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Die Wahrheit · 1932-02-12 · Heft 7 (12.2.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 7 (12.2.1932)
Date
1932-02-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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.Preis dieser Nummer 60 Grosehen Jüdische IDodiensdirift mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kiritusgemeinde Wien Hl* ttUrU Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVII1. Jahrgang Wien, 12. Februar 1932 Nummer 7 Abrüstung und Judenhaß. Nach mehr als fünfjährigen Vorbereitungen und Vorkonferenzen hat vor einigen Tagen endlich die große Abrüstungskonferenz in Genf ihren Anfang genommen. Fast sämtliche Staaten haben fhre Delegierten zur Konferenz entsendet und, wenn man nach den Eröffnungsansprachen und den diversen Kundgebungen urteilen wollte, dürfte man sich von dieser Konferenz ein positives Ergebnis versprechen. Allerdings wirkt es tragikomisch, daß zur selben Zeit, da in Genf so feierlich über die Bedeutung und die Notwendigkeit der Abrüstung deklamiert wird, in Ostasien die Kanonen donnern und dort ein „inoffizieller" Krieg vor sich geht, der den klaren Beweis erbringt, daß die Völker noch sehr weit davon entfernt sind, „abzurüsten". Wenn man das bekannte Sprichwoit: „Urteilet nicht nach Worten, sondern nach Taten", als Maßstab anwenden will, dann müßte man eben die Aussichten dieser Konferenz sehr gering beurteilen. Aber trotzdem darf nicht geleugnet werden, daß es den meisten Staaten mit ihrem" Abrüstungswälen ernst ist und daß die Abrüstungsbewegung, selbst wenn ihr auch diesmal ein positiver Eifekt versagt bleiben sollte, immer weitere Kreise zieht Diese Saat wird und muß doch einmal reife Früchte zeitigen — man müßte sonst an der Zukunft der Völker verzweifeln. Wenn es schon nicht die Moral sein sollte, die den Appell an die Waffen als verabscheuungswürdig brandmarken würde, so müßte die schreckliche Wirtschaftsnot die Völker dazu zwingen, die Rüstungspsychose abzuschütteln und dem Krieg als politisches Instrument ebenso ein Ende zu bereiten, wie dies mit der Blutrache, mit der Institution des Zweikampfes nach und nach geschehen ist Es gibt vorläufig kein Forum, das Verletzungen der Ehre und der Interessen der Völker in ausgiebigem Maße hintanhalten könnte. Deswegen der Krieg als ultima ratio! Der Völkerbund, der dieses Forum abgeben sollte, ist noch nicht genügend ausgebaut und verankert. Auch der Internationale Schiedsgerichtshof im Haag erfreut sich noch nicht der wünschenswerten Autorität; gar manche seiner Entscheidungen entbehren nicht eines gewissen politischen Anstriches. Manche Staaten glauben daher, daß ihnen schließlich der Appell an die Waffen nicht erspart bleiben könne und sie daher „für alle Fälle" gerüstet sein müßten. Insolange diese Mentalität nicht verschwinden .wird, werden alle Bemühungen um die Abrüstung zu keinem positiven Ergebnis führen können. Nur wenn die Völker und ihre Lenker von der absoluten Priorität des Rechtsbewußtseins, der Moral und der Gerechtigkeit überzeugt sein werden, nur dann könnten die Abrüstungsbemühungen von dem wünschenswerten Erfolg gekrönt sein. Die Voraussetzung hierfür ist aber, daß die Völker auch in ihrem Innenleben von diesem Bewußtsein beherrscht werben. Insolange es Rassen- und Klassenkämpfe gibt insolange Haß unter den einzelnen Schichten der Völker gesät wird, insolange man immer wieder mit dem Begriff des „Bürgerkrieges" spielt und hierzu aufrüstet — insolange kann von einer ehrlichen Abrüstung der Staaten in ihren Beziehungen zu einander nicht die Rede sein. Die Abrüstung muß überall im Innern beginnen, im eigenen Wirkungskreise. Nur wer den Krieg als politisches Instrument ausschaltet der kann darauf Anspruch erheben, gegen kriegerische Ueberfälle seitens übelwollender Machthaber geschützt zu werden. „Was du nicht willst daß man dir tu', das füg* auch keinem andern zu!"... Zur gleichen Zeit da in Genf die Vertreter der Mächte sich um den grünen Tisch versammeln, um über die Abrüstung zu — deklamieren, hat auch ein „Kreuzzug der europäischen Jugend für die Abrüstung" eingesetzt.. Am 2. Februar wurde dieser „Kreuzzug" gleichzeitig in Le Havre, Calais, Antwerpen und Vtfssmgen durch internationale Kundgebungen eröffnet. Dieser „Kreuzzug" wird auf Initiative des „Internationalen Versöhnungsbundes" (International Fellowship of Recondlation), der nationale Gruppen in mehr als 25 Ländern hat, durchgeführt als eine Kundgebung der Jugend und der Völker für Abrüstung. Entlang der Morgen abends Orflnflnngsfesl der JagendUnion „Heeresstraße" von Le Havre—Calais—Antwerpen —Vlissingen werden in mehr als 150 Orten Kundgebungen veranstaltet. Der „Kreuzzug" findet seinen Abschluß durch eine internationale Demonstration in Genf am 2. und 3. April. Ein Manifest, das bei den Kundgebungen verbreitet wird, fordert von den Regierungen und Völkern sofortige weitgehende Herabsetzung des Rüstungsstandes in Europa und der Welt Ohne die Bedeutung dieses „Kreuzzuges" übertreiben zu wollen, mag gesagt werden, daß diesem zweifellos eine höhere Bedeutung zukommt als den offiziellen Abrüstungskonferenzen — dehn dieser „Kreuzzug" geht von der Jugend aus, von der Jugend, die sich trotz aller häßlichen Erscheinungen der Gegenwart noch einen gewissen Grad von Idealismus bewahrt hat und die über die impulsive Kraft verfügt derartige Bewegungen mit der nötigen treibenden Kraft in Szene zu setzen. Aber welche Schichten der Jugend sind es, die diesen Kreuzzug führen wollen? Aus den Kundgebungen des „Internationalen Versöhnungsbtmdes" ist dies nicht zu ersehen. Wer die Entwicklung der Dinge in den meisten Staaten verfolgt der muß leider erkennen, daß in den meisten Ländern gerade die Jugend es ist, die die Zellen für allen Chauvinismus bildet, daß diese jungen Menschen es sind, die Haß und Kampf predigen und für die der Krieg gegen die Minderheiten und die Schwächeren noch immer ein „Stahlbad" ist ein Beweis für „Heldentum"... Die Jugend, besonders die studierende, ist es in den meisten Fällen, die die Fahne des Judenhasses entfaltet die unter nationalistischem Deckmantel jene giftige Saat ausstreut die das öffentliche Gewissen verseucht, jedes Gerechtigkeitsgefühl mit Füßen tritt und sich unter das Banner der Gewalt schart. Man darf sich nur che häßlichen Vorgänge an verschiedenen Hochschulen in Wien wie in Warschau, m Prag wie in Bratislava, in Berlin wie in Bukarest usw., näher ansehen, um zu erkennen, daß diese Jugend, die heranwachsende Generation, noch sehr weit entfernt davon ist für die Abrüstung reif zu sein. Und wenn der „Internationale Versöhnungsbund" tatsächlich die Jugend für den Abrüstitngsgedanken in Bewegung setzen will, dann sollte er seine Arbeit dort einsetzen, wo sie die Voraussetzungen für einen moralischen Erfolg schaffen könnte. Nur eine Jugend, die keinen Haß kennt und keinen Krieg predigt kann und wird mit Erfolg für die allgemeine Abrüstung wirken können. Gerade dieser Tage ist wie wir an anderer Stelle berichten, aus der Mitte des italienischen Judentums die Anregung zu einer internationalen Konvention gegen den Antisemitismus unter den Auspizien des Völkerbundes ergangen. Die Anregung gipfelt in dem Vorschlag, alle der Konvention beitretenden Staaten sollten sich verpflichten, eine strenge Gesetzgebung gegen antisemitische Ausschreitungen und alle Formen von Judenhaß zu schaffen. Gar mancher wird über diese Anregung lächeln — als ob die Völker und Staaten heute keine anderen Sorgen hätten... Aber dieser Spott ist sehr billig: nicht nur der Verbrauch von Seife ist ein Maßstab für die Kultur der Völker — sondern auch ihre Einstellung zur sogenannten Judenfrage.... Ein Staat der die Ausbreitung des Judenhasses toleriert oder gar begünstigt liefert damit den Beweis, für den Gedanken des allgemeinen Völkerfriedeas noch nicht reif zu sein. Völker und Länder, die m ihrem eigenen Wirkungskreise die Verfolgungen und Entrechtungen gewisser Bevölkerungsschichten ihres Glaubens oder ihres nationalen Bekenntnisses wegen dulden oder fördern, haben kein Recht sich über Unfreundlichkeiten und Bedrohungen seitens mächtigerer Nachbarn zu beklagen. Man muß zuerst vor der eigenen Türe kehren. Abrüstung und Judenhaß schließen sich gegenseitig aus. Nur das Stärken des allgemeinen Rechtsbewußtseins, die Wahrung der Gleichberechtigung aller kann die wirklichen Voraussetzungen für einen wahren Völkerfrieden schaffen. Für eine Abrüstung dieser Art einen „Kreuzzug" zu führen — das wäre die heiligste Aufgabe der Jugend, wenn es ihr mit ihrem Gehaben ernst ist... I. K—I. Mitglieder and freunde der „Union" überfragen Leoens- und Elementar- Versidierungen der Städtischen vercidierangsanstatt

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