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Die Wahrheit · 1932-02-19 · Heft 8 (19.2.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 8 (19.2.1932)
Date
1932-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 üie WAtiRHen kreuzes — das ist kein Aufstieg, das ist ein trauriger Abstieg! Schade um diesen bedeutenden Menschen. Auch du, Brutus! Herr Dr. Seipel hätte es wahrlich Am Montag, den 15. d. M., wurde die letzthin begonnene Budgetdebatte im Wiener Kultusvorstand fortgesetzt und auch beendigt. Daß diese Aussprache, die sonst immer drei bis vier Abende in Anspruch nimmt, diesmal an knapp zwei Abenden erledigt wurde, beweist — wenn man nicht diese Sparsamkeit, wie ein Witzbold behauptete, auf das Konto der „Ersparungskommission" buchen will — die Einsicht gewisser Mitglieder des Kultusvorstandes, die diesmal angesichts der schwierigen Lage, in der sich die Gemeinde befindet, zunächst davon absahen, in ihren prinzipiellen Erklärungen zum Budget hochpolitische Phrasen zum Fenster hinaus zu bieten. Insbesondere unterschied sich die diesmalige Budgetrede des Obmannes des zionistischen Klubs Dr. Friedmann sehr wohltuend von seinen früheren ganz auf Parteibedürfnisse eingestellten Ergüssen: er hielt sich ganz im Rahmen der Budgetdebatte, wenn er die Feststellung vornahm, daß die Finanzwirtschaft der Wiener Kultusgemeinde eine sehenswerte und beispielgebende ist. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand die Anerkennung der Tatsache, daß 38 Prozent des Bdugets Fürsorgezwecken gewidmet sind. Der Schluß, den er daraus zog, daß nämlich die Kultusgemeinde sich immer mehr dem von den Zionisten heiß erstrebten Ziele der Einrichtung einer Volksgemeinde nähere, ist wohl ein durchaus falscher. Die Kultusgemeinde hat — gerade von dem ihr innewohnenden religiösen Leitsatze aus — für soziale Zwecke stets einen großen Prozentsatz ihrer Mittel gewidmet; daß dieser Prozentsatz jetzt ein größerer geworden ist, beweist nur die zunehmende Not unter der jüdischen Bevölkerung, der die oberste Repräsentanz derselben selbstverständlich Rechnung tragen..muß.. Hätte auch Herr Mendl S i n g e r, der Sprecher der Poale Zion, sich wie sein Vorredner auf tatsächliche Feststellungen und sinngemäße Anregunnicht notwendig, ausgerechnet aus dem Lager Hitlers Gefolgschaft zu suchen. Oder vielleicht doch? Das wäre sehr bedauerlich!... gen beschränkt, die Budgetdebatte hätte noch kürzer werden können, als sie es wirklich geworden ist Aber Herr Singer glaubte, unbedingt als Bombenwerfer auftreten zu müssen, und wartete mit einer „Sensation" auf, die in Wahrheit nur eine Blamage für ihn selbst war. Er stellte nämlich die ganz unbegründete Behauptung auf, daß die unionistischen Kultusvorsteher schuld daran seien, daß der Kultusvorstand keine einhellige Entschließung gegen das Studentenrecht gefaßt habe, daß also die „Union", weil sie ihren Parteistandpunkt vorangestellt habe, Schuld daran trage, daß die Kultusgemeinde in einer so wichtigen Frage nicht entschieden Stellung genominen härte. Aus den in der Montag-Sitzung abgegebenen Erklärungen der Vertreter der „Union", der Herren Präsident Dr. Jakob Ornstein, Obermedizinalrat Dr. Heinrich H a a s e und Klubobmann Dr. Josef T i c h o ging mit aller Deutlichkeit hervor, daß Herr Mendl Singer mit seinen Vorwürfen gegen die „Union" einfach nur den restlos mißglückten Versuch unternommen hat, die Schuld an dem Nichtzustandekommen einer Kundgebung des Kultusvorstandes gegen das Studentenrecht von der nationalen Seite des Plenums abzuwälzen und sie nach beliebter Methode der „Union" aufzuhalsen. Was hatte sich in Wirklichkeit ereignet? Schon vor geraumer Zeit hatte mit Rücksicht auf die drohende Gefahr der Einbringung eines Studentenrechtes der Obmann des Klubs der unionistischen Kultusvorsteher, Herr Dr. Josef T i c h o, im Kultusvorstand eine Resolution beantragt, in der das Studentenrecht entschiedenst abgelehnt wird, weil es nicht auf dem Boden der Bundesbürgerschaft, also der Gleichberechtigung aller Staatsbürger, sondeoi ^aufuier -Basis der. Volks- oder Stammeszugehörigkeit aufgebaut ist. Man wird zugeben müssen, daß einer solchen ganz klar formulierten Entschließung alle Parteien des Vor- STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III., Rennweg 112, Tel. U I5-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U1Q-4-53 Standes ihre Zustimmung hätten geben können, wenn . . ., ja wenn nicht die Herren Zionisten befürchtet hätten, durch die Annahme dieser Resolution in den sie ständig mit Argusaugen beobachtenden radikalen Kreisen in den Verdacht eines Abrückens von ihrem famosen „nationalen Prinzip" zu geraten. Dieser Parteirücksichten wegen stemmten sie sich gegen die durchaus logische Begründung der Resolution von Dr. Ticho, obwohl es jedermann klar ist, daß diese Begründung das Wesentliche der ganzen Sache ist, und schließlich, wenn protestiert wird, auch gesagt werden muß, warum protestiert wird. Sie glaubten einfach mit bloßem Neinsagen sich helfen zu können, die „Union" aber verlangte von ihnen, wie Präsident Dr. Ornstein in seiner Rede ausführte, daß die Herren, was ihnen sicher unangenehm gewesen wäre, Farbe bekennen. Und weil sie dies nicht taten, deshalb zog Dr. Ticho — wie man zugeben wird, mit vollem Recht — seine Resolution zurück und der Wiener Kulrusvorstand hat in der Frage des Studentenrechtes geschwiegen. Und nun kommen die Herrschaften und rufen: „Haltet den Dieb!" Der Versuch der Abwälzung der Schuld ist aber schon im Keime erstickt worden. Präsident Dr. J. Ornstein wies auf die rastlosen Bemühungen der „Union" im Kampfe gegen das Studentenrecht hin; darauf sagte Dr. Ehrlich, die „Union" haben wir ja gar nicht gemeint, sondern „nur" die unionistischen Kultusvorsteher. Obermedizinalrat Dr. Heinrich Haase rückte dem jüdischen Nationalismus, dessen Entstehung auf Wiener Boden er aufzeigte, in überaus temperament- und wirkungsvoller Weise zu Leibe. Da konnten sich die Herren überhaupt nur mit hämischen Zwischenrufen helfen. Vollkommen an die Wand gedrückt waren sie, als Dr. Ticho die Geschichte seiner Entschließung mit allen ihren Details bekanntgab und gegenüber Herrn Dr. Ehrlich, der in seiner Erwiderung auf die überzeugenden Ausführungen Dr. Ornsteins etwas vom Budgetdebatte im Wiener Kultus« vorstand. Feuilleton Tierschutz. Baron Rittershausen war wirklich ein vielbeschäftigter Herr, trotzdem er nichts anderes zu tun hatte, als seinen Neigungen zu leben. Die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die man Rang und Namen schuldig ist, nahmen den ganzen Tag in Anspruch und raubten ihm den Schlaf vieler Nächte. Seine Hauptpassionen bildeten Jagd und Pferderennen. Auf diesen Gebieten feierte er Triumphe. Sein ganzes Schloß war geschmückt von Jagdtrophäen aller Art. Stolze Vierzehnender, Gemsenhörner und Geweihe seltenster Art erzählen von seinem Weidmannsglück. In mächtigen, altdeutschen Schränken befinden sich Flinten, Pistolen und Stutzen aller Systeme, Hirschfänger und Jagdmesser ergänzen die Waffensammlung. — Welche Lust der Jagdfreude, wenn Hunde das Wild dem geübten Schützen zutreiben, und welch Verdruß, wenn ein Schuß das Tier nur streift, das dann erst wochenlang später den Verletzungen erliegt und verendet im Walde gefunden wird. Heute ist für Baron Rittershausen ein besonders aufregender Tag. Das Derby wird gelaufen, und sein Ehrgeiz brennt, daß sein Stall siegreich endet Mit dem Fernstecher bewaffnet, verfolgt der Baron, in höchster Erregung, den Verlauf des Pferderennens. Mit Sporen und Peitsche werden die edlen Tiere angefeuert, das Tempo zu beschleunigen. Es ist ein Kampf um Leben und Tod. Einzelne Pferde stürzen, die verunglückten Reiter werden auf Baliren fortgeschafft Doch jetzt ertönt jubelnde Begeisterung, die Farben seines Stalles haben gesiegt! Mit Lorbeeren geschmückt, wird das edle Tier, das an allen Gliedern zittert, die vibrierenden Nüstern sind blutig, vom glückstrahlenden Besitzer gekost und liebevoll gestreichelt Ein neuer Sieg auf dem Gebiete der inländischen Vollblutzucht ist mit seinem Adelsnamen verknüpft In angeregter Stimmung, von Sportgenossen und Fachgelehrten begleitet, wird der Sieg in einem Vergnügungsetablissement gefeiert. Mit Kennerblicken werden die einzigartigen Tierdressuren verfolgt, Raubtiere springen folgsam durch brennende Papierreifen. Ein Blick des Dompteurs bändigt die Bestie und, wenn das Kunststück nicht gelingt, genügt ein Stich in die Flanke mit eisernen Gabeln, um die Kunst der Dressur zu vollenden. Aus der Seitentasche des Dompteurs blitzt der Revolver, und wenn es nicht anders geht, muß die tödliche Kugel dem Schauspiel ein Ende bereiten. Manche verdeckte Narbe erzählt von der Gefährlichkeit dieses Berufes. Diese drohende Gefahr erhöht den Nervenkitzel der Zuschauermenge! Inzwischen wird das Souper eingenommen. Es sind auserlesene Gerichte, die den Gaumen reizen. Schildkrötensuppe macht den Anfang. Das Rezept ist bekannt Die Schildkröten werden auf glühende Eisenplatten gelegt, bis das Schildkrötengehäuse so heiß wird, daß die gequälten Tierchen, aus ihrem Gehäuse sich losreißend, den Weg ins Freie suchen. Die Suppe schmeckt zu gut, um sich darüber Gedanken zu machen. — Besonderen Beifall erntet eine Gruppe von Artisten, die mit halbwüchsigen Knaben buchstäblich Ball spielen. Immer höher und schneller kreisend fliegen diese flitterstrahlenden lebenden Fangbälle durch die Luft und immer droht die Gefahr, daß das Gesetz der Schwerkraft seine Opfer fordert Die Krönung dieser Programmnummer bildet die lebende Pyramide. Einer klettert behend auf die Schultern des andern und, auf dem Scheitel des Obersten balanciert, in schwindelnder Höhe ein kleiner Knirps. Wer denkt dabei an die zitternde Angst der Mütter, die diesem aufregenden Schauspiel allabendlich beiwohnen. Ein Trommelwirbel, und plötzlich senkt sich diese aufrechte Gliederkette und droht zu stürzen. Doch, ehe man es sich versieht, erreichen die Mitwirkenden, in schwindelnden Saltomortalen, den Boden. # Reicher Applaus durchbraust das Haus. Als nächste ' Programmnummer folgt eine neue Sensation. Aus einer Höhe von 20 Meter springt ein junges Mädchen im enganliegenden Trikot in ein kleines Wasserbassin, kaum größer als eine Badewanne. Donnerwetter, Mut hat so ein Sportmädel! Die Musik setzt aus, Von Scheinwerfern beleuchtet, schwebt die junge, anmutige Mädchengestalt auf schwankender Strickleiter hinauf zur Absprungstelle. Atemlose Spannung herrscht im Hause! Die stark aufgetragene Schminke verbirgt die Blässe der Künstlerin. Mit wohlberechnetem Kopfsprung springt die Schwimmerin in die Tiefe, um im nächsten Augenblick aus dem Wasser aufzutauchen. Bange Minuten verstreichen, der Mädchenkörper kommt nicht wieder zum Vorschein! Der Vorhang senkt sich! Ein unglücklicher Zufall. Monatelang ist es gut gegangen, eine ungeschickte Bewegung und die Wirbelsäule ist gebrochen. Musikanten spielet auf, das Leben geht weiter! Ein Komiker tritt auf und versucht das Publikum zu amüsieren. Er singt von Wiener Gemütlichkeit, vom goldenen Wiener Herz, und bald ist der Zwischenfall vergessen, der ein junges Menschenleben, bestenfalls, zum Krüppel macht. — Die hochroten Solokrebse munden vorzüglich. Ein altes, bewährtes Küchengeheimnis. Man wirft die lebenden Krebse in siedendes Wasser, so schmecken sie am besten. Selbsterlegte Rebhühner und Fasane bUden das delikate Mittelgericht Schäumender Champagner erhöht die Stimmung und der Rausch der Siegesfreude strahlt aus den aristokratischen Mienen. Inzwischen ist es spät geworden und das schnelle Auto bringt den Baron in sein Palais. Er steuert selbst den schweren Wagen, und fast wäre noch ein einsamer Fußgänger unter die Räder gekommen. Warum passen denn die Leute nicht auf! Auf seinem Schreibtisch liegt seine Ernennung zum Ehren-Präsideriten des Tierschutzvereines. Er hat diese Ehrung sich redlich verdient! In allen Versammlungen hat er sich dafür eingesetzt, daß endlich das (rituelle) Schlachtverbot gesetzlich eingeführt wird. „Das arme Rindvieh!" Mit diesem Seufzer endet dieser anstrengende Tag! 0. N.

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