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Die Wahrheit · 1932-02-19 · Heft 8 (19.2.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 8 (19.2.1932)
Date
1932-02-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEH Settc % =S=9 „deutschen Nationalismus" der „Union" gefaselt hatte, die Unsinnigkeit dieses Märchens für zionistische Kinder klarlegte. Wir sind, sagte Dr. Ticho, gute Oesterreicher jüdischen Glaubens, für die Jüdischnationalen aber bedeutet ihre „nationale Ueberzeugung" lediglich ein Lippenbekenntnis zur jüdischen Nation. Daß in der Debatte auch immer wieder das alte Schlagwort vom „allgemeinen Wahlrecht" hervorgeholt wurde, wird niemanden Wunder nehmen, der die abgedroschenen Kampfmethoden der Opposition im Kultus vorstand kennt. Hervorragend betätigten sich in dieser Hinsicht die Vertreter der werktätigen Juden, die Kulrusvorsteher Hirschfeld und Stern, von denen der Letztgenannte seine noch mangelnde Vertrautheit mit dem Statut der Gemeinde dadurch bekundete, daß er gar der Ansicht Ausdruck verlieh, daß die Gemeindemitglieder erst von einer bestimmten Kultussteuerleistung an das Wahlrecht erlangen könnten. Als ob man nicht, wie Dr. Ticho ganz treffend ausführte, schon für den Preis einer Tramwaykarte dieses Wahlrecht erwerben könnte. Durch Dr. Ticho und Regierungsrat Oppenheim, der in seinem kurzen Schlußworte zur Generaldebatte auch auf diese Frage zu sprechen kam, wurde wieder einmal der Standpunkt der Majorität bezüglich des allgemeinen Wahlrechtes klargelegt und überzeugend ausgeführt, daß jene, die nicht einmal so geringfügige Beträge in diesen Zeiten der Not der Kultusgemeinde beisteuern wollen, nicht das Recht besitzen, das Schicksal dieser Gemeinde zu bestimmen. Dr. Oppenheim widerlegte auch die Ansicht, daß bei den Löschungen der Steuerkontis und entsprechenden Streichungen aus der Wählerdiste den Betreffenden ein Unrecht zugefügt werde, indem ihnen das Wahlrecht genommen wird. Die Kultusgemeinde, schloß Dr. Oppenheim seine glänzenden Ausführungen, steht und fällt mit dem allgemeinen Wahlrecht!! Auch die Spezialdebatte war diesmal von besonderer Kürze, zu den einzelnen Kapiteln, die 215 Betten mit vollzahlenden Patienten belegt, eine Zahl, die seit langem nicht erreicht worden ist. Der Obmann der Fürsorgekommission Doktor J. K 1 a b e r berichtete über die bisherigen Leistungen der „Notstandsaktion". 4500 Lebensmitfelpakete, 35.000Mahlzeiten und Brotportionen in sechs Ausspeisestellen, 250.000 kg Kohle wurde den Bedürftigen gegeben. Ferner wurde eine Bekleidungsaktion (Kleider, Wäsche, Schuhe uswi) durchgeführt, eine Halbtages-Heimstätte für schulpflichtige Kinder mit Jause eröffnet und eine Aktion „Jüdische Jugend in Not" zu Gunsten arbeitsloser Jugendlicher eingeleitet. In diesen Leistungen sind die normalen Zuwendungen aus den Mitteln der israelitischen Kultusgemeinde (Geldunterstützungen, Mietzins-, Kranken-, Erziehungs- und Kostgeldbeiträge usw.) nicht enthalten. Börserat I. Glück gab in Vertretung des erkrankten Obmannes der Versorgungshauskommission Dr. H.Körner ein anschauliches Bild über die guten Verhältnisse, in denen sich diese Anstalt befindet, und lobte insbesondere die Fürsorge, die Dr. Körner seinen Schutzbefohlenen zuteil werden lasse. Derzeit sind sämtliche 346 Betten belegt. Der Referent gab der Hoffnung Ausdruck, daß es bald möglich sein werde, den geplanten Neubau zu vollenden. Schließlich stellte noch Regierungsrat Doktor Hermann Oppenheim den Antrag, den geplanten Betrag von S 140.000.— für Subventionen auf S 160.000.— zu erhöhen, sowie die Funktion der Ersparungskommission mit den gleichen Vollmachten auf ein Jahr zu verlängern, welcher Antrag angenommen wurde. Der Finanzreferent sprach hierauf dem Büropersonal, insbesondere Herrn Amtsdirektor Regierungsrat Fuchsgelbv Herrn Oberbuchhalter Schäfer für die mustergültige Vorbereitung des Budgets den herzlichsten Dank aus. Mit innigen Worten des Dankes an Regierungsrat Oppenheim für seine gewaltige Arbeitsleistung schloß Präsident Prof. Pick die Sitzung. Dr. Gädemanns Stellang zum Zionismus. In einer gutbesuchten Versammlung der Bezirksorganisation Leopoldstadt, däe unter dem Vorsitze ihres Obmannes, Direktor Kol min, am 11. Februar abends, im Wintergarten des Hotel Continental abgehalten wurde, sprach ObermedizinalratDr. Haase über „Dr. Güdemanns Stellung zum Zionismus". Der Referent, der dem Freundeskreise Güdemanns angehörte, stützte sich bei seinen interessanten Darlegungen hauptsächlich auf die bisher unveröffentlichten Tagebuchblätter des verstorbenen Oberrabbiners, die dem Referenten von der Familie Dr. Güdemanns — die übrigens auch dem Vortrage beiwohnte — zur Verfügung gestellt worden waren. Im Nachstehenden veröffentlichen wir die von Dr. Haase herangezogenen Stellen des Tagebuches im Wortlaute: Bedrängnis zu helfen, worauf es doch nach meiner vorgefaßten Meinung hauptsächlich ankam. Allmählich begriff ich, daß es sich nicht um diesen Punkt handelte, sondern um die Bildung eines Judenstaates. Denn was Herzl nachmals in seiner unter diesem Titel erschienenen Schrift ausgeführt hatte, davon waren in diesem Brief bereits die Grundzüge entworfen. Einer von den Rothschilds sollte zum Fürsten gewählt werden, da dieses Bankhaus seine Bedeutung als Geldmacht ohnehin einbüßen würde. Nach Beendigung der Vorlesung erschien ich mir wie ein sich selbst abhanden Gekommener. Ich war stumm und wußte nichts zu sagen. Ich vermochte kaum aus den entlegenen Fernen, in die meine Gedanken versprengt waren, wieder zu mir zu kommen. Ich erwähne diese meine Haltung ausdrücklich, weil viele Jahre nachher Rabbiner Dr. Werner in München mich fragte, ob es wahr sei, daß ich Herzl nach seiner Vorlesung um den Hals geiallen sei und ihm gesagt habe: „Sie sind unser Messias". Niemals ist eine größere Unwahrheit als diese erfunden worden. In Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt jedesmal nach instruktiven Erklärungen des Finanzreferenten Regierungsrat Dr. Oppenheim angenommen wurden, sprachen nur einige Kultusvorsteher. So urgierte bei Besprechung des Kapitels „Kultus" Börserat Glück die Besetzung des Oberrabbinerpostens und kritisierte das Changement, das seit einiger Zeit bei den Predigten im Seitenstetten- und Großen Leopoldstädter Tempel vorgenommen wird. Für die Besetzung dieser beiden Stellen verlangte der Redner die Ausschreibung eines Konkurses, wogegen sich Kultusvorsteher Pappenheim als der Würde der Wiener Gemeinde nicht entsprechend, wandte. Auch Vizepräsident Dr. J. L ö w e n h e r z trat den Anschauungen des Herrn Börserat Glück entgegen. Bei Beratung des Kapitels „Friedhofwesen" wandte sich Börserat W a 11 u c h neuerdings gegen den Pendelverkehr zwischen dem I. und IV. Tor und zitierte ein diesen Verkehr ablehnendes Gutachten des Rabbiners Babad. Börserat I. Glück und Regierungsrat Dr. H. Oppenheim verwiesen auf die Schwierigkeiten, die einer Lösung dieser Frage angesichts der heutigen tristen wirtschaftlichen Verhältnisse entgegenstehen. Dr. Oppenheim widerlegte auch an Hand von statistischen Daten die Meinung, als ob das Krematorium die Einnahmen der Kultusgememde auf dem Gebiete des Friedhofswesens ungünstig beeinflusse. Baurat WUhelm K e m p 1 e r referierte als Obmann der Spitalskommission über den derzeitigen Stand des Spitals, das Einnahmen von S 600.000.— und Ausgaben von S 922.000.— budgetiere. Von dem letztgenannten Betrage wurden S 200.000.— diesmal auf das allgemeine Fürsorgekonto gebucht, da sie den Gegenwert für die Gratisverpflegung der Gratisbetten darstellen, so daß ein Defizit von S 62.000.— verbleibt. Es besteht aber die Hoffnung, daß auch dieses Defizit wird herabgemindert werden können, da die seit 1. Jänner eingeführte freie Aerztewahl sich gewiß sehr gut auswirken werde. Schon jetzt läßt sich eine günstige Wirkung dieser veränderten Art der Aufnahme von Kranken konstatieren; derzeit sind lillUIM (VORNEHME FAMILIEN - PENSION 1 nRBStanratiofl.HaffBBhaus i täglich 5-Uhr-Tee W «EMMERING^ TELEPHON 11 j§ Hochstraße 43§§ neben Hotel Panhans |§ Mäßige Preisei Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts J Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser || in jedem Zimmer. Auskunft: Wien Telephon u 27-6-24. Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer H Es war im Jahre 1894, im Herbst, als ich einen Brief aus Paris erhielt, der, wie sich nach der Eröffnung ergab, von Dr. Theodor Herzl herrührte. Ich besitze ihn nicht mehr. Ich muß bemerken, daß ich Herzl damals nicht persönlich kannte. Ich kannte ihn nur durch seine in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichten Berichte und Feuilletons. Dr. Herzl gab mir in dem erwähnten Brief seine Absicht kund, sich der bedrängten Juden anzunehmen. Das Nähere behielt er einer mündlichen Auseinandersetzung vor, zu der ich nach Caux am Genfer See kommen und einen Finanzmann, als welchen er mir einen bekannten Wiener Börsenspekulanten bezeichnete, mitbringen sollte. Ich muß sagen, daß dieser Briet insoferne einen tiefen Eindruck auf mich machte, als er das starke jüdische Interesse Herzls bekundete, desgleichen ich von einem Journalisten von Bedeutung bisher nicht wahrgenommen hatte .... Ich antwortete, indem ich meiner Freude über sein jüdisches Interesse Ausdruck gab, erklärte aber, eine so weite Reise aus verschiedenen Gründen nicht unternehmen zu können. Ich fügte hinzu, daß der von ihm namhaft gemachte Finanzmann sich nicht zu einer Beratung eignen wurde, und schlug Dr. Heinrich Maier Kohn zur Teilnahme vor... Ich muß noch bemerken, daß ich die Absicht Herzls, den Juden zu helfen, keinen Augenblick anders auffaßte, denn als eine den Wiener Juden, die damals gerade unter dem aufkommenden Antisemitismus heftig zu leiden hatten, hilfreiche journalistische Aktion . . . Wir trafen uns 1895 in München im Hotel „Zu den vier Jahreszeiten." (Ich habe das Datum vergessen.) Auch Dr. Heinrich Maier Kohn war anwesend. Herzl begann in seinem Zimmer die Vorlesung eines an das Pariser Haus Rothschild abzusendenden Briefes. — Es dauerte länger als eine Stunde. Ich saß dabei wie ein aus den Wolken Gefallener, denn ich wußte nicht, wo Herzl hinauswollte und wie die Pariser Rothschilds imstande sein sollten, uns Wiener Juden aus unserer einem Briefe an meine Frau schrieb ich: „Herzl ist ein Poet, aber die Sache, so interessant sie ist, ist undurchführbar." Dies war der frische Eindruck der Vorlesung. Beim Abschied (am Bahnhof) riet ich Herzl, daß er, ähnlich dem damals erschienenen „Freiland", auch seine Idee in einem Roman verarbeiten sollte. Da würde es sich zeigen, welche praktische Wirkung sie auszulösen vermöge. Herzl hörte mich ruhig an wie einer, der den Vorschlag nicht ganz von der Hand weise. Ich fragte ihn auch, wieso er dazu gekommen sei, sich mit soviel Wärme der Juden anzunehmen, worauf er mir seinen Vater als denjenigen bezeichnete, der ihn in diese Richtung gedrängt habe. Herzl kam öfter nach Baden, wo ich im Sommer wohnte. Er war oft nachdenklich und meinte, daß die Veröffentlichung seines Buches über den Judenstaat ihm seine Stelle bei der „Neuen Freien Presse" kosten könne. „Dann schreiben Sie das Buch nicht", sagte ich. Herzl schien sich aber selbst nicht mehr in der Macht zu haben. Er war der zionistischen Studentenschaft in die Hände gefallen, deren Bedeutung ich bis dahin nicht kannte. Aber sie riß Herzl immer tiefer in sein Projekt hinein. Halb zog es ihn, halb sank er hin. Er wurde auch gegen mich dringlicher und verlangte von mir, ich solle über sein Projekt predigen. Aber ich erklärte ihm, gar nicht zu verstehen, was er wolle. Darauf wurden seine Besuche spärlicher. Gegen Ende des Jahres hielt ich es für meine Pflicht, ihm einen Gegenbesuch zu machen .... Es war am 24. Dezember; ich wurde in ein großes Empfangszimmer eingelassen und fand dort — man stelle sich meine Ueberraschung vor — einen großen Christbaum! Wir traten, Herzl in Begleitung Oppenheimers (auch von der „Neuen Freien Presse") ein. Die Unterhaltung — in Gegenwart des Christbaums — war schleppend und ich empfahl mich bald. Weitere häusliche Zusammenkünfte habe ich meines Wissens mit Herzl nicht gehabt * ... * Allerdings wurde die Sache sogleich sehr ernst, denn in den studentischen Kreisen gärten die Ideen, denen Herzl Ausdruck gegeben hatte. Er wurde von ihnen auf den Schild gehoben, man berauschte sich aneinander, und so brach die mir früher unbekannt gewesene, unter der Asche fortglimmende Bewegung in helle Flammen aus. Die Folge davon war, daß Herzls Besuche ausblieben: Er hatte gesehen, daß ich an dem Rausch unbeteiligt blieb. Ich verstand damals und verstehe auch heute noch nicht, wie ein Jude, der in deutscher Bildung wurzelte, plötzlich dazu kommen konnte, sich aus diesem Mutterboden selbst auszuroden . . . . Noch einmal habe ich Herzl auf der Straße gesprochen; er packte mich scherzweise beim Kragen und hat dazu bemerkt: „Wir werdeii Sie zwingen, mit uns zu gehen", worauf ich ihm sagte: „Sie sind gar kein

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