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Die Wahrheit · 1932-02-05 · Heft 6 (5.2.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 6 (5.2.1932)
Date
1932-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Bffi WAHRHEIT S«tta des C.-V., daß trotz aller Energie der Behörden derartige entwürdigende Vorfälle nur dann in Zukunft unterbleiben werden, wenn die gesamte Oeffentlichkeit sich mit Entrüstung von Menschen abwendet, die den Aufenthalt in der Universität zu derartigen politischen Exzessen mißbrauchen. Die Art des Angriffes und des Benehmens der nationalsozialistischen Studenten war so roh und hinterhältig, ihre nachträgliche Verteidigung bei der Vernehmung und in ihrer Presse ist so feige, daß selbst ehrliche Gesinnungsgenossen der Nationalsozialisten keine Gemeinschaft mehr mit ihnen halten wollen. Prag und Preßburg. Am 29. Jänner demonstrierten die tschechischen Mediziner in Prag in zwei großen Versammlungen für einen Numerus clausus für Ausländer. Die Versammlungen arteten in judenfeindliche Kundgebungen aus, wobei jüdische Studenten, die sich der Ausländer annahmen, verprügelt wurden. Auch die Hörer der Technik, die für die Ausgestaltung ihrer Hochschule in der Stärke von ungefähr 1000 Mann demonstrierten und zum Wenzelsplatz zogen, stießen fortwährend Rufe gegen die Ausländer und gegen die deutschen Hochschulen aus. An der Universität Preßburg fanden am 30. Jänner Kundgebungen statt, die gegen die ausländischen jüdischen Studierenden gerichtet waren. An der medizinischen Fakultät unterbrachen die Studenten unter großem Lärm die Vorlesungen und forderten die Entfernung der polnisch -jüdischen Studenten. In einer Versammlung wurde eine Resolution gefaßt, in der erklärt wird, daß die polnisch-jüdischen Studenten nicht mehr in d5e Lehrsäle gelassen werden sollen und daß, wenn dies nicht möglich «ein sollte, ein Studentenstreik proklamiert werden soll. Etwa 50 Studenten drangen später in ein Kaffeehaus ein, wo sie mehrere polnisch-jüdische Studenten aus dem Saale drängen, wobei es zu Skandalszenen kam. jrhanden sind, wird erer Zeit zugestehen Die blau-weiße Bialik-Woche. Er selbst, B i a 1 i k, der überragende hebräische Dichter und geistige Exponent der auf palästinensischem Boden lebenden Juden, sei außer Streit gestellt. Er, dessen unübertreffliche dichterischen Schöpfungen auch uns erschüttern, er, dessen hohes Wollen und ernstes Streben für die geistige Wiedergeburt einer hebräischen Kultur auch wir, ja vielleicht gerade wir voll zu würdigen verstehen, er, dessen Warnung, daß „die geistige Ausrottung Hand in Hand geht mit den Rufen nach Auflebung im volkstümlichen Sinne, Sozialismus, Nationalismus und Zionismus" in unserer Erinnerung lebt, sei nicht in den Streit des Tages hinabzogen. Ihm, dem allumfassenden Geist, billigen wir die „dichterische Freiheit" zu, auch Gegensätzlichkeiten in sich zu vereinigen. Bialik, der dieser Tage in Wien in seiner großen Konzerthausrede es als einen „verhängnisvollen Irrtum bezeichnete, wenn man glaube, in die Sprache eines anderen Volkes gleichsam hineinschlüpfen, umdarinheimischwerdenzukönnen", ist doch derselbe, der im Herbste des Vorjahres auf der Warschauer „Tarbuth(Kultur)-Konferenz" antwortlichen Arrangeuren dieser blau-weißen Woche. Ob sie den angekündigten Zweck, die Popularisierung des hebräischen Buches in der Judenschaft unserer Stadt, fördern wird, ob sie die Depression im zionistischen Lager zu lindern vermag, ist zweifelhaft, 7. w eifellos aber ist, daß sie dem Herrn Czermak und Genossen zu reiner Freude und hoher Genugtuung ge- YORNEDflE FAMILIEN - PENSION HBstaBratioD.RaffßBöaDS I täglich 5-Uhr-Tee SEMMER1N6 | TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans | Mäßige Preise. Zimmer mitPensionS 12.—aufwärts §§ Zentralheizung fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. m ABSkull: Wien Tefepfera D 2I-8-24. B Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer ir^mmmt^^m ^^lÄä^W^ :■■::•■>*-HS|tV.- i^." ^®iiy^§i^ii ^'f^ÄBfi .w ^Siiilli^* Das Gebot der Stunde, Steht der Untergang des Judentums bevor? Während diese Frage von theologischer, bzw. rabbinischer Seite optimistisch verneint zu werden pflegt, tauchen in jüngster Zeit Propheten auf, die auf ein solches Mene-tekel hinweisen. Zu ihnen gehört Otto Heller, dessen Buch „Der Untergang des Judentums" neuerdings Aufsehen erregt. Die Frage, ob mit einem Untergang des Judentums in absehbarer Zeit zu rechnen ist, läßt sich gegenwärtig weder im bejahenden noch im verneinenden Sinne beantworten, daß jedoch Anzeichen eines Niederganges v jeder objektive Beobachter unsff müssen. Als eine der wesentlichsten Ursachen des Zerfalles darf die heutige Wirtschaitsnot gelten. Der Kaufmannsstand, dem sich das Gros der Unsrigen verschrieben hat, erleidet zur Zeit d8e stärkste Belastungsprobe. Existenzen schwinden, ohne daß man heute sonderlich Notiz davon nimmt. In Generationen angehäufte Vermögen und Güter zerfließen wie nach einem Urgesetz. Zurück bleibt eine brotlose, deklassierte Menge, „Luftmenschen" nach moskowitischem Sprachgebrauch. In dieser Menge befindet sich — schutzlos und dem Verderben preisgegeben — ein großer Teil unserer Glaubensbrüder. Die Wohlfahrt, die diesen Existenzlosen zu Hilfe kommt, kann nicht viel ausrichten, da sie unzulänglich ist. Unübersehbar ist bald die Zahl derer, denen der Selbstmord die einzige Lösung aus dem Dilemma schien. Ohnmächtig steht der Staat, ohnmächtig steht die Gemeinde diesem Verhängnis gegenüber! Aber nicht nur das wirtschaftliche Elend allein ist schuld am Niedergange des Judentums. Von jeher war es der Geist, der uns als festgefügte Einheit in Drang und Sturm über Jahrtausende trug. Dieser jüdische Geist war die Grundfeste, an der alle Verfolgung zerschellte, und dieser jüdische Geist ist — geschwunden! Und hierin haben wir die Ursache unseres Niederganges zu erblicken. Nicht Taufe, nicht Mischehe, nicht der Antisemitismus, sondern das Schwinden des jüdischen Geistes, das Schwinden der Solidarität ist die Ursache des Verfalls! Ist das Judentum vor seinem Untergange zu retten? Ja, es ist zu retten, wenn seine Bekenner rechtzeitig die Augen vor dem gähnenden Abgrund Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt eine tiefe Verbeugung vor der ideologischen Assimilation machte, der „das deutsche Judentum, das die Zunz', die Geiger's hervorgebracht hat, als das einstmals schönste Judentum" bezeichnete, der „die große schöpferische Assimilation" feierte, „die auch das Judentum bereichert hat", der sogar den getauften Heine eine „nationale Mission" erfüllen läßt, „indem er sich bis in die Knochen in das Leben der anderen Völker hineingefressen hat." — Erklärt mir, Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur! Ist Heine, Börne, sind Auerbach, Wassermann, Zweig, Feuchtwanger, Brod, Schnitzler, Beer- Hoffmann wirklich nicht in der deutschen Sprache, ist Edmund Fleg nicht in der französischen Sprache heimisch geworden? Sind sie samtund sonders Kulturparasiten? Freilich, sie haben nicht für die „hebräische Kultur" geschaffen, aber sie haben, um mit Bialik zu sprechen, nicht auch eine „fremde Kultur bloß eingesogen", sondern in ihrer eigenen deutschen, französischen Kultur geschaffen, sie bereichert, an ihr mitgearbeitet. Da ist uns denn doch das Urteil des Nichtjuden Mückle maßgebender, der aus seiner Kenntnis des Westjudentums von dem Anteil der Juden an der Kultur des Abendlandes Erquickliches zu melden weiß. Doch wir wollten und wollen ja nicht mit dem Dichter Bjalik rechten, der in der Umwelt, in der er lebte und lebt zu einem Fehlurteile über das westeuropäische Judentum kommen konnte, die Weit nur durch seine Brille zu sehen vermag, zumal es ihm sich doch ausschließlich um die Förderung einer hebräischen Kultur, um die Propagierung des hebräischen Buches handelte. Rechten wollen tind dürfen wir nur mit den v e rreichen wird, jenem Dr. Czermak, der das Jiddisch nicht als deutsche Mundart anerkennt, der dreist behauptete, daß uns österreichischen Juden die deutsche Sprache nicht Mutter-, sondern nur angelernte Umgangssprache sei, und dem ohne weiteres die Worte Bialiks vom Kulturparasitentum und von dem Irrglauben der Juden, in der Sprache eines anderen Volkes heimisch werden zu können, in den Mund gelegt werden könnten. Die Herren Nationaliuden, die sich in diesem Lande nur als temporäre Gäste inmitten eines fremden Wirtsvolkes fühlen und dieses Gefühl auch ihrem jugendlichen Anhang beizubringen suchen, sollten denn doch — nicht zum mindesten in ihrem eigenen Interesse — ein wenig Rücksicht nehmen auf die Empfindungen und Bedürfnisse ihrer jüdischen Brüder, die hier in diesem Oesterreich ihre dauernde Heimat gefunden haben, der sie mit all ihrer Treue und Liebe zugetan sind, und die hier nicht in einer fremden, sondern in ihrer eigenen, ihrer deutschen Kultur leben und wirken. Nicht wir sind es — wie uns tadelnd gesagt wurde —, die Mißbrauch treiben, selbst Mißbrauch mit Prophetenworten. Wir werden uns auch fernerhin an Jeremias' Mahnung halten und uns vor allem um das Wohl unseres Staates und unserer Stadt kümmern, mit deren Wohlergehen auch unser Wohl verbunden ist. Dagegen mag es ein zumindest ungewöhnlicher Gebrauch des nur dem Dienste Gottes geweihten ehrwürdigen Hauses gewesen sein, es als Schauplatz von Menschenvergötterung anzukündigen. Wir Juden sind frei von Heffigenkult. Im religiösen Leben. Im modernen nationalen Leben mag es anders sein ... ml. öffnen! Reden wir ungeschminkt, dieweil die Stunde, die auf „Sturm" steht, es erfordert. Wenn wir nicht dem fluchwürdigen Egoismus zu Leibe gehen, so haben alle guten Reden, sei es im Lehrsaal, sei es von der Kanzel herab, keinen Zweck! Das Gebot der Stunde heißt: \ Solidarität! ' Eine Soldarität. die keine Grenzen zwischen Bruder und Bruder kennt. Ein jeglicher von uns — eingedenk unserer Vergangenheit und der Verdienste unserer Väter — stelle sich in den Dienst der jüdischen Sache; niemand stehe zur Seite! Was bedeuten die Vorteile des einzelnen, wenn es um die Gesamtheit geht?! Ein Geist hat alle Bekenner des Judentums zu erfüllen. Jeder aber hat dbrt, wo er lebt und webt, seine Pflicht zu erfüllen. Und jeder, der das Judentum nicht nur im Munde, sondern auch im Herzen führt, wird wissen, was diese Zeit höchster jüdischer Not von ihm fordert. Wie viele Tränen könnten getrocknet, wie viel Elend gemildert, wie viele Familien erhalten bleiben, wenn an Stelle egoistischer Begrenzung wahres jüdisches Gefühl die Herzen leitet! Dann erretteten wir Seelen vor Verzweiflung', dann führten wir die Jugend zurück zu jüdischer Gesinnung und entrissen sie dem Radikalismus! Dann retten und bewahren wir d'as Judentum vor dem Untergang! Uebet Solidarität! _John Jacobsohn. Beziehet usdvsrbraitetBiRWabrbeit! >>'» «s. *V3>.«VV V

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