Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 5 (29.1.1932)
- Date
- 1932-01-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064406--18708-3083766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Srtt«* 6 DIE WAffRHFIT Jugoslawien kennt keine Antisemitismus. In seiner Rede anläßlich der Eröffnung der neuen Legislaturperiode des Senats Jugoslawiens erklärte der erste Präsident des Senats, Dr. Ante Pavelic, u. a.: „Bei uns gibt es keine Minoritätsfragen in scharfen Formen. Wir kennen auch den Antisemitismus nicht als eine Bewegung. Bei uns gibt es keine Aktion, die der Ausdruck eines Rassen- oder Religionshasses wäre. In unserem Lande herrscht für jeden volle Freiheit für die Ausübung des Religionsbekenntnisses." Ueberau Pression. In der letzten Sitzung der Repräsentanz der Warschauer Jüdischen Gemeinde wurde von der von der Agudas Jisroel geführten Mehrheit ein Antrag auf Zuwendung von je 10.000 Zloty für Ker-en Hajessod, Keren Kajemeth und Hechaluz — wie dies in früheren Jahren geschah — abgelehnt Die Zionisten erklärten, daß sie das Gesamtbudget ablehnen werden. Die Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Der Ausschuß für Einwanderungsfragen des amerikanischen Senats stimmte einem Gesetzentwurf zu, wonach Männer oder Frauen von amerikanischen Einwohnern außer der normalen Einwanderungsquote in das Land kommen dürfen. Sollte der Kongreß der Vereinigten Staaten diesen Entwurf annehmen, so würde dies eine Erlösung aus einer schweren Zwangslage für tausende und abertausende Juden und Jüdinnen in den osteuropäischen Ländern sein, deren Gatten, bzw. Gattinnen seit mehreren Jahren in Amerika wohnen und sich dort eine Existenz geschaffen haben. — In den Jahren 1921 bis 1930 sind unter insgesamt 4,107.209 Einwanderern 339454 Juden in die Vereinigten Staaten gekommen. Von in dem gleichen Jahrzehnt aus den Vereinigten Staaten ausgewiesenen 92.157 Personen waren 1756 Juden. Nur 9 Prozent der deportierten Juden haben sich kriminelle Akte zu Schulden kommen lassen. Bevorstehende Schließung der „Nur"-Zündholzfabrik. Seitens der Leitung der Zündholzfabrik „Nur" in Acco wird erklärt daß die laut Regierungsverordnung von 1929 am 1. Jänner 1932 in Palästina eingeführte Steuer für Herstellung und Verkauf von Zündhölzern so hoch ist, daß sich die Zündholzherstellung nicht mehr rentiert und daß die Fabrik wahrscheinlich bald wird geschlossen werden müssen. Die allein von der Fabrik zu leistende Steuer hat sich von 3750 Pfund im Jahre 1931 auf 6250 Pfund im Jahre 1932 erhöht JKnüeiiHreius am Werft Der Kampf um jüdisches Recht — ein Kampf um deutsches Ansehen. Anläßlich der Hauptvorstandssitzung des Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die am 17. Jänner in Berlin unter starker Beteiligung stattgefunden hat, fanden als Auftakt am 16. d. M. drei große Versammlungen in Berlin statt, in denen Vorkämpfer für die Idee des Centrai-Vereines, auswärtige und Berliner Persönlichkeiten, zu den politischen Tagesfragen Stellung nahmen. In allen drei Versammlungen wurde einmütig die folgende Entschließung angenommen: „Die Mitglieder des Central-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, zu drei Groß-Berliner Kundgebungen versammelt, erklären einmütig, daß sie fest entschlossen sind, ihre ganze Kraft gegen jeden Angriff auf ihre staatsbürgerlichen Rechte einzusetzen. Die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ist die Grundlage aller modernen Verfassungen. Ihre Durchbrechung wäre Rückfall in Barbarei. Das Maß der Beschimpfungen, dem die deutschen Juden gegenwärtig ausgesetzt sind, überschreitet das selbst in den politisch erregtesten Zeiten erlaubte Maß in außergewöhnlicher Weise. Die deutschen Juden richten darum an die gerecht Denkenden aller Glaubensbekenntnisse, an die für die politischen Geschehnisse im deutschen Vaterlande Verantwortlichen, an die Führer der Nation die Aufforderung, sie in diesem Kampfe ums Recht, der gleichzeitig ein Kampf für das deutsche Ansehen in der Welt ist, zu unterstützen." Ein faakenkreuzleriscfaes Bubenstück. Ein Teil der Front des der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gehörigen Tempelgebäudes in Wien XVIII., Schopenhauerstraße 39, ist in der Nacht vom 17. auf den 18. Jänner d. J. m i t O e 1farbe beschmiert und mit den Worten „Juda verrecke" beschrieben worden. Durch die Gebäudeverwaltung der Kultusgemeinde wurde die Uebertünchung des betreffenden Frontteiles veranlaßt. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat diesen Tatbestand der Bundespolizeidirektion Wien mit dem Ersuchen zur Anzeige gebracht eingehende Erhebungen zu veranlassen, um solchen eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft und Beschädigungen des Eigentums der Kultusgemeinde involvierenden Handlungen vorzubeugen. Wieder eine Friedhofschändung. Auf dem jüdischen Friedhof Buttenheim-Hirschaid wurden 67 Grabsteine umgeworfen und zum Teil sehr schwer beschädigt Der Sachschaden ist sehr bedeutend und wird auf tausende von Mark geschätzt. Als Täter ist der nationalsozialistische Kleingütler Kaiser aus Seigendorf ermittelt worden. Die Tat erregt bei der Bevölkerung der ganzen Umgebung großen Abscheu. Die Meine Gemeinde hat eine Aktion eingeleitet, um den Friedhof wieder instandzusetzen, was ihr aus eigenen Mitteln unmöglich ist. Schächtverbot in der Stadt Moses Mendelssohns. Der Gemeinderat von Dessau hat gemäß einem Antrag der nationalsozialistischen Fraktion mit großer Mehrheit beschlossen, das Schächten nach jüdischem Ritus im Städtischen Schlachthaus zu verbieten. Jahrmarktpogrom in Kropszyn. In dem Städtchen Kropszyn bei Kalysz fand am vergangenen Dienstag der Jahrmarkt statt, zu dem sich jüdische Kaufleute aus verschiedenen Städten eingefunden hatten. Schon am frühen Morgen hetzten Agitatoren die Jahrmarktbesucher gegen die Juden. Die Menge warf sich über die jüdischen Händler, schlug mörderisch auf sie ein und raubte die Warenstände aus. Unter den Händlern, die ihrer Waren vollkommen beraubt worden sind, befinden sich auch zehn Kaufleute aus Kalysz. Sie erzählen, daß die Polizei sehr spät am Tatort erschien und nichts gegen die verhetzte Menge ausrichten konnte. Erst der Feuerwehr, die mit Spritzen heranrückte, gelang es, die Huligans zu vertreiben. Um 12 Uhr mittags war vom Jahrmarkt nichts mehr als die Trümmer der Verkaufsbuden zu sehen. Gemeinde - €llronift Paul M. Warburg gestorben. Paul M. Warburg, der hervorragende Finanzmann, Schöpfer und Organisator des American Federal Reserve System, ist in der Nacht von Sonntag zu Montag in seiner New Yorker Wohnung einer schweren Erkrankung im Alter von 63 Jahren erlegen. In der amerikanischen Oeffentlichkeit hat die Nachricht vom Ableben Paul M. Warburgs Trauer hervorgerufen. Sämtliche amerikanischen^ Montagszeitungen widmen dem Verstorbenen großojiNachrufe; ifühfende Persönlichkeiten des politischen,.'des gesellschaftlichen und des Finanzlebens Amerikas ergreifen in der Presse das Wort, um das Lebenswerk PauI M. Warburgs zu werten, und zollen ihm den Tribut der Verehrung, der Liebe und der Dankbarkeit für die Verdienste, die er sich um die Organisation des Finanzwesens der Vereinigten Staaten und um die wirtschaftliche Wiederannäherung der Vereinigten Staaten an Deutschland erworben hat Paul M. Warburg wurde im Jahre 1868 in Hamburg als Sohn des hervorragenden Hamburger Bankiers und eines der Führer der Hamburger Jüdischen Gemeinde Moritz Warburg, Inhabers des 1798 gegründeten Hamburger Bankhauses „M. M. Warburg & Co.", geboren. Er wanderte im 31 Lebensjahre mit seinem Bruder Felix M. Warburg nach den Vereinigten Staaten aus, während der dritte der Brüder, Max M. Warburg, das Hamburger Stammhaus übernahm, ein vierter Bruder ist der Bankier Dr. Fritz Warburg. Der älteste der Brüder, der hervorragende Kunsthistoriker Aby M. Warburg, zuletzt Professor an der Hamburger Universität, starb 1929 in Hamburg. In rastloser Arbeit haben Felix und Paul sich in den Vereinigten Staaten ein neues großes Betätigungsfeld geschaffen. Beide standen zuletzt an prominentester Stelle im New Yorker Bankleben, Felix als Mitglied des Bankhauses Kuhn. Loeb & Co. und Paul als Vorsitzender der Bank of Manhattan Company, die zu den fünf größten Geldinstituten New Yorks gehört Paul M. Warburg, der stets außerordentlich viel arbeitete, erübrigte nicht viel Zeit, um sich mit jüdischen öffentlichen Dingen zu befassen, doch unterstützte er sehr viel die jüdischen Aktionen seines Bruders Felix und verfolgte die jüdischen Angelegenheiten mit einem stets wachen Interesse. Ein ungarischer „Tempel der Märtyrer". Am letzten Sonntag wurde in S z o 1 n o k der „Tempel der Märtyrer" eingeweiht, der zum Andenken an die zahlreichen jüdischen Opfer der Gegenrevolution und des weißen Terrors im Bezirke Szolnok errichtet worden ist Breslau. Am 6. Februar begeht Seminarrabbiner Professor Dr. Michael Outtmann, der hervorragende Talmud- und Midrasch-Forscher, seinen 60. Geburtstag. Er wurde 1872 in Felegyhaza (Ungarn) geboren, besuchte mehrere Jeschiwoth, sowie Universität und Landesrabbinerschule in Budapest, promovierte 1903, war bis 1907 Rabbiner in Zsongrad (Ungarn), alsdann Dozent für Talmud, hebräische Sprache und Literatur an der Landesrabbinerschule in Budapest. 1922 folgte er einem Rufe als Seminarrabbiner an das Jüdischtheologische Seminar in Breslau. Sein Hauptwerk ist „Mafteach hatalmud" (Schlüssel zum Talmud), eine auf etwa 12 Bände berechnete Realenzyklopädie zum talmudisch-midraschischen Schrifttum, von der die ersten vier Bände erschienen sind. 1927 erschien „Das Judentum und seine Umwelt" (erster Band, allg. Teil). Außerdem veröffentlichte Guttmann. zahlreiche Arbeiten zur Geschichte der Halacha, der Midraschexegese und der Mathematik, meist in Zeit- GROSSFLEISCHHAUEREI flIGM. KORNMEHL WIEN IX., BEBOGASSE NR. 19 FILIALE! XVIII., WAHRINOERSTRASSE »7 Telephon Nr. A 17-349and A 16-8-34 Uatarant fUr Hallanctattaa AbteilungenfürKoscherfleisch Haler Aufsieht des ehrw. Rabbfnates dar tmr. Kultuagemeind« Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Schriften, Festschriften und Jahresberichten der Landesrabbinerschule. Prof. Guttmann war 1921 bis 1925 Mitherausgeber der Zeitschrift „Hazofe". 1924 bis 1925 hielt er an der Hebräischen Universität zu Jerusalem Gastvorlesungen. Konzert Sonntag, den 24. ds., farndi im großen Konzerthaussaale zugunsten der Fürsorgeaktion der Kultusgemeinde ein Konzert statt das einen vollen Erfolg darstellte. Professor Isseriis, der Meister des Pianos, entzückte die Zuhörer durch düe künstlerisch hochstehende Wiedergabe ver-r schiedenster Kompositionen. Kurt Fuchsgelbstellte sich als Konzertgeiger vor und verblüffte durch vollendete Technik, tiefe Innerlichkeit und eine Reife seiner Kunst, die im krassesten Widerspruch mit seiner allzu großen Bescheidenheit als Künstler stehen. Das sonntägige Konzert dürfte seinen Weg in die Reihe der großen Geiger geebnet haben. Dann sang- Oberkantor Igno Mann aus Brünn, im ersten Teil des Konzertes hebräisch, im zweiten Teil Opernarien. Sein Stimmaterial, das an Fülle und Schönheit nicht seinesgleichen hat, paarte sich mit einem Vortrag und einer Qesangskunst, die das Publikum in höchste Begeisterung versetzten. Sein Gesang war ein Erlebnis für alle, die diese noch nicht gehört hatten. Die Klavierbegleitung führte Professor Schul hof in -bekannt feinT fühliger Weise aus. Dank und Anerkennung gef bührt dem Initiator dieses genußreichen Abends,' Herrn Amtsleiter Julius Rosenfeld. Verein „Wohlfahrt" zur Erhaltung der Israelitischen Kind erbe Wahranstalt,. IL, Schiffamtsgasse 15. Es war ein glücklicher Gedanke des rührigen Vorstandes des so ersprießlich wirkenden Vereines „Wohlfahrt", im heurigen Jahre seinen zahlreichen Anhängern und Freunden ' eine große Künstler- Akademie zu bieten deren Reinerträgnis der durch die große Not der Zeit verstärkt erforderlichen Hilfe für die Kinder der Aermsten dienen sollte. Dieser schöne Zweck wurde auch vollauf erreicht, denn die am 24. d. Mim Großen Musikvereinssaal stattgehabte ausgezeichnete Veranstaltung war von einem distinguierten Publikum glänzend besucht; besondere Freude löste das Erscheinen des Präsidenten des Vereines, Herrn Rabbiner Dr. Max Qrunwald, aus, der mit seiner Gattin zu dem Feste gekommen war. Das Programm, dessen künstlerische Leitung und Conference in denbewährten Händen Hugo K n e p 1 e r s lag, war wirklich hervorragend und bot für jeden Ger schmack Gediegenes. Schon der Auftakt war ausgezeichnet, das Orchester des Neuen Wiener Konservatoriums spielte unter der prächtigen Leitung Prof. Rudolf Nilius die Ouvertüre zur „Hochzeit des Figaro" und ganz hinreißend den unsterblichen Walzer von Johann Strauß „An der schönen blauen Donau". In zwei meisterhaften Violinsolf bot Felix G a 1 i m i r, begleitet von dem Orchester, ausgezeichnete Proben seiner Kunst, die überaus: vielversprechend ist. Wahre Beifallsstürme erzielten die grandiosen gesanglichen Darbietungender Frau Opernsängerin Fleischmann- Königsfest. Man hat schon lange nicht im Konzertsaal eine so herrliche Stimme gehört^ deren Wohlklang durch die einfühlende Begleitung^ Prof. Erich Meilers zu besonderer Wirkung gelangte. Das begeisterte Publikum erzwang immer neue Vorträge der begnadeten Künstlerin, deren großer Erfolg sich auch in zahlreichen Blumengewinden ausdrückte, die ihr überreicht wurden. Charlotte Waldow, Richard Eybner und Erwin Engel, insbesondere aber das Künstlerpaar Leppoldi-Milskaja gefielen sehr. Derr