Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4 (22.1.1932)
- Date
- 1932-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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i.ME WAHKtieiT Sehe 3 bürgerlicheGleichberechtigungneuerlich aufnehmen zu müssen. Gerade in den letzten Tagen äußerte sich ein bekannter Diplomat einem jüdischen Journalisten gegenüber, daß der zionistische Lösungsversuch der Judenfrage im Getriebe der internationalen Politik an Aktualität eingebüßt hat. Diese Aeußerung hat viel für sich. Die Reaktion, die sich auf den verschieidlensten Gebieten des öffentlichen Lebens, sowohl im politischen wie im wirtschaftlichen Sinne, geltend macht, bringt auch eine ernstliche Bedrohung der einfachen Gleichberechtigung der Juden mit sich. Der Aufstieg des Hitlertums in Deutschland nnd die Auswirkungen dieser Erscheinung auf die Entwicklung der Dinge in Oesterreich, die Vorgänge in anderen mitteleuropäischen und südosteuropäischen Staaten — sie zeigen evident, daß den sogenannten jüdischen Abwehrorganisationen, Alliance Israelite Universelle, Centraiverein, Union österreichischer Juden, Anglo-Jewish Association, American-Jewish Committee, Union rumänischer Juden usw., neue Aufgaben erwachsen und daß sie jetzt gezwungen sind, die Intensität ihrer Arbeit zu verstärken und mit vermehrter Energie, zu arbeiten, um ihren Zielen gerecht zu werden. Die Gründe dieser Erscheinung sind hinlänglich bekannt und es erübrigt sich zweifellos, auf die Einzelheiten näher einzugehen. Die große Wirtschaftsnot radikalisiert die Massen und macht sie für alle möglichen und unmöglichen Schlagworte zugänglich. Das Ueberhandnehmen der Radikalisierung zwingt wiederum selbst ernste Volksführer, aus Selbsterhaltungstrieb diesen Strömungen Konzessionen zu machen und so ist es möglich geworden, daß in Deutschland ernstlich mit einem Hitlerregime gerechnet wird und daß die hirnverbrannten Ideen des Nationalsozialismus in anderen Ländern ernst genommen werden. Man rechnet mit der „Logik der Tatsachen" und will nicht gegen den Strom schwimmen. Wie immer wir Juden über die Auswüchse dieser Erscheinung urteilen mögen, es hätte keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Wie um die Mitte, bzw. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwächst für die Juden aller Länder die Notwendigkeit, sich für den Abwehrkampf zu rüsten und rechtzeitig die Instrumente bereitzustellen, die diesen Abwehrkampf zu •führen hätten. Daß diese Aufgabe in erster Reihe den bereits seit Jahrzehnten existierendien und wirkenden Organisationen zufällt,, ist klar. Aber wir dürfen uns gend eine geheime jüdische Zentrale geben — und da jedes Geheimnis den Stempel der Schuld an sich trägt, so werden dieser „anonymen jüdischen Macht'* destruktive Tendenzen in die Schuhe geschoben. Deswegen finden die Ammenmärchen über die „Wühlarbeit" der Alliance, der „Weisen von Zion", der Freimaurer usw. Glauben, deswegen wird jeder Unsinn als bare Münze genommen und deswegen gelingt es eben jedem Demagogen, mit Hilfe dieser Phraseologie Anhänger zu gewinnen und zur Macht aufzusteigen. Nun denn, „von den Feinden soll man lernen!" Wenn unsere Feinde das Vorhandensein einer jüdischen Spitzenorganisation als etwas Selbstverständliches betrachten und1 eine solche in ihrer Phantasie konstruieren, nachdem sie außerstande sind, ihre Spuren sichtbar zu zeigen — dann müßten die Juden eben die Schaffung einer solchen Spitzenorganisation erstreben und verwirklichen. Die Grundzellen hierfür sind ja vorhanden. Eben die bereits existierenden jüdischen Abwehrorganisationen, wie Alliance, Centraiverein, Union, Anglo-Jewish Association, American Jewish Committee usw., sollten aus ihrer Mitte ein Zentralkomitee bilden, mit dem Sitze in Genf, wo dieses, beim Völkerbund akkreditiert, seine Tätigkeit zu entfalten hätte. Die Zusammenarbeit mit dem Völkerbund dürfte diese Spitzenorganisation vor dem Vorwurf bewahren, als ob die Juden der verschiedenen Länder sich in die inneren Verhältnisse der einzelnen Staaten einmengen wollen, da die Arbeit der Organisation gewissermaßen unter der Kontrolle des Völkerbundes geschehen würde. So mangelhaft das Instrument des Völkerbundes auch 1 YORNEflflE FAMILIEN - PENSION RistaiPitloD .Hatfeebaas täglich 5-Uhr-Tee SErMEKING TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans § Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS12.—aufwärts § Zentralheizung fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. H ABSiranlf: Wien Telepnon o 21-6-24. g Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer \ ^iiiiiiiirainiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiii^oioffliimiiMiiniii bisher ausgestaltet ist, so viel die Tätigkeit dieser internationalen Körperschaft auch zu wünschen übrig läßt, die Tatsache ihrer Existenz hat schon gar manches Unheil verhütet und die Genfer Tribüne ist denn doch nicht ganz ohne Effekt. Eine solche jüdische Spitzenorganisation mit einem engumschriebenen Wirkungskreis und) mit den notwendigen Organen ausgestattet und vor aller Oeffentlichkeit wirkend, dürfte zweifellos wesentlich dazu beitragen, den Abwehrkampf für die Rechte der Juden wirkungsvoll zu gestalten. De jure dürfte wohl d'er Völkerbund vorerst ein solches Organ als Wortführer der allgemeinen jüdischen Interessen nicht voll und ganz anerkennen — das muß einer späteren Entwicklung vorbehalten bleiben; aber via facti wird man nicht nur in Genf, sondern auch überall mit dem Vorhandensein eines solchen Instruments rechnen und nach und! nach diesem das gebührende Gehör nicht versagen. Voraussetzung allerdings ist, daß sich dieses Organ davor hüten müßte, innerjüdische kontroverse Fragen aufzuwerfen und sich in Polemiken über theoretische Probleme einzulassen, die seine Spannkraft nur lähmen und schwächen müßten. Die sonst strittigen innerjüdischen Fragen sollten von der Tätigkeit des Zentralkomitees möglichst ausgeschaltet und den diversen Parteien und Gruppen überlassen bleiben. Daß die Sache nicht ganz einfach ist, soll nicht geleugnet werden. Das stark differenzierte Judentum läßt sich nicht leicht unter einen Hut bringen und die bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiete sind keineswegs verlockend. Dennoch müßte der Versuch unternommen werden. Wir durchleben außerordentliche Zeiten und diese erfordern außerordentliche Mittel, außerordentliche Anstrengungen und - last not least - außerordentliche Opfer aller jüdischen Gruppen und Parteien, auchin ideologischer und weltanschaulicher Hinsicht. Allenfalls sollte der Versuch gemacht werden. Wo ein Wille, ist auch ein Weg! Ueber die diversen Einzelheiten wird schon ein Einverständinis zu erzielen sein — wenn alle jüdischen Gruppen und Organisationen den Ernst der Zeit begreifen und dem Gebot der Stunde Rechnung zu tragen sich bereit finden werden. Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt Die Tragödie von Soroca. Sechs junge jüdische Menschen an der bessarabisch-russischen Grenze von rumänischen Grenz- gendarmen ermordet und beraubt. teiner Täuschung darüber hingeben, daß die Arbeit dieser Organisationen heute vielfach schwieriger als je zuvor ist. Wenn die heutige antijüdische Strömung mehr interstaatlich ist, wenn sich Cuza in Rumänien darauf beruft, ein Jünger Hitlers zu sein, wenn die Araber in Palästina mit den .Protokollen der Weisen von Zion" operieren, wenn in exotischen Ländern nationalsozialistische Organisationen geschaffen werden, dann genügt eine isolierte Abwehr der bestehenden jüdischen Organisationen in den einzelnen Ländern nicht mehr, dann muß eine Zentralorganisation aller jüdischer Abwehrvereine Ins Leben gerufen werden, dann muß »2 er Abwehrkampf einheitlich geführt werden. Wer Gelegenheit hat, mit Nichtjuden, auch mit vorurteilslosen, über die Judenfrage zu diskutieren, der macht immer wieder die überraschende Wahrnehmung, daß selbst geistig hochstehende Männer, die sonst Schlagworten nicht zugänglich sind, an das Vorhandensein einer sogenannten „anonymen jüdischen Macht" glauben und sich diesen Glauben keineswegs ausreden lassen wollen. So merkwürdig diese Tatsache auch erscheinen mag, sie entbehrt nicht einer gewissen Berechtigung. Diese Nichtjuden sagen sich: die Judenheit, die so sehr fast überall Bedrohungen und Verfolgungen ausgesetzt ist, sollte ja unbedingt über eine Spitzenorganisation verfügen, die sich über alle Länder erstreckt; das müßte schon die sogenannte jüdische Solidarität als selbstverständlicherscheinen lassen. Tritt eine solche Spitzenorganisation nicht öffentlich in Erscheinung, entbehrt das zeitgenössische Judentum eines solchen öffentlich auftretenden und wirkenden Organs, dann muß es eben ir- Ein grauenerregender Fall von Massenraubmord, der legal verschleiert wird, hält die Judenheit in Bessarabien und im übrigen Rumänien in Erregung. Fünf jüdische junge Männer und ein Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren, Kinder angesehener jüdischer Kaufleute in Soroca in der Nähe der bessarabisch-russischen Grenze, wurden von Grenzgendarmen aufgegriffen, an die Grenze geschleppt, dort durch Schüsse getötet und beraubt Es wurde dann die Meldung ausgegeben, daß fünf Kommunisten und ein Schmuggler, der sie über die Grenze nach Rußland bringen sollte, von rumänischen Grenzgendarmen erschossen worden seien, als sie über die Dniestr-Grenze nach Rußland entfliehen wollten und auf den Anruf der Grenzgendarmen stehen zu bleiben, nicht achteten. Es hat sich aber herausgestellt, daß die Erschossenen durch einen Schmuggler, der im Einverständnis mit Grenzfunktionären handelte, an die Grenze gelockt wurden und auch in die ihnen gestellte Falle gegangen sind. Für die Grenzgendarmen wäre es ein Leichtes gewesen, die jungen Leute, wenn sich diese wirklich etwas hatten zu schulden kommen lassen, zu verhaften, da der die Grenze bildende Dnjestr an dieser Stelle nicht zugefroren war und ein Entweichen nach Rußland gar nicht in Frage kam. Dennoch wurden sie in bestialischer Weise erschossen und dann ausgeraubt. Tzichinowski, einer der sechs von den Grenzgendarmen erschossenen jungen Juden, der 14 Stunden nach dem Massaker noch gelebt hat, hat dem ihn vernehmenden Staatsanwalt noch wichtige Mitteilungen machen können. Aus seinen Aussagen geht hervor, daß die jungen Leute t a tsächlich in eine Falle gelockt worden sind. Tzichinowski erzählte, er wie seine ermordeten Kollegen, die arbeitslos waren, hätten sich auf die Arbeitssuche begeben wollen. Ihnen näherte sich der Schmuggler Papusoju und sagte ihnen, sie mögen Geld mit sich nehmen, er werde sie über die Grenze führen, wo sie Arbeit finden werden. Papusoju setzte sich mit einem Korporal der Grenzgendarmerie in Verbindung. Beide hatten sich offenbar verabredet, die jungen Leute an die Grenze zu locken, sie dort zu erschießen und zu berauben; als dann die jungen Leute sich der Grenze näherten, wurden sie für verhaftet erklärt, in ein Außenviertel der Stadt Soroca geführt und aus einer Entfernung von etwa 5 Metern beschossen, wobei auch einige Handgranaten geworfen wurden. Das Geld war ihnen vorher abgenommen worden. Daß es sich nicht um eine Erschießung auf der Flucht, sondern um ein beabsichtigtes Massaker handelt, geht schon daraus hervor, daß fast sämtliche Schüsse Brustschüsse waren. Noch als die sechs jungen Leute auf dem Boden lagen, wurde auf sie geschossen,