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Die Wahrheit · 1932-01-15 · Heft 3 (15.1.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 3 (15.1.1932)
Date
1932-01-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRRETt eibig zur Abwehr rüsten.. Den jüdischen Abwehrorganisationen erwächst jetzt eine neue Aufgabe und es ist zu erwarten, daß sie sich derselben gewachsen zeigen würden. Der Anschluß Oesterreichs an D e u t s c h 1 a n d ist untersagt — aber die Rückwirkungen, der Ereignisse im Reiche auf die Gestaltung der Dinge in Oesterreich dürften kaum ausbleiben. Wenn auch die Verhältnisse an der Donau anders liegen als an der Spree, wenn das freiheitliche Element in Oesterreich zweifellos mehr Widerstandskraft gegen das Hitlertum aufbringen dürfte, so wäre es trotzdem verfehlt, die Auswirkungen eines Sieges des Hakenkreuzes in Deutschland auf die Verhältnisse in Oesterreich unterschätzen zu wollen. Auch das österreichische Judentum muß rechtzeitig zur Abwehr rüsten und es ist daher zu begrüßen, daß die „Union österreichischer Juden" gerade in der letzten Zeit ihre Tätigkeit mit vermehrter Energie entfaltet. Austriacus. M««aauHuaM«amaBaatBSS««Mi Ein Festabend der „Union Sä Festabend — das ist die einzig mögliche Bezeichnung für die am 7. d. M. im Großen Saale des Niederösterreichschen Gewerbevereins stattgehabte Versammlung der „Union österreichischer Juden". Anläßlich der 150. Wiederkehr des denkwürdigen Tages der Erfassung des Toleranzpatentes vom 2. Jänner 1782. hatte die „Union" einen Vortrag ihres Präsidenten Dr. Jakob Ornstein über „Die Judengesetzgebung Maria Theresias und das Toleranzpatent Josef II." anberaumt Es war nicht eine jener Versammlungen, wie sie diese jetzt eine besonders lebhafte Agitation betreibende Vereinigung beinahe alltäglich in den verschiedensten Wiener Bezirksteilen veranstaltet Es war auch nicht eine jener Kundgebungen, Wie sie das Wiener Judentum von Zeit zu Zeit bei besonderen Anlässen manifestiert Diese Versammlung ging über den Rahmen einer Vereinsversammlung, ja sogar einer jüdischen Massenversammlung weit hinaus; es war eine solenne Kundgebung der Zusammengehörigkeit des Wiener Judentums mit seinem Vaterlande, eine Manifestation des treuen Willens dieses Judentums, diese Zusammengehörigkeit, gestützt auf seine Jahrhunderte alte Geschichte in diesem Lande, auch in ferneren Zeiten trotz aller Drangsale zu bekunden. Der Kontakt, der in dieser Hinsicht mit der andersgläubigen Umwelt hergestellt wurde, ist durch das Erscheinen hoher Festgäste in der Versammlung der „Union" ehrenvoll bewiesen worden, die, von den Mitgliedern der Jugendgruppe der „Union" in den Saal geleitet, in den vordersten Reihen Platz nahmen. Unter anderem waren ff erschienen: Altbundespräsident Dr. Michael H a in i s c h, der altkatholische Bischof T ü c h 1 e r, die Sektionschefs Horitzky und Meli in Vertretung der persönlich entschuldigten Herren Bundeskanzler Doktor Buresch und Vizekanzler Dr. Schober, für den Unterrichtsminister Dr. Cermak war Ministerialrat Fohr erschienen, ferner sah man Herrn Ministerialrat Monte 11 vom Wanderungsamt und Herrn Hofrat Dr. Hermann Schedy. (Außer den Mitgliedern der Bundesregierung hatten sich Bundespräsident Dr. Miklas, Bürgermeister Seitz, Polizeivizepräsident Dr. Brandl und Hofrat Dr. Presser entschuldigt) Natürlich war auch das jüdische Wien durch seine prominenten Persönlichkeiten vertreten. Eine Aufzählung der hervorragenden Männer und Frauen dieser illustren Festversammlung, die den großen Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, erscheint unmöglich; es war wirklich alles gekommen, was im jüdisch-politischen, Kultus- und Vereinsleben Name und Rang besitzt. Insbesondere bemerkte man zahlreiche Mitglieder des Kultusvorstandes ohne Unterschied der Partei mit Präsidenten Prof. Dr. A. P i c k an der Spitze, beinahe alle Wiener Gemeinde- und Vereinsrabbiner, viele Beamte der Kultusgememde, unzählige Vertreter von Körperschaften und Vereinen. Einen besonderen Anstrich erhielt die Versammlung auch durch die Anwesenheit von jüdischen Persönlichkeiten, die in Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft unserer Stadt und unseres Landes eine hervorragende Rolle spielen. So waren unter anderem erschienen: der Präsident der Niederösterreichischen Eskompte-Gesellschaft Wilhelm Kux, der Präsident der Wiener Börsekammer Julius Stern, Generalkonsul Hugo Ornstein, die Professoren Dramaturg Heinrich Glücksmann und Juliusz Wolf söhn, ferner die Professoren Dr. Braun und Doktor Infeld u. v. a. Die Wirkung der schönen Versammlung,, die Vizepräsident Dr. Josef Tic ho mit Worten der Begrüßung einleitete, war eine hervorragende. Einerseits war für alle Teilnehmer das schöne gesellschaftliche Bild, das sie bot, höchst eindrucksvoll, anderseits waren sie von der Festrede des Präsidenten Dr. J. Ornstein geradezu begeistert. Trotz der zweistündigen Dauer dieser vollkommen frei vorgetragenen Rede vermochte der Referent seine Zuhörer ununterbrochen zu interessieren, so daß sie von Anfang bis zum Ende seinem instruktiven Vortrage gespannt lauschten und am Schlüsse ihm begeisterte Ovationen der Dankbarkeit darbrachten. Er hatte aber auch allen, selbst den genauesten Kennern der Materie Interessantes mitzuteilen vermocht, den Laien aber insbesondere in eine Epoche eingeführt, die einen Markstein in der Geschichte des österreichischen Judentums bildet. Um die Bedeutung des für die Befreiung der Juden aus der Nacht des Mittelalters so ungemein wichtigen Gesetzgebungsaktes Josef II. voll erfassen zu können, erschien es notwendig, zunächst die Gesetzgebung der Kaiserin Maria Theresia, soweit sie sich mit ihren jüdischen Untertanen befaßte, eingehend darzulegen. Der Vortragende, dessen interessantes Referat wir demnächst fortsetzungsweise im Wortlaut veröffentlichen werden, wies an Hand historischer Zeugnisse nach, daß diese von dem polizeilichen Geiste der Einmengung in die Rechtsverhältnisse der Juden geleitete und von dem Geiste der Unduldsamkeit erfüllte Gesetzgebung sich die Erhaltung der Rechtlosigkeit der Juden auf jedem Gebiete der menschlichen Betätigung zum Leitsatze machte. Jede neue gesetzliche Verfügung der Kaiserin und jede behördliche Vorschrift engte die Rechte der Juden, soweit überhaupt von solchen gesprochen werden konnte, immer mehr ein. Kaiserin Maria Theresia übernahm bewußt die Führung auf diesem Gebiete der Bedrückung und der Einschränkung der Lebensmöglichkeiten ihrer jüdischen Untertanen. Mit ihr wetteiferten ihre Behörden, in dem österreichischen Volke die Gefühle des Hasses und der Verachtung gegen die jüdischen Mitbewohner immer wachzuhalten. <?euilteton In der Welt nichts Neues. Von Chajim Bloch. Das in der modernen Literatur so häufig vorkommende Sprüchlein Ben Akibas „Alles ist schon dagewesen!" stammt nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, von dem bekannten Rabbi Akiba, sondern von König Salomo, dessen Urteile noch heute beispielgebend sind („Salomonische Urteile"). In seinem Prediger-Buch (1, 9—10) rindet sich der Satz: „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne." Ueber Karl Gutzkow, der diesen jüdischen Ausspruch Ben Akiba, einer Gestalt seines Dramas „Uriel Acosta", in den Mund legte, gelangte er in das deutsche Schrifttum. In der Welt nichts Neues. Was wir Kinder des 20. Jahrhunderts, sei es auf dem Gebiete der Technik, der Medizin oder gar im politischen Leben sehen und bewundern, haben tausende Geschlechter vor uns, wenn auch mit anderen Augen und anderen Auffassungen, gesehen und bewundert Die Richtigkeit des gedachten Ausspruches soll nun durch einige Stellen aus dem alten jüdischen Schrifttum bewiesen werden. „Auerhahn", „Teppich" und „Zeppelin". Dem Buch „Esther" sind zwei sogenannte „Uebersetzungen" („Targumim") in aramäischer Sprache beigegeben. Die „zweite Uebersetzung" (Targum scheni) bekam noch einen Kommentar hinzu, der sich „Patschegen ha-Kesab" nennt Durch diesen Kommentar sind der Nachwelt reizende Geschichten und Anekdoten über das Glück und Ende des Königs Salomo überliefert worden, er ist die Hauptquelle für die Sagen über die Königin von Saba. Dieser Quelle verdankte Karl GoldmaTk den Stoff zu seiner ersten Oper „Die Königin von Saba"; er hat die schöne Legende im Ghetto gehört Die Königin von Saba war die Begründerin der heute noch bestehenden Königs- Dynastie in Abessimen, die ihre Abstammung tauf Grund einer Sage auf König Saiomo zurückführt. Der .Bericht über den „Auerhahn", den gigantischen Vorgänger des „Zeppelin", soll hier, für unsere Darstellung gekürzt, wiedergegeben werden. „Der Auerhahn sprach eines Tages zu Saiomo: Ich durchflog alle Länder, um zu sehen, ob es nicht ein Land gäbe, dessen Bewohner von meinem König nicht gehört haben und fand ein mächtiges Reich, das im Morgenlande liegt und dessen Hauptstadt Kitor heißt Gold und Silber liegt in den Straßen unbeachtet Ein zahlreiches Volk bewohnt das Land, das von einer Frau, der Königin von Saba, beherrscht wird. Ist es meinem Könige recht so wül ich wie ein Held meine Lenden gürten und nach der Stadt Kitor im Lande Saba fliegen.' Und der Vogel reckte seine Flügel und stieg hoch zum Himmel empor." So der uralte Bericht Als ich im Sommer des Vorjahres den stolzen „Zeppelin" auf seiner Fahrt beobachtete, erinnerte ich mich unwillkürlich an den „Auerhahn" König Salomos. „Wie herrlich sind deine Werke, o Herr!" empfand ich dem gottvollen Psalmisten nach. Aber Saiomo hatte noch ein zweites „Luftschiff", eigentlich einen „Flugteppich". Darüber lautet der Bericht: „Salomon saß auf einem großen Teppich, sechzig Meilen lang und sechzig Meilen breit der aus grüner Seide und echtem Gold gewirkt war und auf dem allerlei herrliche Bilder gemalt waren. Auf diesem Teppich trug der Wind den König durch die Lüfte. Er nahm das Morgenmahl in Damaskus ein, die Abendmahlzeit aber im Lande Medien; bald war er im Osten, bald im Westen.....Eines Tages überkam ihn ein stolzes Gefühl und er sprach zu sich: ,Es gibt keinen Herrscher, dem Gott gleich dir Weisheit Einsicht und Wissen gegeben hat und den er zum Fürsten über alles von ihm Geschaffene gemacht hat' In diesem Augenblicke widersetzte sich der Wind der Luftfahrt Salomos. Vierzigtausend Mann aus seiner Gefolgschaft fielen vom Teppich auf die Erde. .Halte stille Wind!' rief Saiomo erschreckt .Halte du stille vor deinem Gott!', antwortete der Wind, ,so will ich dich weiter tragen.' Da war Saiomo von den Worten des Windes beschämt.....Auf seinem Flug fuhr Saiomo an einem Tal vorbei, das von Ameisen be-' wohnt war.....Saiomo sprach zum Wind: .Fahre auf die Erde hinab!' Da lenkte der Wind den Teppich nach unten.....Danach sprach Saiomo zum Wind: .Heb' den Teppich! Wir wollen weiter fahren!' Der Wind wehte den Teppich des Königs in die Höhe und trug ihn davon. Der Teppich fuhr vom Winde getrieben, zwischen Himmel und Erde und blieb zehn Tage und zehn Nächte in der Luft." (Jellinek, Bethha-Midrasch.) Daß die Idee eines Flugzeuges schon zur Zeit des Talmuds die Menschen beschäftigte, geht übrigens auch aus einer Stelle im Talmud (Makkot 5 a) ziemlich deutlich hervor, wo von „fliegenden Kamelen" die Rede ist Interessant ist in diesem Zusammenhange eine Stelle im Jalkut Schimoni: .Und es wird sein, daß an jedem Neumond und Sabbat alles gleich hinkomme, um sich niederzuwerfen vor mir, so spricht Gott.4 (Jesaje 66, Schluß.) „Wie ist es möglich, daß aus allen Ecken und Enden der Welt die Menschen Sabbat für Sabbat nach Jerusalem kommen, wo doch der Weg nach Jerusalem so weit ist? Das ist so zu verstehen: Die Wolken kommen und nehmen sie auf. Sie verrichten dort morgens ihre Gebete und eilen dann im Fluge wieder heimwärts." Zu bemerken ist, daß diese Verheißung sich auf „afles Fleisch", also auch auf die nichtjüdischen Völker, die Gott anerkennen, bezieht Indizien und Todesurteil im alten Judentum. Als das jüdische Volk noch Staatswesen und Verfassung hatte, war für die Rechtsprechung ein Gerichtshof, Sanhedrin, eingesetzt Der Gerichtshof war verpflichtet, sich für die Befreiung des Beschuldigten einzusetzen. Ein Urteil konnte nur auf Grund von übereinstimmenden Aussagen durch zwei oder drei glaubwürdige Zeugen gefällt werden. Rabbi Simon ben Schotach erzählte: „Ich sah einmal einen Mann einem zweiten mit gezücktem Schwert nachlaufen. Der Verfolgte versteckte sich in einer Ruine. Jener entdeckte ihn und eilte hin. Auch ich lief hin, fand aber den Verfolgten am Boden leblos liegen. Der Verfolger stand neben ihm und hielt das gezückte, noch blutige Schwert in der Hand. .Bösewicht', rief ich ihm zu, ,wer hat den ermordet? Ich soll so den Trost Jerusalems erleben, wie du der Mörder bist' Aber was konnte ich tun? ,Auf zwei oder dreier Zeugen Mund soll sterben, wer des Todes wert ist, aber auf eines Zeugen Mund soll er nicht sterben." (Tosefta Sanhedrin, VIII.) Ein Gerichtshof, der einmal in siebzig Jahren ein Todesurteil fällte, sollte nach Rabbi Elieser ben Asarjah als mörderischer Gerichtshof bezeichnet werden. Rabbi Tarfon und Rabbi Akiba erklärten: „Wenn wir Mitglieder des Gerichtshofes gewesen wären, er hätte keinen Menschen zum Tode verurteilt." Dazu sagte aber Rabbi Simon ben Gambiel: „Auf diese Weise würde das Blutvergießen überhand nehmen, wer wird den Gerichtshof noch fürchten?" (Makkot 7 a.) Ein Telephon vor zweihundert Jahren. Daß die Welt schon vor zweihundert Jahren vom Telephon (wohl ohne Zeitzählung) eine Ahnung hatte, beweist ein religiöses Gutachten des Rabbi David Oppenheim, Landesrabbiner von Böhmen (1664—1736), das folgenden Wortlaut hat: „. . . . und

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