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Die Wahrheit · 1932-01-29 · Heft 5 (29.1.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 5 (29.1.1932)
Date
1932-01-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEl'i intelligenter, junger mann, 28 Jahre alt. aus gut jüdischem Hause. Parfümeriebranche. sucht passende Partie. Zuschriften unter „Möglichkeit einer Geschäftsgründung" an die Adm. d. Bl. aus nicht überschätzt werden. Es ist den vaterlandstreuen Juden der verschiedenen Staaten, insofern© sie an der allgemeinen Dekadenz des religiösen Lebens ihren Anteil haben, durchaus nicht verborgen geblieben, wieviel ihnen noch an echten jüdisch-religiösen Werten mangelt. Der einseitig erhobene Vorwurf der Assimilation von Seiten des Nationalismus, der nationalistischen Assimilation gegen die vaterlandstreuen Juden ist eine Verfälschung; er wird zu einem kindischen Märchen geworden sein, wenn diese letzteren mit der Religion ganz Ernst gemacht haben werden. B. L. Das Spiel mit dem Feuer. Das neue „Studentenrecht". Der Wortlaut des Gesetzentwurfes über das neue „Studentenrecht" liegt nunmehr vor — und man muß sagen, er „übertrifft alle Erwartungen". Hat schon die gewundene „Einbegleitung" des Entwurfes, die diesem vorausgeschickt worden ist und die bereits in diesem Blatte eingehend beleuchtet wurde, vermuten lassen, daß die Verfasser des Entwurfes kein gutes Gewissen haben und sich mit einem Wortschwall über die Bedenken, die ihr „Werk" auslösen müßte, hinweghelfen wollen, so zeigt der Wortlaut des Entwurfes, daß die Väter des famosen Gedankens selbst das Unbehagliche ihres Unternehmens nur allzu klar empfinden mußten. Würde es sich um ein Geistesprodukt der Herren Gleispach, Uebersberger et Consorten handeln, so wäre jedes Wort der Kritik überflüssig, da man schließlich von diesen Herren, die sich ganz dem Hakenkreuze verschrieben zu haben scheinen, nichts anderes erwarten konnte. Aber es handelt sich um einen Gesetzentwurf, für den der Unterrichtsminister einer demokratischen! Republik verantwortlich zeichnet; es handelt sich um eine Vorlage, der der Ministerrat sein Placet erteilte; es handelt sich um eine Aktion, die mit Zustimmung des Bundeskanzlers Dr. Buresch, des Vizekanzlers Dr. Schober, des Handelsministers Heini und des Justizministers Dr. Schürff dem Nationalrate unterbreitet worden ist, also mit der Gutheißung von Männern, die sich sonst auf ihre demokratische Gesinnung viel zugute tun, da kann man nicht umhin, abgesehen von dem ausgesprochen jüdischen Standpunkte, den wir an dieser Stelle vertreten, auch im Namen der Demokratie das peinliche Gefühl zum Ausdruck zu bringen, daß die österreichische demokratische Republik so tief gesunken ist... Das Zentralorgan der Christlichsozialen konnte sich gerade an dem Tage, an dem die Unterbreitung der Vorlage amtlich bekannt gegeben wurde, der Bemerkung nicht enthalten, daß „die Nationalsozialisten sich heute vielfach als die Herren der Universität benehmen". Diese Feststellung ist ein Beweis dafür, daß es selbst den Herren Christlichsozialen ob dieser Herrschaft des Hakenkreuzes an den Hochschulen ein wenig gruselt, und dennoch wollen sie dazu beitragen, diese Herrschaft konstitutionell zu befestigen. Die „Einbegleitung" des Entwurfes stellt fest, daß an der Vorlage alle beteiligten Zentralstellen und bedeutende österreichische Rechtsgelehrte mitgewirkt haben. Wie traurig muß es um den geistigen Horizont dieser Zentralstellen und dieser Rechtslehrer bestellt sein, wenn sie einen solchen Wechselbalg zur Welt gebracht haben. Wie ein roter Faden zieht sich die famose „Volksbürgerschaft" durch die ganze Vorlage und man hat den Eindruck, daß der ganze Zweck der Uebung eben nur der war, dieser neuen „Errungenschaft" der „Rassenwissenschaft" zum Siege zu verhelfen. Allein damit noch nicht genug: manscheutesichoffenbar, allzudeutlich zu sein, man genierte sich noch ein wenig, so offenkundig und unverblümt die Herrschaft des Hakenkreuzes zu proklamieren, und so hat man ein Hintertürchen offen gelassen: der § 4 gibt dien akademischen Behörden das Recht, '„den anerkannten* Studentenschaften besondere Aufgaben aufzutragen, die dem Wirkungskreis dieser Studentenschaft entsprechen", „der zuständige Bundesminister kann diesen Wirkungskreis durch Verordnung erweitern" — es sollen also mit Hilfe dieses Gesetzes allen Möglichkeiten Tür und Tor geöffnet bleiben, ohne jede parlamentarische Kontrolle, ohne jede- Einflußnahme der Gesetzgebung . . . Derartige unbeschränkte Vollmachten dürfte kaum je ein Gesetz in irgend einem verfassungsmäßig regierten Staate statuieren. Selbst die weitestgehenden „Notverordnungen" der jüngsten Zeit legen der Machtvollkommenheit der Exekutivorgane gewisse Schranken auf — hier aber soll der Unterrichtsminister nach Gutdünken schalten und walten können ... Und dazu sollen alle „beteiligten Zentralstellen" und „bedeutende österreichische Rechtsgelehrte" ihre Zustimmung erteilt haben!? Man greift sich wahrlich an den Kopf ob solcher Möglichkeiten und fragt sich, ob sich denn eine Volksvertretung finden könnte, die hierzu Ja und Amen sagen würde! Gerade an dem Tage, an dem der Wortlaut des Gesetzentwurfes über das „Studentenrecht" bekannt gegeben wurde, ist auch der Wortlaut einer großen Rede des Bundeskanzlers Dr. Buresch veröffentlicht worden, in der sich der Regierungschef in sehr kraftvollen Ausdrücken gegen die Verhetzungspolitik gewisser Elemente verwahrte. Wir möchten den Herrn Bundeskan-z* lerfragen, oberes dennmitseinerPolitik der Konsolidierung und der Befriedung vereinbarlich finde, daß gerade dien ärgsten Hetzern die Stei& bügel gehalten werden. Am nächsten Tage hat gerade die „Reichspost" den Aufsatz eines katholischen Priesters veröffentlicht, der In beredten Worten die Diskrepanz zwischen Nationalsozialismus und katholischer Gesinnung nachwies. Wir möchten die Redaktion diieses Zentralorgans der Christlichsozialen fragen, ob es denn mit der katholischen Gesinnung vereinbarlich sei, die Hochschulen den HitIerhüben auszuliefern und dem Prinzip der „Volksbürgerschaft" zum Siege zu verhelfen, das den Thesen des Katholizismus so diametral entgegen. Hört denn dort, wo es. sich darum handelt, den Juden eins am Zeug zu flicken, jede Logik, jedes klare Denken auf? Wird denn in einem solchen Fall jeder Unterschied zwischen Gut und Böse verwischt? Darf jeder Preis bezahlt werden, wenn es sich darum handelt, die Juden zu entrechten? Das, was mit idem neuen „Studentenrecht" getrieben wird, ist ein m! tfeuitteton Wandel der Zeit. Im 15. Jahrhundert Es ist geschichtlich festgestellt, daß im März des Jahres 1421 90 Männer und 120 Frauen in Wien den Scheiterhaufen bestiegen, weil sie sich weigerten, die Taufe anzunehmen. Viele Wiener ließen es sich nicht nehmen, diesem Schauspiel beizuwohnen. Der Glaubensmut und die Ueberzeugungstreue machte diese Märtyrer ihres Glaubens zu Helden. Noch aus den aufsteigenden Flammen erklang mit schmerzerstickter Stimme ihr Glaubensbekenntnis: „Schemä-Jisroel", „Höre, Israel". Selbst der schaulustige, zum Haß aufgereizte Pöbel war ergriffen und hingerissen von dieser bewunderungswürdigen Aufopferung jüdischer Glaubenstreue. Auch der greise Rabbi Josef, der Sohn Israels, fand den Tod in den Flammen. Im 17. Jahrhundert Auch die folgende Begebenheit hat historischen Hintergrund und spielt in Wien. Am 30. Juni 1669 wird in allen Straßen unter Trompetenfanfaren ausgerufen, daß alle Juden binnen i4 Tagen Wien zu verlassen haben. Schweren Herzens greifen nun die Juden zum Wanderstabe, um der Stadt, wo ihre Väter ruhten, wo sie, trotz allen Leidens, sich eingelebt hatten, den Rücken zu kehren, um eine neue Heimat zu suchen! Es kommt ihnen nicht in den Sinn, sich durch den Abfall vom Judentum das Wohnrecht zu erkaufen.....Unter den Vertriebenen befindet sich auch Rabbi Josef, der Sohn Israels, der hier am Lehrhause segensreich wirkte. „Der ewige Jude." Im 20. Jahrhundert .... Professor Josef Caro machte es sich im Leben schon leichter. Er war ein Glückskind. Alles kam so, wie er es sich seit seiner frühesten Jugend erträumte und ersehnte. Auf seinem Lebenswege rankten und blühten die leuchtenden Rosen des Erfolges. Die Dornen zertrat sein vorwärts und aufwärts strebender Fuß. Ursprünglich war sein Familienname „Quadrat", den seine Ahnen mit Stolz trugen und in Ehren hielten, der aber dem neuen Träger nicht zu behagen schien. Man kann nicht zeitlich genug allen Ecken ausweichen, um nirgends anzustoßen. Sein Vorname „Josef" ist zwar biblisch, er hieß nach seinem Großvater, einem frommen, jüdischen Gelehrten. Doch schließlich haben auch viele Habsburger diesen Namen getragen, und so zeigt dies die patriotische Gesinnung. Um ganz sicher zu gehen, wird auch die Konfession gewechselt, es ist innerlich keine Glaubensänderung, nur eine Anerkennung konventioneller Lügen. Sein ehrgeiziges Streben raunt ihm die mannigfachsten Entschuldigungen auch für diesen Schritt zu. Und nun ist durch die zeitgemäße neue Fassade der Weg frei, der aus dunkler, sorgerfüllter Vergangenheit zu leuchtender Zukunft führen soll. Die Voraussetzungen sind dazu in reichem Maße vorhanden. Der äußere Ballast ist abgeschüttelt Doch das reiche Erbe seiner Vorfahren, Geist und Geistigkeit, pulst in seinem Blute, der Funke, der im Herzen seiner Väter glühte, glimmt fort in seiner Seele. Wissensdurst und Forschungsdrang beflügeln seine angestammte Energie, und so gelingt es seiner angeborenen Begabung, sein Lebensschif unter neuer Flagge dorthin zu steuern, wo er landen will. So steigt der junge Arzt von Stufe zu Stufe der wissenschaftlichen Laufbahn. Er hat sich bald einen Namen gemacht, als vielgesuchter Arzt und ernster Forscher. Auf Grund seiner wissenschaftlichen Arbeiten wird er Privatdozent Kaum gelingt es ihm, die zunehmend wachsende Praxis zu bewältigen. Immer größer wird die Zahl der hilfesuchenden Patienten, immer höher werden die Zahlen seiner Rechnungen. Doch noch hat sich der Traum seiner Jugend nicht ganz erfüllt das Ziel seines Strebens und Lebens, Professor zu werden. Nimmer reizte ihn Titel und Mittel allein, ihn trug höheres Verlangen. Der Wissenschaft dienen, seine Kunst und sein. Können als Lehrer und Meister der akademischen Jugend zu offenbaren. Er fühlt sich berufen. — was hat er auch dafür alles geopfert — seinen Namen würdig anzureihen jenen Unsterblichen, die den Ruf der heimatlichen Schule begründet haben. Schon senkte sich der Schnee des Alters auf sein Gelehrtenhaupt seine Forschungsergebnisse erregen allgemeines Aufsehen. Von weit und breit pilgern die Leidbeladenen zu ihm. Doch die Krönung seines Lebenswerkes ist noch immer nicht erreicht trotzdem andere, weniger Befähigte und minder Geeignete sich längst dieser akademischen Würde erfreuen. Er kann es sich selbst nicht erklären. Doch endlich — man konnte ihn nicht länger umgehen — kam auch für Professor Caro die Stunde seiner Ernennung. Mit innerer Befriedigung überblickt er die Siegesbahn seines Werdeganges. Der glänzende Erfolg scheint ihm eine Art Rechtfertigung zu geben für seine Handlungsweise. Die verleugnete Vergangenheit schlummerte als dunkle Jugenderinnerung unter der Schwelle seines Bewußtseins. Die Umwelt ist bei Erfolggekrönten stets milde und nachsichtig. Die Opfer auf dem Altare der Nächstenliebe, mit Hingabe und Aufopferung geübt seine Auffassung, in jedem Patienten ohne Standesunterschied nur die leidende Kreatur Gottes zu sehen, diese Art höchster Humanität bildete das Fundament seiner Lebensanschauung. Und noch eines erkannte der Arzt in den langen Jahren seiner medizinischen Erfahrung, daß oft dort wo menschliche Kunst nicht ausreichte, göttliche Liebe und Gnade Wunder geschehen ließ. Diese Erkenntnis und dieses Bekenntnis, durch ein Menschenalter geübt, wollte er in seiner Antrittsrede als obersten Grundsatz verkünden, den Glauben an die Menschheit, durch Menschlichkeit geadelt höchstes Menschentum, die über regionale Religion des Arztes. Mit gehobenen Gefühlen betritt der neuernannte Professor, in sichtlicher Erregung, den dichtgefüllten Hörsaal. Er eilt die Stufen empor, die seinen neuerlichen Aufstieg versinnbildlichen, um das Vortragspult zu erreichen. Jetzt erst bemerkt er die im Saale herrschende Unruhe. Er versucht lauter jzu sprechen, doch nun ist es schon tosender Lärm. Schreien und Zischen durchschwirrt die geheiligte Lehrstätte. Ausrufe werden laut die auf seine Abstammung anspielen, Stöcke werden bedrohlich geschwungen. Johlen und Pfeifen durchdringt den Raum. Statt Achtung und Ehrerbietung grinst ihm Haß und Verachtung entgegen. Der Professor unterbricht die kaum begonnene Vorlesung und wankt bleich und verstört aus dem Saale. Diese Stunde der Enttäuschung öffnet ihm die Augen; er sieht plötzlich seine Lebenslüge in anderem Lichte. In diesem Augenblicke fühlt er zum erstenmal sein jüdisches Herz bewußt schlagen. In dieser Stunde tiefster Selbsterkenntnis erwacht aufs neue sein nie versiegtes Mitleid, nicht nur für die leidende Menschheit nein, für die verirrte Menschheit Er suchte den Weg zur Höhe und fand den Weg zur Tiefe und Vertiefung. So macht das Leben wissend und weise. 0. N.

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