Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 9 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064410--18740-3083802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 QBE WAHBHEn Schwarz. Wobei man noch bedenken muß, daB angesichts der Abschließung Sowjetrußlands von der Außenwelt solche Nachrichten nur selten über die Grenze gelangen und daß diese daher nur einen geringen Bruchteil dessen widerspiegeln, was in Wirklichkeit geschieht. Wenn man sich ein Bild von dem Kampf der Sowjetmachthaber gegen die jüdische Religion machen will, so genügt der Hinweis auf die statistischen Ausweise, wonach bis zum Jahre 1931 in der Ukraine 370 jüdische Gotteshäuser zerstört, bzw. „konfisziert" worden sind, die analogen Zahlen für Weißrußland sind 110, für Großrußland 120 .. . Aber nicht bloß gegen die jüdische Religion geht der Kampf. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht wird gegen die Juden ein Vernichtungskrieg geführt, wie er rücksichtsloser nicht ausgedacht werden könnte. In derselben Zeit da die Sowjetpropagandisten urbi et orbi verkünden, Sowjetrußland sei das einzige glückliche Land, in dem es keine Arbeitslosigkeit gibt, führen die statistischen Zahlen in bezug auf die Juden eine ganz andere Sprache. Darnach gab es unter den jüdischen Handwerkern in Rußland im Juni 1928 etwa 15 Prozent Arbeitslose — im Juni 1930 bereits 40 Prozent. Unter den jüdischen Handeltreibenden zählte man im Juni 1929 etwa 50 Prozent „Unproduktive", im Dezember des gleichen Jahres 75 Prozent, im Juni 1930 erreichte diese Ziffer bereits nicht weniger als 90 Prozent! ... Das heißt ganz einfach, daß die große Zahl der jüdischen Handeltreibenden direkt dem Hungertode preisgegeben ist, da ja im Sowjetreiche die sogenannten „unproduktiven Elemente" von der staatlichen Versorgung mit Lebensmitteln u. dgl. ausgeschlossen sind. Aber nicht nur die Handwerker und Handeltreibenden, auch die jüdischen Arbeiter werden wesentlich ungünstiger behandelt als die Nichtjuden. In der montanistischen und metallurgischen Industrie beträgt die Zahl der beschäftigten Arbeiter 37 Prozent — von den jüdischen Arbeitern in der gleichen Branche werden nur 7,8 Prozent beschäftigt. Die übrigen sind arbeitslos- Charakteristisch für die Behandlung der Juden ist folgender Fall: Acht junge Juden, deren Eltern als „unproduktiv" zum Hungertode verurteilt sind, ersuchten^ um Aufnahme in eine staatliche Hochschule, nachdem sie ihre Vorstudien beendet hatten. Die Aufnahme wurde ihnen jedoch verweigert mit der Begründung, daß sie „bourgeoiser" Herkunft sind; sie bemühten sich um Arbeit in einer staatlichen Fabrik, wurden aber mit der gleichen Begründung abgewiesen. Sie versuchten daraufhin, irgend eine manuelle Betätigung auszuüben, aber auch da hatten sie kein Glück, da sie in keine Gewerkschaft Aufnahme fanden. Schließlich wandten sie sich mit einer Peuilteton Besuch in Weimar. Im Goetheiahr 1932. Von G. Kommt man mit dem Wunsche, sichtbaren Spuren von Beziehungen Goethes zu Juden und Judentum zu begegnen, in das Mekka der Deutschen, so wird man seine Rechnung nicht finden. Im Frankfurter Goethehaus findet man immerhin etwas, wie das Lesezeichen mit hebräischem Psalmwort von Goethes Hand, das er dem Fräulein von Klettenberg gewidmet hat, den Theaterzettel mit der Ankündigung von Lessings „Juden". Goethes humoristische Bleistiftskizze aus Rom ..Das verwünschte zweite Kissen" als Geschenk Alexander Meyer-Cohns, des Bruders des trefflichen Apologeten Heinrich Meyer-Cohn. In Weimar aber ist dergleichen nichts zu sehen. Und doch war es hier, in diesem Gartenhaus, wo Goethe die Bibel und Spinoza auf sich wirken Heß. und dies der Empfangssaal, in dem Heine. Salomon Münk auf der Durchreise nach Paris und andere Söhne unseres Stammes vor dem Herrn Geheimrat gestanden, hier das Klavier, auf dem Felix Mendelssohn, wie Moritz Oppenheim, der bekannte Genremaler, von Goethe gefördert, seinen väterlichen Freund mit seiner Kunst entzückt hat hier der Schreibtisch, der sein Tagebuch mit so mancher Aufzeichnung über jüdische Geschichte und mancher Judenanekdote bewahrte und an dem er so manchen an Juden gerichteten Freundesbrief und die Worte schrieb: ..Die Deutschen können, wie die Juden, nicht untergehen: denn sie sind Individuen". Hier stand die Bühne, von der er als ihr Leiter, die Entweihung durch Judenverspottung fernhielt mit dem Ausruf: „Es ist schändlich, eine Nation, die so ausgezeichnete Talente in Kunst und Wissenschaft aufzuweisen hat gleichsam an den Pranger zu stellen", er, der in ..Dichtung und Wahrheit" beklagte, daß durch Eingabe an das zuständige Zentralkomitee (Zik) unter Schilderung ihrer verzweifelten Notlage mit der Bitte, ihnen doch irgend eine Beschäftigung zu .verschaffen. Aber sie erhielten nicht einmal eine Antwort. Auch eine zweite und dritte Eingabe blieben unbeantwortet — und schließlich blieb diesen jungen Menschen kein anderer Ausweg als — der Selbstmord... Wenn schon so die Juden im allgemeinen behandelt werden, so kann man sich einen Begriff davon machen, wie gegen die Nationaljuden, die Zionisten, vorgegangen werde, die man ja direkt als „Konterrevolutionäre" bezeichnet. Die Lage dieser Juden ist eine derartig furchtbare, daß sich in Palästina eine spezielle Organisation zu ihrem Schutze gebildet hat. Diese Organisation führt den Namen „Mögen (Schutz), Verband zur werktätigen Hilfe für die in Sowjetrußland des Judentums, des Zionismus und des Hochhaltens jüdischnationaler Werte wegen Verfolgtem". Diese Organisation sammelt die Daten und Tatsachen über diese Verfolgungen und hat kürzlich in einer Broschüre eine Auslese derselben veröffentlicht, die geradezu haarsträubende Dinge zu erzählen weiß. Die „Verdächtigen" werden, nach zaristischem Vorbild, kurzerhand zur Verschickung nach Sibirien verurteilt. Sie werden in „Politisolatoren" (politische Gefängnisse mit Militärverwaltung1) oder in Verbannungsorten, hart an der Grenze Chinas, Afghanistans, oder am Ufer des Eismeeres, untergebracht. Nach der „Verurteilung" beginnt die „Wanderschaft". Monate lang, manchmal sogar ein halbes Jahr, verbringt man in den sogenannten „Stolipinwagen" (heute werden sie „Stalinwagen" genannt) und in den „Etappengefängnissen". Von einer Etappe zur anderen wird man auf Kamelen, machmal auch zu Fuß, befördert. Nach langem Wandern und unglaublichen Strapazen gelangt man endlich an den Bestimmungsort der Verbannung. Für gewöhnlich ist es ein winziges sibirisches, uralisches, turkestanisches oder kasanstanisches Dorf, hunderte Kilometer von der nächsten Eisenbahnstation entfernt. Hier hat der Verbannte Pflichten und „Begünstigungen". Seine Hauptpflicht besteht in der Meldung bei der G. P. U., in der Regel zweimal wöchentlich; es kömmt aber auch vor, daß Ortssatrapen tägliches Erscheinen beanspruchen. Nicht selten werden schon nach dem ersten oder zweiten! Versäumnis Haftstrafen verhängt. Die „Begünstigung" der Verbannten besteht in Unterstützung mit Geldmitteln — in der Höhe von sage und schreibe 6,25 Rubeln monatlich —, somit wesentlich hinter der Summe, die der Zarismus seinen politischen Verbannten zuzuerkennen pflegte. Für diesen Betrag kann man höchstens drei Kilogramm Brot erstehen — und davon soll man den ganzen Monat leben... Aber selbst diese lächerliche „Unterstützung" wird selten zur die literarische Fehde, die sein „Prometheus" hervorgerufen, „wir einen unserer würdigsten Männer" — vom guten Mendelssohn spricht er an anderer Stelle — „verloren". In Wien waren es Franziska von Arnstein, ihre Schwester Cäcilie von Eskeles. deren Schwägerin Eleonore von Flies und Elise von Herz, die Stifterin der Lämel-Schule in Jerusalem, die in Karlsbad des Dichters Bekanntschaft gemacht hatten. Sehr bezeichnend für Goethes Einstellung zum Judentum ist seine Unterredung mit Elisens Vater, Simon von Lämel. im Jahre 1812 im Karlsbader Walde. Lämel sagte: „Der Schiller. Eure Exzellenz, hat uns Juden mit seiner Abhandlung .Die Sendung Mosis' sehr weh getan und was das Schlimmste ist, er hat uns gekränkt, weil er die Sache gar* nicht verstanden hat." Hierauf Goethe: „Den Eindruck, den ich in früherer Jugend in meiner Vaterstadt empfing, war mir ein erschreckender... Meine Verachtung, die ich wohl zu zeigen pflegte, war mehr der Reflex der mich umgebenden fürstlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geistbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennenlernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferische Volk hege und für den Dichter, der das hohe Lied gesungen hat. Diese Bemerkung Lämels über Schiller gibt uns zu denken, wenn wir in Weimar in Schillers Sterbezimmer stehen und auf dem Tisch, an seinem ärmlichen Bett, vielleicht seine letzte Lektüre, eine philosophische Schrift Moses Mendelssohns, sehen. War Schiller wirklich ein Judenfeind, wozu man ihn, so wie Goethe, stempeln wollte? Der eine Anhalt, auf den sich diese Behauptung stützt, ist Spiegelberg in „Die Räuber", die auch kürzlich ein Jubiläum, das 150jährige. hätten feiern dürfen. Ein Wiener Literaturprofessor schloß aus dem Namen Spiegelbergs und dem seines Spießgesellen Schufterle auf die jüdische Herkunft dieser beiden Wichte. Nun empfieihlt ja Spiegelberg, der widerlichste Charakter in Schillers Jugenddrama, das Studium des Josephus, er vertritt den Gedanken der Wiedergewinnung Palästinas und Neuerrichtung des jüdischen Staates und parodiert die Bibel. VERBAND DER SABBATHFREUNDE ..SCHOMRE-SCH ABB OS". __Win IL. Leopoldsgasse 16._ EINLADUNG zu der am Dienstag, den 1. März 1932. um 7 Uhr abends, im großen Festsaale des Hotel „Bayrischer Hof". IL, Taborstraße 39 (Eingang Obere Augartenstraße) stattfindenden GENERALVERSAMMLUNG. Das Hauptreferat hält Oberrabbiner Doktor H. Carlebach. Baden bei Wien, über das Thema: „Die heutige Zeit und der ..Schabbos". Gäste. Damen und Herren, willkommen! rechten Zeit und vielerorts sogar überhaupt nicht ausbezahlt. In der ersten Zeit hat man den Verbannten Brotkarten für die Kooperative gewährt; später aber wurden ihnen diese entzogen, so daß sie gezwungen waren, einen regelrechten Kampf um diese wenigen Brocken zu führen. Die G. P. U. hat darauf mit grausamen Gefängnisstrafen geantwortet ... Ebenso wie die Verpflegungsverhältnisse sind auch die Wohnverhältnisse in der Verbannung unerträglich. Anfangs hat sich die Bevölkerung den Verbannten gegenüber einigermaßen leidlich verhalten, aber seit einiger Zeit wurde das Einvernehmen, aus Angst vor der G. P. U., gestört. Den Bauern ist es verboten, den Verbannten Lebensmittel zu verkaufen. In manchen Orten ist es überdies verboten, ihnen Wohnungen zu vermieten, so daß sie gezwungen sind, auf engstem Raum zusammengepfercht zu hausen. Die Arbeitsmöglichkeiten sind in der Verbannung gering. In den Dörfern gibt es Arbeit nur bei den Bauern, doch die G. P. U. sieht es ungern, wenn Verbannte beschäftigt werden. Es ist vorgekommen, daß Ingenieure und Facharbeiter in den Ortswirtschaften Arbeit erhielten, doch sowie die G.P. U. davon Kenntnis erhielt, kam der Befehl, sie sofort zu entlassen. Auch solche, die schon „Fuß gefaßt" hatten, wurden vor die Tür gesetzt. Auch die anderen „Lebensbedingungen" der Verbannten in den Dörfern sind äußerst schwierige. Es ist ihnen verboten, die Grenzen der Ortschaft zu verlassen, und sie werden im Uebertretungsfalle unnachsichtlich verhaftet. Dabei ist die Grenze nicht immer eindeutig festgesetzt und wird je nach dem Ermessen der G. P. U. bald dahin, bald dorthin verschoben. So werden manchmal Gemeindeplätze der Ortschaft als jenseits der Grenze liegend betrachtet. Unter solchen Bedingungen muß man drei Jahre lang, manchmal sogar sechs Jahre verbringen. Dann werden die Verbannten ins sogenannte „Minus" befördert, d. h. in eine größere, gewöhnlich im europäischen Rußland gelegene Ortschaft, die aber trotzdem von den wichtigsten Welche Absicht der Dichter mit dieser Gestalt verfolgte, sagt er selbst in der Vorrede zu dem Stück: ..Die edle Einfalt der Schrift muß sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen mißhandeln und ins Lächerliche verzerren lassen: denn was ist so heilig und ernsthaft, das, wenn man es falsch verdreht nicht belacht werden kann? Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese mutwilligen Schriftverächter in der Person meiner scheußlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere." Und was will Spiegelbergs Idee der Wiederaufrichtung eines Judenstaates? Aus zahlreichen zeitgenössischen literarischen Zeugnissen wissen wir, daß dieser Gedanke damals weite Kreise beschäftigte. Das Auftreten Sabbatai Zewis und dann des Gauklers Frank zur Zeit Schillers hielten die Erörterung dieses Themas in fürstlichen Kreisen in stetem Flusse. Jungstilling schreibt an De la Motte- Fouque: „Es gibt ein einziges Factum, welches entscheidet ob die jetzigen großen Weltbegebenheiten wirklich der Anfang des letzten großen Kampfes und die Vorboten der nahen Zukunft des Herrn und seines Reiches sind oder nicht. Dieses Factum ist, wenn die Juden wieder in ihr Vaterland ziehen und ich habe sichere Data, daß wirklich der Zug der Juden nahe ist und schon dem Anfang nach beginnt" Worauf dieser Freund Goethes hier anspielt, wissen wir ebensowenig wie von einem Judenkongreß im Jahre 1796, von dem damals Richter in seinen „Eipeldauer Briefen" (Ausgabe Pannel, S. 289) zu melden wußte. Zu beachten ist aber die freudige Hoffnung des Wachtmeisters in „Minna von Barnhelm" auf den bevorstehenden „Kreuzzug", wohl im Zusammenhange mit dem Türkenkriege, der von beiden Kaiserreichen unternommen wurde. Spiegelberg als Jude anzusprechen liegt hienach kein Grund vor, um so weniger, wenn man liest, wie er seine Kinderjahre schildert, die ganz und gar aus dem jüdischen Rahmen fallen. (Schluß folgt.)