Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 5 (29.1.1932)
- Date
- 1932-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT H * <i P :. i* ■ ü f '» . }s r j i ■i> * / 1 1S' •i* * jj'j f ■? JUGEND^-UNION Jugendgruppe «1er Union österreichischer Juden Samstag, den 13. Februar 1932, 9 Uhr abends, im Großen Saale des Volksgarteos anläßlich des Gründungsfestes der Jugend-Union Künstler-Akademie mit Tanz Es wirken u. a. mit Anton Arnold, Staatsoper Richard Eybner, Burgtheater Else Kaufmann Walter Landauer, Radio Wien Conference: Erwin Engel Eintritt: im Vorverkauf S S.¬ Dario Medina, Radio Wien Prot Erich Melier Josefine Stransky Fritz Wiesenthal Erstklassige Jazzmusik The Canada Band -, an der Abendkassa S 4.— Karten im Vorverkauf: Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Telephon A 19-2-77; Redaktion „Die Wahrheit", IL, Heinestraße 13, Telephon R 46-2-16; Zahnatelier Nat Koffler, IL, Josefinengasse 4, Telephon R 44-7-88, sowie bei allen Komlteemitgliedern. gutachtlich in einem anderen als Ihnen genehmen Sinne geäußert haben, gegen die Verdächtigungen zu schützen, welche Sie in öffentlicher Versammlung vorzubringen für entsprechend fanden. Unsererseits muß jedoch — und das soll diese Zuschrift bezwecken — mit aller Entschiedenheit und Empörung die Verdächtigung zurückgewiesen werden, daß von uns Gutachten durch Bestechungen beeinflußt worden seien. Der Vizepräsident: Dr. Jakob Ornstein, m. p. Der Amtsdirektor und Erste Sekretär: Reg.-Rat Guido Fuchs gelb, m. p. Kürzlich fand in Prag eine Versammlung des tschechischen Tierschutzvereines statt, auf deren Tagesordnung in erster Linie die Frage der rituellen Schächtung auf den Prager Schlachthöfen stand, lieber das Thema referierte zunächst Tierarzt Dr. A. P1 e c h n e r, der die rituelle Schlachtung aus humanen Gründen ablehnte. In der darauffolgenden Debatte — in P r a g dürfen eben zum Unterschied von Wien auch Schächtfreunde in den Versammlungen des Tierschutzvereines sprechen — wurde die rituelle Schlachtung durch den jüdischen Stadtverordneten Dr. Franz Friedmann, durch Dr. Knöpfelmacher und durch Professor S. Ii. L i e b e n verteidigt, der zu diesem Pioblem vor einiger Zeit eine längere Abhandlung in Buchform hat erscheinen lassen. Nach der Debatte wurde von einer Beschlußfassung in bezug auf die Schächtfrage Abstand genommen. Die Mörder von Soroca sollen straflos ausgehen. Gleich nachdem der Mord an den sechs unschuldigen jüdischen jungen Leuten von Soroca und die näheren Umstände dieses Mordes' bekannt geworden sind, wurde in der gesamten rumänischen Oeffentlichkeit und in der Presse die Forderung laut, daß die Untersuchung den Militärbehörden, zu deren Methoden man schon nach der ersten offiziellen Verlautbarung nach dem Morde das Vertrauen verlor, entzogen und den Zivilgerichten übergeben werde. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung hat das Justizministerium in Bukarest einen Beauftragten nach Soroca zur Feststellung der Tatsachen entsandt Seither scheint ein Kampf zwischen der militärischen und der zivilen Auffassung vor sich gegangen zu sein, in dem nun, vorläufig wenigstens, die militärische Auffassung auf der ganzen Linie gesiegt zu haben scheint Der rumänische Ministerrat hat nach einer den Ereignissen in Soroca gewidmeten Sitzung ein Communique herausgegeben, das bezeichnenderweise nicht vom Ministerpräsidenten Jorga oder dem Justizminister Valeriu Pop, sondern vom Kriegsminister General Stefanescu unterzeichnet ist In diesem Communique wird erklärt daß die in Soroca erschossenen sechs jungen Leute Kommunisten waren, die über den Djnestr nach Rußland flüchten wollten und auf dieser Flucht erschossen worden sind. Entgegen dem bisher aufgenommenen und auch schon offiziell bekanntgegebenen Tatbestand, daß die Opfer Schüsse in Brust und Bauch erhielten und daß auch auf die am Boden Liegenden Schüsse abgegeben worden sind, wird in dem Communique erklärt daß bei den Erschossenen Seiten- und Rückenschüsse festgestellt worden sind, daß es sich somit um eine Erschießung auf der Flucht handelt. Die Grenzgendarmen, die auf die Flüchtlinge geschossen haben, hätten darum „allzu eifrig von der Schußwaffe Gebrauch gemacht", ohne zu versuchen, die Flüchtlinge lebend zu verhaften, weil sie glaubten, es handle sich um Sowjetkuriere, in deren Nähe zu kommen, gefährlich sei. Dieses Communique der Regierung hat in der rumänischen Oeffentlichkeit ungeheures Aufsehen erregt und begegnet scharfer Kritik. Man weist darauf hin, daß es eine nicht mehr bestrittene Tatsache sei, daß die jugendlichen Opfer — nicht gefährliche Sowjetkuriere, sondern harmlose Kleinstadtjugend — an die Mordstelle durch raffinierte Vorspiegelungen gelockt worden sind und daß man ihnen Geld abgenommen hat. Es handle sich um junge Leute, die nur die Verzweiflung über dauernde Arbeitslosigkeit aus dem Elternhaus getrieben hat. Gegenüber der Feststellung im Communique, es hätte sich um gefährliche Sowjetkuriere gehandelt, wird in der Oeffentlichkeit gefragt ob man bei den Erschossenen irgend welche Dokumente oder Waffen gefunden hat die eine solche Annahme rechtfertigen könnten. Die in dem Communique mitgeteilten Tatsachen finden keinen Glauben; man sieht in dem Dokument nichts als einen aus militärischen Prestigegründen unternommenen Versuch, die Mörder reinzuwaschen und sie der gerechten Strafe zu entziehen. TROTZ KRISE GUTER VERDIENST! Haben Sie Beziehungen? Sie leicht verdienen. Dann können TROTZ KRISE GUTER VERDIENST! Die rentabelste Nebenbeschäftigung ist und bleibt die Inseraten- und Abonnentenwerbung. Offerte mit Referenzangabe unter „Akquisiteure in allen Orten" an die Administration des Blattes, EL, Heinestraße 13/12, woselbst auch persönliche Vorsprache erfolgen kann. Intelligente Witwe sucht Stelle für halbe Tage zu älterer Persönlichkeit Zuschriften an die Administration der „Wahrheit" erbeten. Ministerworte. Von Bernhard R i p p e 1 (Czernowitz). Unser Land ist wohl das einzige in ganz Europa, in welchem für die Angelegenheiten der Minoritäten ein eigenes Staatssekretariat besteht. Der Staatssekretär ist gewissermaßen dci Wortführer der Minoritäten beim grünen Tisch der Regierung und ihm fällt die Aufgabe zu, den Kontakt der Mehlheitsnation mit den Minderheiten im Lande aufrechtzuerhalten, die Forderungen der letzteren auf ihre Berechtigung und Realisierbarkeit zu prüfen und 111 der Regierung jene Atmosphäre zu schaffen, welche die Erfüllung der Ansprüche der Nationalitäten ermöglichen soll. Wenn das Minderheitenamt vorläufig noch nicht auf jene Erfolge hinzuweisen vermag, die eine rückhaltlose Zufriedenheit bei den Minderheitsnationen auslösen könnte, so kann man demselben dennoch eine ersprießliche Wirksamkeit zugunsten der Minoritäten nicht absprechen. Infolge seiner energischen Intervention, infolge seiner Stellungnahme in vielen Fragen, welche die Minderheiten betreffen, ist der Staatssekretär für Minderheiten oft heftigen Angriffen von Seiten der faszistischen Presse ausgesetzt und die chauvinistischen Hitzköpfe blicken mit scheelen Augen auf die Minoritäten, denen sie die ganze große Welt, nur nicht Rumänien zum Heimatlande gönnen. Seit der Begründung dieses Staatssekretariats für Minderheiten steht an der Spitze desselben der Führer der Deutschen Siebenbürgens, Herr Rudolf Brandsch, welcher, um die Verhältnisse der Minderheiten im ganzen Reiche zu studieren, eine längere Reise unternommen hat, die ihn auch in die Bukowina führte. Herr Minister Brandsch betonte ausdrücklich, er sei in die Bukowina gekommen, um die kulturelle und soziale Situation der in diesem Teile des Reiches wohnenden Minderheiten kennen zu lernen. Selbstredend fehlte es nicht an einem würdigen festlichen Empfang und an Festessen zu Ehren des hohen Gastes, bei welcher Gelegenheit verschiedene Meinungen ausgetauscht und die unzähligen Wünsche der Minderheiten in verschiedenen Tonarten und Variationen zur Aeußerung gelangten. Von besonderer Bedeutung ist aber eine Erklärung, die der Herr Minister Brandsch beim Presseeinpfang zum Ausdrucke brachte und die wie eine grundsätzliche Friedensproklamation klang: „Wahrer Nationalismus", sagte Herr Brandsch, „äußert sich nicht im Predigen von Haß, Neid und Feindschaft, sondern strebt die Freundschaft zwischen den diversen Nationen an." Wie wahr, edel und bedeutungsvoll sind diese wenigen Worte! Es wäre nur zu wünschen, daß sie einen gehörigen Widerhall bei den Konnationalen des Herrn Ministers Brandsch in der ganzen Welt und insbesondere in Deutschland und Oesterreich selbst. Nicht unerwähnt dari aber auch ein unliebsamer Zwischenfall bleiben, welcher sich zwischen den Auserwählten des auserwählten Volkes zugetragen hat. Zu Ehren des Ministers Brandsch war auch ein Begrüßungsabend der Minoritäten für Sonntag, den 10. d. M. geplant und der Bürgermeister von Czemowitz, Univ.-Prof. Costeanu, dem es zweifellos angenehmer wäre, wenn ihm die Juden weniger zu schaffen geben würden, beriet mit den Führern der einzelnen Minoritäten und äußerte den Wunsch, daß zu diesem Begrüßungsabend der Minoritäten auch der Präfekt, der Bürgermeister und andere eingeladen werden. Ob er dabei eine Kontrolle der Reden etc. im Auge hatte, wer kann in den Gedanken eines Politikers lesen? Gleichzeitig verlangte auch der jüdische Stadtrat Ing. Krässel, daß auch er als Vertreter der Juden der Stadt Czernowitz und ebenso auch andere jüdische Parteigruppen zu diesem Begrüßungsabend eingeladen werden. Diesem Verlangen widersprach aber der Zionistenführer Dr. Ebner mit aller Entschiedenheit, indem er vor allen versammelten Minoritätenvertretern dem Stadtrat Krässel zurief: „Bei aller Achtung vor Ihrer Person, Herr Stadtrat Krässel. kann ich Sie zu diesem Abend nicht einladen, weder Sie, noch die anderen von Ihnen genannten Personen, weil ich Sie nicht als Vertreter der jüdischen Minorität betrachte und diese Veranstaltung ausschließlich die der vier organisierten politischen Parteien ist." Die Antwort des Ing. Krässel war die Enthüllung, daß 75 Prozent der Judenschaft der Partei des Dr. Ebner nicht angehören, worauf sich ein Dialog entspann, welcher lieber hätte vermieden werden sollen. Wie muß dabei das Herz der anwesenden Nichtjuden vor Schadenfreude gelacht haben! Das Ergebnis war, daß der Begrüßungsabend am 10. nicht stattfand und daß dieser Zwischenfall noch eine unerfreuliche Zeitungspolemik zwischen den jüdischen Führern zur Folge hatte. Aber auch andere, nicht unbedeutende Ministerworte haben wir in dieser Woche zu verzeichnen. Auf ein Glückwunschschreiben des Präsidenten der Bukowinaer U. E. R.-Organisation, Dr. Kassner, an den gewesenen Minister und gegenwärtigen Senator Üniv.- Prof. Dr. Nistor anläßlich dessen Geburtstages dankte derselbe dem jüdischen Führer in einem herzlichen Schreiben, in welchem er unter anderem bemerkte: „Meine wissenschaftliche Betätigung hat mich gelehrt, über alle nationalen und konfessionellen Unterschiede den Menschen höher zu werten. Sobald diese Ueberzeugung allgemeine Geltung gewinnen wird, dann werden wohl alle nationalen und konfessionellen Befangenheiten verschwinden, um dem hohen Begriffe der Menschlichkeit Platz zu mache n." Diese Worte des Staatsmannes und Führers der Mehrheitsnation klingen fürwahr wie Friedensglocken und vereinigen sich mit jenen des hohen Regierungsfunktionärs für Minderheiten zu einem harmonischen Einklang. Die Disharmonie besteht leider nur bei den Führern der Juden, zwischen welchen die tiefe Kluft der Gegensätze sich immer mehr erweitert, obgleich das jüdische Volk des Friedens am meisten bedarf. '!