Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 9 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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PIP WAHPHFIT Seite 5 Städtische Versicherunasanstalt iiiiiiüii ♦I Direktion: Wien L, Tuchlauben Nr. S Telephon U27-5^0 Alle VersicheiiiiKiszweiae ein Prozentsatz, der dem Anteil aller Erwerbslosen an der gesamten Bevölkerung natürlich vollkommen entspricht. Die Juden in England und auf dem Kontinent. Der Londoner „Daily Express" begann in diesen Tagen mit der Veröffentlichung von Louis Goldings großem Roman „Magnolia Street", der die Stellung des Juden in der englischen Gesellschaft behandelt. Die Zeitung kündigt den Roman mit einem Leitartikel an. in welchem es. in Anspielung auf die Nachricht über die erneuerten antisemitischen Unruhen an der Bukarester Universität, unter anderem heißt: Auf dem Kontinent wird der Jude anscheinend immer als ein Problem und als eine Drohung angesehen werden. In England werden die Juden als ein zwar unterschiedlicher, aber doch nicht fremder Teil der Gesamtbürgerschaft akzeptiert. Gölding gibt eine bewegte Schilderung der Oberflächen-Zusammenstöße, der wirtschaftlichen Rivalitäten zwischen Juden und Nichtjuden, ebenso der geistigen Eigenart von Juden und Nichtjuden in einer englischen Stadt. Aber er zeigt auch, wie sie. Jude wie Nichtjude. angesichts einer nationalen und menschlichen Krisis, miteinander verschmelzen und zusammenwirken. Washington. Der Präsident der Vereinigten Staaten Herbert H oo v« r ernannte den berühmten jüdischen Rechtsgelehrten Benjamin Cardozo zum Richter am Obersten Gericht der Vereinigten Staaten. Dieses höchste amerikanische Tribunal zählt nunmehr zwei Juden zu Mitgliedern: Louis Brandeis und Benjamin N. Cardozo. Cardozo wurde am 24. Mai 1870 in New York geboren, studierte an den Universitäten Columbia, Yale und Michigan, trat 1891 in den Gerichtsdienst, wurde 1913 zum Richter des Obersten Gerichtes des Staates New York gewählt, 1917 wurde er Leiter des Appellationsgerichtes des States New York. Er verfaßte mehrere grundlegende Bücher über praktisches Recht, u. a. Werke über die Jurisdiktion des Berufungsgerichtes, das Wesen des richterlichen Verfahrens, die Entwicklung des Gesetzwesens u. a. m. Er ist Vizepräsident des amerikanischen Institutes für Rechtsforschung und Schöpfer einer großen Reihe in den Vereinigten Staaten geltender Geetze. (Der hervorragende Berliner Rechtsgelehrte Justizrat Dr. Julius Magnus hat in seinem vor kurzem in der Synagoge Prinz-Regentstraße zu Berlin gehaltenen Vortrag über Juden im Rechtsleben Cardozo eine der Leuchten der internationalen Rechtswissenschaft genannt) Jiafcenfcreuz am Werk Die zehn Gebote — ein Gesetzbuch der guten Sitte. In einer Zeit, in der die Nationalsozialisten und ihre völkischen Freunde, geleitet von dem „Professor für Volkserziehung" Hitler, einen Schmähfeldgegen das Alte Testament führen und es als „jüdisch" ablehnen, läßt ein Münchener Kirchenfürst. Kardinal Faulhaber (im Verlage Herder & Co., Freiburg i. Br.), eine Sammlung von Predigten, Reden und Hirtenbriefen unter dem Titel „Rufende Stimmen in der Gegenwart" erscheinen, in der er mit uneingeschränkter Bewunderung vom Kernstück der jüdischen Bibel, den Zehn Geboten, spricht. Die folgenden Stellen seien zitiert: „An den Zehn Geboten schult sich das christliche Gewissen .. . Nicht neue Gebote brauchen wir, sondern neue Gewissenhaftigkeit für die alten Gebote". „Die Zehn Gebote Gottes sind die Grundschule für jede sittliche geordnete Lebensführung." „Unsere Aufgabe ist es, die Zehn Gebote Gottes immer wieder zu überdenken, und zwar als Sittenspiegel des völkischen Gemeinschaftslebens und als Heilquelle der staatlichen Wohlfahrt." Der Kirchenfürst gibt eine eingehende Erläuterung jedes einzelnen der Zehn Gebote und1 gelangt zu dem Ergebnis: „Die höchsten Wertgüter des Gemeinschaftslebens stehen und fallen mit den Zehn Geboten". „Das Zehngebot wurde erstmals einem einzelnen Volke verkündet . . . Heute ist es ein Gesetzbuch der guten Sitten für alle Zeiten und Zonen . . . Als der Herr unter Blitz und Donner das Zehngebot am Berge Sinai gab, hielt er die höchsten Kulturwerte für das Gemeinschaftsleben, aber auch die höchsten Seelenwerte für die Einzelmenschen in seiner Hand." Polnische Justiz. Das Gericht in Wilna verurteilte dieser Tage den jungen Juden Salman Rubin wegen Mißhandlung eines nichtjüdischen Studenten am Tage des Wtlnaer Pogroms zu drei Jahren schweren Kerkers. Rubin führte zu seiner Verteidigung an, er habe gesehen, wie der Student auf eine jüdische Frau einschlug und habe sich dieser Frau angenommen. Das Urteil gegen Rubin ist das schwerste in der Reihe der Prozeßurteile im Zusammenhang mit dem Wünaer Pogrom. Wie bekannt, sind die meisten bisher Verurteilten Juden. Angst vor der Blamage. Am 16. d. M. fand' in Velka Berezna die Verhandlung im Prozeß gegen die beiden jüdischen Hausierer Steinberger und Liebermann statt, die unter Anklage standen, den Kindern Kostja Vasil und Helene Bogdan Blut zu rituellen Zwecken abgezapft zu haben. Die Staatsanwaltschaft, die diese Behauptung noch bis vor kurzem verfochten und sich dabei auf das Gutachten eines unzuständigen Kreisarztes gestützt hatte, war bekanntlich gezwungen gewesen, schließlich von ihrerAnklage zurückzutreten. Dagegen wurde die Privatklage wegen leichter Körperverletzung aufrecht erhalten. Der Richter wollte die Verhandlung in ' letzter Stunde neuerlich verschieben und hatte die Privatkläger nicht vorgeladen. Die Verteidigung erzwang jedoch die Einvernahme des Sachverständigen, des Uzhoroder Arztes Dr. Tom, der in seinem Gutachten das ärztliche Zeugnis des im Vorjahre befragten ukrainischen Arztes vollkommen widerlegte und so die Hauptgrundlage erschütterte, auf der seinerzeit die Anklage erhoben worden war. Die Urteilsfällung in diesem Prozeß, der sich seit mehr als einem Jahre hinzieht, wurde für den 15. März verschoben. Jüdische Horaks werden gesucht Die Fälle, in welchen jüdische Bürger in der Slowakei nach dem Muster des Falles Weißberg e r verhaftet wurden, weil behauptet wird, daß sie in den Herbstunruhen des Jahres 1918 als Offiziere des revolutionären Nationalrates Plünderer erschießen ließen, haben sich in der letzten Woche in erschreckender Weise vermehrt. So wurden in Lucenec und Rimavska Sobota 11 Bürger verhaftet, die — bis auf eine Ausnahme — alle Juden sind. Diese Gegend der Südslowakei ist von einer ausgesprochenen Panikstimmung beherrscht, die sich noch vertiefte, als bekannt wurde, daß von den 11 Verhafteten der einzige Nichtjude freigelassen worden ist. Die Untersuchung wird', wie die „ITA" erfährt, durch Gendarmerie-Offiziere geführt und es ist die allgemeine Ansicht, daß man bestrebt ist, ein Gegengewicht zwecks Paralysierung des Eindrucks des Horak-Urteils zu schaffen. Die Gendarmerie erklärt, daß die Verhaftungen im „höheren Staatsinteresse" vorgenommen wurden. Ferner besteht der Eindruck, daß die Behörden versuchen, durch Erfindung jüdischer Affären die wirtschaftlich schwer leidende Bauernbevölkerung des südslowakischen Flachlandes von ihren Sorgen abzulenken. Bemerkt muß werden, daß die Verhafteten selbst von den Unruhen der Umsturzzeit auf das Schwerste betroffen und die meisten von ihnen völlig ausgeplündert und wirtschaftlich gänzlich ruiniert wurden. Die Häuser der Mehrzahl der Verhafteten wurden vollkommen niedergebrannt. Die Liga für Menschenrechte hat den Slowakenführer Dr. Ludwig Bazovsky aufgefordert, geisdiWis, nhenma, Gldil Htägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Sehwefei-, Sool-, Fichten-, Kohlensaurebflder, Diathermie HeiBInft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden taglieh von 8-6 Uhr HellanaloU ..Ihermla" L, Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-87 Leiter: Dr. Wolf Somer gen diese Verfolgungen und Verhaftungen Schritte einzuleiten. Dank vom Hause Budapest Der Munizipalausschuß der Stadt Budapest wählte in seiner ordentlichen Generalversammlung sieben ordentliche und sieben Ersatzmitglieder in das ungarische Oberhaus, von denen kein einziger Jude ist, obwohl die große jüdische Bevölkerung, der ungarischen Hauptstadt eine außerordentlich wichtige Rolle im öffentlichen Leben Ungarns, in Politik, Kultur, Wirtschaft und sozialer Betätigung spielt. Bisher hatte Dr. Samuel Glücksthal, ein führendes Mitglied der Jüdischen Gemeinde, die kommunale Bürgerpartei im Oberhaus vertreten, bei der jetzigen Wahl blieb er in der Minderheit Seine Niederlage ist auf einen Putsch der Christlichen Kommunalpartei zurückzuführen, die ihn aus konfessionellen Gründen aus der Liste der Kandidaten gestrichen hatte. Die Entfernung Dr. Gtücksthals, der im öffentlichen Leben der Hauptstadt seit Jahrzehnten eine große Rolle spielt und einer der hervorragendsten und begabtesten Kommunalpolitiker ist, bedeutet einen ungeheuren Verlust für das Oberhaus. „Wenn wir an der Macht sind . . ." Dieser Tage ging der Gauleitung Köln-Aachen der NSDAP folgendes Schreiben des Regierungspräsidenten Elf gen zu: „In einer öffentlichen Versammlung in der Kölner Messehalle hat Ihr Parteimitglied, der Reichstagsabgeordnete Börger, gegen die jüdischen Volksgenossen in schärfster Weise gehetzt, ihnen Vaterlandsverrat vorgeworfen. Seine Ausführungen gipfelten in dem Satze: .Wenn wir an der Macht sind; und ein Franzose überschreitet die deutsche Grenze, dann sterben am nächsten Tage in Deutschland alle Juden!* Da zu befürchten ist, daß Börger bei späteren Versammlungen sich ähnliche Verstöße gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu Schulden kommen läßt, habe ich angeordnet, daß alle Versammlungen, für welche Börger als Redner vorgesehen ist, vorbeugend verboten werden und ein Auftreten Börgers in der Diskussion verhindert wird1." Hindenburg und die völkische ..Blutprobe". Die nationalsozialistische Presse nützt die bevorstehende Reichspräsidenten wähl zu einer intensiven antijüdischen Hetze aus und versucht, es den Massen einzureden, daß HindenburK der Kandidat der Juden sei. Der „Völkische Beobachter" bringt an der Spitze seiner Sonntags/Montags-Nummer die Balken-Ueberschrift „Die C. V.- J uden für Hindenburg" und darunter einen „Die Blutprobe" überschriebenen Leitartikel, in dem unter anderem ausgeführt wird: „Mit der Novemberrevolte und der nationalsozialistischen Aufklärung hat das deutsche Volk endlich den Juden erkannt. Als den unbedingten, blutnotwendigen Feind jeder deutschen Idee und deutschen Tat. Auch wie noch nicht Millionen auf die Kämpfer des Nationalsoziaiismus hörten, war die instinktmäßige Ablehnung alles Jüdischen in den gesunden Volksschichten Selbstverständlichkeit. Das Blut spürte den Feind, auch ohne ihn mit unbedingter Klarheit gesehen zu haben. Diese brachte erst der nationalsozialistische Kampf, der damit auch den politischen Auseinandersetzungen den Maßstab lieferte. Seitdem heißt die Sonde, die an alle Ereignisse angelegt wird: In welchem Lager steht der Jude — denn dort steht nicht Deutschland. Das ist die entscheidende Blutprobe, die heute auch die breiten Massen in ihrem persönlichen Dasein und im politischen Leben verlangen und selbst vornehmen. Auch an dem Reichspräsidenten von Hindenburg wurde diese Blutprobe vorgenommen. Dank der Entscheidung Hindenburgs für das System mit dem Ergebnis, daß in dem Heerführer des Weltkrieges die Rassegenossen der Mosse, Ullstein und Singer ihre Zuflucht sehen und „Hingabe an das Vaterland" schreien, weil sie wissen, daß hier ibre „Ideale" auch weiter blühen können. . . . Die-C.-V.-Juden haben jetzt für die letzte Klarheit ge-