Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 9 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Ersdieint jeden Freifag Israelitischen Ktdtusgemeinde Wien Die UUrU Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.919 XLVU1. Jahrgang Wien, 26. Februar 1932 Nummer 9 99 Alttestamentarischer Rachegeist" ~B~— .L..a.if:^L^^ ___ oder „christlicher Kurs Die Häufung von Mordtaten, die in der letzten Zeit die Oeffentlichkeit in Oesterreich alarmierten, hat die Diskussion über die Todesstrafe, die bei uns bekanntlich nach dem Umsturz abgeschafft worden ist, neuerlich ausgelöst. Ich will das Für und Wider, das zu diesem Thema seit undenklichen Zeiten von berufenster Seite vorgebracht wurde und noch immer vorgebracht wird, nicht um meine unmaßgebliche Meinung vermehren. Auch haben wir Juden als solche kein Sonderinteresse in dieser Angelegenheit. Die Statistik lehrt, daß der jüdische Anteil am Kriminalverbrechertum immer nur ein ganz unansehnlicher war. Und wenn sich das in der letzten Zeit unvorteilhaft geändert haben sollte, so ist daran außer dem blutigen Lehrmeister Krieg, in dem der Mord befohlen! und belohnt wurde, auch der bedauerlich gesteigerte Abfall von der Religion, nicht nur äußerlich durch formellen Austritt aus dem Judentum, sondern mehr noch durch die wachsende Einflußlosigkeit der jüdischen Ethik auf die irregeleiteten Seelen schuld. Weit interessanter ist vom jüdischen Standpunkt die Frage, w e r in diesen Tagen für die schärfste! Form der straf gerichtlichen Vergeltung eintritt. Und zwar ist diese Frage deshalb so interessant, weil die Gegner des Judentums die Phrase von „alttestamentarischer Rachsucht" geprägt und zu einer der gangbarsten Redewendungen gemacht haben. Unser Gott gilt als „Gott der Rache", der Auge um Äuge, Zahn um Zahn fordert, obwohl es auch im N e u e n Testament (Ev. Mathäus, VII, 2) wörtlich heißt: „Mit dem Maße, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen." Von wem geht also die Bewegung zur Wiedereinführung der Todesstrafe aus? Da ist zunächst daran zu erinnern, daß schon vor einem Jahre eine Tiroler christlichsoziale Bauernorganisation die Forderung nach einer Reform des Strafgesetzes in dieser Richtung forderte. Die in den letzten Tagen neu einsetzende Kampagne mit derselben Tendenz wurde von niemand Geringerem als dem Bundeskanzler Buresch, und zwar gleichfalls m einer christlichsozialen Versammlung eröffnet. Als er von Valuten- und Devisenschiebern sprach, erschollen Zwischenrufe: „Aufhängen!", worauf der Regierungschef sein Bedauern darüber aussprach, daß ihn die Abschaffung der Todesstrafe an dem Vollzug dieses Wunsches hindere. Seitdem ist dieses Thema in der österreichischen Oeffentlichkeit nicht mehr zur Ruhe gekommen. Da aber ein formeller Gesetzesantrag noch nicht vorliegt, braucht man sich vorläufig nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob wirklich auch schon Vergehen gegen wirtschaftspolitische Zwangsmaßregeln zweifelhaften Wertes, wie Verstöße gegen die vielbekämpfte Devisenverordnung, genügen sollen, um das Leben zu verwirken. Mehr zu denken gibt die Tatsache, daß weite Schichten von Staatsbürgern von der Wiedererrichtung des Galgens nichts Geringeres erwarten als die Rettung des Staates. Denn wie der Zusammenhang, in dem in der zitierten Buresch-Versammlung das Wort „Aufhängen" fiel, beweist, erhoffen sich gewisse Kreise von der Strafrechtsreform nicht bloß eine Abnahme der Kriminalverbrechen, sondern viel mehr: Der Henker soll das Wunder wirken, das die Politiker aller Lager mit all ihrer Weisheit bis jetzt nicht zu leisten vermochten: Das Volk von den Nöten zu befreien, an denen es wirtschaftlich, physisch und geistig zugrunde geht. Kann es bei dieser Auffassung wundernehmen, daß gewisse Demagogen im Henkeramt geradezu das erstrebenswert« Ideal ihrer eigenen politischen Mission schätzen? Herr Buresch ist kein Demagog, er ersehnt auch nur eine legale Verschärfung des Kampfes gegen Verbrecher. Aber wir waren noch vor gar nicht langer Zeit mit einem Minister gesegnet, der als solcher öffentlich als Ziel seiner „Politik" angab, daß die Köpfe seiner Gegner in den Sand rollen. Und wer waren diese Gegner? Der betreffende Minister sprach von „Asiaten". Man braucht wohl nicht erst das von einem nationalsozialistischen Minister in Jena gegründete Lehrfach für Rassenkunde zu absolvieren, um zu ahnen, welche Staatsbürger unter diese geographisch-ethnologische Kategorie fallen, die das Unglück hat, dem zitierten „Staatsmann" zu mißfallen. Selbstverständlich sind es wir Juden, die den „Gott der Rache" anbeten und von „alttestamentarischen" Rachegefühlen bewegt werden ... Unsere Gegner aber repräsentieren den „christlichen Kurs". Das ist keine Erfindung jüdischer Bosheit, sondern die offene weltanschauliche Erklärung der Herren selbst. Das Land, in dem sich dieser Kurs zum ersten Male nach dem Umsturz offiziell durchsetzte, war Ungarn. Er begann dort sein Regime mit Massenhinrichtungen im größten Ausmaß. Aber nicht die Menge der „Justifizierten" ist das Entsetzlichste, sondern die Tatsache, daß es hauptsächlich Unschuldige waren, die die politische Kursänderung mit dem Leben bezahlen mußten. Hier trat sofort der Gegensatz zwischen der „christlichen" Auffassung und der alttestamentarischen in die Erscheinung. Während das Alte Testament Auge um Augs, Zahn um Zahn fordert, hielten sich die „erwachenden Christen" tri Ungarn ausschließlich an die N a s e ihrer präsumptiven Opfer. Wenn ihnen diese mißfiel, mußte gleich der ganze Kopf herunter. Mit dem Vermögen solcher Ermordeter sanierten die Erwachenden Magyaren die wirtschaftlichen Nöte — nicht des Vaterlandes, sondern ihre eigenen... Während die heutigen Anhänger der Todesstrafe in Oesterreich sich von deren Wiedereinführung eine Eindämmung der Kriminalverbrechen, eine Sicherung von Gut und Blut der Ehrlichen versprechen, war es in Ungarn, das die Todesstrafe niemals abgeschafft) hat, den geschilderten Verbrecherbanden möglich, über Gut und Blut ehrlicher Staatsbürger zu Ansehen und politischen Würden zu gelangen — als Stützen des christlichen Kurses. Hier beginnt das jüdische Auffassungsvermögen, das sonst nicht eben beschränkt ist, zu versagen. Aber nicht wegen der angeblichen „alttestamentarischen Rachegefühle" — die ungarischen Juden haben sich längst loyal ins neue System eingefügt —, sondern angesichts folgender Tatsache: Wenn ein angebliches oder wirkliches Verbrechen irgend eines Juden der Gesamtjudenbeit angekreidet, als „jüdisch" deklariert wurde, haben die Juden der ganzen Welt sich energisch gegen die Auffassung zur Wehr gesetzt. Im grellsten Kontrast hiezu haben bisher wenige der kirchlichen Repräsentanten des Christentums dagegen protestiert, daß blut- und habgierige Verbrechen größten Stils ganz offiziell im Namen des Christentums begangen und bis zur Stunde noch nicht gesühnt wurden. Der Kampf um die Wiedereinführung der Todesstrafe in Oesterreich vollzieht sich auf wesentlich harmloserem Niveau. Trotzdem fällt die Tatsache auf, daß er von den Repräsentanten einer betont christlichen Politik eröffnet wurde und hauptsächlich geführt wird. Wir registrieren dies ohne gehässige Schlußfolgerungen und Verallgemeinerungen — bloß für den Fall, daß wieder einmal der Versuch unternommen wird, das abgegriffene Schlagwort vom „a 111 e s t amentarischen" Vergeltungstrieb zu Tode zu hetzen. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. ■■■■■■■■■•■>•« Das Elend der Juden im Sowjetreiche. Gelegentlich der Rundreise, die Lunatscharsky vor kurzem in Europa unternahm, um für Sowjetrußland Propaganda zu machen, wurde er sowohl in Wien als auch anderwärts wegen der Politik der Moskauer Machthaber den Juden gegenüber zur Rede gestellt, und er versuchte, diese Politik zu beschönigen, bzw. zu erklären, daß es sich keineswegs um einen Kampf gegen die Juden als solche, sondern um eine Abwehr gegen die „Konterrevolutionäre" handelt. Vor kurzem hat der kommunistische Agitator Otto Heller es unternommen, in einem in Wien gehaltenen Vortrag über die Lage der Juden in Rußland das Bild dieser Situation wesentlich zu retuschieren und in hellen Farben zu zeichnen. Die Nachrichten, die aus dem Sowjetreiche nach dieser Hinsicht hinausgelangen, geben aber ein anderes Bild, und zwar Grau in Grau, Schwarz in Nilglleder und Freunde der „Union" überfragen icbensand Elcmariar- Versldiernngen der Städtischen Vmhherangsanstait