Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2 (8.1.1932)
- Date
- 1932-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Judisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelischen Kultusgemeinde Wien Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 8. Jänner 1932 Nummer 2 Ein Festtag für die Wiener Juden. 15© Jahre (f oferanxpafenf. Der 2. Jänner verdiente, daß jeder Freund der Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, insbesondere aber jeder demokratisch fühlende Jude, ihn in seinem Kalender rot anstreiche. Um so mehr als dieses Rot ganz ausnahmsweise nicht an Blut erinnert, das an diesem Tage um einen Fortschritt der Freiheit, einen Sieg des Rechtes und somit der jüdischen Sache hätte fließen müssen. Die Verlautbarung des Toleranzpatentes für die Juden Niederösterreichs, das heißt Wiens, am 2. Jänner — für die anderen Kronländer erfolgte sie etwas später — 1782, also vor nunmehr 150 Jahren, war vielmehr einer jener äußerst seltenen Sonnenblicke in der Geschichte, wenn der Geist der reinen Menschlichkeit die Dunstschicht des Vorurteils, die trutzige Nebelwand gewalttätigen Unrechts machtvoll durchbricht. Sie war eine jener Gnadenstunden, in denen die Erde mit ihrer selbstquälerischen Gesinnungsenge dem leuchtenden Zentralgestirn herzenswarmer Duldsamkeit am nächsten kommt Das Werkzeug der Vorsehung war in diesem Falle J o s e f, als deutscher Kaiser der zweite seines Namens, — als gekrönter Ideologe unbedingter Gerechtigkeit gegen alles, was MenschenantKtz trägt, der erste und einzige — als Deutscher der Deutscheste seiner Zeit, „Josef der Deutsche", wie ihn Adam Müller-Guttenbrunn mit Recht bezeichnet. Wie Mose im Kleide des Feindes, im Aeußern „ein ägyptischer Mann", auftrat, wie der von Jesaia als Messias begrüßte Cyrus als Arier den orientalischen Despotismus verkörpert, ist Josef — Habsburger, der Erbe einer Krone, an die sich bis auf zwei bis drei Ausnahmen vor und ebenso wenige nach ihm für uns Juden nicht die freundlichsten Erinnerungen' knüpfen. Er ist Herrscher über Oesterreich, das, wie Metternich noch sechzig Jahre später betont, „als Schutzmacht der katholischen Kirche" sich berufen hielt. Josef ist der Sohn einer Maria Theresia, die an Judenhaß und als erklärte Feindin allen „Tolerantismus" das ärgste Mittelalter in den Schatten stellt. Zum Glück für die Menschheit war Josef nicht sowohl Erbe seiner Mutter als Kind seiner Zeit. Ganz aufgeschlossen dem Frühlingshauch dieser neuen Zeit, die mit der Winterstarre mittelalterlicher Barbarei endgültig brechen wollte, betritt Josef von allem Anfang seiner Regierung an begeistert den Weg der Toleranz, als der Wirkung „jener wohltätigen Aufklärung, die nun Europa erleuchtet, den Weg, den Zoroaster und Confuze gewandelt und der nun die Heeresstraße der Monarchen geworden." Und wie Descartes, als ehemaliger Artillerieoffizier, bewußt die Herrschaftsstützen der Scholastik „zusammenschießt", um für den Umbau seiner Philosophie Raum zu schaffen, so scheut sich Josef nicht, als Diktator die alten Stammburgen der Unduldsamkeit gewaltsam niederzulegen, um seinen Untertanen auf ihren Trümmern ein wohnliches, lichtes Heim zu errichten. Josef war gereist und belesen. Mit Friedrich von Preußen hatte er sich über Voltaire, mit Lessing, der die Direktion des Burgtheaters übernehmen sollte, bei seinem Aufenthalte in Wien sicherlich über Fragen der Toleranz unterhalten, die damals zum Schlagwort der Gebildeten auch in Deutschland geworden war. 1689 hatte John Locke den ersten seiner drei Briefe für Toleranz veröffentlicht. 1714 John Toland in seiner Streitschrift die Naturalisierung der Juden Englands gefordert, die auch 1740 für die Juden in den englischen Kolonien praktisch durchgeführt wurde. 1776 die Verfassung Virginiens vollkommene Gewissens- und Religionsfreiheit deklariert. 1779 war Lessings „Nathan" erschienen. BANDAGEN ALLER ART OUMMISTROMPFE. Gummilose Krampfaderostrümpfe, OUMM1WAREN. Gummischuhe, Watte, Verbandstoffe, Orthopäd. Bauchbinden, Umstandsbraden, Mieder nach Operation, Schlüpfer, Basenhalter, Bruchbänder mit und ohne Feder, Mieder, Monatsbinden, Baby-Waagen, PlattfuSeinlagen. Alle Artikel zur Oegandheit»-. Krankenand' Kinderpflege. Heifllnftapparatc, elektrische Heizkissen, Inhalationsapparate, Faradisationsapparate, Solnxlampen, Höhensonnen, elektrische Kocher, Gummiwärmeflaschen, Zinunaklosette, Bidets, Luftkissen, Thermometer, Bettlehnen. Krücken und Krückstöcke, „Thermolit"-, Kamelhaar-Ann-, Puls-, Leib-, Rücken-, nuten- Kniennd Fnfl-Wärmer. Katzenfelle, ■ItflOadar Krankenfahrstühle, Rettungskasten, lo fniitt Mafeatt Asbest - Ofenschirme, „Cellu" Türschoner etc. TAMORSTIt. SS MIKOLASCH TILI POM R 47-1-«* Da fand der Schritt dieser neuen Zeit, in der die Verheißungen unserer Propheten sich erfüllen sollten, ein mächtiges Echo an einer Stelle, an der man es am wenigsten erwartet hatte. Am 13. Mai 1781. wenige Monate nach seinem Regierungsantritte, verkündete Josef IL. er wolle alle Kräfte seines Staates dem gemeinsamen Wohle nutzbar machen, aber auch alle Einwohner seiner Erblande in gleicher Weise die Erfolge und alle mögliche Freiheit genießen lassen. Darum sollten alle Abgaben und Abzeichen, die den Juden seiner Länder die Menschenwürde verkümmerten, wegfallen und ihnen alle Schulen und Berufszweige geöffnet werden. Diese Willenskundgebung des Kaisers wurde den Ministerien, den Landesregierungen und einzelnen Magistraten zur Rückäußerung übermittelt. Auf Grund dieser Gutachten kam das ..Toleranzpatent" zustande. Was es an Einschränkungen der viel weitergehenden Absicht des Kaisers aufweist, versteht man beim Lesen jener Gutachten. SllberschOsseln Silberkannen Neue Formen aus eigener Werkstatt Entwürfe berühmter Künstler Juweliere und Silberschmiede I., WipplingerstraBe Nr. 29 In Mähren waren die Kreishauptleute und Magistrate der königlichen Städte zur Begutachtung aufgefordert worden. Der Brünner Magistrat antwortet mit der Befürchtung, so gut auch die Absicht des Kaisers sein möge, bringe ihre Ausführung zweifellos „Verderben des Publikums, unheilbaren Nachteil der allein seligmachenden katholischen Religion". Zulassung der Juden zum Gewerbe und Studium sei unmöglich, da Juden und Christen nicht zusammenwohnen dürfen. Brünn besitze seit 300 Jahren ein, erst 1745 erneuertes Privileg, von dem „unreinen Geschlecht" der Juden befreit zu sein, auch könne in Brünn nur Meister werden, „wer von katholischen Ehern frei und ehelich erzeugt sei". Der Kreishauptmann von Olmütz erinnert daran, daß die General-Polizei-Prozeß- und Kommerzialordnung von 1754 solche Ausübungen, wie Se. Majestät nunmehr den Juden einräumen wolle, nicht gestatten. Dem Magistrat von Iglau wird dafür eine Rüge erteilt, daß er. anstatt sein Votum mitzuteilen, die ganze Bürgerschaft in dieser Angelegenheit einberufen und so alarmiert habe. In ihrem Schlußbericht beruft sich die mährische Landesstelle auf ein angebliches jüdisches „Vorurteil, als ob alles dieses, was Christen an Gut und Gold besitzen, das wahre Eigentum der Juden sei." Sie behauptet, daß die Juden als Hausierer und Handwerker, sogar die jüdischen Frauen durch ..Spitzenklöppeln und Strümpfestricken" ohnedies ..die stärksten Nahrungszuflüsse an sich gezogen" hätten. Der Kaiser meine deshalb wohl, daß die Juden in Zukunft „nur bei der Judenschaft", am allerwenigsten aber in den königlichen Städten, wo sie niemals geduldet worden, zu Meistern zugelassen werden sollen. Während somit hier in Mähren den Juden unterschoben wurde, sie betrachteten sich als rechtmäßige Eigentümer allen christlichen Besitzes, berief man sich in Böhmen hinwiederum auf die alte „Kammerknechtschaft" der Juden, laut welcher alle jüdische Habe Eigentum des Landesfürsten sei. Und von den böhmischen Ständen wurde, besonders nach Josefs Hinscheiden, das Toleranzpatent mit der Begründung bekämpft, daß Oesterreich „ein katholischer Staat" sei. Ihnen entgegnet — ein Zeichen, daß Josef mit seinen Ansichten doch nicht allein stand. — der Referent des böhmischen Guberniums, von R i e g g e r: „Wie kann Christus eine herrschende, eine regierende Religion wollen, er, der niemals herrschen, niemals regieren wollte? Das Christentum ist selbst bloß Toleranz, allgemeine Menschenliebe mit Gottesliebe verbunden. Nimmt man Ihm diesen Vorzog, so ist es nicht mehr die vom göttlichen Stifter festgesetzte göttliche Religion!" Von diesem ..josephinischen" Geist beseelt finden wir auch unter den Wiener Beamten, die ihr Gutachten dem Kaiser abstatten, einen weißen Raben in der Person des Hof rates G r e i n e r. Die anderen Hof- und Staatsräte „verkennen nicht, daß des Kaisers Intention dem saeculo und der Regierung zum Ruhme gereiche", aber ein Probst habe gegen die Zulassung jüdischer Kinder zum öffentlichen Unterricht Bedenken geäußert, die Juden seien eine „elende Nation", nur auf Wucher und rlitglieder nnd rreonde der „Union" übertragen Lebens- und Elementar- _____ Versktoerungen der Städtischen VersidiernngsanstaH