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Die Wahrheit · 1932-01-08 · Heft 2 (8.1.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 2 (8.1.1932)
Date
1932-01-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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8ffi WAHRHEIT Seite & Antisemitismus ist mit wahrem Christentum unvereinbar. Seine Eminenz, der Fürsterzbischof von Sai/.burg. Ignatius R i e d e r. jenen katholischen Persön- In diesem Geiste sprach der Wiener Jesuitenpater Georg B i c h 1 m a i r am 25. v. M. im österreichischen Rundfunk über das Thema „Friede auf Erde n". Tausende und Abertausende vernahmen seine Botschaft, in der er namens der katholischen Kirche die Christenheit aufforderte, sich nicht länger dem Hasse hinzugeben und die gegen die Juden, Gottes auserwähltes Volk, gerichteten Lehren des Antisemitismus von sich zu weisen. Das jüdische Volk, sagte er, hat der christlichen Welt den Heiland geschenkt und die Haltung der Christenheit gegenüber den Juden sollte darum von Dankbarkeit und Liebe erfüllt sein. Antisemitismus sei etwas den Lehren der katholischen Kirche Entgegengesetztes. Die antisemitische Bewegung sei für den Heiligen Vater eine Quelle des Grams und der Papst hat wiederholt der Christenheit zugerufen, keine feindlichen Gefühle gegen das Volk zu hegen, dem der Heiland entsprungen sei. Diese Worte aus dem Munde eines Priesters, der in der katholischen Welt hohes Ansehen genießt, stehen in einem grellen Widerspruche zu den Worten und Handlungen, die wir jahrein, jahraus, Tag für Tag bei unseren christlichen Mitbürgern feststellen können. Sie stehen in scharfem Gegensatz zu den Programmen unserer christlichen politischen Parteien und vor allem zur programmatischen Einstellung jener Partei, die in ihrem Namen das Wort christlich führt und deren hervorragendster Führer dem gleichen kirchlichen Orden angehört, wie der Friedens-Pater Bichlmair. Ein Vergleich zwischen beiden ist wieder einmal ein Beweis für den Satz, daß die Politik den Charakter verderbe. Es ist gar keine Frage, daß es unter den sogenannten antisemitischen Politikern eine große Zahl von Personen gibt, die es fast als eine Beleidigung empfinden, wenn man sie im vertrauten Kreise des Antisemitismus bezichtigt, die aber um der lieben Politik willen, d. h. um den rohen Instinkten der Masse entgegenzukommen, sich nicht scheuen, einer antisemitischen Partei anzugehören, und, wo es der Parteivorteil erfordert, dem Antisemitismus zu huldigen. Diese antisemitischen Politiker haben nun wieder einmal aus dem Munde enes Priesters ein verdammendes Urteil gegen die antisemitische Seuche gehört und wurden neuerdings daran erinnert, daß ihr Oberster Hirte, der Papst, selbst Gram über diese antisemitische Bewegung empfinde. Sie müssen sich nun wohl sagen, daß sie das Recht verwirkt haben, sich wahre Christen zu nennen, wenn sie weiterhin, um sich und ihrer Parteiorganisation zu dienen, ins antisemitische Horn stoßen. Wir fürchten aber sehr, daß sie auch in Zukunft mehr Wert legen werden auf die Erhaltung ihres Mandats als auf ihr Christentum. Sollte diesen Herren aber die Meinung des Jesuitenpaters Bichlmair nicht maßgebend sein, so lenken wir ihre Aufmerksamkeit darauf, daß auch lichkeiten gehört, die in gleicher Weise die antisemitische Hetze und die Ausschreitungen der Radauantisemiten verurteilen. Vor wenigen Tagen erst wieder nahm er in Beantwortung einer Zuschrift des Landesverbandes Bayern des „Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der ihm seine Denkschrift über die Friedhofschändungen in Deutschland unterbreitet hatte. Gelegenheit, sein „aufrichtiges Bedauern'" über diese Exzesse in einem persönlichen Handschreiben zum Ausdrucke zu bringen. Die Herren Politiker werden sich freilich tun solche Worte des Friedens nicht kümmern. Aber ihre christliche Anhängerschaft, die auf die Worte eines Priesters noch etwas hält, würde sich sicherlich eines besseren belehren lassen, wenn Pater Bichlmair und Fürsterzbischor R i e d e r in den Kreisen des katholischen Klerus eifrige Nachahmer fänden. Gedenktage des Jahres 1932. Von Dr. M. Spanier. Motto: „Die Erinnerung ist das Gewinde, welches die Wiege mit dem Grabe verknüpft." (Raabe. Chronik der Sperlingsgasse) Wir beginnen als selbstverständlich mit dem einzig Großen — Goethe — (1749—1832), der, erhaben über Klassen- und Rassengeist, über konfessionelle Schranken, der ganzen denkenden und gesitteten Menschheit angehört. Wenn er sich auch einen „dezidierten NichtChristen" nannte, so war er dennoch kein „Judenstämmling", wozu ihn Engstirnige stempeln, die ihn anderseits auch für sich reklamieren möchten. (Folgerichtiges Denken gibt es in den Kreisen nicht.) Wie war sein Verhältnis zum Judentum? Lassen wir Goethe selbst reden- Er sagt: „Ich hasse die Juden nicht. Was sich in meiner früheren Jugend als Abscheu gegen den Juden in mir regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhaften, vor dem Unschönen... Erst später, als ich viele geistbegabte, feinfühlige Männer Magdeburg, aus Bibel und er nur aus Bibel und riagada das Wort Gottes, aus alten und neuen Leistungen das echte Gold, in der Gegenwart den wahren Beruf und für die Herzen die rechte Sprache zu linden weiß; dann wird wiederum in deine Tempel, o Tochter Zion. der göttliche Geist einkehren, wird sich vernehmen lassen in dem lebendigen, Taten weckenden Wort der Begeisterung voll Institutionen für Israel erzeugend. Der entzündete Funke erlischt nicht wieder; ihn können Verfolgungen nur zu lichter Flamme anblasen, denn unwiderruflich wie der Sieg der Freiheit und der Zivilisation, der bürgerlichen Gleichstellung der Juden und ihrer wissenschaftlichen Kultur ist die Reform und der Triumph des diese Reform offenbar machenden Wortes. Beglückter als Propheten und Amoraer, Hagadisten und Darschanim soll die Predigt der Rabbiner, der Vortrag des Religionslehrers neben Trost und Hoffnung, neben Lehre und Erbauung auch Segen und Freude gewähren. Segen dem Berufen Sie sich auf die „Union bei Abschluß von Wer- Sicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt hatten. Noch heute können wir ja infolge der allgemeinen Vererbung der Berufe beispielsweise beobachten, daß sich gewisse Stände aus den Angehörigen bestimmter Völker rekrutieren. So sind in Wien die meisten Messerschleifer Italiener, die Friseure Serben und so weiter und so findet auch die oft gehörte Frage, warum Juden gerade in diesem oder jenem Orte wohnten, in diesem oder jenem Berufe tätig seien, ihre Beantwortung. Die Juden des Mittelalters waren Städtebewohner und in ländlichen Orten fanden sie sich eben auch nur da, wo es sich wie z. B. in Mauer um den Sitz einer Hofhaltung handelte. Nach dem mittelalterlichen Grundsatz, daß Stadtluft frei mache, waren die Juden als Städtebewohner relativ frei und dieser grundsätzlichen Freiheit schadete es auch nicht, daß später die Abgaben der Juden „Toleranzgelder" hießen. Denn, was im 16. und 17. Jahrhundert unter „Toleranz" verstanden wurde, ist nicht ganz identisch mit dem Begriffe, der sich später — in der josefinischen Zeit an diese Bezeichnung knüpfte. Sonst hätten sie wohl die Wiener „Tolerierten" kaum noch im 19. Jahrhundert wie ein Adelsprädikat gebraucht. Ebenso verfehlt ist es aber auch, wenn jemand wie ich es ebenfalls schon hörte, die Schutzbriefe, die den Judengemeinden oder einzelnen Juden von ihren Obrigkeiten erteilt wurden, als „Schandbriefe" bezeichnet. Bei der historischen Betrachtungsweise ist vor allem Objektivität und genaueste Beachtung der Zeit Voraussetzung, mit der man sich eben zu beschäftigen hat Der wirkliche Historiker muß sein Gegenwartsauge schließen und ein retrospektives Auge gebrauchen. Nur so kann er sich vor unzutreffenden Vergleichen schützen und die notwendige Relativität des historischen Anschauens und Denkens gewinnen.. Die meisten Menschen — und seien sie auch sonst noch so verdiente und hochstehende Männer — die sich mit Geschichte beschäftigen, müssen zu solcher Relativität erst erzogen werden. Sie sind in diesem Punkte ebenso naiv wie die große Menge, die mit mir zugleich nach einem Tage des Genießens — eines anderen Genießens freilich, als es meines war, — nach der Stadt zurückkehrt und nicht ahnt, was alles auf diesem Fleckchen Erde schon vor sich gegangen ist. Wirklich losgelöst von aller Zeit und anveränderlich in ihrer Geltung sind nur die Ereignisse in der Natur und nur manchmal führt die Erde in zornigem Beben ihren Bewohnern ihre Ohnmacht vor Augen. Und dann ist es fast, als wollte sie ihren Kindern zeigen, daß sie Raum für sie alle hat, wenn sie ihn auch auf ihr nicht immer zu finden wissen. dieses Stammes kennen lernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferische Volk hege und für den Dichter, der das Hohe Liebeslied gesungen hat." Von Goethe zu Spinoza (1632—1677) ist nur ein Schritt, denn der Altmeister von Weimar stand zeitlebens unter dem geistigen Einfluß des Amsterdamer jüdischen Philosophen. Auf Goethe wirkte besonders überwältigend das uneigennützige Denken Spinozas, das sich in folgendem Satze widerspiegelt: „Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe." Die Glückseligkeil: des Menschen besteht nach Spinoza in der beständigen und ewigen Liebe zu Gott oder m der Liebe Gottes zu den Menschen oder in liebender Erkenntnis und erkennender Liebe. Selbst Kuno Fischer, der Geschichtsschreiber der Philosophie, der nicht frei von religiösen Vorurteilen war, mußte zugeben: „Im Leben Spinozas gibt es nicht einen Moment, der an dem Charakter eine Untreue verübt hätte, und er ist niemals in Versuchung gewesen, die ungewissen Güter der Welt einzutauschen gegen den reinen und uneigennützigen Genuß der Erkenntnis. Denn die Wahrheit war in seiner Seele und die Liebe zu ihr war sein Leben." Wie mit Spinoza eine neue Aera in der Geschichte der Philosophie beginnt, so kann man Leopold Zunz (1794—1886) den Pfadfinder der jüdischen Wissenschaft nennen. Dem großen Gelehrten Leopold Zunz gebührt das Verdienst durch sein epochemachendes Werk „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" (1832 erschien die erste, 1892 die zweite Auflage) den Nachweis erbracht zu haben, daß das Wort der Belehrung in mehr als zwei Jahrtausenden in Israels Gotteshäusern, die ja bekanntlich auch zu Schulzwecken dienten, heimisch war. Zunz schließt sein Monumentalwerk mit folgenden Worten: (Seite 481 der ersten Auflage!) „Möge der Vortragende Prediger oder Rabbiner, Lehrer oder Redner heißen, wenn freien Israel, Freude aber dem versöhnten Europa." Klingt das nicht so aus, als ob das Wort auch für unsere Tage gelten könnte? Wer spricht heute noch von Berthold Auerbach (1812 — 8. Februar 1882)? Versunken und vergessen. Einst einer der berühmtesten deutschen Erzähler, dessen Schwarzwälder Dorfgeschichten großen Erfolg ernteten und die in alle Sprachen Europas übersetzt wurden. Mit heller Begeisterung hat damals (1843) Ferdinand Freiligrath den Dichter in einem herrlichen Gedicht gefeiert: „Das ist ein Buch! Ich kann es Dir nicht sagen, wie mich's gepackt hat recht in tiefer Seele." Er war auch ein treuer Sohn des Judentums; schon 1835 schrieb Auerbach über „das Judentum und die neueste Literatur." Früh vertiefte er sich in das Gedankensystem Spinozas, verklärte diesen Philosophen in einem Roman, der den Namen dieses Denkers trägt und übersetzte dessen Schriften aus dem Lateinischen ins Deutsche. Zeitlebens kämpfte er für sein Deutschtum und für die idealen Güter der Menschheit. Er starb an gebrochenem Herzen; die antisemitische Bewegung empfand er als tiefste Scham und Kränkung. Wenige Wochen später (25. Februar 1882) verschied auch der ausgezeichnete jüdische Maler, Professor Moriz Oppenheim. Mit Auerbach teilte er tiefste Gemütsinnigkeit. Mit Vorliebe entnahm er seine Schöpfungen dem jüdischen Familienleben. Wer kennt nicht seine „Bilder aus dem jüdischen Familienleben"? Der Zauber, der sich über diese Bilder breitet, muß in jedem jüdisch fühlenden Herzen Widerhall finden. Schließlich noch eine kurze Notiz. Der aus Amerika nach Deutschland verpflanzte U. O. B. B. fand seine erste Heimstätte 1882 — also vor 50 Jahren — in Berlin. Die religiöse und kulturelle Bedeutung der jüdischen Logen ist bislang nicht genügend gewürdigt worden. Es wird hoffentlich im Laufe des Jubeljahres geschehen.

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