Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4 (22.1.1932)
- Date
- 1932-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Settel DIE WAHRHE! ' gung aller Staatsbürger gefährdet sehen. Er meint daß seit jeher in unserem Staate eine Gliederung der nationalen Schichten der Bevölkerung nach kulturellen .und sozialen Gesichtspunkten erfolgt ist und daß dieser Umstand ein Beweis dafür wäre, daß diese „außerhalb der Rechtsordnung" stattgehabte Gliederung dem „Gleichheitssatze" nicht nur nicht widerspreche, sondern sogar, auf ihn gestützt, erfolgen könne und zunächst auf unseren Hochschulen erfolgen solle. Mit Verlaub, Herr Minister, eine solche Gliederung mag im sozialen Leben eine selbstverständliche sein, aber die aus ihr abgeleiteten Konsequenzen müssen deshalb noch immer nicht die Grundlage für eine entsprechende gesetzliche Verankerung bieten. Wir .können uns z. B., um einen ganz krassen Fall zu wählen, vorstellen, daß aus der Haft entlassene Verbrecher sich zusammenschließen, um sich gegenseitig den schweren Daseinskampf zu erleichtern, wir können uns aber nicht vorstellen, daß aus diesem leicht erklärlichen Zusammenschlüsse ein Justizminister die Konsequenz ableiten wird, diesen Menschen jene Rechte zu gewähren, deren sie auf Grund des richterlichen Urteilsspruches verlustig gegangen sind. Von einer kulturellen Unterschiedlichkeit kann in breiten Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens überhaupt nicht gesprochen werden. Und was den Zusammenschluß in nationaler Hinsicht anbelangt, so glauben wir, daß sich immer mehr die Erkenntnis durchringt und durchringen muß, daß eine solche Zusammenfassung zugleich Abschluß gegen Andersnationale bedeutet, eine Abschließung, aus der Haß und Feindschaft, nie und nimmer aber einträchtiges Zusammenwirken entsteht. Wir sagten: Haß und Feindschaft Von keinen anderen Gefühlen werden die nationalbewußten Hakenkreuzler, die nun über ihren neuesten Sieg triumphieren werden, gegenüber uns Juden, der „Köterrasse", geleitet. Und die Herren Christlichsozialen mögen sich drehen und wenden, sie können nicht leugnen, daß das Machwerk ihres Herrn Dr. Czermak, auch wenn er in seiner Begründung nur von Kroaten. Slowenen und Magyaren — wie stark sind die schon! —, niemals aber bezeichnenderweise von den Juden spricht ein Schlag in das Gesicht des österreichischen Judentums ist. Der „Reichspost" liegt zwar nur das Schicksal der Judenkonvertiten am Herzen, das uns hinwiederum höchst gleichgültig ist „Es bleibt", meint sie, „die Härte bestehen, daß sich z. B. auch die Judenkonvertiten... nicht jener Studentenschaft anschließen können, der sie sich innerlich am meisten verwandt fühlen. Aber diese Härte ist nicht zu überwinden, wenn nicht die Arbeitsfähigkeit der ganzen Studentenschaft durch eine weitmaschige Interpretation des Volksbürgerprinzips in Frage gestellt werden soll." Und doppelten christlichen Trost spendet sie diesen reuigen Sündern, die zwar der „Abstammung" nach dem deutschen Volke nicht angehören, „wenn sie sich auch ehrlich zur deutschen Kultur bekennen": Es bleibt ihnen der Weg in die „Weltanschauungsgemeinschaften" und in die „ergänzende Studentenschaft" verschiedener Volkszugehörigkeit offen. Da sind wir nun bei jener Mißgeburt angelangt, deren geistiger Vater beileibe nicht Dr. Czermak, sondern Seine Magnifizenz Herr Rektor Dr. Wenzel Gleispach ist. Als dieses Zwitter das Licht der Welt erblickte, hatte es wohl einen anderen Namen: damals hieß es „gemischte Studentenschaft". Aber „gemischt" oder „verschieden", das ist nicht verschieden, das ist wie man auf gut wienerisch sagt gehupft wie gesprungen. Wir können uns die Gesellschaft lebhaft vorstellen, die sich da in traulichem Beisammensein finden soll. Siamesen, Pekinesen, Chinesen, Judenkonvertiten und — Juden. Denn auch solche werden doch in der „verschiedenen Studentenschaft" Aufnahme finden müssen. Was für die Judenkonvertiten billig ist, muß eben für jene unverschämten Juden recht sein, die sich „ehrlich zur deutschen Kultur bekennen". Sie werden die Stirne haben, aus dieser Zugehörigkeit zur deutschen Kultur eine Zugehörigkeit auch zum deutschen Volke abzuleiten, die auf dem „Volksbürgerprinzip" aufgebaute „Deutsche Stu- STEININDUSTRIE CARL BENEDICT ueZnale: III., Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof,3. Tor, Tel. LMO-4-53 dentenschaft" wird sie natürlich, weil sie nicht gleich edler germanischer Abstammung sind wie die dort herrschenden teutonischen Recken, abweisen, und dann bleibt den österreichischen Juden, den ntohtzionistischen Juden eben nur der Weg wie den Judenkonvertiten übrig, der Weg in die „verschiedene Studentenschaft". Das ist doch wahre Gleichberechtigung, nicht wahr, Herr Minister Dr. Czermak!? Altgläubige Juden und frischgläubige Christen in einer „Studentenschaft", Staatsbürger, was willst du noch mehr? Wir wollen mehr, Herr Minister Dr. Czermak! Wir wollen unsere mit dem Blute unserer Ahnen erkämpfte Gleichberechtigung unangetastet und wir betrachten trotz aller ihrer Deutungsversuche ihre Gesetzesvorlage als einen schnöden Undank für die Leistungen, die Juden auf allen Gebieten diesem Staate gewidmet, als einen seit Dezennien erstmalig erfolgten Versuch der Einschränkung unserer Gleichberechtigung. Deshalb gilt diesem Machwerke unser schärfster Kampf, ein Kampf, bei dem nun, da wir wissen, wo der Gegner steht, die Mitarbeit aller notwendig ist! Oskar Hirschfeld.- Zentralweltorganisation zur Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden. Eine Anregung. Von Regierungsrat J. K r e p p e l. Rechte, nationale Autonomie u. dgl. Diejenigen, die noch immer ihre Zeit und ihre Arbeit der Verteidigung der primitiven jüdischen bürgerlichen Rechte In den letzten Dezennien, besonders in der Nachkriegsperiode, ist von verschiedenen jüdischen Seiten, namenüich seitens der Jüdischnationalen, die These vertreten worden, der Kampf um die Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden sei überholt und ein Anachronismus; mit düesen Rechten, die ja bekanntermaßen in den meisten Staaten vornehmlich auf dem Papier geblieben sind, sei den Juden nicht meingedient Man müsse vielmehr andere Lösungsversuche für die sogenannte Judenfrage anstreben: Minderheitsrechte, nationale wdlmeten, wurden vielfach verlacht und als Menschen verschrien, die ihre Zeit verschlafen haben und sich um Dinge abmühen, die längst überholt sind. Die Erfahrungen der allerletzten Zeit haben diese These nur allzu eklatant widerlegt. Leider Gottes sind wir Juden in einer Reihe von Ländern wieder dabei angelangt den Kampf um die Feuilleton Wiener jüdische Finanziers vor 300 Jahren. Von Sidonie Rosenberg. Auf jüdische Finanziers treffen wir erst als die Juden nach dem Westfälischen Frieden eine allgemeine Renaissance erleben. Sie steigen erst' langsam als kleine und große Lieferanten in Verbindung mit dem Hofe auf, als Darlehensvermittler, Geldagenten und1 kommen erst dann, nachdem sie sich in diesen untergeordneten Stellungen und Berufen Vermögen erworben haben, zu selbständigen Geldverleihern auf. Als Type dieser Gattung will ich vorerst Samuel Oppenheimer nennen. Er war vor genau 300 Jahren in der Pfalz geboren und kam dort auf eine uns unbekannte Weise als Geldagent seines Landesherrn, des Kurfürsten von der Pfalz, mit dem Geldgeschäfte in Berührung. 1674 übersiedelte er nach Wien als Lieferant für die kaiserlichen Armeen in Deutschland und wurde hauptsächlichste Hilfsquelle zur Versorgung der Armeen in Deutschland. Er versorgte, wie er selbst in einem Briefe an den Grafen Harrach sagt „zwei Armeen auf beiden Fronten mit Proviant Mehl, Hafer, Remonten, Munition, Pulver, Blei, Pferden und Ochsen, so daß nirgends ein Abgang war". Durch diese geborgten Gelder wurde er Gläubiger des Staates, gab jedoch keinesfalls das Lieferungsgeschäft auf, sondern erreichte auf diesem Wege eine „Art Monopolium". Von da bis zu einem großen Wiener Bankier war nur ein kleiner Schritt; er richtete aber seinen ganzen Betrieb — sehr zu seinem Schaden — für den Finanzbedarf der Regierung ein. Die kaiserliche" Finanzleitung selbst betont »daß man sich bei solchen Okkasionen, wenn die Geldnot auskommt der Juden (gemeint ist Oppenheüner, in dessen Händen das ganze Geschäft der Regierung mit jüdischen Händlern zusammenhing) mehr als der Christen bedienen kann, weil sie mit solchen Summen sich gezeigt haben, wo kein Christ ihnen folgen kann". Auch gibt die Finanzleitung zu, daß der Christ höhere Interessen fordert als der Jude; dem Kaiser war natürlich der Jude als Gläubiger unangenehm, er mußte sich aber seiner bedienen und gesteht Oppenheimer zu, „daß er ihm stets in Treue Dienste geleistet". Selbstverständlich stieg mit dem Aufstieg Oppenheimers der Haß gegen ihn undi die christliche Kaufmannschaft mit der Geistlichkeit ließ nichts unversucht, um das Monopol Oppenheimers zu brechen. Die Prozesse, die gegen ihn angestrengt wurden, beraubten ihn seines ganzen Vermögens, er hatte den ganzen Kredit seiner Firma für den Staat aufgeboten und starb 1703 als armer Mann. Natürlich war Oppenheimer als Lieferant und Bankier des Hofes nicht allein geblieben, er hatte nach und' nach Konkurrenten gefunden, wie Nathan Oppenheimer, Meyer Herschel, Herz Lehmann, und als Hauptkonkurrenten den früheren Prokuristen Oppenheimers, Samson W e r t h e im e r, der, als im politischen Leben eine Besserung eintrat, das unkaufmännische Gemenge von Lieferung und Anlehen abstieß und Bankier wurde. Der Erfolg zeigt ihn als richtig voraussehenden Finanzmann, er wurde ein reicher, gebietender Bankier. Er führte sein Vermögen in realen, sicheren Werten zu bedeutender Höhe, besaß gut fundierte Wechsel, Juwelen, Obligationen in einem für die damalige Zeit bemerkenswertem Ausmaß. Immerhin wurden die Fäden, die Samuel Oppenheimer angeknüpft hatte, im Bankgeschäft von seinen Nachfolgern und später von Sinzheimer, Schlesinger, Arnstein und Eskeles aufgenommen und der gesunde Teil ihres Geschäftes weiter gepflegt aber nur diese Spitzen der obersten Ge1 schäftswelt waren reich, die Juden waren in ihrer großen Mehrzahl arm; denn noch 1762 berichtete die Hofkanzlei an die Kaiserin Maria Theresia, daß die Juden außer Arnsteiner, Leidesdorfer und Eskeles arm seien. Und damit traf sie das Richtige, denn so wie heute glaubt die öffentliche Meinung, die Juden seien reich, was aber nie und nimmer .zugetroffen hat Erst nach der Kriegsepoche der Revolutions¬ und Franzosenkriege begann in Wien bei den allgemein günstigeren Erwerbsverhältnissen ein jüdischer Bankiersstand zu entstehen, der, wenn auch nicht wirklich reich, so doch in jeder Beziehung als honorig, fleißig und wohlanständig gelten konnte . . . Ich entnehme diese interessanten Auszüge Idlem Buche von Sigmund Mayer, „Die Wiener Juden von 1700—1900". Mayer, dessen 100. Geburtstag sich in diesen Tagen jährte, hat in seinem Standardwerk die Geschichte der Wiener Juden, ihr Verhältnis zu Wien, ihren Einfluß auf die Wirtschaftsgeschichte dler ganzen Welt auf das interessanteste geschildert, genau so wie sein früheres Werk „Ein jüdischer Kaufmann von 1831—1911", seine Autobiographie, weit über den Rahmen dessen hinausgeht, was man selbst bei hochgespannten Erwartungen in ähnlichen Büchern findet Josef Unger, unser unvergeßlicher Rechtslehrer, sagt von diesen Büchern, wie ich selbst gehört: Sie sind interessanter und spannender wie ein Roman.