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Die Wahrheit · 1932-01-15 · Heft 3 (15.1.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 3 (15.1.1932)
Date
1932-01-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische UUenschrifr Die tBanrhelT Ersdieint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 15. Jänner 1932 Nummer 3 Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Ist Hitler Trumpf? (Brief aus!Deutsifktami. Berlin, 11. Jänner. „Hitler ist Trump f!" So frohlocken die Organe der Hakenkreuzler. Nicht nur ihre fortgesetzten Wahlerfolge sind ihnen zu Kopf gestiegen, sondern vornehmlich auch der Umstand, daß ihr Führer in den letzten Tagen den Gipfel seines Ruhmes erreicht zu haben scheint; er verhandelt*) mit dem Reichskanzler wie ein Gleicher unter Gleichen und ist bereits so weit, für seine Zustimmung zur Verlängerung der Amtsperiode des Reichspräsidenten Hindenburg seine Bedingungen zu diktieren; diese Bedingungen sind nicht leicht: Auflösung des Reichstages und des preußischen Landtages, sowie Rücktritt der Regierung Brüning, bzw. Auslieferung des Innenministeriums und anderer wichtiger Ressorts an die Nationalsozialisten. „Hitler ist Trumpf! Er ist schon heute der eigentliche Diktator in Deutschland! Ganz Deutschland liegt zu seinen Füßen!" — so und ähnlich triumphieren seine Anhänger und die ihm ergebenen Blätter. Es wäre zweifellos verfehlt, die ernste Gefahr zu unterschätzen, die sich aus diesem Stande der Dinge ergibt. Tatsächlich ist die Regierung Brüning auf die Unterstützung der Rechtsradikalen angewiesen, wenn sie in der gegenwärtigen ernsten Zeit dem deutschen Volke die Aufregungen einer Reichspräsidentenwahl ersparen will; tatsächlich wären auch die schärfsten Gegner der Hakenkreuzler zu einigen Konzessionen bereit, um es nicht auf einen Wahlkampf mit immerhin unsicherem Ausgang ankommen zu lassen. Angesichts der furchtbaren Krise, die Deutschland jetzt durchmacht, kann kein Mensch das Ergebnis eines Wahlganges voraussehen. Selbst die Wahl Hitlers oder einer seiner Figuren ist nicht ausgeschlossen, besonders angesichts der Haltung der Kommunisten, die im Sinne ihrer Katastrophenpolitik immerhin dazu zu haben wären, bei einem eventuell zweiten Wahlgange ihre Stimmen dem Hakenkreuzkandidaten zu geben und ihm zum Siege zu verhelfen. Die Kommunisten sind sich darüber klar, daß ein Regime Hitler schon nach wenigen Wochen derart vollständig abgewirtschaftet haben dürfte, daß dann ihr Weizen blühen würde. Wenn das deutsche Volk einmal mit dem Ruck nach äußerstrechts die große Enttäuschung erlebt haben wird, dann wird der Pendel eben in die entgegengesetzte Richtung ausschlagen und den Linksradikalismus an die Oberfläche bringen. Deswegen würden sie keinen Moment zögern, Hitler die Steigbügel zu halten, nur eben um sich selbst den Weg zur Herrschaft zu bahnen. Daß die breiten Volksmassen in Deutschland diese klare und einfache Wahrheit nicht einsehen, daß sie trotz allem dem Hakenkreuz Gefolgschaft leisten — das *) Diese Verhandlungen sind inzwischen bekanntlich gescheitert. D. Red. ist eben das traurigste Zeichen der Zeit für Deutschland. Wenn man Zeuge dieser Entwicklung ist, dann greift man sich an den Kopf und wäre beinahe versucht, an der Zukunft des deutschen Volkes zu verzweifeln. Auch andere Völker sind zuweilen einer rücksichtslosen Demagogie zum Opfer gefallen — man darf nur an den Fall Boulanger und an die Dreyfus-Afiäre erinnern. Aber in Frankreich haben sich immerhin Männer gefunden, die es wagten, sich der Strömung entgegenzuwerien und gegen den Strom zu schwimmen. In Deutschland aber scheint die Verzweiflung alle Köpfe verwirrt zu haben. Da kann sich der Nationalsozialismus ungehemmt austoben, wird ein Hitler ernst genommen, da findet diese hohle Demagogie starken Zulauf und da ist das „Volk der Dichter und Denker" bereit, einem Hitler zu dienen. Kein Zweifel, die Folgen werden nicht ausbleiben, falls es tatsächlich, so weit kommen sollte. Deutschland ist gerade jetzt, da es sich außerstande erklärte, jetzt oder später die Reparationen zu zahlen, stärker als je auf das Wohlwollen der großen Welt angewiesen. In Genf und in Basel soll gerade jetzt über die Fragen verhandelt werden, die für Deutschlands Zukunft entscheidend sind: Stillhalteaktion und Reparationen! Was soll werden, wenn Hitler tatsächlich zur Herrschaft gelangen würde? Glaubt man in Deutschland, einer ganzen Welt trotzen zu können? Soll das gefährliche Experiment des Weltkrieges eine Wiederholung erfahren? Fürwahr, das ganze erinnert an jenen Ausspruch eines französischen Demagogen zur Zeit der französischen Revolution, der einem seiner gemäßigten Freunde die Warnung zurief: „Nehme dich in acht, das Volk wird dich in Stücke reißen, wenn es vollends wahnsinnig wird!" Aber auch die Antwort jenes Gemäßigten darf nicht in Vergessenheit geraten: „Dich aber wird das Volk in Stücke zerreißen, wenn es wieder zur Vernunft gelangt!" . . . Jawohl, auch das deutsche Volk wird wieder sehend werden, auch die breiten Volksmassen in Deutschland werden wieder nüchtern werden und erkennen, was sie mit ihrer Gefolgschaft an das Hakenkreuz angerichtet haben. Nur werden sie dann selbst die Scheiben bezahlen müssen, die sie in ihrer Verblendung eingeschlagen haben. Es wird ein teueres Lehrgeld sein, das da gezahlt werden würde — aber es scheint, daß die Zeit der schweren Prüfungen für das deutsche Volk noch nicht vorüber ist. Wie sich die Entwicklung der Dinge in der allernächsten Zukunft weiter gestalten wird, das bleibt abzuwarten. Sollte der Wahnwitz weiter gehen, sollte sich niemand finden, der die Kraft aufbrächte, den „Siegeszug" Hitlers aufzuhalten, — dann allerdings Silberschllsseln Silberkannen Neue Formen aus eigener Werkstatt Entwürfe berühmter Künstler Oesierreiclier Juweliere und Silberschmiede I., Wipplingerstraße Nr. 29 stehen den Juden Deutschlands ernste Tage bevor. Sie sind sich dessen bewußt und bereiten sich zur Abwehr vor. Aber so groß auch die Gefahr sein möge — eines sollte man sich in den jüdischen Kreisen vor Augen halten: es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht! Sollte das Hitlertum in dieser oder jener Form tatsächlich zur Macht gelangen, dann wird es sich sehr stark mausern müssen. Selbst die rücksichtsloseste Demagogie muß Wasser in ihren Wein schütten, wenn sie zur Herrschaft gelangt. Deutschland ist schließlich nicht Rußland und die freiheitlichen Elemente im Reiche werden sich der Knute nicht beugen! Und wenn man heute in gewissen Kreisen der deutschen Juden ob der Konferenzen Hitlers mit Brüning ein wenig kopfscheu geworden ist, so mag es dem Schreiber dieser Zeilen, einem Altösterreicher, gestattet sein, an ein Ereignis zu erinnern, das seinerzeit viel tragischer genommen worden ist, aber sich in der Folge als weniger gefährlich erwies. Als der greise Kaiser Franz Josef sich im Jahre 1895 gezwungen sah, den Dr. Lueger in Audienz zu empfangen und an sein patriotisches Gefühl zu appellieren, auf die Bürgermeisterwürde von Wien zu verzichten, da glaubte man, das Ende der Kultur sei gekommen — denn schließlich war Kaiser Franz Josef damals mehr als Brüning... Auch damals herrschte unter den Juden Oesterreichs hellste Verzweiflung — aber auch diese Wolke ging vorüber, ohne übermäßiges Unheil angerichtet zu haben. Ohne also die drohende Gefahr zu unterschätzen, darf sie aber auch nicht überschätzt werden. „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels!" Das Judentum hat schon mächtigere Feinde als Hitler überlebt und wird auch dieser Prüfung standhalten, wenn sie sich tatsächlich als unabwendbar erweisen sollte, was immerhin noch nicht so sicher feststeht. In der Not frißt der Teufel Fliegen und da es das allgemeine Interesse erheischt, mußte Brüning seinen Widerwillen überwinden und sich mit Hitler unterhalten — aber von einer Aussprache bis zur Auslieferung der Macht zieht sich doch ein wenig der Weg! . . . Allerdings darf das deutsche Judentum nicht die Hände in den Schoß legen und muß besonders Mitglieder and freunde der „Union" übertragen Lebens- und Elementar- Yerskhernnüen der Städtischen Vercidiernngsansfalt

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