Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 8 (19.2.1932)
- Date
- 1932-02-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Mjilii'lü|!'3;ijrii:ii!ii;li;: Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLV111. Jahrgang Wien, 19. Februar 1932 Nummer 8 Much du, Brutus! Br. Seipel für das „Studentenrecht". Es muß um die Sache des „Studentenrechtes" nicht besonders gut stehen, wenn sich die Propagatoren desselben genötigt sehen, das schwerste Geschütz aufzuführen und keinen Geringeren als dien Altbundeskanzler Dr. Seipel in höchsteigener Person ins Treffen zu führen. Allerdings hat sich Dr. Seipel bereits einmal für das Gleispach-Czermaksche „Studentenrecht" ausgesprochen, und zwar in einer Kundgebung an eine Studentenverbindung. Damals jedoch handelte es sich um eine mehr theoretische Stellungnahme, da die diesbezügliche Regierungsvorlage noch nicht ausgearbeitet war und man nicht ahnen konnte, daß die maßgebenden Faktoren so sehr den Herren Gleispach und Uebersberger auf den Leim gehen würden. Auch richtete damals Dr. Seipel seine Worte an Studenten — diesmal aber sprach er vor einem anderen Forum, im österreichisch-ausländischen Studentenklub, in Gegenwart fast sämtlicher in Wien akkredierter Diplomaten — mit Ausnahme des amerikanischen Gesandten, dessen Abwesenheit besonders auffiel, — und zwar benützte Doktor Seipel das Thema eines wissenschaftlichen Vortrages über „Nation und Staat", um für das „Studentenrecht" auf rassischer Grundlage in einer Form eine Lanze zu brechen, die deutlich darauf schließen ließ, es handle sich darum, die in der letzten Zeit im Auslande vielfach geäußerten Bedenken gegen das Studentenrecht zu zerstreuen. Es handelte sich somit um eine ausgesprochene Agitationsrede — die allerdings, wie man in informierten Kreisen zu erzählen weiß, ihren Zweck verfehlt habe, da sich die anwesenden Diplomaten von den verschwommenen, pseudo-wissenschaftlichenArgumentendiesVortragenden keineswegs überzeugen ließen, sondern im Gegenteil den Eindruck gewannen, daß da eine hinkende Sache mit lendenlahmen Argumenten verteidigt wird. Diese verschwommene Argumentation, die vielfach rabulistisch-sophistisch anmutete und an das „conrradictio in adjecto" erinnerte, macht es ungemein schwierig, sich mit den Ausführungen des Altbundeskanzlers sachlich auseinanderzusetzen. Wenn Herr Dr. Seipel, der sich in seiner im Jahre 1916 erschienenen Schrift „Nation und Staat" in so scharfer und klarer Weise gegen die Rassenpolitik aussprach, wenn der Prälat Dr. Seipel sich in einen so krassen Gegensatz zur Haltung der katholischen Kirche dem Nationalsozialismus gegenüber stellt, wenn der geistige Führer der christlichsozialen Partei, die gegen den Nationalsozialismus einen Kampf um Todl und Leben führt — wenn also dieser allgemein als geschickt gerühmte Politiker sich dazu herbeiläßt, mit derartigen Scheinargumenten eine schlechte Sache zu verteidigen, so gibt es hierfür nur zwei Erklärungen: entweder ist Herrn Dr. Seipel in seinem Kampf um die Wiedererlangung der Macht jedes Mittel gut genug, um der gegenwärtigen Regierung unangenehm zu werden, und so will er ihr auch aus dem Titel des „Studentenrechtes" gerade jetzt Unannehmlichkeiten bereiten, da sie mehr als je auf das Vertrauen des Auslandes angewiesen ist, — oder aber ist dieses Auftreten Dr. Seipels eine neuerliche Bestätigung der Annahme, daß dieser Staatsmann es wohl versteht, auf außenpolitischem Gebiete Erfolge zu erringen, daß aber seine Innenpolitik stets eine Kette von Fehlern bildet, die schließlich auch seine nächsten Parteifreunde stutzig machen muß. Es ist bekannt, daß Dr. Seipel in innenpolitischer Hinsicht Fehler auf Fehler häufte. So in der Frage des Mieterschutzes, der bürgerlichen Einheitsfront, dt;s Verhaltens nach dem 15. Juli 1927, das zum VERLEIHEN Elektr. Lichtbäder , Thermophore . Faradikusapp. Galvanisationsapp. Bocbfreqnenzapp. Solluxlampen Profundualampen Blanlschtreflektoren Langwellenstrabler Ultiarotlichtlampen nach Dr. B»ar QnarzlicsUampen Bettische „ lieber . bogen . lehnen Kahlapparate Luftkissen Krücken Krückstöcke Zimmerklosette Gehschnlen Siaglingswaagen zum Wiegen Jascbke- und Wasserstrahl-Pumpen Fufl-, Arm- und Sitz- Badewannen Wasserkissen Haartrockner etc. BANDAGEN- MUCO LASCH Bandagen aller Art, SanltHUartlkel, Verbandstoffe, Gnmmlwaren, Krampfadern« rümpfe, Senkfnfielnlagen etc. TabontraBe 11. Telephon R 47-1-85 Kranke nka 38 en u. Anstalten Verlan gen SpezialOffert0 Massenabfall von der katholischen Kirche führte, in der Strafella-Affäre, in der Förderung Starhembergs usw. Alle diese Fehler führten schließlich seine Ausschaltung von der aktiven Politik herbei und seine wiederholte Isolierung innerhalb der eigenen Partei. Wird nicht auch sein Eintreten für das „Studentenrecht" einen solchen Fehlschritt darstellen? Wir wollen uns an dieser Stelle weder die Köpfe der Christlichsozialen zerbrechen, noch die Haltung des Episkopats und des Vatikans dem Hakenkreuzlertum gegenüber dem Prälaten Doktor Seipel vor Augen führen — all das ist nicht unsere Sache und wir müssen es jenen Faktoren überlassen, zu diesem pittoresken Gastspiel Dr. Seipels Stellung zu nehmen. Aber nicht nurals Juden, sondern als Bürger Oesterreichs möchten wir darauf hinweisen, daß Herr Dr. Seipel, der sich selbst als der zukünftige Retter Oesterreichs präsentiert und von seinen unmittelbaren Anhängern als solcher ostentativ präsentiert wird, weder seiner politischen Zukunft noch der Sache Oesterreichs einen guten Dienst erwiesen habe. Herr Dr. Seipel müßte die Mitglieder des diplomatischen Korps für sehr naiv halten, wenn er glaubt, ihnen zumuten zu dürfen, sich von seiner widerspruchsvollen Argumentation überzeugen zu lassen, — diese Zumutung muß geradezu beleidigend wirken! . . . Wir wollen uns nicht näher mit der Frage befassen, ob man im Auslande tatsächlich mit Ungeduld den Tag erwartet, da Dr. Seipel wiederum das Ruder des österreichischen Staatsschiffes in die Hände bekommt, aber sollte dies tatsächlich der Fall sein, dann hat der Herr Altbundeskanzler gerade seinen Freunde» eine bittere Enttäuschung bereitet. Ein Staatsmann großen Formats gibt sich zu einer derartigen Agitation nicht her! Es tut einem in der Seele weh, gerade Herrn Dr. Seipel in Gesellschaft der Hitlerbuben zu sehen. Mit Recht konnte eine Wiener Tageszeitung betonen: „Der christlichsoziale Führer als Wegbereiter der nationalsozialistischen „Belang e'\ sehr im Unterschied zur Haltung seiner Gesinnungsgenossen im Reiche selbst, es ist ein seltsames und bedauerliches Bild. . . ." Ob das Eingreifen Dr. Seipels zugunsten des „Studentenrechtes" dieses vor dem verdienten Schicksal bewahren wird, darüber wollen wir heute keine Prophezeiungen anstellen. In politischen Dingen ist es immer sehr gewagt, auf den gesunden Menschenverstand, auf die Logik, zu bauen, — würden gesunder Verstand und Logik immer ausschlaggebend sein, dann würde die ganze Welt anders aussehen. Sollte es jedoch mit Oesterreich so weit kommen, daß dieses famose „Studentenrecht" jemals Gesetzeskraft erlange, dann werden sich die Folgen innen- und außenpolitischer Natur recht bald einstellen und Herr Dr. Seipel wird dann, vielleicht allzu spät, erkennen, daß sein Eintreten für das Studentenrecht kein — Meisterstück war. Die Rolle Dr. Seipels als Wortführer der Hakenkreuzler erinnert an eine wenig rühmliche Episode vom November 1918. Damals erschien eines Tages der neue „Machthaber" Ungarns, Graf Karolyi, in Belgrad, um vom Kommandanten der alliierten Truppen einen Waffenstillstand zu erbitten. Als Karolyi dem französischen Marschall seine Begleiter als Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates vorstellte, da zuckte der französische Heerführer mitleidsvoll die Schultern und meinte geringschätzend: „So tief seid Ihr schon gesunken!" . . . Ja, Herr Doktor Seipel, unter dem Banner des Haken- Mitglieder und freunde der „Union" ODertraöen Lebensond Elemenlar- Versidieronöen der Siadfisdien Versidieronösansiall