Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 6 (5.2.1932)
- Date
- 1932-02-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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fHF WAHRHEIT Seite 5 Städtische Vetsichcrunqsansfalf Direküon: Wien I-, Tuchlauben Nr. S Alle Versicheiimqtzwciqe nicht, ob der Freitagabend im Sommer oder Winter schöner war. Im Sommer ging man nochmals auf die Straße und wanderte durch das Dorf, wo aus allen Judenhäusern die vielen Lichter blinkten. — In den trübsten Stunden seiner Lehr- und Wanderjahre hat das Andenken an die uralten Bräuche, die im Elternhause so sinnig geübt wurden, und der Nachhall der überkommenen jüdischen Melodien, die er so gerne mit Vater und Mutter gesungen, den Vereinsamten getröstet. Vom 6. bis zum 9. Lebensjahre erhielt Berthold nur Unterricht im Hebräischen und lernte in dieser Zeit den ganzen Pentateuch lesen und verstehen. Bei seiner Bar-mizwah-Feier hielt Auerbach in der Synagoge zu Nordstetten eine hebräische Rede. Er sollte Rabbiner werden. Kaum 14 Jahre alt, kam er in die Talmudschule in Hechingen. Nachdem er sich hier zwei Jahre dem Studium hingegeben, setzte er dieses an der Karlsruher Talmudschule fort, wo er zugleich das Lyzeum als Hospitant besuchte. Auf der Universität Tübingen, die er 1832 bezog, schloß sich Auerbach der Tübinger Burschenschaft an. Aber schon fingen die deutschen Regierungen an, die Burschenschaftler zu verfolgen und als Auerbach zum Rabbinatsexamen sich meldete, wurde er als ehemaliger Burschenschaftler nicht zugelassen. Da er einen anderen Beruf nicht ergreifen konnte, wurde er Schriftsteller. Die erste Arbeit, die er veröffentlichte, war eine jüdische; er gab ihr den Namen „Das Judentum und die neueste Literatur". In diesem Werke setzte sich der junge Schriftsteller mit Vergangenheit und Gegenwart, Freunden und Feinden des Judentums auseinander und erstrebte die Emanzipation seiner unterdrückten Qlaubensbrüder. Hierauf vollendete er den Roman „S p i n o z a" und gedachte auch, die Mendelsohnsche Zeit in einem geschichtlichen Roman darzustellen. Zum Helden dieses Werkes wählte er den unglücklichen Epigrammdichter Ephraim Moses Kuh, der dem Wahnsinn verfallen war, und nannte sein Buch „Dichter und Kaufmann". Aber der erhoffte Erfolg dieser beiden Qhettoromane blieb aus: auch die nun folgende Uebersetzung sämtlicher Schriften Spinozas brachte ihm mehr Mühe als Anerkennung, wenn auch an Auerbachs Grabe der Aesthetiker Fr. Th. V i s c h e r diese Uebersetzung „nicht den letzten Goldschmuck in seinem Ehrenkleid, nicht das kleinste Blatt in seinem Lorbeerkranz" nannte. Schon begann der Dichter an seinem Talent zu zweifeln, da glückte ihm ein Werk, das seinen Dichterruhm begründete: seine „Schwarzwälder Dorfgeschichten" (1843), die ein ganzes Heer von Nachahmern hervorriefen, in fast alle Kultursprachen übersetzt wurden und stehen diese als künstlerische Schilderungen des Volkslebens geradezu unerreicht da. Mit großer Begeisterung hat damals Ferdinand Freiligrath Auerbach in einem herrlichen Gedicht gefeiert: „Das ist ein Buch! Ich kann es Dir nicht sagen, wie mich's gepackt hat recht in tiefer Seele." Von jetzt ab betätigte sich Berthold Auerbach vor allem als deutscher Schriftsteller. Trotzdem aber vergaß er niemals, was er dem Judentum und dessen Schrifttum verdankte und trat bei jeder Gelegenheit warm und mannhaft für seine Glaubensgenossen ein. Nach dem großen Erfolge der Dorfgeschichten schrieb er an Freiligrath: „Ich muß Dir auch noch sagen, daß es mir besondere Freude macht, daß es mir, einem Juden, gelungen ist, etwas aus dem Innersten des deutschen Volksgeistes zu offenbaren .... Ich komme oft auf dieses Thema, aber Du weißt nicht, lieber Freiligrath, was ein Judenkind auf der Welt zu dulden hat: auch ich habe viel, viel geduldet, und gottlob, die reine Menschenliebe hat den Sieg davongetragen und soll ihn behalten." Dem großen Mediziner Theodor BÜIroth, der gegen die jüdischen Aerzte auftrat, trat er in einem offenen Schreiben entgegen und widerlegte seine gehässigen Anwürfe. Er hatte auch die feste Absicht. Richard Wagners Schrift „Das Judentum und die Musik" zu bekämpfen. Gegen einen Ritualmordprozeß in Rußland veröffentlichte er im Jahre 1879 ein ernstes Wort unter dem Titel „Kannibalische Ostern". Die judenfeindliche Bewegung in den Siebzigerjahren des verflossenen Jahrhunderts bereitete ihm tiefsten Herzenskummer; er empfand den Antisemitismus als größte Schmach und Kränkung. Er erwog ernstlich den Plan, in einem jüdischen Roman die Geschichte einer jüdischen Famile in den Zeiten von 1815 bis 1870 darzustellen und daran zu zeigen, wie haltlos und ungerecht die antisemitischen Anwürfe und Verleumdungen gegen die Juden sind; auch trug er sich mit dem Gedanken, das Leben Moses Mendelsohns, des milden Weisen aus Dessau, poetisch darzustellen; doch kamen diese Pläne nicht mehr zur Ausführung. Das letzte, was der nahezu siebzigjährige Dichter drucken ließ, war ein öffentlicher Dank an den katholischen Professor Döllinger, der in einem Vortrage über die Geschichte der Juden wacker für die Juden eingetreten war. Die Erkenntnis abnehmender Schaffenskraft, ein getrübtes Eheleben. Krankheit, und nicht zuletzt eben das Wiedererwachen der judenieindlichen Bewegung in Deutschland, unter welcher der warmherzige Patriot unverdient und darum um so schwerer litt, zehrten an seinem Lebensmark, so daß er mit dem Leben längst abgeschlossen hatte, als er am 8. Februar 1882 in Cannes, wo er Erholung suchte, zur ewigen Ruhe einging. Wenn auch die Werke Auerbachs, die seinen Weltruhm begründeten, vor allem die „Schwarzwälder Dorfgeschichten" und die Zeitromane „Auf der Höh", „Ein Landhaus am Rhein", „Waldfried", das Idyll „Barfüßele" und viele andere keine jüdischen Stoffe behandeln und auch keineswegs jüdische Personen und Typen darstellen — die Motive und das Milieu sind der württembergischen Heimat entnommen — so schöpfte er bei der Behandlung und Verwertung seiner Stoffgebiete aus der reichen Midrasch-Literatur des Judentums eine Fülle von Legenden, Parabeln. Gleichnissen und Weisheitssprüchen, die er in den bunten Teppich seiner Dorfgeschichten hineinwob. Auch der lehrhafte Ton, den er hier vielfach anschlug, klang ihm zuerst aus jenen uralten jüdischen Erbauungsbüchern entgegen. Darum sind doch die Grund- und Untertöne, die aus Berthold Auerbachs Romanen und Idyllen erklingen, jüdische Musik. Und deshalb darf sich das Judentum seiner anläßlich der Wiederkehr des 50. Todestages in dankbarer Verehrung erinnern. Er gehört zu den besten Söhnen unseres Volkes und von ihm gilt — ireilich im anderen Sinne als es der Autor gemeint hat — das Wort, welches P. Rosegger über Berthold Auerbach gesprochen hat: „Ein Mann, der je einmal seinem Volke etwas bedeutet hat, der ist und bleibt ein Baustein in dem Gebäude dieses Volkes." Benutzte Literatur: B. Auerbach. Gedenkblatt zum 28. Februar 1882 (Berlin 1883), Jüdische Geschichte in Charakterbildern von S. Müller S. 333 if. Rabb. Dr. Alired Willmann, Nikolsburg. Veröffentlichungen der „Union" Die Jugend-Union (Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden") gratuliert ihren Mitgliedern Pauly Fellner und Erich Wechsler auf das allerherzlichste zu ihrer Verlobung. Verstärkte Versammlungspropaganda der „Union". Das am 31. v. M. abgelaufene Versammlungsverbot hat im vergangenen Monat wie alle anderen politischen Parteien natürlich auch die „Union" in ihrer Versammlungstätigkeit stark gehemmt. Nach der diesbezüglichen Verordnung waren nur Mitgliederversammlungen erlaubt, so daß größere Veranstaltungen entfallen mußten. Es beweist nun die Anziehungskraft, die die Tätigkeit der „Union" auf weiteste Kreise der Wiener Judenschaft ausübt, daß selbst diese kleinen Versammlungen ganz ausgezeichnet besucht waren und die Mitglieder zu denselben immer wieder Gäste einführten, unter denen die „Union" neue Anhänger werben konnte. Dieser Erfolg der Versammlungspropaganda der „Union" ist auch darauf zurückzuführen, daß in allen Versammlungen der letzten Zeit Probleme zur Erörterung gelangten, die jetzt besonders aktuell sind'. Daß insbesondere hierbei die Not des jüdischen Mittelstandes, der Wirtschaftsantisemitismus und die von solchen Gefahren bedrohte Lage des Wiener Judentums besprochen wurden, begegnete allseits starkem Verständnis und erhöhte düe Werbekraft dieser Veranstaltungen. Die Unter der rührigen Leitung des Obmannes Direktor Gustav Kol min unermüdlich arbeitende Bezirksorganisation II der „Union" veranstaltete in den letzten Tagen zwei Sprengelversammlungen, für die das einleitend Gesagte besonders gilt. In der im Restaurant A. Barschak stattgehabten Versammlung sprach Dr. Lenk, in d!er in der Milchhalle K. Deutsch veranstalteten Versammlung Dr. Feldsberg. Beide Referenten wie auch die Diskussionsredner beschäftigten sich mit der furchtbaren Wirtschaftsnot des österreichischen Judentums, von der insbesondere der jüdische Mittelstand' immer mehr ergriffen wird. Diese durch die tristen allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse bedingte katastrophale Situation wird noch erschwert durch den immer stärker werdenden Wirtschaftsantisemitismus, der sich hauptsächlich im Boykott äußert. Die Redner registrierten die teilweise erfolgreichen Bemühungen der „Union" im Kampfe gegen den wirtschaftlichen Boykott und führten auch sonst Beweise für die intensive Abwehrtätigkeit der „Union" an. Diese Bestrebungen können aber nur dann dauernd wirksam sein, wenn die „Union", die einzige jüdischpolitische Abwehrorganisation, sich auf ein geeintes österreichisches Judentum stützen könne. Hier sei aber trotz aller drohenden Gefahren nur Zersplitterung und Parteilichkeit zu bemerken, woran nicht zuletzt die nationalen Aspirationen der Zionisten Schuld tragen. Die Redner kritisierten die zweideutige Haltung dieser Partei in der wichtigen Frage des „Studentenrechtes", eine Haltung, die um so unverständlicher ist, als die Zionisten heute schon die Gefährlichkeit ihrer Minderheitspolitik eingesehen haben müßten. Das Programm der „Union" biete die einzige Gewähr für die Sicherheit des jetzt so bedrohten österreichischen Judentums. Eine besonders eindrucksvolle Kundgebung war die am 27. v. M. im Cafe L o v r a n a stattgehabte Versammlung der Bezirksorganisation III/XI der „Union". Der kürzlich hier besprochene Vortrag des Herrn Rabbiner Prof. Dr. K. Kupfer über Popper-Lynkeus hatte die Aufmerksamkeit weitester Kreise der Landstraße auf die Tätigkeit dieser von Obmann Ing. H. Koditschek geleiteten Bezirksorganisation gelenkt und so war auch die vorwöchentliche Veranstaltung vorzüglich besucht. Auch hier kam die Not des jüdischen Mittelstandes und der Wirtschaftsantisemitismus zur Erörterung, die von Dr. Lenk als Referenten und Prof. Dr. K. Kupfer als Korreferenten vorgenommen wurde. Dr. Lenk veranschaulichte neuerlich die Gefährlichkeit der jetzigen Situation, wobei ihm der am gleichen Tage erfolgte Rücktritt des Kabinetts Buresch geeignete Gelegenheit zur Besprechung der antisemitischen Einflüsse bot, die sich auch in Regierungskreisen zeigen und in der Studentenrechtsvorlage ihren ' besonderen Ausdruck finden. Er kritisierte scharf jenen Teil der Rede Bialiks, der sich mit der Einfühlung der Juden in Sprache und Kultur ihrer Umwelt befaßte, und wies auf das entschiedenste die Behauptung zurück, daß die Juden in der Sprache eines anderen Volkes nicht heimisch werden könnten und im Dienste „fremder" Kulturen von der Gefahr bedroht seien. Kulturparasiten zu werden. Eine solche Auffassung, die übrigens, wie die Höchstleistungen vieler Juden in Sprache und Kultur ihrer Umwelt beweisen, leicht zu widerlegen ist. kommt der gleichgerichteten Ansicht unserer Feinde entgegen, deckt sich z. B. vollkommen mit der Anschauung des Herrn Unterrichtsministers Dr. Czermak, der bekanntlich vor einiger Zeit in einer Rede den Juden die deutsche Sprache nur als Umgangssprache, nicht aber als Muttersprache konzedierte. Prof. Dr. K. Kupfer besprach ebenfalls die bedrohliche Situation, in der sich das Wiener Judentum derzeit befindet, und appellierte an die Versammlung, den wahren jüdischen Geist, insbesondere in der Jugend, mehr als bisher zu pflegen. Die dien interessanten Referaten folgende Diskussion war sehr lebhaft, an ihr beteiligten sich unter anderem Präsident Dr. J. O r n s t e i n, Dr. Ernst Feldsberg und Sekretär Oskar Hirschfeld. Stellenvermittlung der „Union". Praktikant oder Praktikantin für Wirkwaren En gros und En detail, nicht über 14 Jahre alt, wird gesucht. Voraussetzung: Gute Schule, pedant und pünktlich. Anfragen zu richten an das Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Telephon Nr. A 19-2-77.