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Die Wahrheit · 1932-01-22 · Heft 4 (22.1.1932) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 4 (22.1.1932)
Date
1932-01-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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nTF W4HPHFIT Seit* 5 Städtische Veisichcrunnsanstalt agoge, Probleme, die das Judentum betreffen, besprochen werden. Die erste dieser Tempelfeiern findet im 20. Bezirk, als dem judenreichsten, im Tempel in der Kluckygasse am Freitag, den 22. d. M„ um Wl Uhr, also nach dem allgemeinen Gottesdienst statt, wo Rabbiner Dr. Murmelstein einen Vortrag über „Der moderne Mensch und die Religion" halten wird. Es ist zu wünschen, daß diese, wie auch alle folgenden Tempelfeiern von Jugendlichen stark besucht werden und diese Institution in allen Bezirken Fuß fasse. . Möge der Weg vom Parteilokal zum Tempel rege gegangen werden. Zurück zur Synagoge! Max Mark. Chaim Nachman Bialik. Anläßlich seines Vortrages in Wien. Am 26. d M. wird der hervorragendste zeitgenössische hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik im großen Konzerthaussaale in Wien einen Vortrag halten und die Wiener Juden ohne Unterschied ihrer Weltanschauung und Parteieinstellung bringen diesem Ereignis Interesse entgegen. In Bialik wird der Mann gefeiert, der der modernen hebräischen Literatur gewissermaßen seinen Stempel aufdrückte, einer der wenigen hebräischen Dichter von Weltruf, der wiederholt als Kandidat für den Nobel-Literaturpreis m Vorschlag gebracht wurde, dessen Gedichte zum großen Teil in mehrere europäische Sprachen übersetzt worden sind, — der aber mehr ist als ein Dichter: Bialik zeigt alle Merkmale des Volkstribunen, aus seinen Gedichten spricht die Seele des jüdischen Volkes, der tausendjährige Schmerz des so schwer geprüften Judentums, die innere Wut ob der Ohnmacht gegenüber der übermächtigen Welt der Feinde, aber auch die hohe seelische Kraft und die Unüberwindlichkeit des Volkes der Bibel, dem trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen ein ewiges Leben und hoffentlich auch noch eine bessere Zukunft beschieden ist Bialik ist als Dichter quantitativ nicht allzu fruchtbar — um so inhaltsreicher sind seine dichterischen Schöpfungen, umso kraftvoller seine Poesie, um so ergreifender seine Dichtersprache, um so eindringlicher die Macht seiner Worte. Er meistert wie kein zweiter die moderne hebräische Sprache, ohne allzusehr ins Extrem zu verfallen, ohne sich in gekünstelte Modernismen zu verlieren; bei aller sprachlichen Kunstfertigkeit ist es nicht die gewaltige und zuweilen geradezu erschütternde Kraft seiner Gediente, als vielmehr ihr innerer Gehalt, der seinen Schöpfungen einen dauernden Wert verleiht. So konnte nur ein Jehuda Halevi die inneren Empfindungen seines Volkes zum Ausdruck bringen; so vermochten es nur die wenigsten, auch die Dichter andere Völker, dem Gefühl ihrer Völker Ausdruck zu verleihen. Kein Wunder, daß Bialik einer der populärsten jüdischen Männer der Gegenwart ist und daß sein Erscheinen überall zu einem Ereignis und zu einem Erlebnis wird. Jedes seiner Lieder ist klassisch nach Form und Inhalt Sein nach dem Kischenewer Pogrom im Jahre 1903 verfaßtes Poem „Mcir hahatega" hat ihn zum großen Jüdischen Poeten emporgehoben und durch dieses erschütternde Gedicht, in das er den prophetischen Geisi der biblischen Sprache hineintrug, in dem er mit der Kraft der Propheten der verhaltenen Wut ob der Ohnmacht seiner Brüder gegenüber den Huligans Ausdruck verlieh, hat ihn in der jüdischen Welt populär gemacht Bialiks Lyrik ist elementar, sie drückt die Leiden und Qualen des ganzen jüdischen Volkes aus. Bialit der Sohn des „Beth-Hamidrasch". des jüdischen Lehrhauses, hat in sich die Eindrücke dieses einzigartigen Milieus aufgenommen und er hat in einigen seiner dichterischen Schöpfungen der Poesie dieses Lebens ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Bialik ist wohl der ■letzte Dichter, den das Beth-Hamidrasch der neuhebräischen Literatur geschenkt hat. Seine zeitgenössischen Kollegen entstammen bereits anderen Kreisen. Deswegen auch ist die Liebe Bialiks zu den alten geistilgen Schätzen des Judentums eine ganz andere als die Einstellung gar mancher seiner Epigonen und Weggenossen. Deswegen sein lebhaftes Interesse für die Legendenwelt des Talmud und der MidrascWm, seine persönliche Einstellung zur jüd%ohen Tradition; deswegen konnte Bialik eine Aktion in die Wege, leiten, in Tel-Awiw, wo er seit einem Dezennium ständigen Aufenthalt, hat Sabbath-Nachmittags- Vorträge, „Oneg-Schabotth". einzuführen: deshalb seine Abneigung gegen die Verletzung des Sabbath durch Fußballspiele, deswegen seine tiefe Verehrung für das alte traditionelle Judentum, seine Abneigung gegen jeden übertriebenen Modernismus in der hebräischen Literatur und im Jüdischen Leben, sein starkes Interesse für die Bücher der Bibel, für die hebräische Literatur des Mittelalters, die ja zum überwiegenden Teile auf das religiöse Leben basierte. Daß Bialik Nationaljude. Zionist ist. darf angesichts semer ganzen Einstellung zum jüdischen Problem nicht wunder nehmen. Aber Bialik, der seine ersten literarischen Schritte unter der Leitung seines Lehrers und Wegweisers Achad Haam machte, ist auch hinsichtlich der zionistischen Politik der treue Schüler dieses seines Lehrers geblieben. Auch für Bnafik hat das geistige Moment des Zionismus, der jüdischen Renaissance, mehr Bedeutung als die äußeren politischen Erfolge; auch für ihn ist die geistige Wiedergeburt des Judentums im Lande seiner Väter, die Schaffung eines geistixen Zentrums in Palästina von mehr Wert als manche politische „Errungenschaften", die in den meisten Fällen höchst problematischer Natur sind und mit einen Federstrich wieder beseitigt werden können. Deswegen ist Bialik nie zionistischer Agitator in der trivialen Bedeutung des Wortes gewesen; deswegen hat er nach dem letzten Kongreß seiner schweren Enttäuschung über das Erlebte und Gesehene in einem Gedicht Ausdruck gegeben, das in der zionistischen Presse eine lebhafte Diskussion ausgelöst hat und das — mit Recht oder Unrecht — die Revisionisten als gegen sich gemünzt be- und verurteilten. Bialik, als treuer Zögling Achad Haams. sucht immer und überall den Kern der Sache und legt weniger Gewicht auf die äußere Schale: er befolgt dann den Lehrsatz seines Kroßen Vorgängers Rabbi Jehuda Halevi: „Lege kein besonders Gewicht der griechischen Weisheit bei, die nur Blüten, aber keine Früchte trägt!" Deswegen begnügte sich Bialik auch nicht mit deml Dichten, sondern betätigte sich auch ziemlich erfolgreich «Js Verleger, aäs Herausgeber und Editor zahlreicher hebräischer Werke, als hebräischer Buchdrucker, als praktischer Mensch; deswegen seine Einstellung zu allen Fragen des modernen Judentums, zur jiddischen Sprache, zur jüdischen Literatur in fremden Sprachen, zum jüdischen Leben in der Diaspora fn allen seinen Schattierungen und Verzweigungen. Bialik ist kein weltfremder Dichter, er kennt auch das ■tägliche Leben und seinen Wert für die Gegenwart und Zukunft des Judentums, ebenso wie er die gigantische geistige Kraft der jüdischen Vergangenheit zu würdigen versteht. Nicht nur als Dichter, auch als Erzähler gehört Bialik zu den Besten der neuen hebräischen Literatur. Aber auch als Kritiker und Publizist stellt er seinen Mann und seine, wenn auch nicht allzu oftmalige öffentliche Stellungnahme zu den aktuellen Jüdischen Fragen hat immer lebhaften Anklang und Widerhall gefunden, nicht bloß kraft seiner persönlichen Individualität sondern auch kraft seiner vernünftigen und sachlichen Argumentation, kraft seines klaren Blickes und seines von keiner Phraseologie getrübten Urteils. Der heißblütige Dichter, der es so gut versteht, das Instrument der seelischen Phantasie zu handhaben, kann sehr logisch und kühl denken, den Kern von der Schale unterscheiden und. wenn es nötig ist und wie letzthin seine von uns ausführlich behandelte Rede auf der Warschauer Tarbuthkonferenz bewies, mich zuwe'Jen gegen den Strom schwimmen. Wenn Bialik in den nächsten Tagen Gast des Wiener Judentums sein wird, darf er versichert sein, daß alle jüdischen Schichten und Richtungen, unbeschadet ihrer individuellen Anschautingen und Einstellungen, in ihm den großen zeitgenössischen jüdischen Dichter begrüßen, den die Geistesschätze des Judentums so sehr bereicherte und befruchtete. J. K. Bpiift- und BraLigröüsschmOcftunQ Gärtnerei ERNST scctRIED GründuDgsjabr 1880 XL, Simmeringer Hauptstraße Nr. 381 Ül. Tor, Zenttalfneoiiot, Haltestelle der Eletuiscnen 51 Telephon II 14-^-61 Unter Berufnng auf .Die Wahrheit" 10»/0 Rabalt Notstandsakfion 1931/32 der isr. Kulfusgemeinde und der jüdischen Organisafionen in Wien. Am 11. Jänner 1932 versammelten sich die Fürsorgeräte der israelitischen Kultusgemeinde und die Vertreter derjenigen Vereine, die an der iüdrschen Notstandsaktion mitarbeiten, im Saale des Hotet Post, um den Bericht und neue Arbeitsvorschläge des Aktionskomitees entgegenzunehmen. Der Obmann der Zentralkommission für soziale Fürsorge der israelitischen Kultusgemeünde, Dr. Isidor K lab er, der den Vorsitz führte, wies in «einer BegrlErßungsansprache auf da* uralte Judenle'd h.;n. Dieses sei heute, wo es wohl keine Mutigen Pogrome und keine Scheiterhaufen gebe, nicht minder drückend. Der kalte Pogrom versperrt den Juden den Weg zu zahlreichen Stellungen in verschtedenen Berufen und läßt! viele verarmen. Aber der Wille, sich dieser Not tätig entgegenzustellen, ist stark wie je. Die gegenwärtige Aktion findet die wertvollsten jüdischen Persönlichkeiten als Are Mitarbeiter, die Fürsorge verbindet die jüdischen Parteien zu einheitlicher Arbeit und wird hoffentlich zur judischen Einheit führen. In seinem Berichte über die bisherigen Leistungen hob Dr. Klaber die Spender hervor, welche größere Beitrage gewidmet, sowie die Vereine und Korporationen, die sich m besonderer Weise der Notstandsaktion zur Verfügung gestellt haben. Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Jakob Ornstein begrüßt im Namen des Präsidenten Prof. Doktor Pick und des Kultusvorstandes die Versammelten hebt die bisherigen Leistungen der Aktion hervor, weist aber auf die ungeheure, schwer zu bewältigende Arbeit hin, de noch zu leisten ist. Rabbiner Dr. David Feuchtwang hält es für eine Ehrenpflicht einer jeden jüdschen Gemeinde, dafür zu sorgen, daß es innerhalb derselben keine Menschen geben darf, die hungern und nicht iüber die notwendige Kleidung verfügen. Wenn alle Juden gewissenhaft genug wären, müßte derartiges Elend im Judentume verschwinden, wie denn überhaupt in der ganzen Welt die krasseste Not bei gutem Willen gemildert werden konnte. Von diesem Gesichtspunkte aus könne man mit den bisherigen Leistungen nicht zufrieden sein. Das Gefühl der Unzufriedenheit müßte unter die Bevölkerung getragen werden, um dieses Ziel zu erreichen. Kultusvorsteher Börserat Ignaz Glück weist darauf hin, daß die Tätigkeit der Fürsorgeräte noch mehr intensiviert werden könnte» und führt dies des Näheren aus. Aus dem sachlichen Referat des Amtsvorstandes Emil Engel ist hervorzuheben: Der bisherige Eingang für die Aktion beträgt rund S 77.000.—, was einen Bruchteil der für 4 Monate erforderlichen Summe darstellt. Nur 10 Prozent der Steuerträger, an die Aufrufe hinausgegangen sind, haben bisher durch Spenden reagiert. Es muß daher neuerlich an dfe jüdische Bevölkerung um Spenden herangetreten werden, da sonst vielleicht die Aktion mitten im Winter eingestellt werden müßte. Die Sammelaktion durch Blocks, an welcher sich nicht nur die Fürsorgeräte der Kultusgemeinde, sondern auch weitere Kreise der Bevölkerung, wie der Verband der fiMischen Frauenvereme „WeäbÜche Fürsorge", die B'nai B'rith-Logen, verschiedene jüdische Vereine, die Beamten der I. K. G. und die jüdische Lehrerschaft beteiligen, wird erst in nächster Zeit zur Auswirkung gelangen. Es wäre selbstverständliche Pflicht sämtlicher jüdischen Vereine und Organisationen, in dieser schweren Zeit das Gesamtinteresse zu wahren und. wie dies bereits seitens einiger Organisationen geschehen ist für die Notstandsaktion auch durch Ablieferung eines Teiles der aus Veranstaltungen erzielten Reinerträgnisse mitzuwirken. Am 24. d. M. wird im großen Konzerthaussaale zugunsten der Notstandsaktion dank den Bemühungen des Amtsleiters Julius Rosenfeld ein Konzert veranstaltet Die Beamtenschaft der Kultusgemeinde hat S 500.— beigesteuert und um zirka S 10.000.-— Blocks übernommen. Der Klub der Hakoahfreu-nde hat ein Komitee gebildet, welches bisher durch Zeichnung des Betrages von S 4500.— die Aussoeisung und Beteihmg mit Brot von 100 Personen durch drei Monate sichert In allen Wiener Bezirken werden von den zuständigen Religionslehrern Eftenwersarrurdungen abgehalten, um die bemittelten Ehern von schulpflichtigen Kindern zur Mitarbeit zugunsten der armen SchuKkiuder CBtockJAktion, BekZeidungsaktion) heranzuziehen. Unter Mithilfe des Vereines .Ferienheim" und der Loge „Eintracht" wurde in der Toynbeehalle, XX., Denisgasse 33, eine Halbtagesheimstätte ftöir Schulkinder eröffnet, denen auch eine Jause verabfolgt wird. Zirka 150 Kinder nehmen daran teil. Im X. Bezirk. Van der Nüllgasse 40. wurde eine Nachtmahlspeisesteile eröffnet, woselbst unter Mitwirkung der Bezirksfürsorgekommission 200 Personen beteilt werden. Die Aus Speisung, dre vorläufig in 4 Lokalen, und zwar in der „Einheit". „Jüdische Volksküche", „Machsike Hadath"und im XX. Bezirk. Bäueriegasse 36. (durch „Seudat Sabat") durchgeführt wird, umfaßt gegenwärtig über 500 Personen täglich, die ein Mittagmahl mit Brot erhalten. Lebensmittelanweisungen wurden vorläufig an zirka 2000 Familien ausgesehen. Mit Kohle wurden ebenfalls zirka 2000 Familien beteilt. Die Bekleidungsaktion wird fortgesetet Um weitere Kreise, die dringend auf Hilfe warten. bertteksichFigen und um auch die bereits Beteilten. in gewissen Zeitabständen neuerlich bedenken zu können, sind weitere Geldmittel erforderl'ch. deren Aufbringung eben Gegenstand der fortzuführenden Aktion ist. In der Debatte gaben die Fürsorgeräte verschiedene dankenswerte Anregungen zur weiteren Ausgestaltung der Aktion. In seinem Schlußworte betonte Obmann Dr. Klaber die Notwendigkeit, die geschaffene Organisation der freiwilligen Mitarbeiter auf dem Gebiete des Fürsorgewesens auszubauen, wodurch der erwünschte Kontakt mit der jüdischen Bevölkerung aufrecht erhalten wird. Dank dieser Arbeit werde auch der Erfolg der Aktion, wie gehofft werden darf, nicht ausbleiben. ilt

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