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Die Wahrheit · 1932-01-29 · Heft 5 (29.1.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 5 (29.1.1932)
Date
1932-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden4* und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Tel* rho* P 46-2-16 — Postsparhasser konto Wien: A100918 XLV11I. Jahrgang Wien, 29. Jänner 1932 Nummer 5 Das Märchen von der Assimilation. Selten ist ein Wort mit größerem Unrecht angewendet, sein Inhalt zum Zwecke politischer Ausschrotung ärger verfälscht, seine Bedeutung in oberflächlicherer Weise zum einseitigen Schlagworte gewandelt worden, als das Wort von der jüdischen Assimilation in der heutigen Zeit. Es soll nun diese Bezeichnung auf ihren Wahrheitsgehalt und ihren Wirklichkeitswert in der gegenwärtigen Periode geprüft werden, insbesondere aber in Hinsicht auf die Berechtigung, mit welcher sie von einer Gruppe unseres Volkes einer anderen gegenüber als propagandistische Parole ausgespielt wird. Wenn es uns hier auch nicht darum zu tun ist, etwa eine rein naturwissenschaftliche Untersuchung jenes Problems oder gar eine ausgedehnte historische Betrachtung der Assimilationserscheinungen im Verlaufe der jüdischen Geschichte vorzunehmen, so dürften dennoch einige allgemeinere Ueberlegungen über Sinn und Wesen der Assimilation ganz nützlich sein. Diese Ueberlegungen sollen vorerst dazu beitragen, das kompakte Mißverständnis, dem jene Erscheinung auch in ihren maßvollen und naturnotwendigen, also berechtigten Grenzen unterliegt, aufzulösen, ein Mißverständnis, das, wie uns scheinen will, von gewissen daran interessierten Kreisen geflissentlich genährt und unterhalten wird und womit zu brechen endlich wohl an der Zeit ist Man kennt den Begriff der Assimilation aus der Naturgeschichte, aus Zoologie und Botanik. Auf diesem Gebiete bildet die Assimilation eine für uns vertraute, natürliche und durchaus nicht verächtliche Erscheinung. Sie beinhaltet eine naturbedingte Verähnlichung und Angleichung, wobei (wie eine moderne wissenschaftliche Definition lautet) aufgenommene „fremde Stoffe" gemäß der Eigenart des Aufnehmenden in „arteigene Stoffe" umgewandelt werden. Ebenso natürlich ist es nun, wenn im Leben der Völker, nach dem gleichen Gesetze und zufolge der vielfältigen historischen Schicksale und Begebenheiten, dieser Prozeß der Angleichung und Verähnlichung in Erscheinung tritt. Es ist eine Binsenwahrheit, daß Nachbarvölker, ebenso wie Gast- und Wirtsvölker zufolge bestehender Wechselbeziehungen assimilatorische Prozesse durchmachen, die unausweichlich sind. Die Assimilation im Leben der Völker ist eine geschichtliche Tatsache! Dieser Tatsache unterliegen wir alle, ob wir uns nun als Angehörige mosaischer Konfession bekennen oder als enragierte Nationalisten, in alle Teile der bewohnten Erde versprengt, an diesem unausweichlichen, manchmal wohltätigen und manchmal schädlichen Gesetze unseren Anteil nehmen. Damit soll aber durchaus nicht geleugnet werden, daß es im Wesen jeder Gemeinschaft von Menschen liegt, mag sie nun auf staatlicher, nationaler oder religiöser Basis aufgebaut sein, sich zu erhalten und zu bewähren, daß es in ihrer Tendenz liegt, ihre besonderen Werte und Eigenheiten zu entfalten und mit dieser Entfaltung einen Baustein zur Errichtung des großen Mosaiks, Welt genannt, zu liefern. Jedes Volk mit eigenem Charakter und starker Besonderheit wird diese spezifischen Werte um jeden Preis durchzusetzen sich bemühen, schon aus natürlichem Selbsterhaltungstrieb und zum Beweise seiner Existenzberechtigung. Soll nun vom Schaden oder Nutzen einer Assimilation gesprochen werden, so wäre vor allem festzustellen, welches denn die besonderen Werte sind, die ein Volk zu erzeugen und zu entfalten berufen ist, und inwieferne eine Angleichung oder Anpassung an Nachbarvölker seiner Berufung hinderlich ist oder dieselbe unterstützt; beides aber ist möglich. Denn die Erscheinung der Assimilation an sich ist weder schimpflich noch verächtlich und durchaus kein Zeichen des Verfalles; problematisch wird dieselbe erst, wenn sie eine gewisse Grenze überschreitet, wenn durch sie der Lebenssinn und das innerste Wesen einer Gemeinschaft umgefälscht, ihre historische Berufung aufgehoben und gänzlich vernichtet, ihre geschichtliche Spur völlig vertilgt werden soll, und dies aus kleinlichen, eigennützigen, egoistischen, also schimpflichen und verächtlichen Motiven. Als der große Prophet Jeremias zur Zeit der babylonischen Herrschaft über das jehudäische Reich sein Volk vor dem trügerischen Bündnisse mit Aegypten warnte und den König Zedekia ermahnte, das Vasallenverhältnis zu Nebukadnezar nicht zu lösen, wurde er als Volksverräter verschrien und selbst mit dem Tode bedroht. Denn er hatte den Mut, einem falsch angebrachten Patriotismus entgegenzutreten. Ja, der jüdische Prophet wagte es sogar, ein Sendschreiben an seine Volksgenossen, die jüdischen Exulanten in Babylonien zu richten, das folgenden, scheinbar höchst unpatriotischen und „assimilatorischen" Inhalt hatte: „Bauet Häuser", so schrieb er, „und bewohnet sie, pflanzet Weinberge und genießet die Früchte, nehmet Frauen und erzeuget Söhne und Töchter, führt für eure Söhne Frauen heim und verheiratet eure Töchter in der Fremde; kümmert euch um das Wohl der Stadt, wohin ihr verbannt seid, denn mit ihrem Wohlergehen ist das eureverbunden. Lasset euch von euren Propheten und Gauklern nicht verführen, denn erst nach siebzig Jahren werde ich euch nach Jehuda zurückführen." Gewiß wäre es damals populärer gewesen, den heldenhaften Nationalisten zu spielen und dafür den Zulauf des leicht zu begeisternden Volkes einzuheimsen, aber weder war es — wie das schmähliche und traurige Ende bewies — rühmlicher, noch für die Erhaltung des Volkes und seiner Berufung geboten! Diese aber hatte Jeremias einzig im Sinne, ohne sich von der augenblicklichen Volksstimmung irre machen zu lassen. Und der Prophet Ezechiel erklärte geradezu, Gott habe „Jehuda und Jerusalem aufgegeben, dagegen die Verbannten (in Babel) zum Grundstocke eines neuen Volkes auserkoren." Auch da wäre es für den Augenblick rühmlicher gewesen (und übrigens auch menschlich begreiflich, durch die naive Gläubigkeit des Volkes sogar zutiefst ergreifend), wenn die Jerusalemer an Jerusalem, „der Stadt Gottes und dem Tempel Gottes", festhielten; das Ende aber war verderblich — für das ganze Volkstum. Diese historischen Reminiszenzen sollen nun nicht gerade als Analogie zu unserer heutigen Zeit und Lage angeführt worden sein, aber vielleicht wird darnach manchem klar, daß es unter Umständen jüdischer sein kann, hier im Sinne der jüdischen Lehre zu leben und „sich um das Wohl der Stadt zu kümmern, wohin wir verbannt sind", als z. B. nach Palästina auszuwandern, um mit den arabischen Nachbarn blutige und aussichtslose Kämpfe zu führen. Hält man nämlich die jüdische Lehre, die jüdische Religion, ihre Betätigung und Verwirklichung für die Berufung des Judentums, so erfährt die ganze gegenwärtige Konstellation im jüdischen Volke, die Bewertung der nationalistischen, zionistischen Strömungen und deren Anrecht, über die sogenannte Assimilation ein verächtliches Votum auszusprechen, einen ganz eigenartigen Aspekt. Wenn nämlich überhaupt die jüdische Religion als das hervorstechende Kennzeichen jüdischen Volkstums und jüdischer Berufung anerkannt wird, wie groß ist dann die Berechtigung des materialistischen Zionismus, der die Erde, die Scholle, ein Stück Lehm, zu seinem Gott erhoben hat (denn ohne Gott ist Erde nichts als Lehm), über jene sogenannten Assimilanten ein Urteil zu fällen? Ist nicht vielmehr der jüdische Nationalismus, der Zionismus selbst, ein Hauptexponent der Assimilation, ein eklatantes Beispiel für die Angleichung an die aktuellen politischen Tendenzen Europas mit ihren ausschweifenden nationalistischen Prinzipien? Ist der Zionismus nicht selbst nationalistische Assimilation? Es muß hier ganz eindeutig gesagt werden: Der Nationalist unterliegt bewußt oder unbewußt in bezug auf Sitte, Tracht, Sprache und Denkweise gerade so den allgemeinen Erscheinungen der Assimilation wie jedes andere Glied des jüdischen Volkes und hat keine wie immer geartete Berechtigung, sich als Ausnahme zu betrachten. Der Umstand, daß er das Wort von Zion ständig im Munde führt, ohne notabene seine Golus-Heimat zu verlassen, wiegt die faktisch vollzogene Assimilation nicht auf. An inneren jüdischen Werten jedoch, insoferne man dieselben im Festhalten am religiösen Glauben, an jüdischer Tradition und jüdischem Kultus erblickt, wird der Nationalismus wohl kaum einen Vorrang für sich in Anspruch zu nehmen wagen. Mit diesen Behauptungen soll nun das religiöse Niveau der sogenannten Assimilanten durch- Mitglieder und freunde der „Union übertragen Lebens- und Eleraenfar- Versidierungen der Städtischen Verchhernngsanstait

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