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Die Wahrheit · 1932-01-08 · Heft 2 (8.1.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 2 (8.1.1932)
Date
1932-01-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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9dt£ 2 DIE WAHRHEn Betrug bedacht, sie leisteten keinen Heeresdienst — was ja Josef bekanntlich auch geändert hat —. sie wollten selbst durch Barttragen u. a. von den Christen äußerlich unterschieden sein usw. Aus den Urteilen der hohen Behörden spricht demnach meist niederer Judenhaß. Aber nicht nur bei der christlichen Bevölkerung, sondern sogar in manchen jüdischen Kreisen begegnete der Kaiser zähem Widerstande. Von einem bekannten Rabbiner wird erzählt, bei der Nachricht von der Emanzipation der Juden seien ihm Tränen in die Augen getreten. Er erklärte sie mit folgendem Gleichnis: „Ein auf eine ferne Insel Verbannter hielt täglich nach einem Schiffe Ausschau, das ihn in die Heimat zurückbringen sollte. Nach laugen Jahren kam endlich das ersehnte Schiff. Aber sein Jubel wandelte sich in Trauer, als man aus dem Schiffe alles Material herausbrachte, um ihm auf der Insel ein behagliches Heim zu errichten. Iiis dahin hatte ihn die Hoffnung auf Heimkehr aufgerichtet. Nun wußte er. daß er für immer auf der Insel bleiben solle." Daß, wie dieser ehrlich Fromme, noch so manche unter den Juden von der Lösung der Sklavenkettc. der Sprengung des Ghettos und der Heranziehung zu engerem Zusammenleben und -wirken mit Andersgläubigen für die Erhaltung des Judentums eine Gefahr erblickten, bestärkte aber den Kaiser nur in seiner Politik, dem Einfluß der Rabbiner, die für ihn den Inbegriff aller Rückständigkeit und allen Kulturliasses bedeuteten, möglichst entgegenzuwirken. Waren ihm doch ohnehin Schrifttum und Gebete der Juden als Quellen des krassesten Aberglaubens und Christenhasses geschildert worden. Daher sein Bedenken, wo jüdische Gemeinden nicht schon bestanden, die Gründung neuer mit Anstellung von Rabbinern und die Einfuhr hebräischer Bücher aus dem Auslände zu gestatten. Daß das Toleranzpatcnt den Zuzug von Juden als nicht in der Absicht des Monarchen gelegen bezeichnet, erklärt sich zur Genüge aus seinem Bemühen, den in Angriff genommenen Uebergangsprozeß zunächst an und mit den bereits ansässigen durchzuführen und sich auswirken zu lassen. So brachte denn das Toleranzpatent manchem zu viel, den meisten Juden zu wenig. Immerhin kam es den Wiener Juden wie eine Messiasbotschaft. Sie wurden, um ein Wort Bismarcks anzuwenden, in den Sattel gesetzt und hatten nun zu zeigen, ob sie reiten konnten. Und dies haben sie sattsam bewiesen. Was das Patent an Härten enthielt, war Josef in dun knapp acht Jahren seiner weiteren Regierung zu mildern eifrig befleissen. Jüdische Aerzte sind, so dekretierte er. wie alle anderen auf einer erbländischen Universität promovierten zu behandeln, jüdischen Anwärtern juridische Praxis gestattet (Hofdekret vom 30. Oktober 1789), und da dies für Akademiker galt, wurde es um so mehr von Josef für das jüdische Handwerk und andere Berufe bestimmt. Wurde einem Juden von einem Magistrat das Bürgerrecht verliehen, was doch auch, wie vor Josef die akademische Promotion, zumeist an die Ablesung eines Eides auf das katholische Dogma verbunden war. so erteilte der Kaiser ohneweiters die Bestätigung. Berief man sich gelegentlich gegen seine Reformen auf die .Tudenpoliük Ferdinands II., so antwortete er prompt, man lebe eben jetzt nicht in jenen Zeiten. Die Bezeichnung ..der Jude" N. N. in amtlichen Feuilleton Im Osten Wiens. Von L. Moses. An einem leuchtend schönen Sonntagmorgen des verflossenen Sommers fuhr ich die endlose Simmeringer Hauptstraße entlang dem Ostende Wiens zu. Es ist noch nicht lange her, daß die ungeheure Totenstadt dort draußen wirklich außerhalb der Stadt lag, heute aber schickt Wien auch nach dieser Seite, Fangarmen gleich, seine Häuserreihen weit ins Flachland hinaus, als wollte es wieder lebend an sich ziehen, was der Tod ihm längst in Schmerz entrissen. Eine Kolonie schöner Familienhäuser hat schon bis in die nächste Nähe des Zentralfriedhofes Vorposten aufgestellt, mit denen sie trotzig den Lebenswillen einer neuen Zeit verkündet. Fast möchte man befürchten, daß diesem Expansionsbedürfnis einmal auch die Ruhestätten der hier im Staube Liegenden zum Opfer fallen könnten, aber der gesunde Sinn der Wiener wird wohl auch noch in Jahrhunderten eine solche Anwendung des neuesten Enteignungsgesetzes zu vermeiden wissen. Man fährt eigentlich mit einer ungeheuren Portion von Ueberheblichkeit vorüber, da wo man recht demütig den Boden kaum zu betreten wagen sollte. Vielleicht wirft man ab und zu mitleidig einen Bück auf die Reihen der Gräber und sendet einen Seufzer zu ihnen hinüber — um dann um so leichter beschwingt den Weg fortzusetzen. Und derselben Leichtigkeit, mit der sich das Leben über die Leblosigkeit hinwegsetzt, derselben Ungerechtigkeit den Wehrlosen gegenüber und demselben Mangel an historischem Verständnis ist auch zuzuschreiben, was in dem so gegenwartsfrohen Schwechat vor wenigen Jahren geschah. Die prähistorischen Funde und Ausgrabungen aus der Römerzeit, die der frühere Bürgermeister pietätvoll in einer Schule aufgestellt hatte, fanden vor der neuesten Zeit keine Gnade. Die Sammlung flog auf die Gasse und kann nun froh sein, in einem Wiener Museum ein Ruheplätzchen erhalten zu haben. Mit dieser Sammlung wurde aber auch ein im nahen Rannersdorf gefundener hebräischer Grabstein auf die Gasse geworfen. Dort, in Rannersdorf waren im 17. Jahrhundert acht jüdische Familien ansässig gewesen und auch in dem zu Groß-Schwechat gehörigen Kettenhof heißt noch heute ein Gäßchen im Volksmund das „Judengassel". Sonst ist allerdings über eine Ansässigkeit von Juden in Schwechat nichts bekannt, wenn auch einer der christlichen Judenrichter, die es in Oesterreich im späteren Mittelalter gab, gerade in Schwechat wohnte Schriftstücken wurde untersagt, da ja auch nicht analog „der Christ" als Apostrophe üblich sei Daß Josef seine Juden „erziehen" wollte, trifft insoweit zu. als er dem Staate und ihnen selbst dadurch zu nützen glaubte, daß er ihnen die deutsche Sprache und allgemeine Bildung zu vermitteln bestrebt war. In einem Votum seiner Kanzled von 1782 liest man: „Sobald die Juden, wie es ungemein nützlich schon dermalen geschieht, in Handel, in Unterricht, in Sprache und in den wechselseitigen Verrichtungen mit Christen aus dem anklebenden Joch der alten Dienstbarkeit gezogen werden und ihnen als Menschen auch menschliche Freiheit vergönnt wird, so hat man bessere Bürger zu hoffen." „Dieses unglückliche Volk" müsse aufgerichtet werden. Betrachtete man die Juden bisher nur aus dem doppelten Gesichtspunkt, aus ihnen Kapital zu schlagen und Christen zu machen, so trachtete Josef dahin, sie zu brauchbaren Bürgern heranzuziehen, wobei ihm. wie er bei der Aufhebung der Leibmaut und der Gründung des noch heute bestehenden mährischen Landesmassafonds bewies, Engherzigkeit in finanziellen Fragen fernlag. Und gegen Verletzung des religiösen Empfindens der Juden, gegen Nottaufen und Kinderraub, wie er bekanntlich in Galizien noch bis in die neueste Zeit hinein sich oft genug wiederholte, schritt er entschieden ein. „weil es der Religion an guten Christen, nicht aber an Getauften gelegen ist". Josef wollte aber nicht nur die Juden zu Staatsbürgern erziehen, die dem Lande ihrer Geburt sichdurch Dankbarkeit und Liebe verbunden fühlen sollten. Er erzog gleichzeitig planmäßig seine christlichen Untertanen zur Duldsamkeit gegen die Juden. Ausdrücklich schärft er den Professoren der Mittelschulen ein, daß sie in liebevoller Behandlung jüdischer Schüler mit gutem Beispiel vorangehen, den Behörden, daß sie die Professionisten zur Aufnahme jüdischer Lehrlinge anhalten, allgemein die Juden als „Mitmenschen" der Bevölkerung anleiten sollten. Was er. auf diesem Wege nech erreicht hätte, wäre ihm längere Zeit beschieden gewesen, läßt sich bei seinem guten Willen und seiner geradezu explosiven Tatkraft kaum ermessen. Konnte er doch noch sein Beispiel in anderen Ländern — in Baden wurde den Juden u. a. das Handwerk freigegeben — des Westens wie des Nordens befolgt sehen. Der schmähliche Leibzoll wurde 1784 in Frankreich aufgehoben, in München 1790 einem Gastwirt, der sich auf seinem Schild jüdische Gäste verbat, von der Polizei dieser Unfug verboten usw. Für uns Juden ist es aber wichtig zu betonen, daß, was Josef für uns geleistet, er nicht in Anwandlung einer schwärmerischen Schwäche, einer „Humanitätsduselei" getan hat. sondern in klarer Erkenntnis staatlicher Notwendigkeit und als Hüter der Gerechtigkeit. Auch hierfür sprechen unter anderem folgende Beispiele: Die Juden der kaiserlichen FamilienheTrschaft Göding wurden gerüchtweise der Brandlegung bezichtigt, obwohl sie selbst durch das Feuer den scinversten Schaden erlitten hatten. Maria Theresia ließ sie auf diese Verleumdung hin. gegen die Vorstellungen des obersten. Hofkanzlers, ausweisen. Der wirklich Schuldige wurde ermittelt und hingerichtet, den ausgewiesenen Juden aber trotzdem die Rückkehr nicht gestattet. Als nun ein Jude sich um die Pachtung der Brauerei in Göding bewarb, aber mit dem Hinweis und die christlichen Fleischhauer sich in einer Eingabe vom Jahre 1660 auch gegen die jüdischen Konkurrenten in Schwechat beschweren. Da zur selben Zeit Juden im Orte nicht nachweisbar sind, dürften darunter allerdings nur jene jüdischen Händler zu verstehen sein, die den Schwechater Ochsenmarkt besuchten. Ich verlasse Schwechat und Rannersdorf auf einer von sonntäglichen Radfahrern und Radfahrerinnen belebten Landstraße und wandere nach dem in einer kleinen Bodensenkung etwas abseits liegenden Zwölfaxing. Es wird in Wien nur wenige Menschen geben, die dieses uralte Oertchen kennen, das knapp vor den Toren Wiens, von seinen Aeckern umgeben, so friedlich und verträumt daliegt, als befände es sich mitten in der großen ungarischen Tiefebene. Auch hier lebten im 17. Jahrhundert 25 jüdische Familien, was für jene Zeit schon eine ansehnliche Gemeinde bedeutet haben mochte, aber die Stürme der zweiten Belagerung Wiens durch die Türken haben auch in diesem Orte alle Spuren früherer Jahrhunderte vernichtet und so bildet die im Hofkammerarchiv erliegende Verrechnung der Judensteuern von „Zwölfaxen" eines der wenigen erhaltenen Dokumente aus der Geschichte von Zwölfaxing. Auch in dem nahen Ach au, das vor der Türkenzeit viel größer als heute war, lebten im 17. Jahrhundert 18 jüdische Familien und so dürfte man kaum in der Annahme fehlgehen, daß sich irgendwo im Räume zwischen diesen Orten ein Begräbnisplatz befunden haben müsse, aus dem jener hebräische Grabstein stammte, der nunmehr nach seinem Hinauswurf aus Schwechat endlich im Wiener jüdischen Museum zur Ruhe gekommen ist. Von Zwölfaxing aus bringt mich eine mühelose Wanderung über gesegnete Fluren nach Himberg, dem Hindberg des Mittelalters, wo im 14. und 15. Jahrhundert da der Ort relativ bedeutend gewesen sein dürfte, eine Judengemeinde bestanden haben muß, da uns die Namen von Himberger Juden aus jener Zeit in verschiedenen Quellen begegnen. Die schon oben zitierte Eingabe der Fleischhauer richtet sich auch gegen die jüdischen Fleischhauer von Himberg, aber auch in diesem Falle muß, da sonst im 17. Jahrhundert im Orte Juden nicht nachgewiesen werden können, angenommen werden, daß es sich bloß um die jüdischen Besucher der Ochsenmärkte handelte, die abwechselnd mit Schwechat in Himberg abgehalten wurden. Auch hier haben die Türken gründliche Vernichtungsarbeit geleistet und so dürfte es kaum mehr gelingen, über diese Fragen in Himberg selbst authentische Auskunft zu erhalten. Ich fahre weiter durch blühendes taufrisches Land nach dem an der Fischa liegenden „Schwabendorf" Schwadorf, das durch seine Lage am Mittelpunkte einer Erdbebenzone neuerdings zu einer unfreiwilligen STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III., Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 auf dieses Aufenthaltsverbot abgewiesen wurde, verwarf der Kaiser diese Entscheidung mit der Bemerkung, der einzige Grund für die Vertreibung der Gödinger Juden sei gewesen, daß sie nicht Christen sind. Für ihn seien sie „aber menschliche, konsumierende und Steuer zahlende, somit nützliche Wesen". In weiterer Folge hob er das Bannedikt seiner Mutter auf. Von den Juden Galiziens sagte er, er habe sie „immer nicht als die beste Art von Menschen, aber doch als eine Population angesehen, nicht als die besten Produzenten, jedoch als Konsumenten, nicht als die für den Staat vorteilhaftesten Handelsleute, dennoch aber als solche betrachtet, die sich mit einem kleinen Gewinne begnügen und mehr Geld in Umlauf bringen". „Ein nach dieser Erklärung eingerichtetes Patent müßte jedermann zur Ueberzeugung führen, daß es für einen Staat eine nutzbare Handlung sei, etliche hunderttausend Seelen von dieser Religion wie alle anderen Einwohner und Christen zu benützen, für sie aber das größte Glück .ist. mittels Erhaltung ihrer volkommenen Religionsfreiheit aller anderen Bürgern ihres Staates in allen ihren Rechten gleichgehalten zu werden, wodurch also aller Zwang und alle Verachtung auf einmal aufhörten. Vorrechte, so sie nirgends genießen." So dachte, sprach und handelte ein guter Deutscher und überzeugter Katholik vor hundertfünfzig Jahren. Die Hoheit seiner Gesinnung und Größe seines Charakters wie seine geschichtliche Bedeutung können wir am gerechtesten beurteilen in einer Zeit, die das Ideal Josefs in allem und jedem in das Gegenteil umzukehren auf dem besten Wege ist. Wir Juden Oesterreichs aber sollen den Edlen dadurch ehren, daß wir uns im Kampfe um unser gutes Recht nicht Mut und Hoffnung rauben lassen. Wir Wiener Juden wenigstens wollen wir ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, damit nicht auch uns der Vorwurf trifft, der in der Anwendung des Bibelwortes auf den ersten Vorkämpfer wahrer Freiheit in Oesterreich liegt: „Und Josef erkannte seine Brüder, sie aber erkannten ihn nicht." Sein Geist der Duldsamkeit gegen jede ehrliche Ueberzeugung anderer soll der gute Geist unserer jüdischen Gemeinschaft sein. G- BerühmÜieit, überdies aber auch zu manchem noch unverkleisterten Riß in seinen Häusermauern und — zu einer stattlichen Anzahl von Neubauten gelangt ist. Wenn aber in Schwechat vielleicht ein gewisses Manko an historischem Sinn wahrnehmbar schien, könnte von Schwadorf eher das Gegenteil behauptet werden. Denn in diesem schon im 11. Jahrhundert gegründeten Dorfe, das Jahrhunderte hindurch im Besitze der Bischöfe von Passau gestanden hatte, mit seinen zwei senkrecht zueinander verlaufenden Straßenzügen, wissen die Einwohner nicht nur von den Schrecken der jüngsten Erdbeben, sondern auch von einem Judentempel zu erzählen, der sich dem Schulgebäude gegenüber im Hause Nr. 56 befunden haben soll. Schon das vor mehr als hundert Jahren erschienene, aber noch heute lesenswerte Buch „Wiens Umgebungen" von Schmidl berichtet darüber und auch der heutige Besitzer namens Hintermayer zeigt die ausnahmsweise vom Erdbeben verschont gebliebenen niedrigen und gewölbten Kammern seines Hauses, von denen schon sein Urgroßvater ihm erzählt hatte, daß sie einst ein Judentempel gewesen seien. Trotz dieser hartnäckigen Behauptungen der Sage läßt sich aber eine Judengemeinde in Schwadorf nicht nachweisen und es ist wahrscheinlich, daß einige im Jahre 1849 aus Schwadorf ins kunsthistorische Museum gebrachte Mithrasteine zu dem Entstehen dieser Sage Anlaß gegeben haben, wobei eine kleine Verwechslung von Juden mit Heiden mitunterlief. Bei der Nähe des großen historischen Fundgebietes von Carnuntum ist natürlich ein Fund aus der Römerzeit hier sehr gut anzunehmen. Juden dagegen sind in Schwadorf erst nach 1692, und zwar, wie der dortige Oberlehrer Langwieser feststellte, als Mauteinnehmer nachweisbar. An solchen hartnäckig von Generation zu Generation sich forterbenden irrigen Anschauungen ist wohl kaum ein Wissensgebiet so reich wie die Geschichte der Juden in Oesterreich. Zum großen Teil ist daran sicherlich die Geschichtsschreibung der sogenannten liberalen Epoche schuld, die die politischen Schlagworte ihrer Zeit in die Vergangenheit zu projizieren versuchte. Man muß sich bei der Betrachtung der Geschichte der Juden aber wohl davor hüten, anzunehmen, daß z. B. gerade in den jüdischen Gemeinden die vollständig unbeeinflußten Wahlen vor sich gegangen sein müßten, während es sonst nirgends freie, direkte, geheime und allgemeine Wahlen gab. Hier ist freilich nicht die geeignete Stelle für die Besprechung aller dieser Irrtümer, aber es muß doch gesagt werden, daß ähnlich mißverständlich ferner meist auch die Tatsache der „Männerknechtschaft" der Juden aufgefaßt wird und daß man ebenso gerne vergißt, daß die Juden im Mittelalter und auch noch bis tief in die neueste Zeit hinein nur einen der vielen Stände bildeten, die ihr besonderes Recht

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