Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 11 (11.3.1932)
- Date
- 1932-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Die UUrktit XLV1II. Jahrgang Wien, 11. März 1932 Nummer 11 Die Palästinafrage am Scheidewege. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, steht das Palästinaproblem vor einer sehr einschneidenden Wendung. Die Gerüchte über ein von arabischer Seite ausgehendes Angebot hinsichtlich einer „Round Table-Konferenz" zwischen Zionisten und Arabern haben wohl keine Bestätigung gefunden; von offizieller zionistischer Seite ist sogar durch eine Erklärung des Exekutivemitgliedes Prof. Brodetsky ein förmliches Dementi erfolgt — nichtsdestoweniger kann man sich nur schwer des Eindruckes erwehren, daß es sich in diesem Falle wohl weder um eine Fälschung, noch um eine Provokation handelt, sondern um einen Versuchsballon . . . So sehr die maßgebenden arabischen Faktoren siegesbewußt auftreten, so sehr sie von der Erwägung ausgehen, daß die Zeit für sie arbeitet und daß sie seitens Englands eher auf Förderung als auf Hindernisse rechnen dürfen, sind sie sich doch darüber klar, daß es sich bei dem Palästinamandat um ein internationales Instrument handelt, das nicht so ohne weiteres zerbrochen werden könnte. In politischen Dingen muß man immer mit Ueberraschungen rechnen. Es ist nun nicht ausgeschlossen, daß sich einmal eine Situation ergeben könnte, wo England wiederum, wie während des Weltkrieges, daran interessiert sein würde, auf die Stimmungen der Judenheit besondere Rücksicht zu nehmen, und dann würden die BalfOurdeklaration und das Palästinamandat eine ganz andere Bedeutung erhalten als heute. Die arabischen Führer möchten nun ihr Schäfchen im Trockenen haben; sie wollen ihre gegenwärtige günstige Position dazu benützen, um das ihnen unbequeme Instrument ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Darauf bauend, daß die zionistische Front infolge der bekannter: Sachlage ziemlich mürbe geworden ist. möchten sie lieber eine Verständigung mit den Zionisten suchen, um um den Preis gewisser, wie sie glauben, „Konzessionen" sich der Balfourdeklaration und des Mandats zu entledigen. Da sie jedoch nicht offen mit irgendwelchen bestimmten Vorschlägen auftreten wollen, wählten sie die Form eines Versuchsballons, um feststellen zu können, ob und inwieweit die Zionisten bereit wären, anzubeißen. Sollte sich diese Annahme als zutreffend erweisen — und die nächste Zeit dürfte wohl darüber Aufklärung bringen — dann müßten sich die zionistischen Faktoren ernstlich die Frage vorlegen, ob und unter welchen Voraussetzungen es möglich oder geboten wäre, zu diesem Versuchsballon Stellung zu nehmen. In seinen bereits erwähnten Erklärungen hat Prof. Brodetsky, indem er die Feststellung machte, daß die Zionistische Exekutive nichts von irgend welchen Diskussionen über derartige Vorschläge wisse, zugreich hinzugefügt, daß selbstverständlich jeder aus zuverlässiger Quelle stammende Vorschlag (Von zionistischer Seite.) betreffend der jüdisch-arabischen Beziehungen, der der Exekutive zur Kenntnis gebracht werden sollte, unverzüglich dem Aktionskomitee, bzw. dem Administrativ-Committee der Jewish Agency unterbreitet werden würdfe. Damit hat er zugegeben, was übrigens nur natürlich wäre, daß jeder diesbezügliche Vorschlag zumindest ernstlich geprüft werden würde. Nun hat der arabische Versuchsballon vielleicht schon einen Teil seiner Absicht erreicht. Allerdings hätten sich die arabischen Faktoren diese Taktik wohl ersparen können. Sie hätten wohl im voraus wissen können, daß von zionistischer Seite einem „Vorschlag" zur Bereinigung der zionistisch-arabischen Beziehungen nie ein „non possumus!" entgegentönen würde, wenn es sich eben um einen „Vorschlag" und nicht um eine „Forderung" oder „Drohung" handelte. Und darin liegt der Schwerpunkt der Angelegenheit. Insolange die Araber fordern und ihre Forderungen mit Drohungen begleiten, gibt es kein Verhandeln. Wenn sie aber mit Vorschlägen kommen würden, dann wird man sich diese genau besehen und darnach Stellung nehmen. Angenommen nun den Fall, es würde über kurz oder lang ein derartiger „Vorschlag" kommen — dann würden die zionistischen Faktoren vor eine sehr ernste Frage gestellt sein. Die Araber bieten gewisse Konzessionen um den Preis eines Verzichtes auf die Balfourdeklaration, bzw. des Mandates — könnte ein solcher Vorschlag überhaupt die Basis für Verhandlungen bieten? Sind Balfourdeklaration und Mandat für die Zionisten ein „noli me tangere" und gibt es diesbezüglich überhaupt keine Verhandlungsmöglichkeit?... Vom Standpunkte der unentwegten Zionisten gibt es da keine Verhandlungsmöglichkeiten. Selbst wenn die Balfourdeklaration und das Mandat infolge der Haltung Englands und der Araber völlig inhaltslose Dekorationsstücke werden sollten, könnten und wollen diese Zionisten keine wie immer geartete Konzessionen machen. Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht . . . Aber es gibt zweifellos unter den Zionisten auch Realpolitiker, die der Meinung sind, man könne und dürfe sich in politischen Dingen nicht auf Formeln festlegen, und die die Politik als die Kunst des Erreichbaren bewerten. Und man hat gerade in zionistischen Kreisen die Wahrnehmung gemacht, daß, als die ersten Alarmgerüchte über die „Round Table-Konferenz" aus dem revisionistischen Lager auftauchten, es nicht an guten Zionisten fehlte, die sich die Frage vorlegten, ob nicht ein solcher Vorschlag zumindest als ein Fortschritt zu bewerten wäre. Im Grunde genommen sind schließlich Balfourdeklaration und Mandat kein unverrückbares Glaubensbekenntnis; wenn für diese irgend ein annehmbarer Ersatz geboten werden sollte — warum a limine ablehnen? Vielleicht gibt es doch einen Ausweg, wo der Wolf gesättigt werden und das Lamm heil bleiben könnten? Diese Fragen beschäftigen uns in diesen Tagen ziemlich ernstlich. Noch wagt man es nicht, sich diesbezüglich offen zu äußern, noch traut man sich nicht, die eigenen Gedanken in Worte zu kleiden — „die Empfindungen des Herzens dem Munde anzuvertrauen" — aber eines schönen Tages könnte der Bann gebrochen werden, und wenn man einmal diese Frage zur Diskussion stellen würde — könnte man vielleicht Wunder erleben! Zweifellos wäre auch das Höchstmaß des auf dem Wege einer Verständigung mit den Arabern Erreichbaren nicht der Juden Staat Dr. H e r z I s — aber, Hand aufs Herz, auch Dr. Herzl hat noch bei Lebzeiten viel Wasser in den schäumenden Wein geschüttet; auch er wollte sich zunächst mit dem Charter begnügen, als er die Wahrnehmung machte, daß es mit dem .ludenstaat nicht so einfach gehe. Wir wissen nicht, wie Dr. Herzl heute gehandelt hätte — aber eines ist gewiß: gerade Dr. Herzl war am wenigsten für eine starre Politik und er hätte sich unter Umständen zweifellos für den Etappenweg entschieden. Der Schreiber dieser Zeilen ist sich bewußt, daß er Gefahr laufe, mit dem „Brith-Schalom" in einen Topf geworfen zu werden, und er findet es für geboten, ausdrücklich zu betonen, daß er die Taktik des Brith-Schalom für schädlich und unzweckmäßig halte, aber nur die Taktik . . . Es ist falsch und unter Umständen verwerflich, einseitige Anbiederungen zu versuchen und Friedensdeklarationen zu deklamieren, wenn der Gegner mit dem schwersten Geschütz dreinfeuert. Aber wenn auch der Gegner — und mochte es sich nur um einen taktischen Schachzug handeln — so weit ist, das Diktieren zu lassen und von einer Verständigung zu sprechen, dann darf nichts überstürzt werden; dann darf man auch den schmälsten Pfad nicht verschütten, dann muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht ein psychologischer Moment benützt werden sollte, um über die Barrikaden hinwegzukommen . . . Allerdings hat es den Anschein, als ob die Araber noch nicht so weit wären, eine Verständigung zu suchen — aber, was noch heute nicht ist, kann morgen aktuell werden. Es hat keinen Sinn, sich im zionistischen Lager auf Formeln festzulegen und die Realitäten aus den Augen zu verlieren. Das Irakmandat wird aufgehoben; Frankreich erwägt ernstlich, das gleiche mit dem Syrienmandat zu tun — gibt es eine Gewähr dafür, daß dem Palästinamandat nicht das gleiche Mitglieder und freunde der „Union" übertragen Lebensand Elementar Versicherungen der Stadtisdien Versicherungsanstalt