Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 8 (19.2.1932)
- Date
- 1932-02-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064409--18735-3083796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Settr 6 DIE WAHRHEIT schweige denn wohnen. Ein Hofkanzleivortrag vom 10. Oktober 1778 begründete die Gestaltung der Haltung von solchen christlichen Dienstboten mit der Erwägung, daß bei Verweigerung der Erlaubnis den Juden gestattet werden müßte, christliche Diener durch Jüdische zu ersetzen. Die Regierung war also offenbar nur durch die Rücksicht auf die christlichen Dienstboten, welchen sie ihren Unterhalt, auch wenn sie ihn bei Juden finden sollten, nicht entziehen wollte, geleitet. (Fortsetzung folgt.) Gründungsfest der Jugend- Union. Wer die schöne Entwicklung der J u g e n dgruppe der „Union österreichischer Juden" in den letzten Monaten mit Interesse verfolgt hat, der mußte wissen, daß das am 13. d. M. im Festsaale des Etablissements Volksgarten stattgehabte Gründungsfest dieser Vereinigung das werden würde, wozu es seine Veranstalter bestimmt hatten, zu einem gesellschaftlichen Höhepunkt der Tätigkeit der Jugend-Union im heurigen Winter. Diese Tätigkeit ist, wie schon aus den allwöchentlichen Anzeigen in unserem Blatte hervorgeht, eine ungemein vielseitige; Raummangel verbietet uns leider eine eingehendere Besprechung der Arbeiten, die auf allen Wirkungsgebieten der Jugend-Union mit Energie und, wie erfreulicherweise festgestellt werden kann, auch mit Erfolg geleistet werden. Vornehmlich stehen die jeden Dienstag. *A9 Uhr abends im Klublokal (Goldsaal des Cafe Silier, L, Schwedenplatz) stattfindenden politisch-kulturellen Diskussionsabende im Mittelpunkt der geistigen Erziehungsarbeit, die seitens der Jugend-Union im Interesse der österreichisch-jüdischen Jugend geleistet wird. Das Programm dieser Vorträge in den letzten Monaten war, entsprechend den Tendenzen der Jugendgruppe, ein sehr abwechslungsreiches und zog immer wieder neue Scharen von Interessenten an, die bald mit den zahlreichen Mitgliedern und Freunden der Vereinigung in Kontakt kamen und ebenfalls treue Anhänger der Jugend-Union wurden. Aus der Fülle der an diesen Abenden gebotenen interessanten Referaten, an die sich jedesmal eine recht lebhafte Diskussion anschloß, seien erwähnt: Rabbiner Doktor A. Kaminka „Josephus Flavius" und Rabbiner Dr. B. Murmelstein „Bankwesen in talmudischer Zeit", zwei Vorträge, die schon angesichts des hervorragenden historischen Wissens der Referenten gediegene Einblicke in vergangene Zeiten boten. Ein Vortrag, der sich, gestützt auf die Erfahrungen der Vergangenheit mit der Zukunft befaßte, war die Betrachtung Prof. Dr. Richard Korns über das Werk Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes", in dessen schwierige Gedankengänge der Referent seine begeisterten Zuhörer prachtvoll einzuführen verstand. Die politische Note kam in den interessanten Vorträgen von Doktor Ernst Feldsberg „Betrachtungen des Alltags" und des Mitgliedes der Jugend-Union. Herrn cand. jur. Bruno David, „Brüning und Hitler" zum Ausdruck. Die literarische Sektion der Jugend-Union veranstaltete kürzlich einen Autoren-Abend von Dr. Leopold Ehrlich (Hichler), auf dem der durch seinen Erstlingsroman „Moses Mautner und sein Sohn" bestbekannte Autor nach einer Einführung durch Obmann Oskar Hirschfeld und der wirkungsvollen Vorlesung einer seiner Novellen durch S. Taubes selbst Proben aus seinem neuen Roman „Heimweh nach Wien" zum Vortrag brachte. Letzthin wurde auch unter Leitung von Prof. Graf ein Englischkurs eingerichtet, der für Vorgeschrittene und Anfänger jeden Mittwoch, 348 Uhr abends, im Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, abgehalten wird. (Die Einrichtung eines Französisch- Kurses ist für die nächste Zeit geplant) Der Rednerk u r s unter Leitung von Reg.-Rat Dr. Max Lenk findet jeden Dienstag, K8 Uhr abends, im Klublokal statt Auch die Sportsektion (Leitung: Gerti Grün und Andree Kornitzer) arbeitet sehr fleißig: die Turn- und Schwimmkurse erfreuen sich starken Zuspruches. Besonderes Lob gebührt der Wirksamkeit der Vergnügungssektion, die von N. Koffler sehr umsichtig geführt wird. Ihre Veranstaltungen — sowohl die beliebten Klubakademien, als auch die Tanzabende — bieten stets Allerbestes und sind immer ganz ausgezeichnet besucht Der nächste Tanzabend mit künstlerischen Einlagen findet Samstag, den 27. Februar, im Klublokal (Goldsaal des Cafe Silier, L, Schwedenplatz) statt # Betrachtet man die hier nur kursorisch charakterisierte Gesamttätigkeit der Jugend-Union, dann wird der Eindruck von der immer größer werdenden Ausbreitung dieser so tatkräftig arbeitenden Vereinigung, den man auf jedem ihrer Vereinsabende gewinnen kann, noch verstärkt Ein anschauliches Bild von der Popularität deren sich die Jugend-Union in weitesten Kreisen erfreut bot aber vor allem ihr Gründungsfest. Der große Saal war überfüllt und es war ein Publikum erschienen, das tatsächlich die beste Wiener jüdische Gesellschaft repräsentierte. Wie sehr die Jugend-Union heute schon in ganz Wien Fuß gefaßt hat und mit den •karitativen Vereinen aller Bezirke in angenehmen Kontakt steht das konnte an diesem Festabend auch daraus ersehen werden, daß von überall her Vertreter dieser Vereine erschienen waren, um der Jugend-Union Beweise ihrer herzlichen Sympathien zu geben. Neben dem unter Führung des Präsidiums fast vollzählig anwesenden Zentral vorstände der ..Union" und zahlreichen K u 11 u s v o r s t e h e r n bemerkte man unter den Festgästen auch die Herren Rabbiner Dr. A. Kaminka, Rabbiner Dr. M. Rosenmann, Professor Julius Wolfsohh u. v. a. (Rabbiner Dr. D. F eu cht wan g hatte in einem herzlichen Glückwunschschreiben sein Fernbleiben wegen Verhinderung entschuldigt.) So bot sich an diesem stimmungsvoll verlaufenen Abend dem Zuschauer ein ganz prächtiges Bild, das schon rein äußerlich die Veranstaltung zu einer der erstrangigen der heurigen Wiener jüdischen gesellschaftlichen Saison gestaltete. Zu der an dem ganzen Abend vorherrschenden ausgezeichneten Stimmung trug insbesondere das glänzende Programm bei, das der rührige Festausschuß zusammengestellt hatte. Eröünet wurde der Abend durch einen Festprolog des Obmannes Oskar 11 i r s c h f e 1 d, dem durch die Mitglieder der von ihm geführten Vereinigung eine besondere Ehrung zuteil wurde. Von Erwin Engel gut konferiert, boten dann alle auftretenden Künstler wirklich Gediegenes, Franz Engel, Franz Kubesch, Josefine S t r a n s k y, begleitet von Professor Erich Meiler, Staatsopernsänger Anton Arnold, Dario M edina und Richard Eybner lösten wahre Beifallsstürme aus und wurden immer wieder zu Zugaben von dem entzückten Publikum veranlaßt. Zu den Klängen der ausgezeichneten Canada-Band unterhielt man sich animiert bis in die Frühstunden und verließ das Fest mit dem Gefühle, einer besonders gut arrangierten Veranstaltung beigewohnt zu haben. Für das Gelingen des Festes war aber auch wirklich schon viele Wochen vorher emsig gearbeitet worden und insbesondere verdienen diesbezüglich die Bemühungen der Damen Martha Back und Gerti Grün und der Herren N. Koffler, Andree Kornitzer, Walter S t e i 11 e r und Erich Wechsler besondere Anerkennung, die unter Leitung des Obmannes alle Vorarbeiten so präzis erledigt hatten, daß der Erfolg des Abends, der sich denn auch so schön einstellte, schon von vornherein sicher erwartet werden konnte. Die Jugend-Union darf überzeugt sein, daß dieses Fest ihr wieder viele neue Anhänger für die gemeinsame Sache geworben hat. Gemeinde - CAronifi 75. Geburtstag von Chacham Gaster. Chacham Dr. Moses Gaster, der hervorragende jüdische Gelehrte und frühere Rabbiner der spanisch-portugiesischen Gemeinde in London, vollendete in diesen Tagen sein 75. Lebensjahr und war aus diesem Anlaß Gegenstand herzlicher Ehrungen seitens zahlreicher jüdischer Organisationen Englands und des Auslands. Die Londoner Sektion des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts in Wilna hat sicii mit mehreren Institutionen zusammengetan, um den 75. Geburtstag Chacham Gasters festlich zu begehen. Chacham Dr. Moses Gaster wurde 1856 in Bukarest geboren, studierte in Breslau an der Universität und dem Jüdischen Theologischen Seminar und wurde 1882 Lektor für rumänische Sprache und Literatur an der Universität Bukarest. 1885 aus politischen Gründen, insbesondere wegen seines Auftretens gegen die Behandlung der Juden, aus Rumänien ausgewiesen, ging er nach England, wo er zunächst als Lektor iür slawische Sprachen an der Universität Oxford wirkte. 1887 wurde er zum Chacham der spanisch-portugiesischen Gemeinde in London gewählt, die er bis zu seiner Pensionierung (1923) leitete. Gasters wissenschaftlich-literarische Tätigkeit ist außer- [UHlCDischcs HOniüsiichi tM^rttMM V GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99and A 16-9-34 Lieferant fOr Heilanmtalten AbteÜungenifirKoscherfleiscb unter Aufsicht des ehr«. Rabbinates dar Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Seit vielenjahren das anerkannt beste Man achte auf die gas. gesch. Marke „Hyglen. Könlgsllcht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasase 3 Telephon R 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. ordentlich vielseitig. Er schrieb zahlreiche historische und philologische Werke, insbesondere zur Geschichte Rumäniens, seiner Sprache und Literatur. Auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums hat sich Gaster besonders als Folklorist betätigt und als einer der ersten Juden diesen Wissenszweig behandelt. Oberrabbiner Dr. Carlebach über den Schabbos. Im Rahmen der Generalversammlung des Verbandes der Sabbathfreunde „Schomre Schabbos", die am Dienstag, den 1. März 1932. um 7 Uhr abends im Festsaale des Hotel „Bayrischer Hof", IL, Taborstraße 39 (Eingang Obere Augartenstraße), stattfindet, hält Oberrabbiner Dr. H. Carlebach (Baden b. W.) einen Vortrag über das Thema: „Die heutige Zeft und der Schabbos". Der Ruf. den Oberrabbiner Dr. Carlebach als geistvoller Redner genießt läßt eine starke Teilnahme an der Versammlung erwarten. Gäste willkommen! Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien. Montag, den 22. Februar 1932, halb 8 Uhr abends, spricht im Klubsaale der „Hakoah", I., Wiesingerstraße 11 (Cafe Atlashof, eigener Eingang, Souterrain), Hofrat Dr. Siegmund Fuchs über „Aberglaube bei den Juden". Anschließend Rezitationen von Fräulein Margarete Bach. Eintritt frei.. Gäste willkommen. Am 15. v. M. sprach Herr Chiel Barer über „Versuch einer neuen Theorie der Soziologie und ihre Anwendung auf das Judentum". Der Vortragende schilderte einleitend sein Leben und die Umstände, die ihn veranlaßt hatten, sich mit einer Soziologie des Judentums zu beschäftigen. Hierauf skizzierte er in übersichtlicher Weise den Stand des Wissenszweiges der Soziologie, ihre Arten und Abarten. Wenn auch der Vortragende in bezug auf Anwendung seiner Theorien auf das Judentum bewußt oder unbewußt von Otto Weininger beeinflußt zu sein scheint, ein Umstand, den man unbedingt negieren muß. so zeigte er dennoch, was ihm sicherlich zugestanden werden muß, des Oefteren recht originelle Gedankengänge, die auch reiches Wissen bekundeten. Jedenfalls verstand es Herr Barer, durch seine fast zweieinhalbstündige freie Rede das Publikum in Bann zu halten. Am 8. d. fand ein Vortrag des Herrn Rabb. Prof. Dr. J. M. Bach über „Die jüdischen Gelehrten am Hofe Friedrich II." statt In überaus packender Weise wurde vom Vortragenden die eigenartige Persönlichkeit des Hohenstaufen Friedrich II. charakterisiert, der als Herrscher den Juden durchaus feindlich gesinnt war, als Gelehrter hingegen die Pflege der jüdischen Wissenschaft förderte, indem er jüdische Gelehrte an seinen Hof zog. Während der Regent ununterbrochen neue Beschränkungen und Unterdrückungen gegen die Juden ersann, stand er gleichzeitig mit den Tibboniden, der bekannten Uebersetzerfamilie, in freundschaftlicher Verbindung und ließ sich über allerhand biblische Probleme belehren. Diese Begeisterung und das Interesse für die jüdische Literatur hinderten ihn aber keineswegs, die Juden als seine Kammerknechte zu erhöhter Zinspflicht heranzuziehen, um ihnen dadurch den Lebensunterhalt unmöglich zu machen. Der Vortragende wies ferner auf gewisse Parallelerscheinungen in der jüdischen und christlichen Geisteswelt hin und konnte zum Schlüsse auch manche Konsequenzen für die Gegenwart ausfindig machen. Die überaus interessanten und formvollendeten Ausführungen ernteten lebhaften Beifall des zahlreich erschienenen Publikums. jb. Israelitische Kinderbewahranstalt, IL, ScblHamtsgasse. In den Räumen der Anstalt fand am Sonntag, den 14. d. M., eine Festsitzung des) Vorstandes statt Der Präsident des Vereines, Herr Rabbiner Dr. Granwald, gedachte vor allem in warmen Worten des heimgegangenen Vorstandsmitgliedes Konsul Henry Bondy, der durch Jahre dem Vorstand der Anstalt als treuer Mitarbeiter angehört hatte. Selbst ein Zögling der Anstalt, war er zeitlebens bemüht, die Dankesschuld ihr gegenüber in der Form abzustatten, daß er tatkräftig mithalf, diese nunmehr fast 90 Jahre bestehende Institution zum Wohle der jüdischen Kinder Wiens zu erhalten. Es genügte diesem edlen Menschen aber nicht, zu Lebzeiten für diese Anstalt zu sorgen, sondern er verfügte auch noch Jetztwillig, daß eine bedeutende Summe der Anstalt als Legat übergeben werde, damit er auch über das Grab hinaus sein Scherflein zur Erziehung der Kinder beitragen könne. Die Leitung" der Kinderbewahranstalt und. die Eltern der Kinder, die dort untergebracht sind, werden diesem edlen Menschen