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Die Wahrheit · 1932-02-05 · Heft 6 (5.2.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 6 (5.2.1932)
Date
1932-02-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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aeite 2 DIE WAflRHEll denkender christiichsozialer Führer, wie K u lisch ak, dazu herabläßt, eine antisemitische Hetzrede vom Stapel zu lassen; wenn auch der sonst vornehm tuende Landwirtschaftsminister Doktor Doilfuß es sich gefallen läßt, daß man Juden aus dem Saale jagt, wenn der Herr Minister einen Vortrag hält — dann dürfen sie und ihre Hintermänner sich nicht wundern, wenn das Hitlertum sich in Oesterreich breit macht und wenn das Hakenkreuz immer stärker sein Banner entfaltet. Sie werden die Geister, die sie riefen, nicht so leicht los werden; aber wie im Falle Schober wird es vielleicht schon zu spät sein, um das angerichtete Unheil abzuwenden. Das „Zu spät!" war ja seit jeher das Verhängnis Oesterreichs... Soll es immer so bleiben?'.... Dr. K. T a u b. •■■«■•«■•■■■■■■■■■■■■••«■■•«••■•«<•••■••■•••■••••■■< Die Vorgänge an den Hochschulen. Erfolgreiche Protestaktion der „Union österreichischer Juden". Wieder ist es an Wiener Hochschulen zu umfangreichen Ausschreitungen hakenkreuzlerischer Studenten gegen die jüdischen Studierenden gekommen, deren Ursache, die Furcht vor einer Entfernung des Herrn Ministers Dr. Czermak aus dem Kabinette, wir an leitender Stelle besprechen; von einer Veranlassung kann ja auch diesmal wieder nicht die Rede sein. Eine Schilderung des skandalösen Treibens der Radaustudenten erübrigt sich wohl, da die Tagesblätter darüber bereits ausführlich berichteten. Mehrere jüdische Studenten wurden, von den Hörsälen kommend, verletzt, manche darunter recht erheblich, so daß sie mit dem Rettungswagen zur Unfallstation gebracht und dort verbunden werden mußten. Die Situation vor dem Anatomischen Institut, wo eine gewaltige Uebermacht einige wenige jüdische Studenten gefährlich attackierte, war so bedrohlich, daß sogar ein Norwehrakt vorgefallen ist. der wohl glimpflich verlief. Die „Union österreichischer Juden" hat unter dem Eindrucke der jüngsten Ausschreitungen an den Wiener Hochschulen an den Unterrichtsminister Dr. Czermak das folgende Schreiben gerichtet, das, wie aus dem die energische Stellungnahme des Rektors billigenden Erlasse des Ministeriums zu ersehen ist, dort nicht ohne Widerhall geblieben ist: Herr Bundesminister! Die Vorgänge der letzten Tage an der Hochschule für Welthandel, an der Wiener Universität und am Anatomischen Institut veranlassen uns. Ihre Aufmerksamkeit neuerdings darauf zu richten, daß die jüdischen Hörer und Hörerinnen an den Wiener Hochschulen schutzlos dem Wüten radaulustiger Hakenkreuzstudenten ausgeliefert sind. Wir können in Zukunft nicht mehr ruhig zusehen, daß unsere Söhne und Töchter an den Wiener Hochschulen, die durch die SteuergekJer der Bundesbürger ohne Unterschied der Konfession erhalten werden, dafür, daß sie mit Eifer und Ernst düe Vorlesungen, die Bibliothek, die Institute und Seminarien besuchen, von rohen Gesellen beschimpft, verprügelt und an ihrer Gesundheit gefährdet und geschädigt werden. Die in der „Union österreichischer Juden" vereinigten österreichischen Bundesbürger fordern d!as Unterrichtsministerium als die kompetente Stelle auf, dringendst jene Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, auch auf akademischem Boden, der, dem bisherigen Usus gemäß, der polizeilichen Obhut entzogen ist, ihre lerneifrigen Kinder vor Uebeltätern zu schützen. Es ist derOeifentlichkeit nicht bekanntworden, daß das Unterrichtsministerium trotz unseren wiederholten Vorsprachen wegen der auf akademischem Boden von antisemitischen Studenten begangenen strafgesetzwidrigen Vergehen Vorsichtsmaßnahmen getroffen hätte, um den fast regelmäßig wiederkehrenden Ueberfallen auf jüdische Hörer und Hörerinnen vorzubeugen. Im besonderen lenken wir die Aufmerksamkeit des Herrn Ministers auf die Vorgänge vom 27. d. M. abends, die während der Vorlesung des Bibelforschers Dr. K a m i n k a von Hakenkreuzstudenten verursacht wurden. Es gehört schon ein besonderes Maß von Roheit dfazu, auch ältere Damen und Herren, die sich unter der Zuhörerschaft befanden, zu beschimpfen und durch Drohungen in Angst und Schrecken zu versetzen. Union österreichischer Juden. Der Präsident: Dr. Jakob O r n s t e i n m. p. Der Schriftführer: Reg.-Rat Dr. Max Lenk m. p. Gleichzeitig übermittelte -die „Union" eine Abschrift dieses Schreibens an den Landeshauptmann S e i t z und an den Rektor der Universität, Hof rat Prof. Dr. Maresch. In der letzterwähnten Zuschrift spricht die „Union" ihre Genugtuung darüber aus, daß Rektor Hofrat Maresch im Gegensatz zu manchen seiner Vorgänger die disziplin- und strafgesetzwidrigen Ueberfälle von antisemitischen Gruppen auf vereinzelte Hörer und Hörerinnen in der schärfsten Weise mißbilligt und als Feigheit gebrandmarkt hat. Sie verweist darauf, daß sie im Interesse des Ansehens der Wiener Universität und zur Vermeidung einer Verschärfung der Gegensätze bisher ihren ganzen Einfluß eingesetzt habe, um die jüdische Hörerschaft von Maßnahmen der Selbstwehr abzuhalten. STEININDUSTRIE CARL BENEDICT ueZrjale: III., Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof,3. Tor, Tel. U10-4-53 lieber die in dem Protestschreiben der „Union" erwähnte Störung einer Vorlesung des Bibelforschers Dr. Kaminka machte Herr Rabbiner Dr. ArimandK a m i n k a folgende Mitteilungen: Seit dem Jahre 1926 halte ich im Rahmen des Maimonides-Instituts an der Wiener Universität bibelexegetische und religionsphilosophische Vorlesungen. Das Universitätsrektorat erteilt alljährlich die Genehmigung der Abhaltung dieser Vorlesungen, denen nicht nur Studenten, sondern auch ältere Damen und Herren, die sich für religionsphilosophische Probleme interessieren, beizuwohnen pflegen. Zu meinen Vor- . lesungen. die rein wissenschaftlichen Charakter haben und vollkommen objektiv gehalten sind, pflegen sich katholische, evangelische und jüdische Hörer einzufinden, und zwischen allen herrscht das beste Einvernehmen. Meine letzte Vorlesung, die sich mit den Dialogen im Buch Hiob beschäftigte, war zufälligerweise schwach besucht. Es waren kaum fünfzehn Damen und Herren anwesend. Während des letzten Teiles meiner Vorlesung kamen in kleineren Gruppen ungefähr dreißig junge Männer herein, die heitig die Tür zuschlugen und geräuschvoll Platz nahmen, mich aber im letzten Teil meiner Ausführungen nicht weiter störten. Ich glaubte zunächst, die fremde Gruppe sei hereingekommen, um gegen meinen Vortrag zu polemisieren, und ich wäre selbstverständlich zu jeder Diskussion gern bereit gewesen. Kaum aber hatte ich zu Ende gesprochen, als die zuletzt Gekommenen den Ausgang besetzten, das Licht abdrehten und ein antisemitisches Lied sangen. Dann riefen sie im Sprechchor „Juda. verrecke!" und stießen gegen meine Hörerschaft und mich Drohungen und Beschimpfungen aus. Hierauf schalteten sie wieder das Licht ein. Da sie ungefähr doppelt so zahlreich waren als mein Auditorium, waren die Damen und Herren, unter denn sich auch der holländische Konsul befand, wehrlos den Insulten ausgesetzt. * Die Vorgänge an der Berliner Universität. Vorbeugende Maßnahmen des Central-Vereins. Der Central -Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich im Hinblick auf die skandalösen Vorgänge der letzten Woche an der Berliner Universität umgehend mit den studentischen Organisationen und mit den Behörden in Verbindung gesetzt. Der Direktor des C.-V., Dr. Ludwig Holländer, und der Syndikus des Landesverbandes Groß-Berlin, Dr. Hans Reichmann, wurden von dem Hoch schulreferenten des preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung und dem Rektor der Berliner Universität, Geheimrat Prof. Dr. L ii d e r s, empfangen. Beide Herren sprachen ihr tiefes Bedauern über die Vorgänge aus, die das Ansehen der Universität und dl es deutschen Namens herabsetzten. Es wurden von ihnen wie auch von der Polizei energische Maßnahmen zugesagt, die eine Wiederholung derartiger Vorgänge zu unterbinden geeignet sind. Allerdings glauben wir, heißt es in einer Mitteilung Peuitleton Aus dergeistigenWerkstatt eines neuzeitlichen Resch Methiwtha. One Würdigung anläßlich des Todestages des Hofrates Prof. Dr. Adolf Schwarz S.A. Von cand. theol. et phil. Josef Babad. Es ist am 27. Schewat ein Jahr geworden, seitdem ein Godsul, eine Leuchte der modernen Talmudwissenschaft, voti dem irdischen Schauplatz seines segensreichen Wirkens abberufen wurde. Mit Hofrat Professor Dr. Adolf Schwarz, dem unvergeßlichen Rektor der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt hat das Wiener Judentum eine Persönlichkeit verloren, die es in dieser an innerer Zerklüftung überreichen Zeit kaum entbehren kann. Kraft seiner idealen Seelenharmonie, die erfüllt und gepaart war mit glühender Liebe zum jüdischen Schrifttum und gleichzeitigem modernen Forscherdrange, strahlte das Phänomen Schwarz einen Zauber auf jung und alt aus, der die unverwüstliche, nie versiegende Kraft echtjüdischer Religiosität neu erleben ließ. Wie ein Fels inmitten brandender Fluten stand die hehre Gestalt dieses Wiener Gaons da, der in dem sozialen Wirrwarr unseres materialistischen Zeitalters die Fahne des jüdischen Idealismus hochhielt und so kommenden Generationen die zu bahnende Richtung einer hoffnungsvolleren Zukunii wies. Kein Ereignis politischer oder sonstiger Art konnte ihn auch nur einen Augenblick in seiner Ueberzeugung von den geistigen, moralischen und sozialen Werten des Judentums schwankend machen. Unentwegt sein Leben und Streben, junge Kräfte Tür den Dienst an de- Wissenschaft des Judentums heranzubilden, um mit ihnen an der Hebung jüdischen Bewußtseins in Nah und Fern zu wirken. Diese erhabene Sendung, die er in sich fühlte, wurde getragen durch sein persönliches Vorbild, die urwüchsige Frömmigkeit und religiös-eindeutige Konsequenz, die all seinen Jüngern idealste Richtschnur und Wegweiser ward. All diejenigen, die ihn unmittelbar beobachten konnten, wurden von einer fast heiligen Scheu vor dem Manne ergriffen, der rastlos für eine Sache des Judentums wirkte, die Stärkung des jüdischen Lebensnervs bedeutet. „Nicht das jüdische Volk hat die Thora, sondern umgekehrt, die Thora hat das jüdische Volk erhalten", das war die Parole, die er seinen Jüngern und Schülern wiederholt einschärfte. Nur der hingebungsvollen Pflege des Schrifttums und der Regsamkeit und Frische seiner nimmer rastenden Thoraforschung verdanke Israel seinen viertausendjährigen Bestand. Denn „die wahre Größe eines Volkes hängt nicht von seiner Seelenzahl ab", sondern von dem Reichtum seines geistigen Schaffens. Wenn Mose Israel das kleinste aller Völker (IV. B. M. cap. 7, Vers 7) nenne, obgleich er es kurz vorher (ebend. 4, Vers 6—8) als ein in den Augen der Völker durch seine Weisheit und ganz besonders durch seine Thora als groß geltend bezeichnet habe, so habe er uns damit für ewige Zeiten eine Wahrheit verkünden wollen, die wir nicht tief genug beherzigen können, die Wahrheit nämlich, daß wir den Geist der Thora pflegen müssen, wenn wir von unserer Größe nichts einbüßen wollen. „Die historische Größe eines Volkes ist nicht durch kriegerischen Ruhm und nationale Heldentaten bedingt, sondern sie hängt im letzten Grunde von den Leistungen ab, mit welchen es den geistigen und sittlichen Fortschritt des ganzen Menschengeschlechtes geförcert hat." Welche Fülle konnte diese reiche Natur dem Judentum geben! Ueberzcugt, daß die Wurzel jüdischer Begabung und Leistung im Judentum selber liege, sah Schwarz die Brennpunkte jüdischer Errungenschaft in der Synthese altererbten jüdischen Kulturgutes mit den zeitgemäßen Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung. „Die Verbindung, welche der jüdische Geist mit den Ergebnissen der Wissenschaft stets einzugehen vermag, die Einheit welche er zwischen seinem ureigenen Besitz und den bleibenden Errungenschaften der menschlichen Gesamtheit in einer unlösbaren Form zustande bringt, die in allen Epochen der Weltgeschichte zutage tretende Spontaneität hat uns in unserer ursprünglichen Eigenart erhalten und sichert uns einen dauernden Bestand im Leben der Völker." Darnach wären die größten Männer Israels Synthetiker gewesen; so bereits Mose, der die ihm seitens seiner Mutter zuteil gewordene Erziehung im angestammten Glauben mit der höchsten Bildung seiner Zeit, wie sie am ägyptischen Hofe gepflegt wurde, verband. Eine Synthese ähnlichen Charakters stelle auch Maimonides, der Geistesheros des mittelalterlichen Judentums, dar; in ihm tritt ja der Lehrgehalt der jüdischen Tradition seinem ganzen Umfange nach mit den Kulturelementen jenes Zeitalters in harmonische Verbindung. Mosaischrabbinisches Judentum und arabische Kultur, die eine Art von Symbiose in der spanisch-jüdischen Epoche führen, sind in den Werken Maimunis in vollendetster Form vereinigt und kennzeichnen den „Sohn des mit der Kulturwelt im engsten Zusammenhang stehenden Israel". Ueberhaupt ist der für logisches Denken und Ordnung begeisterte Talmudforscher Schwarz ein glühender Verehrer des Verfassers des „Mischneh-Thora", jenes Werkes, das als eine Systematik der mosaischtalmudischen Gesetzeslehre bezeichnet werden darf. In einer besonderen anläßlich des 700. Todestages Maimunis veröffentlichten umfangreichen Arbeit würdigt er die Komposition dieses Werkes, dessen Verhältnis zum Talmud und Stellung zur halachischen Exegese. (Schluß folgt)

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