, wohl fehlten auch ihm etwa 200.000 Stimmen zur absoluten Mehrheit und so muß das Deutsche Reich aller Welt das beschämende Schauspiel bieten, daß der ruhmgekrönte FeMmarschall, der „Sieger von Tannenburg", sich zum zweitenmal mit dem eitlen Phrasenheld Hitler messen muß. Aber man darf trotzdem die Bedeutung des Wahlergebnisses vom 13. März nicht übersehen. Alle Welt weiß, daß es nicht die „Persönlichkeit" Hitlers und sein konfuses Programm sind, die ihm Zulauf verschaffen, sondern daß, wie erst dieser Tage wieder Thomas Mann in Wien überzeugend ausführte, die schwere Krise, die auf Deutschland lastet, die Not und die Verzweiflung, von der die breitesten Volksmassen ergriffen sindi, eine Desparadostimmung schaffen; die meisten Anhänger des Hitlertums dokumentieren mit ihrer Haltung nur ihren Protest gegen die gegebene Sachlage, gegen die Lasten, die die Sieger im Weltkriege dem deutschen Volke auferlegten. Angesichts einer solchen Mentalität sind alle Möglichkeiten gegeben, und wenn die Hakenkreuzler sich rühmten, daß Hitler nicht bloß Kandidat, sondern auch schon Reichspräsident sei, so hatten sie vielleicht in den Stimmungen der verhetzten Massen allen Grund für diese Ruhmrederei .... Trotz allem blieb ihnen jedoch der Sieg versagt und wie die Dinge heute liegen, ist der Endsieg Hindenburgs bei der Stichwahl außer Zweifel. Der Wahltag und sein Ergebnis wurden in der ganzen Welt mit der größten Spannung verfolgt. Man kann sagen, seit jenen Boulangerwahlen in Frankreich in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hatte noch keine Wahl in irgend einem Lande so viel Spannung erzeugt und hatte noch nie irgend eine Wahl eine solche internationale Bedeutung. Ein Sieg Hitlers wäre eine Katastrophe nicht nur für Deutschland! gewesen, sondern auch für die Ruhe und Ordnung in der ganzen Welt. Die mit so viel Mühe angebahnte Annäherung der Völker wäre zum Stillstande gekommen, das Mißtrauen hätte neue Nahrung erhalten und alle zweifelhaften Elemente hätten ihren Tag für gekommen erachtet. Was einem Hitler gelungen ist, noch dazu in einem KuJturstaate wie Deutschland, warum soll es anderen Komödianten ähnlichen Kalibers in anderen, kulturell minder entwickelten Ländern versagt bleiben? Die 18 Millionen Deutschen, die am 13. März gegen Hitler gestimmt haben, haben damit der ganzen Welt einen großen Dienst erwiesen. Es ist damit der Beweis geliefert worden, es sei dafür gesorgt, daß die Bäume solcher Elemente nicht in den Himmel wachsen. hat. nach bewährtem Vor¬ Hitler bi 1 d. den Judenhaß als Steigbügel b e n ü t z t. Und ebenso sehr, wie sein ganzes Programm extrem bis zum Exzeß ist, ebenso war sein „Judenprogramm" blutrünstiger denn jedes an,dl er e. Liest man die Tiraden seiner Blätter und ihre Ankündigungen, wie sie ihren Sieg feiern würden, so hat man den Eindruck: nur noch das Programm Hamans konnte so blutrünstig sein; nur Haman konnte noch so sehr auf die völlige Vernichtung un;d Ausrottung der Juden losgehen. Aber gerade in dem Freudenmonat, in dem wir den Gedenktag der schließlichen Niederlage Hamans feiern, ist auch der Laufbahn Hitlers eine Grenze gesetzt worden. Ueber 11 Millionen Stimmen für einen Hitler — das ist furchtbar viel, beschämend viel für ein Mitglieder and Freunde der „Union" übertragen icbensond Elementar- Verstdiernngen der Städtischen VersldierangsanstaH