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Die Wahrheit · 1932-02-12 · Heft 7 (12.2.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 7 (12.2.1932)
Date
1932-02-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEH Budgetdebatte im Wiener Kultusvorstand. Früher als in den vergangenen Jahren hat der Wiener Kultusvorstand im heurigen Jahre seine Budgetberatung begonnen; nur ein knapp zweimonatiges Budgetprovisorium, das dem Präsidium vor einiger Zeit erteilt wurde, war zur finanziellen Weiterführung der Agenden erforderlich. Diese Umsicht ist ein Verdienst der unter der hervorragenden Leitung des Herrn Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim stehenden Finanzkommission der Gemeinde und des Büros derselben. Schon am Montag, den 8. d. M., konnte mit der Beratung des Voranschlages pro 1932 begonnen werden, die am nächsten Montag ihre Fortsetzung finden soll. Dabei war die Aufstellung des Budgets diesmal besonders beschwerlich. Abgesehen davon, daß die endgültigen Ergebnisziffern des Jahres 1931 noch nicht vorliegen und nur mit dem Ergebnisse einer zehnmonatigen Verwaltung gerechnet werden konnte, sind die Schwierigkeiten, die sich aus den Zeitumständen ergeben, heuer ungemein große. Denn die allgemeine wirtschaftliche Krise hat bekanntlich auch an den Toren unserer altehrwürdigen Gemeinde nicht Halt gemacht. Undi seit mehreren Jahren ringt dieselbe mit einem Defizit, das immer größer zu werden drohte, ein Zustand, den natürlich eine umsichtige Verwaltung nicht länger dulden durfte. Deshalb wurde schon im vorigen Jahre die (übrigens von dem Mitgliede der ,.Union"-Partei, Herrn Kommerzialrat Moritz Reif, schon vor vielen Jahren proponierte, aber damals leider nicht ins Leben gerufene) Ersparungskommission eingesetzt, die, unterstützt durch das Präsidium der Gemeinde, mit eisernem Willen an ihre schwere Aufgabe, das Defizit zum Verschwinden zu bringen, gegangen ist. Wir erinnern uns der Opposition, die bei der vorjährigen Budgetberatung gegen die vom Reg.-Rat Dr. Oppenheim proponierte Einsetzung einer Ersparungskommission hauptsächlich von zionistischer Seite gemacht wurde. Wir erinnern uns der Bedenken, die dagegen erhoben wurden und die sogar in der Meinung gipfelten, daß damit so eine Art ,.N e b e n r e g i e r u n g" geplant sei. Heute nun werden die damaligen Kontra-Redner eines Besseren belehrt sein. Die Ersparungskommission, geboren aus der Not einer schweren Zeit, hat sich, soweit man dies von einer solchen Zwangsmaßnahme behaupten darf, vollauf bewährt; schon für das Ergebnis des Jahres 1931 hat ihre energische Tätigkeit die entsprechende Auswirkung gefunden. Das ursprüngliche Defizit dieses Jahres war bekanntlich mit S 700.000.— präliminiert, bei der vorjährigen Budgetberatung gelang es, dieses Defizit auf S 502.000.— herabzusetzen und in Wirklichkeit wird es bloß S 71.000.— ergeben, nachdem noch im Oktober dies Vorjahres an ein Defizit von S 155.000.— gedacht war. Das ist eine Leistung, die wirklich anerkennenswert und die nur dem entschiedenen Willen zur Sparsamkeit seitens der kompetenten Stellen zuzuschreiben ist. In diesem Zusammenhange seien gleich die noch unbedeckten Defizite der vergangenen Jahre angeführt. Das Jahr 1929 schloß mit einem Defizit von S 94.841.87 das Jahr 1930 mit „ 137.065.24 dazu das mutmaßliche Defizit pro 1931 „ 71.183.— das Gesamtdefizit der letzten Jahre beträgt also S 303.090.11 ist demnach nicht einmal halb so groß als das ursprünglich für 1931 allein präliminierte Defizit. Wie stehen nun die Aussichten für das Jahr 1932? Darüber gab das eingehende Budgetreferat des Herrn Finanzreferenten Regiefungsrat Doktor Hermann Oppenheim hinreichend Aufschluß. Man kennt die großartige Konzeption dieser Berichte unseres Finanzreferenten. Regierungsrat Dr. Oppenheim arbeitet — wie denn auch anders — mit Zahlen, aber aus diesen Zahlen entstehen Bilder, die sich zu dem großen Gesamtbild vereinigen: Dem Bild einer gut geführten Gemeindeverwaltung in schwerster Zeit. Schon die Anlage des Voranschlages ist eine umsichtige. Das Budget wurde, wie Dr. Oppenheim einleitend ausführte, im heurigegen Jahre von der Einnahmenseite aus aufgestellt, deren Erhöhung nur in einer wesentlichen Post, nämlich bei den Taxen im Friedhofs- und Beerdigungswesen, durchführbar erschien. Auf der {Feuilleton Aus dergeistigenWerkstott eines neuzeitlichen Resch Methiwtha. Eine Würdigung anläßlich des Todestages des Hofrates Prof. Dr. Adolf Schwarz s. A. Von cand. theol. et phil. Josef B a b a d. (Schluß.) Der „Logiker" Schwarz offenbart sich am gewaltigsten in seinem Hexateuch der wissenschaftlich-talmudischen Hermeneutik. Letztere als die Wissenschaft von den Grundsätzen oder Interpretationsregeln, durch die man den zusammenhängenden Sinn der Schrift, wie er ursprünglich gedacht ward, auffinden und feststellen vermag, ist natürlich späteren Datums als die Interpretation selber. Die Feststellung bestimmter hermeneutischer Regeln bedeutet demnach bereits einen gewissen Fortschritt, denn sie setzt nicht vage Interpretationsversuche, sondern bereits ein bestimmtes für Interpretation erlangtes Verständnis voraus. Erst durch die Zusammenfassung solcher Interpretationsregeln zu einem einheitlichen Lehrgebäude ist die Disziplin der Hermeneutik entstanden. Wir finden zwar hermeneutische Regeln schon bei den Auslegern des Homer, bei den griechischen Rhetoren, Sophisten und Alexandrinern, von einer wissenschaftlichen Hermeneutik können wir erst vom Zeitalter der Reformation, da die Beschäftigung mit der Bibel eine rege geworden, sprechen. Schwarz ist der erste, der das entwicklungsgeschichUiche Moment der talmudisch-hermeneutischen Regeln mit besonderem Nachdruck betont, der den Begriff einer „rabbinischen Logik" verwirft, da die Denkgesetze unserem Geiste immanent und bei allen Menschen dieselben seien. Gewiß hatten unsere Schriftgelehrten, die Soferim, lange vor Aristoteles logische Schlüsse erkannt und angewandt. Dies besage aber nicht, daß es eine besondere Logik des Talmud gegeben. So hat beispielsweise der formale Unterschied zwischen dem aristotelischen Syllogismus und dem Kol Wachomer nach Schwarz seine Wurzel in unserer völkerpsychologischen Eigenart. „Wir Juden denken induktiv und schließen enthymematisch." Das scheinbar sprunghafte Denken des Juden sei nicht ausschließlich auf seine rasche Auffassung, sondern auch auf manches unausgesprochen Bleibende zurückzuführen. So gewährt das Enthymem — wie dies besonders kraß durch die vielen „Chaussure-Mechassra" des babylonischen Talmud erwiesen sei — der Ideenassoziation in den Gedankenbildungen des Juden einen großen Spielraum, eine Tatsache, die sich hur dem im Judentum geborenen und erzogenen Exegeten erschließt, dem nichtjüdischen Forscher aber als unausfüllbare Lücke erscheint. Die Zusammenhänge und scheinbaren Widersprüche klarzulegen, das ist also die Aufgabe der Hermeneutik. Denn da die Auslegung keinen anderen Zweck verfolgen könne, als den Geist des Gesetzes aus den grammatikalisch und philologisch erklärten Worten hervortreten zu lassen, müsse die Logik auch für das Religionsgesetz die letzte Instanz, die höchste Autorität sein. „Gewiß waltet in dem Religionsgesetz ein ganz anderer Geist als in dem Staatsgesetze, gewiß strebt die Religion andere Ziele an als der Staat, aber gerade deshalb muß die Schriftauslegung es als ihre höchste Aufgabe betrachten, der Welt zu zeigen, daß in der Bibel der Odem Gottes weht und daß die göttlichen Gebote Vernunft und Weisheit atmen." In dieser Weise ist Schwarz in seinen wissenschaftlichen Darlegungen bemüht, die hermeneutischen Regeln -r- Middoth genannt — als Gesetze der Logik nachzuweisen und ihnen dadurch das denkbar höchste Alter zu verleihen. Die Schwarzachen hermeneutischen Forschungen sind für die Wissenschaft des Judentums epochemachend geworden und haben dem modernen Talmudforscher neue Perspektiven insbesondere für die Entstehung der Halacha eröffnet Auch andere Wissenszweige wurden von dem großen Wiener Rektor gepflegt und bearbeitet In einer seiner Erstlingsschriften wird das jüdische Kalenderwesen einer wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen und u. a. nachgewiesen, daß erst mit dem Auftreten Mosis bei den Israeliten das Mondjahr eingeführt wurde, bis dahin aber das Sonnenjahr seine Geltung hatte. Auch auf dem Gebiete der Tosifta-Forschung hat Schwarz bedeutende Beiträge geliefert; in seiner Tosifta-Ausgabe, die leider noch nicht vollständig im Druck erschienen ist, bezeichnet er als das charakteristische Merkmal der Tosifta ihre Zugehörigkeit zur Mischna und sucht diese seine Theorie in seinem daselbst beigefügten „Hegion- Arje"-Kommentar zu begründen. So wirkte Hofrat Prof. Dr. Adolf Schwarz fast vier Jahrzehnte im Sinne eines wahren Resch-Methiwtha für die Ausbildung junger Rabbiner und Lehrer. Urwüchsige traditionelle Liebe und Begeisterung für den Ideengehalt des Judentums, gepaart mit streng wissenschaftlicher Methode, machten ihn auf dem Gebiete des Talmudstudiums zum einzigartigen Bahnbrecher neuzeitlichen jüdischen Geisteslebens. So leuchtete seinen zahlreichen Schülern das Bild eines Ausgabenseite hinwiederum wurden Abstriche nur im unbedingt unvermeidlichen Ausmaße ins Auge gefaßt, so sollen die Gemeindesubventionen einen durchschnittlichen Abstrich von 10 Prozent erfahren. Man wird diese Mitteilung in Vereinskreisen, vornehmlich in den Kreisen der jetzt so schwer notleidenden Tempelvereine begreiflicherweise mit überaus schmerzlichen Gefühlen aufnehmen, allein wir sind dessen sicher, die Tempelvereine und deren Leitungen werden die innere Ueberzeugung haben, daß die Kultusgemeinde nur unter dem Zwange der Tatsachen Kürzungen bei Subventionierung von Vereinen vornimmt, die wie die Tempelvereine eine so hehre und wichtige Rolle im jüdischen Leben Wiens innehaben. Denn die Kultusgemeinde kämpft wirklich einen schweren Kampf, ihre Einnahmen sind stark reduziert, und so war es unumgänglich notwendig, daß das für diese Zwecke eigens bestellte Komitee, dem Vertreter der beiden großen Parteien angehören, sich mit Streichungen selbst bei notwendigen Institutionen abfinden mußte. Diese Ansicht war eine durchaus einmütige, denn alle diesbezüglichen Beschlüsse des betreffenden Komitees wurden einstimmig gelaßt. Schon die Betrachtung der Hauptpost der Einlialimenseite, der Kultussteuer, die von Herrn Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim vorgenommen wurde, beweist die kritische Situation der Gemeinde. Das mutmaßliche Steuerergebnis pro 1931 im Betrage von S 2,600.000.— dürfte wohl das Präliminare um S 300.000.— überschreiten und sogar das Ergebnis vom Jahre 1930 um mehr' als S 100.000 übertreffen, es ist aber hierbei zu berücksichtigen, daß dieses bessere Ergebnis nur durch die Eintreibung rückständiger Steuerbeträge möglich war. Für das Jahr 1932 ist eine solch starke Eintreibung nicht mehr zu gewärtigen und so wurdie denn auch nur wieder der Betrag von S 2,300.000.— präliminiert. Aus dem Schema der Steuerzahlungen geht aber immer mehr die Pauperisierung des Wiener jüdischen Mittelstandes hervor. Dazu kommen noch die durch wirtschaftliche Zusammenbrüche bedingten Löschungen von ehedem ertragreichen Kontis, alles in allem ein trauriges Bild, das zu den ärgsten Befürchtungen leider nur zu sehr berechtigt. unendlich gegliederten Lebens, eines hellen Intellektes, eines fein kultivierten Geistes und eines für alles Hohe und Edle glühenden, liebevollen und warmfühlenden Herzens entgegen, eines Juden im schönsten Sinne des Wortes, in dem alle Seelenkräfte harmonisch zusammenstimmten, und der es verstand, innerlich wie äußerlich stets ein freier Mann zu bleiben, unbeugsam in der Anschauung, als auch in der Praxis. Mit strenger Präzision hatte er sein Tagespensum eingeteilt und hielt täglich in den frühesten Morgenstunden seine Talmud-, Dezisoren- und homiletischen Vorlesungen. Mit scharfem Blick überschaute er den großen Folianten sowie seine Hörerschar. An ihm konnte man die Erfahrung machen, daß es für einen Lehrer nur eine Altersgrenze gibt nämlich die, wenn er aufhört, Lernender zu sein. Aber Menschen, die mit 70 und 80 Jahren noch lernen, sind die besten Lehrer. So einer war Schwarz. Mit fast prophetischer Gabe schien der 84jährige Rektor sein Ende herannahen zu fühlen, als er beschloß, seine Vorlesungen mit seinem fünfundsiebzigsten Lehrsemester zu schließen. Man kann sich die Stimmung vorstellen, die dieses Vorhaben bei den Hörern der irsraelitisch-theologischen Lehranstalt hervorrief. Daß sie nicht mehr aus dem Munde ihres geschätzten und über alles geliebten Meisters die jugendlich begeisternden Worte vernehmen sollten, dies wollte ihnen gar nicht einleuchten. Sie begaben sich alle korporativ zu ihrem greisen Lehrer und baten ihn, ihr geistiger Vater zu verbleiben. „Kofzoh olaj sikno (Das Alter hat mich übermannt!)", das war die mit fast prophetischer Vision erteilte Antwort dieses Großen in Israel. „Ich kann nicht mehr, ich würde noch sehr gerne weiter lehren und vortragen; denn Lehren und Lernen sind mein Chajus, mein Lebensinhalt. Aber meine Zeit ist um!" Und Tränen rollten auf dem kindlich-gütigen Gesicht dieses herrlichen Menschen, Tränen, die ebensolche den Augen der anwesenden Hörer erzwangen und jeden Wunsch in bezug auf Fortsetzung der Vorlesungen verstummen ließen. Eine Woche später trugen sie ihn zu Grabe, nachdem er nach drei Tage vorher über seinen großen Folianten gebeugt zu ihnen gesprochen hatte. Ein Auserwählter, und wenn wir ihn in seiner Vielseitigkeit betrachten, so müssen wir sagen, einer der herrlichsten Typen des aufstrebenden Judentums ging mit Hof rat Schwarz von dannen. Es gehört zum persönlichen Lebensglück, mit dieser markanten Judengestalt in Verbindung gestanden zu haben. Er war allen teuer, allen lieb, insbesondere seinen zahlreichen Jüngern und Schülern, in deren Herzen die Spuren seines Erdendaseins sich tief gegraben und ein unvergängliches, durch ihre Liebe verklärtes Andenken geschaffen haben. Secher Zaddik Liwrochoh!

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