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Die Wahrheit · 1932-01-29 · Heft 5 (29.1.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 5 (29.1.1932)
Date
1932-01-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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tME WAHRHEIT Satt« i Spiel mit dem Feuer. In der Politik ist ein Fehler immer schlimmer als ein Verbrechen — und das neue „Studentenrecht" ist ein Fehler! Wenn einmal die Dämme durchbrochen werden, die das allgemeine Rechtsbewußtsein schützen, dann kann nichts mehr die Flut der Irrungen und Wirrungen aufhalten, dann gibt es keine Grenzen mehr für Willkür und Rechtlosigkeit! Darf sich die kleine, arme österreichische Republik, die so sehr auf d!as Wohlwollen der ganzen Kulturwelt angewiesen ist, den Luxus eines solchen Treibens erlauben? Wenn schon die schweren Sorgen des Tages die Köpfe unserer maßgebenden Faktoren so sehr verwirrt haben, daß sie die Tragweite der traurigen Möglichkeiten einer so reaktionären und jeder Demokratie widersprechenden Gesetzgebung nicht zu erkennen vermögen, so sollten doch das Parlament und die öffentliche Meinung so weit klaren Kopf behalten haben, um diese Gefahr hintanzuhalten und dem verantwortungslosen Treiben einen Riegel vorzuschieben! Oesterreich müßte wahrlich von allen guten Geistern verlassen sein, wenn dieses Machwerk je Ges«;tzeskraft erlangen sollte! .;• Noch immer wollen wir hoffen, daß dies nicht der Fall sein werde; noch immer wollen wir annehmen, daß Oesterreich vor der Schande bewahrt bleiben werde, als erster Staat der „Ideologie" des Hitlertums in die Gesetzgebung Eintritt zu. verschaffen; noch immer können wir es nicht glauben, daß sich in unserem Parlament nicht die Sömmen der Vernunft erheben werden; noch immer können wir es uns nicht vorstellen, daß die demokratische Republik in einer Zeit, da sie so sehr von allerhand Gefahren bedroht ist, selbst dazu die Handhabe bieten könnte, ihre Grundlagen zu unterwühlen! Gerade in den letzten Tagen ist viel von den Gefahren gesprochen worden, die das ausgehobene Waffenlager im Ottakringer Arbeiterheim mit seinen Gasbomben und Sprengmitteln für die gesamte Bevölkerung bedeutete. Es gibt aber nicht nur chemische Gasbomben, sondern auch solche anderer Art, die viel gefährlicher sind, weil sie nicht mit einer Polizeiaktion ausgehoben und unschädlich gemacht werden könnten! Solche Giftbomben verbreiten eine Seuche, der man nur sehr schwer Herr werden kann! Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das da getrieben wird! Diesem gefährlichen Spiele muß sehr rasch das Handwerk gelegt werden! Es handelt sich keineswegs nur um die Juden, die ganze demokratische Rechtsordnung, jedes rechtliche Empfindenund jede Rechtssicherheit ist bedroht! In diesem Sinne begrüßen wird auch die geharnischte Protestkundgebung der österreichischen Liga für Menschenrechte. Und wenn die maßgebenden Faktoren so verblendet sind, um diese Gefahr zu verkennen, so wird eben ihrer Erkenntnis nachgeholfen werden müssen! So tief ist Oesterreich noch nicht gesunken, um ganz vergleispacht, verhitlert und — verczermakt z u w e r d e n! Dr. K. T a u b. voRNcnnE FAMILIEN - PENSION HsstaopatloB.RaffeBbaQS täglich 5-Uhr-Tee SENNEMNG TELEPHON 11 Hochstraße 43 - _ neben Hotel Panhans m g Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts m H Zentralheizung fließendes Warm- und Kaltwasser M M in jedem Zimmer. B H Aaskanf<: Wien ietcpb*a D ZT-A 24. H g Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer 3 1 ~ dacht, daß SA.-Leute mit Hilfe von Gastkarten Einlaß in die Universität sich verschafften und an den Kämpfen teilnahmen. Von republikanischen Studenten wurde genau beobachtet daß während und nach der Prügelei die Nationalsozialisten von einer bestimmten Stelle aus Befehle erhalten haben. Ein Beweis, daß die Ueberfälle planmäßig vorbereitet und durchgeführt worden sind, liegt auch darin, daß die nationalsozialistischen Mediziner, die in der Universität sonst nichts zu suchen haben, zur Prügelei prompt erschienen waren. Wie wir erfahren, haben Persönlichkeiten des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Polizeipräsidium und im Kultusministerium vorgesprochen und auf den antisemitischen Charakter der Ausschreitungen an der Berliner Universität hingewiesen. Es wurde ihnen versichert, daß bis zur Wiedereröffnung der Universität am Montag Maßnahmen getroffen sein werden, die eine Wiederholung solcher brutaler Ausschreitungen unmöglich machen werden. Tatsächlich ist die Wiedereröffnung ruhig verlaufen. Kultusminister Grimme und Ministerialdirektor Dr. Richter, der Leiter der Hochschulabteilung, haben sich Bericht erstatten lassen. Es ist erneut festgestellt worden — Kultusminister und Innenminister haben die gleiche Rechtsauffassung —, daß die Polizei bei der geringsten Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung das Universitätsgebäude ohne formelles Ersuchen betreten darf. Bestimmungen, die die Universitätsräume zu polizeilich exterritorialem Gebiet machen, bestehen nicht. Die am Freitag verhafteten sieben Studenten sind nach eingehendem Verhör entlassen worden. Das strafrechtliche Verfahren nimmt seinen Fortgang. Gegen diese sieben und gegen weitere Studenten werden die Universitätsbehörden ein Disziplinarverfahren eröffnen. Tierschutz und Mensdienshaß. Der Vorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien hat an den Präsidenten des Verbandes österreichischer Tierschutzvereine, Herrn Oberfinanzrat Dr. Eduard M e I k u s, das nachfolgende Schreiben gerichtet: Z. 473 ex 1932. Wien, 22. Jänner 1932. Wohlgeboren Herrn Oberfinanzrat Dr. Eduard) M e I k u s, Wien. Wie uns von vertrauenswürdigster Seite berichtet wurde, haben Sie in der am 20. d. M. abge- Berufen Sie sich auf die „Union** bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt Die antisemitischen Krawalle an der Berliner Universität. Planmäßiger Angriff der Nationalsozialisten auf die jüdischen Studenten. Es steht vollkommen fest, daß die im Verlauf der vorigen Woche an der Berliner Universität stattgefundenen umfangreichen Ausschreitungen der nationalsozialistischen Studentenschaft ausgesprochen antisemitische Zwecke verfolgten. Schon als am Dienstag die. Ausschreitungen im Zusammenhang mit dem Exzeß des Studenten Hippler, der vom Balkon der Universität eine Hakenkreuzfahne entfaltete und eine Rede hielt, begannen, gab der „Angriff" durch die Balkenschrift an der Spitze des Blattes „Juden haben provoziert" Motto und Signal zu den weiteren Ausschreitungen. Am Donnerstag begannen die Exzesse schon unter den Rufen „Deutschland erwache, Juda verrecke!" und unter Absingen antisemitischer Lieder, wie „Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's nochmal so gut". Dabei war deutlichfestzustellen, daß sich die Nationalsozialisten jüdisch aussehende Studenten zu Angriffsobjekten aussuchten. Der Rektor, Geheimrat Luders, selbst begab sich zu den singenden und brüllenden Nationalsozialisten, wurde aber mit Pfiffen und Gelächteofempf an gen. i3)> Die Vorgänge am Freitag bedeuteten schon nichts anderes als einen Generalangriff der von SA.-Leuten unterstützten nationalsozialistischen Studentenschaft auf die Jüdischen Verbindungen. Die Unruhen begannen um 11 Uhr vormittags mit einem sogenannten Stehkonvent in der Vorhalle, obwohl das Rektorat aus Anlaß der letzten Universitätunruhen diese Stehkonvente verboten hatte. Da Unruhen befürchtet wurden, hatten sich in einer Ecke nahe der Eingangsglastür die demokratischen und sozialistischen Studenten, etwa 60 bis 70 Leute, eingefunden, ihnen gegenüber stand die deutsch-jüdische Verbindung im K.'C. „Sprevia", etwa 30 bis 35 Mann, in Couleur. Ohne daß hierzu der geringste Anlaß gegeben wurde, stürzten sich plötzlich die Nationalsozialisten mit geballten Fäusten auf die Juden, schlugen sämüichen Spreven die Couleur vom Kopf und hämmerten mit den Fäusten auf die Köpfe der Angegriffenen ein. Die K. C.er wehrten sich und die sozialistischen und demokratischen Studenten kamen ihnen zu Hilfe. Es entstand eine allgemeine Schlägerei. Die Nationalsozialisten waren in der Vorhalle etwa 300 Mann stark, auf den Treppen standen Kopf an Kopf hunderte Nationalsozialisten und Stahlhelmer mit Abzeichen. Infolge der großen Uebermacht wurden die jüdischen Studenten und die sozialistischen und demokratischen Studenten zum Teil zu Boden geworfen und erheblich verletzt Der Führer des Deutschen Studenten-Verbandes, Kreisleitung Groß-Berlin, Dr. Nahr, eilte bei Beginn der Schlägerei zum Rektor. Der Rektor erschien mit seinem Assistenten und wurde von Dr. Nahr gebeten, sofort die Polizei herbeizurufen, da Menschenleben auf dem Spiele stehen. Der Rektor erklärte, daß er allein in der Lage sei, die Studenten zu beschwichtigen. Er begab sich in die Nähe der sich Prügelnden und versuchte, sich Ruhe zu verschaffen. Er wurde aber wiederum nur mit Pfiffen und Hohnrufen begrüßt, kehrte in sein Zimmer zurück und verfügte die Schließung der Universität bis Montag. Unterdessen war die Polizei von einem Studenten benachrichtigt worden. Sie erschien unter Führung des Oberleutnants Müller und versuchte, zu den kämpfenden Studenten zu gelangen. Da sie zuerst auf republikanische Studenten stießen, schlugen die Polizisten mit Gummiknüppeln aui die angegriffenen demokratischen, sozialistischen und jüdischen Studenten ein. Da die Kommunisten das Eingangstor abgesperrt hatten, gelang es den republikanischen Studenten, die zum Teil vor der Polizei die Hände erhoben hatten, nicht, durch den Haupteingang ins Freie zu kommen. Sie mußten zum großen Teil durch die Fenster des Vestibüls auf den Hinterhof der Universität springen. Die Polizei schlug dabei noch auf die flüchtenden Studenten ein, wobei cand. med. Walter Braun durch Gummiknüppelhiebe auf Kopf und Rücken verletzt wurde. Während also die republikanischen Studenten von der Polizei aus der Universität gedrängt wurden, sangen die Nationalsozialisten ihre Lieder weiter und verhöhnten die abziehenden Republikaner. Sie versuchten sogar, republikanische Studenten, die verprügelt worden waren, als Angreifer zur Feststellung bringen zu lassen. Auch als die Republikaner aus der Universität herausgebracht wurden, räumte die Polizei die Universität zunächst nicht. Die Nationalsozialisten zogen auf den Hinterhof und sangen dort unter Beschimpfung der Polizei ihre Hetzlieder weiter. Später wurden endlich 7 Nationalsozialisten festgenommen. Es besteht der Verhaltenen Versammlung des Tierschutzvereines in Besprechung der von den Anhängern des Schächtens geltend gemachten Gutachten wissenschaftlicher Autoritäten ausgeführt: „Man kann ermessen, welcher Wert derartigen Gutachten zukommt, man kann sich ja dlerartige Gutachten leisten, heute in unserer bestechlichen, käuflichen Zeit, besonders wenn man weiß, daß die Wiener Israel. Kultusgemeinde über nahezu unerschöpfliche Geldmittel verfügt." Mit aller Entrüstung weist der Vorstand der Israel. Kultusgemeinde die unerhörten Insinuationen zurück, die in Ihren Ausführungen gelegen sind. Wenn irgend jemand geneigt war, daran zu zweifeln, daß die Hetze, die gegen die rituelle Schlachtung inszeniert wird, bei vielen Vorkämpfern auch antisemitische Grundlagen aufweist, so konnte er durch solche Ausführungen eines Besseren belehrt werden. Ist es doch ein immer wieder aus der Rüstkammer des Antisemitismus hervorgeholtes Requisit, vom unerschöpflichen Reichtum der Ju^ den in bewußter Mißachtung der Wahrheit und in leicht erkennbarer Tendenz in Volksversammlungen sich auszulassen. Die Israel. Kultusgememde ist eine Körperschaft, die ihr Budget und ihren Rechnungsabschluß statutengemäß öffentlich zu verhandeln und zur Einsichtnahme aufzulegen hat. Sie kommt dieser, wie allen anderen Verpflichtungen in vollem Umfange und mit größter Gewissenhaftigkeit nach: Wer immer sich die Mühe nahm, in unsere Rechnungsabschlüsse Einsicht zu nehmen, der weiß, daß wir nicht über unerschöpfliche Geldmittel verfügen, sondern uns seit mehreren Jahren in einem sehr bedeutenden Defizit befinden, weil der Groß1 teil jener Mittel, die wir aufzubringen in der Lage sind, zum Menschenschutz, nämlich zur Hilfeleistung für Arme, Kranke, Sieche und Waisen verwendet werden muß, für jene Armen, denen als einzige Zufluchtstätte die Kultusgemeinde dient. Nicht unsere Sache kann es sein, alle jene auch andersgläubigen Gelehrten und Fachmänner, welche sich zur Frage der rituellen Schlachtung

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