Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 9 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ScKe 4 DIE WARF HOT Fünfzig Jahre. Als der große Josef v. Wertheimer die Wiener Israelitische Kinderbewahr-Anstalt vor fast einem Jahrhundert begründete, ließ er die Eingangspforte mit den Worten ans dem 8. Psalm zieren: „Der Kinder und Säuglinge Lallen befestigt Gottes Reich". Mit den Kleinen wurde begonnen und wurde die heranwachsende jüdische Jugend für unseren Väterglauben gewonnen. Am kommenden „Sabbat-Schekolim" (dem ersten der vier ausgezeichneten Sabbate) werden es fünfzig Jahre, daß in allen Wiener Bezirken für die Jugend beiderlei Geschlechts ein allsabbatlicher Gottesdienst eingeführt wurde, um die ganze Generation ins Gotteshaus zu führen und sie für die öffentäichc Andacht zu gewinnen. In einer Zeit. da. wie Schreiber dieses beim Unterriehl an einer neuen Wiener städtischen Schule erfuhr, von der Jugend kaum 81) Prozent ein Gotteshaus kannten, da war es Emanuel Baumgarten. Vertreter im Rate unserer Wiener Großgemeinde, der sich für die gottesdienstiiehe Belehrung unserer Jugend mit besonderer Wärme einsetzte und in allen Bezirken Wiens den Jugend-GoJtesdäenst einrichtete. Wohl bestand im Stadt-Tempel ein Sabbat-Mincba- Gottesdienst für Mittelschüler schon mehr als zehn Jahre vorher, bei dem die Exhorten abwechselnd von Dr. Jellinek und Dr. Güdemann gehalten wurden — auch Rabbinatskandidaten wie der verewigte Dr. Markus Spitzer u. v. a. kamen gelegentlich zum Wort — aber aus den fernen Bezirken konnte die Schuljugend sich kaum beteiligen. Erst im Frühjahr 1882 öffneten sich in allen Bezirken die Gotteshäuser und die Kinder strömten in dichten Scharen den Synagogen zu. Vertreter Emamiel Baumgarten und sein Freund, Vertreter und Gemeinderat der Stadt Wien, der rühmlichst bekannte Dr. Leopold Komper t. erschienen bei den Andachten in den Gotteshäusern, die völlig überfüllt waren. Wenige Monate vorher waren viele durch den schrecklichen Ringtheaterbrand in tiefste Trauer versetzt, die Gotteshäuser wurden mehr denn je aufgesucht und so wurde der ..Sabbat-Schekalim" als Trostes-. Freuden- und Erlösungs-Sabbat allenthaäten begrüßt. Der Jugendgottesdienst hat sich durch ein halbes Jahrhundert glänzend bewährt und Nachahmung in allen europäischen jüdischen Großgemeinden gefunden. Es ist also ein wichtiges Jubiläum, dessen wir jetzt in Dankbarkeft für all jene gedenken, die zum Gedeihen dieser heüigen Einrichtung beigetragen haben und noch immer beitragen, der wir ein „Ad m€oh schonoh" von ganzem Herzen wünschen. Prof. Moritz Antscherl. Jüdische Angestellte in Not. Eine Anregung. Es hat keinen Sinn, heute noch Betrachtungen darüber anzustellen, ob es eine besondere Not des jüdischen Angestellten gibt, weil diese Not so faßbar ist, so mit den Händen gegriffen werden kann, daß jeder von uns sie täglich und stündlich vor sich sieht. Wir wissen zu gut, daß zahlreiche jüdische Angestellte keine Tätigkeit finden, weil viele Betriebe sie nicht einstellen wollen, weil sie Juden sind, und selbst jüdische Arbeitgeber legen Wert darauf, in ihren Geschäften nicht zu viele Personen um sich zu sehen, die sich durch jüdisches Aussehen auszeichnen. Die jüdischen Arbeitsnachweise wenden alle Mühe auf, so viel Stellen wie nur irgend möglich ausfindig zu machen, aber die wirtschaftliche Lage, die zunehmende Zahl der Betriebe, die ihren Umfang vermindern müssen, verengt ihren Aktionsradius immer mehr und mehr. Bei den Stellungslosen, die Woche für Woche, Monat für Monat den erfolglosen Weg zum Arbeitsnachweis antreten, entsteht allmählich ein Gefühl der Verbitterung. Mit Unterstützungen ist bei einer langandauernden Arbeitslosigkeit nicht mehr zu helfen, abgesehen davon, daß der Angestellte, je länger die Beschäftigungslosigkeit dauert, desto mehr der regelmäßigen Arbeit entwöhnt wird. Als auch in früheren Jahren einmal in Deutschland die Arbeitslosigkeit einen für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Umfang annahm, eröffneten jüdische Organisationen Schreibstuben, die für den Bedarf von Geschäften und Betrieben schriftliche Arbeiten anfertigen konnten. Diese Schreibstuben erfüllten ihre Aufgaben zufriedenstellend, bis die Entwicklung ihre Auflösung veranlaßte. Auch heute kann vielleicht in gleicher Weise wenigstens das äußere Symptom der Arbeitslosigkeit bekämpft werden. Viele jüdische Vereine und Vereinigungen haben jahraus und jahrein Adressen u. ä. anzufertigen; diese Arbeiten sollten heute jüdischen Arbeitslosen zugute kommen. Am zweckmäßigsten wäre es, wenn das systematisiert werden könnte, wenn in Wien eine große jüdische Schreibstube bestünde, die etwa dauernd vielen Personen Arbeit bieten würde, mit der Maßgabe, daß jeder Arbeitslose nur eine bestimmte Zeit beschäftigt \ wird, nach deren Ablauf für ihn eine andere Kraft einzutreten hätte. Diese Regelung hätte den Vorteil, daß für jeden Arbeitslosen, der etwa länger als ein halbes Jahr ohne Arbeit ist, die Möglichkeit bestünde, sich einige Wochen im Jahre einen Verdienst zu schaffen und auf diese Weise das quälende Gefühl, nicht mehr arbeiten zu dürfen, von einem großen Teil der betroffenen jüdischen Angestellten genommen werden könnte. Freilich werden die jüdischen Vereine und Organisationen nicht imstande sein, Schreibarbeit für die große Zahl von Arbeitslosen dauernd zu schaffen, deshalb müssen auch Privatbetriebe ihre vorübergehenden schriftlichen Arbeiten durch diese Schreibstube besorgen lassen. Hoffentlich finden sich tatkräftige Menschen bereit, um wenigstens den Gedanken dieser kleinen Hilfe in die Tat umzusetzen, dem auch das Fürsorgeamt der Kultusgemeinde einige Aufmerksamkeit schenken sollte. S. Sch. Brief aus Jugoslawien. Von vielen in den Sukzessions-Staaten wohnhaften Freunden wurde ich schon gefragt, warum meine Berichte über die jüdischen Verhältnisse in Jugoslawien bereits längere Zeit nicht erschienen sind. Mein geschwächter Gesundheitszustand war der einzige Grund hierfür. Mit aufrichtiger Freude benütze ich nun die günstige Gelegenheit, um in unserer Zeit der schweren Krise, unter der wir Juden doppelt zu leiden haben, über die in unserem Königreiche herrschenden Zustände zu berichten. Wir jugoslawischen Juden haben das Glück, in einem Staate zu leben, in welchem für uns bessere, angenehmere und zufriedenstellendere Zustände herrschen als in anderen Nachbarländern und größeren Staaten Europas. Mit aufrichtigem Vergnügen mache ich Mitteilung von einer Radioübertragung, deren Schauplatz der schöne neue Tempel der aschkenasischen Gemeinde in Beograd war. Anläßlich der Vereinigungsfeier unserer drei Stämme in ein einheitliches Jugoslawien vermittelte unser Radio den Festgottesdienst aus diesem Gotteshause. Er mußte auf alle Zuhörer einen sehr günstigen, tiefen Eindruck machen. Die Rede des Oberrabbiners lgnaz Schlang war ungemein gehaltvoll und der gesangliche Vortrag des Oberkautors Arnold Grussmann erfreute sämtliche Zuhörer. Seine Heiligkeit, der serbische Patriarch Varnava stattete mehreren Städten seinen hohen Besuch ab. Ueberall wurden dem höchsten geistlichen Würdenträger Jugoslawiens die größten Ehrenbezeugungen erwiesen. In unserer Stadt Vukovar erschien er in Begleitung des Ni5er Bischofs Dositelj, des Archimandriten Dr. Sava Tirlaic und noch vier hoher Geistlichen. Er besuchte mit seinem Gefolge auch unser Gotteshaus, das von Besuchern voll besetzt war. In der Vorhalle wurde Seine Heiligkeit mit einer längeren Rede des Oberrabbiners herzlichst -begrüßt, auf welche der Patriarch mit fulminanten Worten erwiderte. In dieser Zeitung wurde vor ungefähr zwei Jahren mit tiefem Bedauern darauf hingewiesen, daß der bekannte Hofarzt Dr. Koen von der Universität mit keiner Lehrkanzel beehrt wurde. Unser damaliger berechtigter Wunsch ging in Erfüllung, wir leben eben nicht in — Wien. Die größte Kultusgemeinde Jugoslawiens, Zagreb, feierte mit aufrichtiger Begeisterung den sechzigsten Geburtstag ihres verdienstvollen, in weiten Kreisen verehrten Präsidenten Dr. Hugo Kon, dem zahllose Ehrenbezeugungen zuteil wurden. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß in diesen materiell so schwierigen Zeiten die jugoslawischen Kultusgemeinden die Jubiläumsfeiern ihrer Rabbiner festlich begehen und Opfer bringen, um ihre Dankbarkeit zu bekunden. Die Kultusgemeinde in Sisak feierte das fünfundzwanzigjährige Jubiläum ihres Seelenhirten Dr. Beno Heiss. Die Festrede hielt der Zagreber Oberrabbiner Dr. Gavro Schwarz. Der angesehene Präsident der Gemeinde. Salamon Baum, übergab dem Jubilar ein munifizentes Zeichen der Wertschätzung. Die Beograder Aschkenasim-Gemeinde feierte im Rahmen von großen Festlichkeiten die ersprießliche dreißigjährige Tätigkeit ihres Oberrabbiners lgnaz Schlang. Diese Gemeinde, die vor drei Jahrzehnten aus einer kleinen Versammlung bestand, wurde im Laufe der kurzen Zeit eine Großgemeinde, um deren Aufblühen sich der Gefeierte große Verdienste erwarb, die vom allgemein verehrten Präsidenten Dr. Pops in einer wirkungsvollen Rede hervorgehoben wurden. An der Feier nahmen viele Rabbiner teil. Die Festrede hielt der Oberrabbiner der sephardischen Gemeinde Senator Dr. Isak A1 k a 1 a j. der als Landesrabbiner sich um das Judentum in Jugoslawien sehr verdient machte und in allen Kreisen der Bevölkerung verehrt wird. Die Wiener Lehranstalt kann mit vollem Rechte auf diesen einstigen Schüler sehr stolz sein. Unter den vielen Glückwunschansprachen erregte besonderes Aufsehen die klassische hebräische Rede des Oberkantors Grussmann. Der Jubilar wurde von Seiner Majestät mit dem Sava- Orden dritter Klasse ausgezeichnet König Alexander I. ist im edelsten Sinne des Wortes ein demokratischer und gerechter Monarch, der zwischen Stämmen, Religionen und Menschen keinen Unterschied kennt Er hat auch jetzt wieder einigen Rabbinern Auszeichnungen verliehen. So erhielten Dr. Beno Heiss, Sisak, und Dr. Bernhard Schick, Karlovac. den Orden jugoslawischer Krone IV.. sowie Dr. Rudolf Glück, Varazdin, und Dr. Israel Kohn, Koprivnica. V. Klasse. Dr. Julius Diamant, Oberrabbiner, Vukovar. VonWo&e xuWothe Alles wird abgeleugnet. Wir veröffentlichten in unserer letzten Nummer Dokumente über die angeblichen Versuche des Ex-Khediven von Aegypten Abbas Hilmi Pascha, eine arabisch-jüdische Round Table- Konferenz zustande zu bringen. Die arabische Exekutive bereitet nun nach einer Ita-Meldung eine Erklärung vor des Inhaltes, daß sie keinerlei Kenntnis von derartigen Vorschlägen habe. Auch der Leiter der palästinensischen Jewish Agency-Exekutive, Dr. Chaim Arlosoroff, erklärte Vertretern der Presse gegenüber, seines Wissens haben weder die britische Regierung noch die Regierung Palästinas irgend welche Kenntnis von Vorschlägen betreffend eine arabisch-jüdische Round Table-Konferenz. * Dazu ist zu sagen, daß man sich hüten muß, diese Dinge einfach zum Gegenstand journalistischer Sensationen und hemmungsloser Diskussionen zu machen. Die Frage der jüdisch-arabischen Verständigung ist seit Jahren akut, und jedem ist längst klar geworden, daß sie die Kernfrage der zionistischen Politik bildet. Die starke Nervosität, die in manchen zionistischen Kreisen entsteht, wenn von dieser Frage die Rede ist, dürfte zum großen Teil darauf zurückzuführen sein, daß man keinen praktischen Weg einer solchen Politik sieht und daher das Thema mehr zum Gegenstand innerzionistischer Kämpfe machen möchte. Längst ist jedoch betont worden, daß es sich bei dieser Frage heute nicht mehr um Deklarationen des „guten Willens" handeln kann, sondern um den Versuch, technische Möglichkeiten für eine staatsrechtliche Lösung zu finden, die den Frieden im Lande wiederherstellt und dadurch eine ruhige und stetige Entwicklung möglich macht. Unter diesem Gesichtspunkt werden die Zionisten mit aller Gewissenhaftigkeit jeden Vorschlag zu prüfen haben, der wirklich ernsthaft von verantwortlicher Seite vorgebracht wird, und man wird dabei die schwerwiegenden Folgen einer akzeptierenden ebenso wie einer ablehnen-, den Haltung im Auge behalten müssen. Großer Krach auf der Jerusalemer Universität. Im Zusammenhang mit der revisionistischen Demonstration bei der Antrittsvorlesung Norman Bentwichs an der Hebräischen Universität in Jerusalem ist ein schwerer Konflikt zwischen der Leitung der Universität und dem revisionistisch gesinnten Teil der Studentenschaft ausgebrochen. Am Tage, bevor Bentwich seine Antrittsvorlesung hielt, verbreiteten revisionistische Studentengruppen Pamphlete mit schweren Angriffen auf Bentwich. Da von der Leitung der Universität ein ursächlicher Zusammenhang zwischen diesen Pamphleten und der Demonstration bei Beginn der Vorlesung von Bentwich angenommen wird, hat das Disziplinargericht der Universität vier einer revisionistischen Studentengemeinschaft angehörende Studierende als Verbreiter der Flugschriften für ein ganzes Jahr aus der Universität verwiesen. Zehn Mitglieder der nicht anerkannten revisionistischen Gruppe Hulda wurden für das gegenwärtige Semester verwiesen. Ferner wurde ausgesprochen, daß revisionistische Studentenvereine von der Universität nicht länger, anerkannt werden. Unter der revisionistischen Studentenschaft herrscht wegen dieser Verweisung große Erregung. ■Der revisionistische Studentenverein Elal hat angekündigt, daß er sich mit der Studentengruppe Hulda solidarisch erkläre. Man erwartet in diesem Zusammenhang weitere Verweisungen revisionistischer Studenten. 50.000 jüdische Erwerbslose in Deutschland. Ein Preisausschreiben des berüchtigten „Stürmer": „Wieviel jüdische Erwerbslose gibt es in Deutschland?" veranlaßte den Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu einer Umfrage in den Großgemeinden. Es ergab sich infolge der Schwierigkeit der Erfassung der jüdischen Erwerbslosen durch die jüdischen Arbeitsnachweise kein zahlenmäßig ganz klares Bild. Das vom C. V. errechnete Ergebnis stimmt mit der Auskunft des jüdischen Arbeitsnachweises in Berlin überein, daß man mit ewa 50.000 jüdischen ^Erwerbslosen in Deutschland rechnen kann. Das ist