Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 3 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DU WAHRHEIT Seit« 6 Städtische Veisicheniitasanstalf imiiiiimM^ 4\ Direktion: Wien I., Tuchlauben Nr. S Telephon U 27~5^40 Alle VcrsicheriiiKisziivetae R. Stern aus New Orleans und Frau Marian R. Stern aus Chicago, an. Das Ableben Rosenwalds hat überall in Amerika Trauer hervorgerufen. Sämtliche amerikanische Zeitungen veröffentlichten eingehende Würdigungen des Verstorbenen. Die Presse Chicagos schreibt, die Stadt trauere um ihren größten Bürger. Der Jüdischen Telegraphen-Agentur in New- York sind von führenden Persönlichkeiten des amerikanischen öffentlichen Lebens BotschaftenderTrauer über das Ableben Rosenwalds zugegangen, so vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Herbert Hoover, dem Gouverneur des Staates New York Roosevelt, dem Vizegouverneur Herbert H. Lehman, dem früheren New Yorker Gouverneur Alfred Smith, der der demokratische Gegenkandidat Hoovers bei der letzten Präsidentenwahl gewesen war, vom Präsidenten der Carnegie-Friedensstiftung Prof. Nicholas Murray Butler, vom Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency Nahum S o k o 1 o w, vom Präsidenten des Joint Distribution Committee Felix M. Warburg, vom Präsidenten des American Jewish Committee und des Administrative Committee der Jewish Agency Dr. Cyrus A d I e r u. v. a. Die Bestattung Julius Rosenwalds fand am 7. Jänner vormittags auf dem Rose Hill-Friedhof in Chicago statt. Gemäß dem Wunsche des Verstorbenen wohnten der Bestattung nur die Mitglieder der Familie bei, die Trauerzeremonie leitete Rabbi Louis M. Mann vom Sinai-Tempel in Chicago. * * * Reichskanzler Dr. Brüning kondoliert. Reichskanzler Dr. Brüning hat den Hinterbliebenen des Verstorbenen sein aufrichtiges Beileid ausgesprochen. Georg Hermann: Die Juden in der deutschen Kultur. Religiöse Veranstaltung der In Fortführung einer vor etwa zwei Jahren begonnenen Einrichtung veranstaltet der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin seit einiger Zeit „Gemeindeabende". Diese und ähnliche Veranstaltungen, deren Nachahmung der Wiener Gemeinde nur wärmstens empfohlen werden kann, sollen der Werbung für die Ge¬ Gemeinde und ihre praktische Arbeit in der jüdischen Oeffentlichkeit dienen und regelmäßig das Gemeindeleben in den verschiedenen Stadtbezirken anregen. Im Rahmen dieser religiösen Vorträge sprach Georg Hermann am Sonntag, den 3. Jänner, vormittags, in der Synagoge Prinzregentenstraße über das Thema „Die Juden in der deutschen Kultu r". Der Riesensaal des Prachttempels war von Andächtigen gefüllt, die aus allen Teilen Berlins gekommen waren, um den -populären und vielgelesenen Schriftsteller einmal auch vom Podium zu hören. Nachdem der Gemeinderepräsentant Dr. Max Mayer einleitende Worte gesprochen hatte, begann Georg Hermann seinen Vortrag, in dem er zunächst eine Definition der Begriffe Zivilisation und Kultur gab und sodann die Beiträge der Juden zur Weltkultur und besonders zur deutschen Kultur in Vergangenheit und Gegenwart umriß. Es wäre besser, so führte er aus, die Frage nach der speziellen jüdischen Leistung wäre gar nicht gestellt worden. Aber in einer Zeit, in der man dem Juden jede positive Leistung abspricht, und sogar von Juden gewisse Tatsachen vergessen werden, ist es nicht überflüssig, an den jüdischen Beitrag zur Kultur eindringlich zu erinnern. Vor dem Kriege war der Jude in Deutschland volksmäßig völlig eingeordnet, sein Deutschtum war ihm nie bestritten worden, die Leistungen eines Ballin, eines Max Liebermann und anderer großer Juden waren als deutsch anerkannt. Gewiß, es bestanden einige Beschränkungen; dem Juden war der Zutritt zu den akademischen Lehrstühlen, zum Staatsbeamtentum, zur Offizierskarriere fast versperrt, dafür aber war ihm die Möglichkeit nicht versperrt, mit seiner Leistung durchzudringen. Und drang er durch, wurde er gebührend anerkannt. Hier bestanden für ihn keine Grenzen. Heute wird der Jude nicht nur auf allen Gebieten zurückgedrängt, sondern es wird ihm auch sein Wert aberkannt. Dieser Wertaberkennung der Juden und des Judentums soll die jüdische Leistung in der Kultur, die Berliner jüdischen Gemeinde. Besonderheit dieser Leistung, entgegengestellt werden. Der Jude begreift die Kultur gewordene Zivilisation so, daß jedes einzelne Individuum teilhaben soll an allem Hohen und Schönen. Jüdische Individualleistungen in der Kultur Deutschlands datieren — von einzelnen großen Persönlichkeiten wie Mendelssohn abgesehen — seit erst 100 Jahren, von je aber bildeten die Juden ein kulturelles Ferment. Mit Heine und Börne trat der Jude sichtbarer in die deutsche Kulturiront ein. Seither wurde seine Teilnahme immer stärker. Es sind wenige Gebiete im deutschen Kulturleben, in denen Juden nicht mitschaffen. Der Jude war Bahnbrecher in der Kunst, in der Medizin, in der Schaffung der neuen Formen des Handels. Die großen Museen in Berlin sind zu einem sehr großen Teile jüdische Schöpfung. Aber nicht allein die James Simon- Kabinette im Nationalmuseum, sondern auch die Kunstsammlungen in der Provinz erzählen von jüdischer Leistung und jüdischer Opferfreudigkeit. In der schöpferischen Kritik bahnten die Juden neue Wege; die schöpferischen jüdischen Kritiker erst brachten den Deutschen ihre Großen näher. Hermann gab einen Ueberblick über die großen jüdischen Begabungen in Deutschland und Oesterreich auf dem Gebiete der Literatur, des Theaters, der Musik, der Kunst, der öffentlichen Wirtschaft und sagte, auch die Juden als Revolutionäre wollen nicht Zerstörung, sondern sie wollen den Massen bessere Lebensbedingungen erkämpfen. Die Klage über zu viel jüdische Elemente in der deutschen Kultur ist müßig; nie kann man genug davon haben. Was könnte man den Deutschen Besseres wünschen, als daß sie 106 Einsteins, 106 Liebermanns hervorbringen. Das Genie ist international. Beethoven, Nietzsche, Fontane und andere große Deutsche waren nicht eigentlich deutschen Stammes. Wer sie als Deutsche ablehnt, der möge auch die Juden ablehnen. Der Jude sieht in allem Schaffen Gottgewolltes, in jedem Streben Ziel. Er versteht es nicht, warum immer im Kampf gegeneinander ein Ziel erstrebt werden soll, er will, daß alle Schulter an Schulter an der Kultur mitschaffen, um sie, das Geschenk des Lebens, immer reicher und schöner zu gestalten. Kultur schallen, heißt Gottes Werk tun. «■■■«■■■■■■■■■■■■Wi Einheirat I ■ Für ieines, religiöses, bescheidenes Mädchen * aus achtbarem Hause, mit eigenem Textil- 2 und Kurzwarengeschäft nebst entspre- ■ chender Mitgift, wird passende Partie gesucht. 9 Zuschritten Chüfre „Nicht unter 35 Jahre" b an die Administration dieses Blattes. jj° memoriam Simon Szanto Am 17. Jänner 1932 jährt sich zum 50. Male der Todestag des Pädagogen und Publizisten Simon Szanto, der sich durch zahlreiche Arbeiten auf theologisch-wissenschaftlichem Gebiete wie durch seine schriftstellerische Tätigkeit, insbesondere seine kulturhistorischen Feuilletons einen hervorragenden Platz im Geistesleben Wiens sicherte. Simon Szanto stammte aus Groß-Kanizsa, wo er 1819 als Sohn des dortigen Rabbiners geboren war. Er studierte an der Jeschibah in Preßburg und später an der Universität in Prag und war seit den Vierzigerjahren publizistisch in Wien tätig. 1862 gründete er gemeinsam mit dem als Dichter bekannten Leopold Komp er t und Im engsten Einvernehmen mit Dr. Adolf J e 11 i n e k, als dessen journalistischer Schildknappe er sich stets betrachtete, die „Neuzeit", eine Wochenschrift, in der er zu allen das Judentum und die Judenheit jener Tage betreffenden Zeitfragen und Ereignissen im Sinne der damaligen liberalen Reformisten polemisch und referierend Stellung nahm. Er schrieb das Blatt zum größten Teile während zwanzig Jahren allein, er war auch selbst Verwalter und wurde in den Expeditionsarbeiten höchstens von seinen Familienmitgliedern unterstützt. In demselben Geiste, in dem er die „Neuzelt" leitete, wirkte er reformierend als Inspektor für den Religionsunterricht und lehrend als langjähriger Vortragender am „Wiener „Beth haMidrasch", wo er neben Weiß und Meir Friedmann begeisterte Hörer seiner sinnreichen Bibel-Exegesen fand. Er hatte auch schon in jungen Jahren einen Kommentar zur Thora veröffentlicht. Auf Grund seiner umfassenden Kenntnisse war er wiederholt von den Wiener Gerichtshöfen als Dolmetsch des Hebräischen berufen worden. Daß er neben seiner intensiven Tätigkeit auch noch als ständiger Mitarbeiter der Tagespresse tätig war, sei nur nebenbei erwähnt. Zahlreich sind seine von hoher stilistischer Meisterschaft zeugenden Feuilletons in der „Presse" „Neuen Freien Presse" und namentlich im „Neuen Wiener Tagblatt", wo er allwöchentlich unter dem Pseudonym „S. Pflüger" (deutsche Uebersetzung seines Namens) schrieb. Seine Persönlichkeit und sein Wesen charakterisiert am Besten die Inschrift auf seinem Grabe am Wiener Zentralfriedhof, welche von seinem Sohne, dem in jungen Jahren verstorbenen späteren Professor der klassischen Altertumswissenschaft an der Wiener Universität Dr. Emil Szanto, herrührt: Du bist der Leib nicht, den die Erde deckt. Der Geist bist du, der sich emporgeschwungen. Wenn all die Irrenden dem Licht geweckt. Dann hast du erst, was du erstrebt, errungen. VERANSTALTUNGEN DER JUGEND-UNION. Klublokal: Goldsaal des Cafe Silier, Wie« I, Schwedenplatz. Vergnügungssektion. Samstag, den 16. d. M., 'A9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier Große Klub-Akademie mit (eisendem Programm: Charakterkomiker Max Zelniker, Jüdische Künstlerspiele. Vilma Wieg and, Deutsches Volkstheater. Jenö Hof mann, Femina. Franz Stadler, Humorist. Dita Kunodi, die kleine Diseuse. Die Conference besorgt Vereinsmitglled Walter Steiner. Anschließend Tanz. — Jazzmusik „Black and White" Gäste willkommen. Karten zum Vorverkaufspreis von S 1.50 im Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Tel. A 19-2-77, sowie bei allen Funktionären erhältlich. An der Abendkassa erhöhte Preise.