Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064402--18672-3083726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
•***»•'-• 6 DIE WAfTRHFIT eingeschlagen. An den Abenden wagen es die jüdischen Einwohner nicht, die Straßen zu betreten. Während der antisemitischen Exzesse, die in Posen die ganze vergangene Woche andauerten, wurde von antisemitischen Studentenhuligans auch der bekannte akademische Maler Professor Leon Dolszycki, der für einen Juden gehalten wurde, schwer mißbandelt Er erhielt einige Schläge über den Kopf. Anfangs schien es, als ob Professor Dolszycki nur leicht verletzt wäre, im Verlauf der letzten Tage trat aber eine Verschlimmerung ein, die Aerzte stellten fest, daß der Schädel verletzt wurde und daß für Dolszycki die Gefahr besteht, daß er das Augenlicht verliert Wie die Wilnaer Gerichte den Pogrom ahnden. Die ersten Prozesse in Wilna im Zusammenhang mit den schweren antisemitischen Unruhen am 10. November endeten, wie schon mitgeteilt, mit der Verurteilung von Juden, denen man nachsagte, sie hätten am Tage des Pogroms Vergeltungsmaßnahmen gegen Huligans angekündigt, während ein Huligan, dem man nachgewiesen hat daß er die Fensterscheiben in einem jüdischen Laden eingeschlagen hatte, freigesprochen wurde. Am vergangenen Freitag verhandelte das Wilnaer Kreisgericht gegen den 17jährigen Juden Israel Dworkin, der beschuldigt war, am erwähnten Pogromtag einen Soldaten und eine christliche Frau geschlagen zu haben. Obwohl der Angeklagte die Tat leugnete und sich weder der Soldat noch die Frau als Beschädigte gemeldet hatten, verurteilte das Gericht Dworkin auf Grund vager Zeugenaussagen christlicher Schüler zu sechs Monaten Gefängnis. Das Urteil hat in der Wilnaer jüdischen Oeffentlichkeit Bestürzung hervorgerufen, zumal man sich fragt, wann endlich auch die Prozesse gegen die Huligans beginnen werden, die an dem schweren Judenpogrom am 10. November, bei dem es zahlreiche jüdische Verletzte gab und jüdische Läden demoliert wurden, teilgenommen haben. Bisher hat man nur Juden, gegen die die nationalistischen Hetzer irgendwelche vage Beschuldigungen ausheckten, vor das Gericht gezerrt ... . Amerika, du hast es besser? Die Zeitung der Universität Park Maryland berichtet über einen antisemitischen Studenten-Skandal, wie er bisher in Amerika noch nicht zu verzeichnen gewesen ist Studenten dieser Universität organisierten einen brutalen Ueberfall auf ihre jüdischen Kollegen. Sie eröffneten mit schweren Ziegelsteinen ein Bombardement gegen den Schlafraum und die anderen Wohnräume der jüdischen Studenten im College- Gebäude, so daß die schwerbedrohten jüdischen Studenten in die Dachkammer des Hauses eines benachbarten wissenschaftlichen Instituts flüchten mußten. Die Universitäts-Zeitung fordert strenge Bestrafung der Schuldigen und ihre Relegierung von der Universität Der Präsident der Universität, Pearson, hat seinen speziellen Assistenten Byrd beauftragt eine gründliche Untersuchung des Falles durchzuführen, um zunächst die Schuldigen festzustellen. Erzbischof und Rabbiner gegen Antisemitismus — in Kanada. Der römisch-katholische Erzbischof von Montreal, Gauthier, hat den Rabbiner des Tempels Emanu-EI, J. H. Stern, im bischöflichen Palais empfangen und mit ihm Maßnahmen zur Bekämpfung der antisemitischen Agitation in der Provinz Quebec besprochen. Erzbischof Gauthier erklärte, er verurteile den Antisemitismus und wolle Hand in Hand mit dem Rabbiher eine Aktion zur Eindämmung der antisemitischen Agitation durchführen. Rabbi J. H. Stern berichtete über diese Zusammenkunft in einer Sitzung des kanadisch in Jewish Board of Deputies und teilte dabei mit, der Erzbischof wolle es sich besonders angelegen sein lassen, die von einem Teil der Presse betriebene antisemitische Agitation zu bekämpfen. Der Erzbischof habe ein Exemplar des von der Jüdischen Telegraphen- Agentur in New-York herausgegebenen „Jewish Daily Bulletin", in welchem über einen antisemitischen Hetzartikel des Abbe La Vergne in „L'Action Catholique" berichtet worden war, zurückbehalten, um eine Handhabe zum Einschreiten gegen die Propaganda eines gewissen Teils des Klerus zu haben. Gemeinde - "Chronik teu.»; Jüdische Arbeitslosen-Hilfe in Frankreich. Das Zentralkomitee des Verbandes zur Unterstützung der jüdischen Opfer der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit in Frankreich hat einmütig beschlossen, seine Fürsorge nicht nur erwerbslos gewordenen Lohnarbeitern, sondern auch allen Juden, die infolge der gegenwärtigen Krise in Not geraten sind, angedeihen zu lassen. Es wurde mit der jüdischen Arbeiter-Volksküche in Paris ein Abkommen getroffen, wonach diese den Schutzbefohlenen des Verbandes täglich eine gewisse Ration Nahrungsmittel verabfolgt Vielen Notleidenden wurden Lebensmittelkarten, auf die sie in anderen Volksküchen Mittagessen erhalten, ausgefolgt Für die jüdischen Arbeitslosen der Distrikte Belleville und des Vierten Arondissements wurden je 3000 Francs bewilligt Personen, für die sich Arbeitsmöglichkeiten in der französischen Provinz eröffnen, wird dazu verholfen, in die Provinz zu übersiedeln. Eingewanderten, die in ihre Heimatländer zurückkehren wollen, werden die Reisekosten beschafft London. Rabbi Jecheskiel A b r a m s k i aus Sluzk, der vor mehr als einem Jahre mit anderen Rabbinern Weißrußlands unter der Beschuldigung, ausländische Verbindungen zu unterhalten, von der politischen Sowjetpolizei verhaftet zum Tode verurteilt dann begnadigt und nach Sibirien verbannt worden war (die Affäre hatte seinerzeit in der ganzen Welt ungeheures Aufsehen erregt), konnte vor einiger Zeit Rußland verlassen. Et kam nach London und wurde hier zum Rabbiner der großen Synagoge der Machsike Ha da ss in London-Spitalfields gewählt In diesen Tagen fand die feierliche Einführung von Rabbi Abramski in sein neues Amt statt An der Londoner Machsike Hadass-Synagoge hat einst der jetzige aschkenasische Oberrabbiner von Palästina Rabbi Kook, gewirkt Aufruf! Wir erlauben uns, die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf die bedrängte Lage des jüd. Kindergartens im XX. Bezirk, Othmargasse 46, zu lenken. In diesem Kindergarten werden seit Jahren zirka 100 Kinder verpflegt und betreut Infolge der wirtschaftlichen Lage aber ist der weitere Bestand des Kindergartens auf das; schwerste gefährdet Wir bitten edle Menschen, uns so bald als möglich zu helfen, damit den Aermsten der Armen nicht noch diese Hilfe genommen wird. Die Leitung des jüdischen Kindergartens im XX. Bezirk, Othmargasse 46. Paris. Im Alter von 63 Jahren starb in Paris Rabbi Jules Bauer, der Direktor des französischen Rabbinerseminars. Er wurde 1868 in Balbronn (Niederrhein) geboren, war 1893 bis 1904 Rabbiner in Avignon. 1904 bis 1919 Rabbiner in Nizza und seit 1919 Rabbiner in Nizza und seit 1919 Direktor des Rabbiner- Seminars in Paris. Er veröffentlichte eine Anzahl Untersuchungen zur Geschichte der Juden in Südafrika, insbesondere der Grafschaft Venaissin, ferner zwei Abhandlungen über die Rabbiner in Nizza und die Geschichte der Rabbinerschule in Metz. Rabbi Jules Bauer gab auch zwei Gebetbücher heraus: „Notre rituel de prieres" und „Livre de prieres pour les jeunes enfants". Er redigierte die Zeitschrift „Foi et Revail". Budapest Dem soeben erschienenen Jahrbuch des Kommunalpolitischen Amtes in Budapest ist zu entnehmen, daß der Geburtenrückgang in Ungarn ein enormer ist Am stärksten ist der Geburtenrückgang in Budapest bei den Juden (36,3 Prozent), der schwächste (4,6 Prozent) bei den Reformierten). Die Zahl der außerehelichen Geburten ist bei den Juden am geringsten. Generalversammlung des Jüdischen Museums. Am 21. v. M. fand im Festsaale der B. B.-Vereinigungen die 23. ordentliche Generalversammlung der Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums („J üdisches Museum") statt In dieser erstattete Hofrat Prof. Dr. S. Frankfurter, als Präsident der Gesellschaft, den Tätigkeitsbericht des abgelaufenen Jahres. Aus ihm war zu entnehmen, daß das Museum, dessen finanzielle Lage durch die Ungunst der Zeit und durch eine große Einbuße an Mitgliedern, teils durch Tod, teils durch Austritt schwer mitgenommen ist trotzdem im Jahre 1931 seinen Aufgaben gerecht werden konnte. Unter den Bereicherungen, die das Museum in diesem Zeitabschnitte für seine Sammlungen erfahren hat, wurden mehrere Stücke, sowohl Schenkungen, als auch Ankäufe besondes hervorgehoben. Auch der Besuch des Museums war im Berichtsjahre recht günstig, es haben verschiedene Schulen, Verbände und Organisationen, so z. B. die Jugend-Union, die reichen Sammlungen besichtigt, und unter den Einzelpersonen von Bedeutung sei besonders Schalom Asch hervorgehoben, welcher seiner Befriedigung über das Gesehene mit den Worten Ausdruck verlieh: „Diese Sammlung hat nur Liebe und Verständnis zusammengebracht, a groiß'n Jejaschekojach for den grciß'n Nachesriach." Ebenso hat der Bürgermeister von Tel Aviv sich lobend über das Museum ausgesprochen. Nach der Erledigung der übrigen Punkte der Tagesordnung (Kassabericht Bericht der Revisoren) und nachdem sowohl durch den Vizepräsidenten der Gesellschaft Doktor Stiaßny, wie auch durch Herrn Obermedizinalrat Dr. Haase namens des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemcinde Herrn Hof rat Dr. Frankfurter ank GROSSFLEISCH HAUEREI MGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE t XVIII», WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17 3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten äbteÜungemürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehr«. Rsbbinates der lar. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen läßlich seines 75. Geburtstages eine solenne, beifällig aufgenommene Huldigung dargebracht worden war, nahm Herr Rabbiner Dr. B, Murmelstein das Wort zu seinem Vortrage: „Jeremias, der Prophet und P o I i t i k e r". Die Gestalt dieses Propheten, der in der Literatur und bildenden Kunst so oft behandelt worden ist, wurde von dem Vortragenden in einer sehr interessanten und mit treffenden Schlaglichtern auf politische Vorgänge der Gegenwart illustrierten Form gezeichnet. Ausgehend von. einer scharfsinnigen Umgrenzung des Begriffes „Prophet" seit der ältesten Zeit in der israelitischen Volkskultur gab der Vortragende an Hand des Bibeltextes den Verlauf des tragischen Kampfes des Propheten gegen die Höflinge und falschen Wahrsager wieder und zeichnete das Martyrium dieses volkstreuen Mannes, der während der Belagerung Jerusalems auf die Masse den Eindruck eines Hechverräters machen mußte und dann nach dem Untergange der Stadt im Jahre 586 v. gezwungen ward, nach Aegypten, dem von ihm gehaßten Lande, das durch seine politischen Intrigen Judäas Untergang verschuldet hatte, zu fliehen, wo sich seine Spur verliert. Der anziehende und anregende Vertrag wurde mit reichem Beifall belohnt. Die Vereine „Ferienheim" und „Oest. Seehosplz In Grado", beide unter dem Präsidium der Frau Sophie Q r ü n f e 1 d, haben sich in den Dienst der „Winterhilfe" gestellt und an die Bedürftigsten jener Kinder, welche im Sommer in den Heimen Bad Vöslau (Mühlhof) und Grado Erholung fanden, bereits zweimal Lebensmittelpakete, und zwar bisher zusammen 1000,kg Lebensmittel an die Familien ihrer Schützlinge verteilt. Jüdische Toynbeehalle. XX., Denisgasse 33. Samstag, den 2. Jänner 1932. 19 Uhr. Konzert. Ausführende: Das Galimir-Quartett; Felizitas Lewinter (Klavier); Ing. Karl Wein er (Gesang). Regiebeitrag 20 Groschen. Sonntag, den 3. Jänner 1932. präzise %\ Uhr nachmittags, findet im Theatersaal „Hotel Post". L, Fleischmarkt 24, eine Heitere Nachmittags-Akademie statt, an der prominente Künstler wie: Humorist Richard Eybner (Mitglied des Burgtheater); Prof. Zimbler; Oberkantor Margulies; Charakterkomiker Max Zelniker (Künstlerspiele); die zehnjährige Tanzkünstlerin Liserl Weinberger; Oskar Teller- Viktor Schlesinger (politisches Kabarett) teilnehmen. Karten von S 1.— bis S 3.— in der Buchhandlung M. Rath, II., TaborstraDe 20a; Buchhandlung Schlesinger, L, Seitenstettengasse 5, und bei Zahnarzt Dr. U. Schacht er, XX.. Petrasengasse 4—6, Telephon A 41-6-49. Der Reingewinn kommt armen jüdischen Kindern zugute. Verlobung. Herr Walter Wechsler, Sohn des geschätzten und beliebten Ehepaares Friedrich Wechsler, hat sich mit Fräulein Anny Schwarz verlobt. Barmizwahfeier. Im Stadttempel hatte sich am Samstag, den 26. v. M„ beim Vormittagsgottesdienste eine besonders große Zahl von Andächtigen eingefunden, um nicht nur Zeugen des erhebenden Gottesdienstes zu sein, sondern auch an der Barmizwahfeier des Gymnasiasten Erich Reiß, Sohn des Ehepaares Adolf und Elsa Reiß, teilzunehmen. Die Beliebtheit, deren sich dieses Ehepaar in weitesten Kreisen mit Recht erfreut, kam so auf eine sehr schöne Weise zum Ausdruck. Unter den Festgästen befanden sich zahlreiche Geschäftsfreunde des in seiner Branche überaus geschätzten Herrn Adolf Reiß, der zur Thora aufgerufen, die Gelegenheit wahrnahm, jüdische Wohlfahrtszwecke, insbesondere die „Winterhilfe", mit reichlichen Spenden zu bedenken. Der Barmizwoh trug die Haftarah mit viel Verständnis hübsch vor. Nachdem die Oberkantoren H. Fischer und M. M a t y a s die kantoralen Funktionen in eindrucksvoller Weise versahen, richtete