Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1932-02-12 · Heft 7 (12.2.1932) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 7 (12.2.1932)
Date
1932-02-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064401-3064408--18724-3083784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette < DIE WAHRHETf JUGEND^UNION Jugendgrappe der Union österreichischer Juden Morgen Samstag, den 13. Februar 1932, präzise 9 Uhr abends, im Großen Saale des Volksgartens anläßlich des Gründungsfestes der Jugend-Union Künstler-Akademie mit Tanz Rotwein ups per Ltr. S 1.40 und sonst rcichsortiertes Weinlager für jeden Geschmack — In allen Preislagen D. STEINHOF, WffiN II.,HÄIDGASSE 5 Conference: Es wirken u, Anton Arnold, Staatsoper Franz Engel, Simplicissimus Richard Eybner, Burgtheater Else Kaufmann Erwin Engel a. mit Walter Landauer, Radio Wien Dario Medina, Radio Wien Prot Erich MeUer Josefine Stransky Erstklassige Jazzmusik The Canada Band Eintritt: im Vorverkauf S 3.—, an der Abendkassa S 4.— Karten im Vorverkauf: Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Telephon A 19-2-77; Redaktion „Die Wahrheit", IL, Meinestraße 13, Telephon R 46-2-16; Zahnatelier Nat Koffier, IL, Josefinengasse 4, Telephon R 44-7-88, sowie bei allen Koadteemftgliedern. Hindenburg. Auch die deutschen Juden stehen hinter dem Sahm-Aufruf. In diesen Tagen bewegt ein Problem das deutsche Volk, vor dem alle kleineren Zwistigkeiten zu schweigen haben, eine Frage, die für Jahre hinaus für den Frieden und die Wohlfahrt der Gesamtbevölkerung maßgebend sein wird: es handelt sich um die Wahl des Reichspräsidenten. Alle Kreise, die die heutige Staatsform für die allein mögliche halten, unter der. ein Gedeihen Deutschlands selbst unter den heutigen schwierigen Verhältnissen und ein Wiederaufbau möglich ist,' sind sich darüber einig, daß nur ein Mann weiterhin das verantwortungsvolle Amt des Reichspräsidenten bekleiden darf, der jetzige Reichspräsident von Hindenburg. Für die deutschen Juden gewinnt diese Frage — wie das Hamburger „Israelitische Familienblatt" schreibt — noch besonders dadurch an Bedeutung, daß der einzig mögliche Gegenkandidat Hindenburgs nur ein Kandidat der Nationalsozialistischen Partei sein kann, sei es Hitler selbst oder einer seiner Stellvertreter, auf alle Fälle also der Vertreter einer Partei, die offen die Gegnerschaft gegen die deutschen Juden auf ihre Fahne geschrieben hat. Es ist dabei nur selbstverständlich, daß die deutschen Juden bei der Alternative Hindenburg—Hitler sich für Hindenburg entscheiden, und zwar nicht nur für Hindenburg als etwa das kleinere Uebel, sondern aus der ehrlichen Ueberzeugung heraus, daß dieser Mann, der stets auch den jüdischen Volksgenossen in Deutschland volle Gerechtigkeit hat widerfahren lassen, durchaus auch weiter ihres Vertrauens würdig ist. Gerade in den letzten Monaten, in denen polische Spekulanten und Brandstifter glaubten, daß ihre Stunde gekommen sei, und das deutsche Volk in zwei Lager zu scheiden versuchten, wirkte sich die ausgleichende Persönlichkeit des Reichspräsidenten voll aus. Er duldete nicht, daß der Rechtsradikalismus in die Reichsregierung vordrang, mit starker Hand schützte er die Verfassung und sorgte dafür, daß nicht durch politische Winkelzüge und Tricks sich politische Taschenspieler auf „legalem Wege" die Staatsmacht zu verschaffen wußten. Hindenburg ist in sieben Jahren in überparteilicher Weise jedem Deutschen gerecht geworden. Niemals ließ er sich durch die antijüdische Hetze beeinflussen, um dem plumpen Treiben der Feinde der Weimarer Verfassung, die mit den Feinden der deutschen Juden identisch sind, nachzugeben. Es entspricht daher dem innersten Gefühl wohl sämtlicher deutschen Juden, wenn sie in diesen kritischen Tagen alles aufbieten, um die Kandidatur Hindenburgs zu unterstützen. Ein überparteilicher Ausschuß unter Führung des Berliner Oberbürgermeisters Dr. Sahm hat sich gebildet, um Deutschland zur Wiederwahl Hindenburgs aufzurufen. Zu seinen Unterzeichnern gehört auch der Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, Dr. h. c. Wilhelm Kleemann, der von Oberbürgermeister Dr. Sahm als der ihm zunächst stehende Vertreter der jüdischen Bürger Deutschlands neben den Vertretern der anderen Konfessionen zur Unterzeichnung aufgefordert wurde. Von jüdischen Persönlichkeiten, die im öffentlichen J-eben Deutschlands eine führende Rolle spielen, finden sich weiter unter der ausgewählten, an sich geringen Zahl der Unterzeichner des Aufrufes, Professor Max Liebermann als Präsident der Akademie der schönen Künste, und Herr Heinrich Grünfeld als Vorsitzender des Verbandes „des deutsjcl^.^iflzelhai)d.els,. , ... ,;. Wir wissen, schließt das „Isr. Famiüenblatt" seinen Aufsatz, daß unsere wenigen Stimmen nicht maßgebend, nicht ausschlaggebend sein werden, aber wir wollen uns nicht nachsagen lassen, in diesem Augenblicke die Hände in den Schoß gelegt und zugelassen zu haben, daß andere allein über das Geschick Deutschlands, mit dem wir so innig und unauflöslich verbunden sind, entscheiden. « Hitler und der polnische Jude. Der mit illegalen Mitteln unternommene Ver-r such Dr. F r i c k s, als er noch Minister in Thüringen war, Hitler durch Ernennung zum Gendarmeriekommissär in Hildburghausen die Reichsbürgerschaft zu verschaffen, damit er gegebenenfalls seine Kandidatur auf das Reichspräsidentenamt anmelden könne, hat in Deutschland und der ganzen Welt ungeheures Aufsehen erregt; die in diesem Versuche sich widerspiegelnde Taktik der nationalsozialistischen Führung hat überall scharfe. Kritik gefunden. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß Hitler früher einmal den ordnungsmäßigen Weg eines Gesuches um Aufnahme in den Staatsverband für sich abgelehnt hat. Er hat damals geschrieben: „Ich möchte mich nicht in die Reihe der polnischen Juden stellen, um nach einem Rechte zu betteln, das ich mir redlich erkämpfte." Abgesehen davon, daß es auch polnische und andere Juden gibt, welche sich dieses deutsche Staatsbürgerrecht ebenso gut wie Hitler erkämpft haben, wird man den moralischen Anspruch eines Mitkämpfers in der deutschen Armee auf die Staatsangehörigkeit nicht bestreiten wollen, aber schließlich wird auch Herr Hitler verstehen müssen, daß in Deutschland vor dem Gesetz alle gleich sind. «tlllUIMMimiMIHIUISl ■HlllmiulMIWIIIIHIIIUIIIINUII Neue antisemitische Krawalle an der Berliner Universität. Der Senat der Berliner Universität hat sich am Mittwoch, den 3. Februar, mit den Unruhen am 21. und 22. Jänner anläßlich der Asta-Wahlen befaßt und die Verweisung von vier Studenten, von denen zwei dem Nationalsozialistischen Studentenbund und die beiden anderen der Sozialistischen Studentenschaft angehören, beschlossen. Als dieses Urteil am Donnerstag, den 4. Februar, morgens, unter der Studentenschaft der Universität bekannt wurde, brachen die nationalsozialistischen Studenten in die Rufe aus „Heil Hitler",„Juden raus",„Juda verrecke". Dies war das Zeichen zum tätlichen Angriff auf jüdische und jüdisch aussehende Angehörige der Universität. Die jüdischen und anders gesinnten Studenten wurden geschlagen und zum Teil durch die Gänge gehetzt Einem Teil der angegriffenen und verfolgten jüdischen Studenten blieb nichts anderes übrig, als durch die Fenster zu springen, um ins Freie zu gelangen. Durch den Lärm in den Korridoren mußten die Vorlesungen in den meisten Lehrsälen abgebrochen werden. Etwa 30 angegriffene Studenten flüchteten in den Vorlesungssaal von Prof. Wolff, der die Angreifer durch strenge Ermahnung von seinem Lehrsaal fernhielt. Viele jüdische Studenten wurden von den Nationalsozialisten aus den Hörsälen ohne Mantel auf die Straße gedrängt. Bei allen diesen Angriffen stießen die Nazistudenten antisemitische Hetzrufe aus und sangen antisemitische Lieder. In fortschrittlichen Studentenkreisen glaubt man, daß auch dieser Angriff planmäßig vorbereitet war. Die Naziüberfälle und Prügeleien an der Universität dauerten nur kurze Zeit, denn die Polizei, die sehr schnell zur Stelle war, ging energisch gegen die Ruhestörer vor und räumte schnell Wandelhalle und Vorraum der Universität Dabei wurden zehn Studenten, unter ihnen sechs Nationalsozialisten, verhaftet. Als sich die Schlägereien im Vorhof fortsetzten, ließ der Rektor die Universität schließen. Das Urteil des Universitätssenats wird von der fortschrittlichen Presse kritisiert man versteht es nicht, warum neben zwei Nationalsozialisten auch zwei fortschrittlich gesinnte Studenten relegiert wurden, obwohl doch der ganze Skandal von Nationalsozialisten inszeniert worden ist. Das sei, meint die Presse, eine sonderbare „Parität". Das Präsidium des Centrai-Vereines beim Reichsinnenminister Groener. Der Reichsminister Dr. Groener empfing im Innenministerium die Vorsitzenden des Centrai- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Justizrat Dr. Julius Brodnitz, Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil und Syndikus Dr. Alfred Wiener, in Gemeinschaft mit dem Vorsitzenden der Reichsarbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände, Kammergerichtsrat Leo Wolff, dem Vorsitzenden des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Dr. Leo Löwenstein, und dem Staatssekretär Professor Dr. Julius Hirsch, zu einer mehr als eine Stunde währenden Unterredung. Die Herren trugen dem Minister Proben der maßlosen nationalsozialistischen Agitation gegen den jüdischen Teil der deutschen Bevölkerung vor; sie wiesen auf die in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen hierdurch erzeugte Unruhe hin und machten besonders auf die durch die Duldung einer zügellosen Agitation gegen eine religiöse Minderheit entstehenden Folgen für Ruhe und Sicherheit im Innern und das deutsche Ansehen nach außen aufmerksam. Die Erschienen gewannen aus den ausführlichen Darlegungen des Ministers die Ueberzeugung, daß die Reichsregierung die Angriffe gegen die jüdische Religionsgemeinschaft und ihre Bekenner scharf mißbilligt und daß die Regierung fest entschlossen ist, die verfassungsmäßigen Rechte aller deutschen Staatsbürger mit äußerster Entschiedenheit und mit Einsetzung aller Machtmittel za schützen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.