Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 11 (11.3.1932)
- Date
- 1932-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Schicksal beschieden sein könnte? Man darf die Bedeutung des Moslemkongresses nicht unterschätzen und man darf die Tragweite des angekündigten Panarabischen Kongresses in Mekka nicht außer acht lassen. Die Araber ralliieren sich und sie könnten eines Tages, trotz aller bisherigen Gegensätze zwischen Ion Saud und den Söhnen des Königs Hussein, als geschlossene Front dastehen. Was soll dann mit der Balfourdeklaration und mit dem Mandat angefangen werden? Es kann unter Umständen geboten sein, sicli rechtzeitig mit dem Gedanken zu befreunden, daß Die Jadenfrage in Motto- Raum für alle hat die Erde, Was verfolgst du meine Herde? Die „Schönere Z u n k u n f t" (Schriftleitung und Verwaltung: Wien XIX.), eine Wochenschrift für Kultur und Politik, Volkswirtschaft und soziale Frage, herausgegeben von Dr. Joseph E b e r 1 e, bringt in ihrer Folge 20 einen Artikel unter obiger Spitzmarke, der wert ist, unter die Lupe genommen zu werden. Der Artikelschreiber ist Hofrat Dr. Eugen A m e 1 u n g, der das Buch „Die Juden" von Hilaire Belloc bespricht. Die Redaktion hat die „Freundlichkeit", den langen Fortsetzungsartikel mit einleitenden Worten der Oeffentlichkeit zu übergeben, die etwa beginnen: „Wenn nicht die übergroße Machtstellung des Judentums in der heutigen Welt immer wieder die Judenfrage aktuell machte, so täte es vielfach unchristliche Behandlung dieser Frage durch den Nationalsozialismus in Deutschland und Oesterreich etc." Es muß hervorgehoben werden, daß die Zeitschrift „Schönere Zukunft" durch und durch katholisch ist und den Protestantismus mitsamt dem Hakenkreuz in Grund und Boden verdammt. Trotzdem würde sich diese Art christlicher Nächstenliebe sicherlich wünschen, daß der Nationalsozialismus, der Rom und Juda gleichzeitig bekämpft, mit der jüdischen Konkurrenz auf allen Gebieten wirtschaftlichen und geistigen Lebens tabula rasa machen wollte. Die Einleitung schließt mit den Worten: „Es ist begreiflich, daß der englische Schriftsteller Belloc in Einzelheiten vor allem englische Verhältnisse und Tatsachen (keiner weiß, worauf die basieren) berücksichtigt. Natürlich können diese Beispiele und Tatsachen (auf Ehre und Gewissen Die Gottlosen. Schauspiel in vier Akten von Rudolf Stern. Im Stadttheater in Kiel fand vor kurzem die Uraufführung oben genannten Stückes statt. Der jetzt in Hamburg lebende Verfasser, der schon einmal zum Dramatikerpreis vorgeschlagen war, ist von der österreichisch-ungarischen Armee im Oktober 1914 als Verwundeter in russische Spitäler und russische Gefangenschaft geraten und hat in den unwirtlichsten Gegenden — auch in Sibirien — vier Jahre zugebracht, zuletzt unter relativer Freiheit, so daß er Leute und Ideen im Lande studieren konnte. In seinem Drama führt er in das Rußland der Gegenwart — er läßt es im Mai 1931 spielen —, wo der Zuschauer den erschütternden Kampf zwischen Glaube und Unglaube, gottgläubig und gottlos, miterlebt. So sehr auch die allgemeinen Zustände in Sowjetrußland, die Bestechlichkeit und Unehrlichkeit der Beamten, das widerliche, aller Zucht und Sittlichkeit hohnsprechende Leben der Milizionäre, die ganze Zertrümmerung gesunden bürgerlichen Denkens, und auf der anderen Seite die Kirche und die hinter ihr stehende Bauernschaft hier beleuchtet werden, im Mittelpunkte des Stückes steht das jüdische Milieu, die jüdische Arbeit für Gott, der Opfertod für die Religion der Ahnen. Denn die rechte Hand des in Groditscheff stationierten Kommissars Grusin. der mit allen Mitteln der Gewalt seine Aufklärungspropaganda gegen die Religion — die er Opium für das Volk nennt — treibt, ist Baruch, der Sohn des Rabbi Jehuda Mendel, genannt Iljitsch Oktabrinoff — Iljitsch nach Iljitsch Lenin —. der Führer des Aufklärungskaders. der mit seiner Rednergabe und seiner überzeugenden Logik unzählige Massen für die Gottlosen gewonnen hat, der aber schwach wird, als er in der Nähe von Saklikoff sich aufhält. Denn der Aufklärungskampf wird bald gegen die Juden seines Heimatortes beginnen, ja er soll hier Führer sein, wo sein Vater Rabbi Jehuda Mendel, der von sich sagen kann, daß ihm Zehntausende von Chassidim folgen, den Kampf gegen die Krimkolonisation mit aller Energie und Gläubigkeit führt Es war ihm gelungen, die 900 nichtcliassidischen Juden von Saklikoff. die sich schon für die Krimkolonisation gemeldet hatten, umzustimmen, und vergebens unternehmen deren Rabbi Katz und die Vorsteher Schmelke Abramowitsch und Jichzak Perzes den Versuch. Rabbi Mendels "Meinung zu ändern. Ihn Konzessionen notwendig seien und Opfer gebracht werden müßten. Die Palästinafrage steht auf dem Scheidewege. Wir Zionisten sollten es uns angelegen sein lassen, der Entwicklung der Dinge klar ins Auge zu sehen, um uns rechtzeitig vor Ueberraschungen zu schützen. Nachschrift der Redaktion: Wir veröffentlichen diese Zeilen von beachtenswerter zionistischer Seite, ohne jedoch unseren bekannten Standpunkt zum Palästinaproblem irgendwie aufzugeben. christlicher Schau. der hochwürdigen Behauptungen) durch analoge in anderen Ländern ergänzt werden." Nun kommt der englische „Schriftsteller" und Künder der Nächstenliebe zu Worte: „Daß es eine Judenfrage als solche gibt, ist eine für die überwiegende Zahl der Nichtjuden feststehende Tatsache, wenngleich diese nach außen, abgesehen von der Agitation extremistischer Parteien, nicht sehr in Erscheinung tritt. Schuld daran ist vor allem die Konvention, die es vermeiden läßt, das Wort „Jude" überhaupt auszusprechen, den Juden gegenüber unseren wirklichen Standpunkt zu offenbaren. In England nennt man vielfach heute noch die Juden „Russen" oder „Deutsche", nur nicht das, was sie sind." Ganz im Gegenteil, hoch würdiger Herr Schriftsteller: Man bezeichnet die Juden allerorts immer wieder als jene schädlichen Elemente, die angeblich Kriege entfachen und bis zur letzten Konsequenz führen, ein Märchen, dessen sich auch Belloc bedient. Sind denn alle Völker der Erde geistig derart beschränkt, daß sie sich in Kriege stürzen, damit das Häufchen Juden sein Profitchen davon hat? Der Schriftsteller faselt weiter: „Wenn sonst beim Aufeinandertreffen zweier Völker das eine gegenüber dem anderen als fremd empfunden wurde, so löste sich die Krise durch Vernichtung oder Vertreibung (ein sehr gottgefälliges und humanes Beginnen!)-des moderen. Volkes oder durch dessen Aufsaugung. Das Judentum widerstrebt seiner inneren Struktur nach dieser Lösungsmöglichkeit (zum Unbehagen der kirchlichen Mission), wofür die Geschichte unzählige Beispiele bildet." War etwa die Los-von-Rom-Bewegung ein Labsal für die katholische Kirche, hat sie nicht die Abtrünnigen bis in die Hölle verdammt? Warum schreckt nicht die Gefahr der Zerreißung der Thora — Gottes Wort könne ja nicht zerrissen werden —, er fürchtet sich nicht vor der Verhaftung — wenn nur seine Chassidim einem anderen Führer folgen, der Elijahus Trieb in sich fühlt, er lebt in höheren Sphären, wartet auf die Erfüllung der Verheißung in Hesekiel 37, warnt den Kommissar mit der Mücke des Titus, befreit sich aus der Haft und ist glücklich — mit Hilfe das Bauernführers — entdeckt zu haben, daß der Sekretär von Saklikoff hermlich eine Mehlladung in seinen Garten geschoben hat, um ihn anklagen, verdächtigen, beschuldigen zu können. Baruch erscheint heimlich bei seinem Vater, dem der Kommissar eine letzte Frist gegeben hat Nach vier Jahren Trennung sehen sich Vater und Sohn wieder. Baruch muß erfahren, daß die Mutter, nach der er sich gesehnt hatte, um derentwillen er in der Nähe von Saklikoff schwankend geworden war, vor zwei Jahren während eines Pogroms um ihr Leben gekommen war. Vergebens ringt der Vater um die Seele seines Kindes, seine wunderbar gefaßten Mahnungen und Empfehlungen zur Umkehr bewegen den Sohn anfänglich wohl. Zwar schleudert er dem Vater Worte des roten Spottes aus dem Ideenkreise der Aufklärer entgegen, er verhöhnt ihn ob seiner Gläubigkeit, will ihm Bilder von der merkwürdigen Fürsorglichkeit und Gerechtigkeit des Himmels vorzeichnen, aber er bemüht sich doch, den VateT zur Einstellung seines Gegenkampfes zu bewegen. Er glaubt ihn schützen zu können, wenn er die anderen tun lasse, was sie wollten, wenn er die Anmeldungen für die Krim duldete und seinen Einfluß auf seine Chassidim beschränkte. Es sieht so aus, als hätte der Vater den Sohn gewonnen, als brauchte er nicht wie Abraham zu handeln an seinem Sohne. Aber seine jetzigen Anhänger reißen Baruch aus dieser Unruhe und führen ihn zum Kampf gegen die Synagoge der Stadt Man kann diese ungeheure Standhaftigkeit des Rabbi Jehuda Mendel nur verstehen — auch wenn man gehört hat. wie er sie gegenüber dem Kommissar mit der immer wieder zur Erde kehrenden Seele des Menschen verteidigt, d. h. mit einer chassidischen Lehre —. man begreift diese „Tollkühnheit", wie der Kommissar sie nennt — erst dann vollkommen, wenn man den Rabbi im Kreise seiner Chassidim sucht, die ihm unbedingtes Vertrauen und uneingeschränkten Gehorsam entgegenbringen. Diese Szene wirkt so beruhigend und doch wieder so antreibend, daß man mit der sieghaften Zuvcrsxht seine Gedanken zu dem Rabbi führt, den die Milliz gefesselt der Gefängniswache übergibt. Baruch hat auch dieses Geschehen wieder aufgerüttelt. Er wagt hat man nicht Hochachtung für einen Gottglauben, den nicht Autodafe und andere seelische und körperliche Qualen zum „lohnenden" Abfall bewegüh konnte? Der Jude kann ein begeisterter Deutscher, Russe, Pole u. dgl. sein, er kann ihrer Literatur und Kultur zu gewaltigem Aufschwünge verhelfen und doch seiner Mission als Jude treu bleiben. Wir haben ja tausende Beispiele dafür, daß die von der spanischen Inquisition vertriebenen Juden bis auf den heutigen Tag Spaniscli (Spaniolisch), daß die vor dem russischen Pogrom geflüchteten Juden, wo immer sie sich aufhalten, russisch sprechen, und daß die aus den deutschen Städten vertriebenen Juden den altdeutschen langen Rock (Kaftan) tragen und das Deutsch jener Epoche in jiddischer Mundart als Muttersprache sprechen. Da der Jude, nach der Behauptung des Autors, überall über Kapital verfügt und damit auch zu diktieren versteht — er übersieht ganz, daß Millionen Juden in Rußland, Polen, Ungarn, sogar in Karpathorußland, täglich Hungers sterben — kann ihm keiner beikommen — also wären die Pläne des alten Pharao, die Neugeborenen in den Nil zu werfen, wohl eine opportune Maßnahme. Ganz lächerlich aber ist die Einwendung, daß der Jude all diejenigen als Antisemiten bezeichnet, die sich mit dem jüdischen Geiste nicht einverstanden erklären: „Interessieren ihn als Historiker die Wanderung der jüdischen Massen von Land zu Land, die große moderne Invasion in die Vereinigten Staaten z. B. (die wie eine auf dem Marsdh' begriffene Armee organisiert und geleitet wurde), er konnte dabei nicht sprechen bei Strafe, ein Antisemit genannt zu werden. Wenn er einen Finanzbetrüger, der zufällig ein Jude war, bloßstellte, so war er ein Antisemit. Wenn er eine Gruppe von Parlamentariern, die von den Juden Geld nahmen (?), bloßstellte, so war er ein Antisemit. Das Gelächter, das der Name erregte, sollte redj| törichterweise dazu dienen ..." Jawohl: wer nicht das Individuum, wenn es irgend ein Verbrechen begeht, als solches tadelt, sondern für einen „schlechten Juden" das g esamte Judentum verunglimpft, ist ein Antisemit. Welcher Tor wird es wagen, einen Kürten als Muster aller Christen und Deutschen zu bezeichnen, wer einen Matuschka als Ungar und Katholiken zu unterstreichen. Unsere Heilige Schrift lehrt: „Es sollen nicht Väter um die Sünden der Kinder und nicht Kinder um Sünden der Väter getötet werden. Jeder soll um sein eigenes Verbrechen sterben." Auch den hochwürdigen Herrn Autor dürfen wir — trotz seiner angeblichen Objektivität — es, — im Sowjet ist es auch ein Wagnis —, seinen vorgesetzten Kommissar zu bewegen, von dem Kampf \\a Saklikoff abzustehen. Freilich vergebens. Ein Spottgottesdienst für die Kirche wird vorbereitet, dann soll die Synagoge die Milizionäre sehen. Indes verbreitet sich die Kunde von der Flucht Rabbi Mendels aus dqm Gefängnis. Man ist bemüht, ihn wieder zu finden, und nuii wird der Kampf härter denn je aufgenommen. Baruch kann nicht mit. er bleibt in seinem Zimmer, Hier findet ihn der verstörte flüchtige Vater Rabbi Jehuda Mendel. Noch einmal versucht er. den Sohn zur Umkehr zu bewegen. Als er aus seinem Munde mit aller Festigkeit vernehmen muß, daß er bereit ist, gegen die Juden und ihre Synagoge zu ziehen, ersticht er ihn mit einem Dolche „Im Namen Abrahams. Isaaks und Jakobs". Das Aufklärungskader mit dem Kommissar an der Spitze findet die Leiche und den Vater, der über seinem toten Sohn gebeugt liegt Rabbi Mendel wird verhaftet Der Kampf gegen Saklikoff wird aufgegeben, das Kader zieht nach Groditscheff zurück. Der jüdische Zug dieses Stückes, der Sieg der Religion gewinnt bei der Darstellung ganz gewaltig. Erschütternd zwar, aber reinigend und erhebend wirken' die religiösen Auseinandersetzungen und der Erfolg des Rabbi, dessen Wille sich selbst ein so machtlüsterner, rücksichtsloser, gottloser Kommissar beugt. lehrt den ewigen Sieg der göttlichen Religion, gegen die gewiß Gewalt nichts erreichen kann. Die jüdischen Personen sind mit Liebe gezeichnef! Baruch, der einzige Jude unter den Gottlosen, gewinnt durch seine Ehrlichkeit, durch den Zug der Bildung in ihm — um dessentwillen er vom Kader oft genug verhöhnt wird — durch sein geistiges Streben, das ihn doch zu dem Bekenntnisse führt, daß er sich dieses Kampfes gegen die Religion schäme. Der Konflikt zwischen Vater und Sohn löst sich in den viel höheren mit oder ohne Gort. Baruch ist der einzige Gottlose, gegen den keine Beschuldigung wegen Bestechung, wegen Betruges, wegen Sittenlcsigkeit vorliegt. Schmelke Abnfr mowitsch ist ein geachteter Kaufmann, dessen rechtliches Verhalten von dem Bauernführer betont, vom Sekretär anerkannt wird. Rabbi Katz leugnet zwar die Beweiskraft der vom Rabbi genannten Stellen, ja er vergißt sich, nachdem der letzte Versuch gescheitert ist und verwünscht seinen Gegner, aber' er übertreibt nicht den ganzen Kampf gegen die Chassidim. Und gar Rabbi Jehuda Mendel, eine ruhige und selbstbewußte Erscheinung, begabt mit dem Zauber, seine Anhänger bis zur Hörigkeit fast sich gefügig zu sehen, unerschrocken und