Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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aeite 4 DIE WAHRHEIT Doppeljubiläum der Jewish Colonisation Association. 100. Geburtstag von Baron Maurice de Hirsch und 40. Jahrestag des Bestehens der JCA. Am 18. Dezember beging in London der Conseil der Jewish Colonisation Association (JCA) eine Doppelfeier: Den 100. Geburtstag des Gründers der JCA und großen Philanthropen Baron Maurice de Hirsch und des 40jährigen Bestehens der JCA. Aus diesem Anlaß sind der JCA aus allen Teilen der Welt Glückwunschtelegramme zugegangen. Der Präsident der JCA, Sir Leonard L. Cohen, würdigte in einer großangelegten Rede das Werk von Baron Hirsch und der JCA. Ich will, sagte er, die große Rolle, die unser illustrer Gründer Baron Maurice de Hirsch, der am 9. Dezember 1831 geboren wurde, in der Geschichte des Judentums gespielt hat, in Ihr Gedächtnis zurückrufen. Baron Hirsch war dem Judentum mit Leidenschaft ergeben. Die vielen Reisen, die ihn nach Mittel- und Osteuropa führten, haben seine Liebe zu seineu unglücklichen Glaubensgenossen in diesen Ländern womöglich noch erhöht Großmütig unterstützte er die zur Hilfe an diese Glaubensgenossen bestehenden Wohlfahrtsinstitutionen. Sehr bald aber sah er die Notwendigkeit des Zusammenwirkens der verschiedenen Wohlfahrtsemrichtungen ein. Denn das Elend bedrohte die Juden in der ganzen Welt: In Galizien, Rußland, Palästina, ja auch in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Vom Jahre 1887 an. dem Todesjahre seines Sohnes, widmete er sich jüdischer konstruktiver Arbeit Er begründete seine „Stiftung" in Wien zur Rettung jüdischer Kinder vor Unwissenheit den Baron de Hirsch- Fonds in New York und schuf in Rußland ein großes Unternehmen für jüdische Erziehung und wirtschaftliche Wiederherstellung. 1891 begründete er die Jewish Colonisation Association, die nun länger als eine Generation besteht Die JCA, fuhr Sir Leonard Cohen fort hat den Krieg und die Nachkriegsumwälzungen überstanden. Ohne auf die Details der 40jährigen Arbeit eingehen zu können, will ich nur einige strahlende Erinnerungen skizzieren: Unsere konstruktive Arbeit in Argentinien, Brasilien, Palästina, Rußland und Kanada, wo wir, dem Willen von Baron Hirsch gemäß, nicht nur große landwirtschaftliche Kolonien, sondern auch eine neue landwirtschaftliche Bevölkerung der Juden schufen. Wir haben die jüdische Auswanderung organisiert und geregelt dies vor allem in den Zeiten der Pogrome und in den Nachkriegsjahren, und haben damit Hunderttausenden Juden geholfen, sich in der Neuen Welt eine neue Heimat zu begründen. Unglücklichen Juden im Osten Europas haben wir zu einer Lebensexistenz verholten. In den letzten Jahren wurden wir hierin sehr von unseren Freunden in Amerika unterstützt Durch unsere Arbeit in all den Jahren haben wir bewiesen, daß wir den Intentionen unseies Gründers gerecht geworden sind. Und nun möchte ich Ihnen einiges über unsere Gegenwartsarbeit und die Methoden unserer Arbeit sagen: Auch die JCA hat schwere Zeiten durchzumachen. Dieses Jahr schließt mit einer wirtschaftlichen Krise ab. Alle Länder, in denen wir wirken, sind von der Krise ergriffen, und dies wirkt auf unser Werk zurück. Unermeßlich ist das Elend in Polen und Bessarabien. groß sind unsere Schwierigkeiten in Rußland, wo sich der Auswanderung starke Hindernisse entgegenstellen. Nie stand das von Baron Hirsch geschaffene Werk vor ernsteren Verantwortlichkeiten als heute. Und die Lage wird immer schwerer. Nur durch strengste Sparsamkeit können wir einige Mittel zur Fortführung unseres Werkes aufbringen für Gebiete, in denen wir feste Verpflichtungen eingegangen sind. Es ist der Augenblick gekommen, da wir alle unsere Unternehmungen durchprüfen und gewisse Einschränkungen in gewissen Wirkungskreisen, die nicht unsere eigenen sind — wie z. B. Religions- und Fachunterricht — machen müssen. Unterrichtsarbeit ist Ehrensache für uns. Als wir die Kolonien schufen, sorgten wir auch für den Unterricht der Kolonisten-Kinder. In Europa selbst schuf die JCA ein Schulnetz, das auf bewundernswerte Leistungen zurückblicken kann. Aber 'unsere Hauptleistung ist der Aufbau der Gemeinden in den Kolonisationsländern. Dort hat sich eine Generation von Juden gebildet die ihrem Ideal und ihrem Glauben leben kann. Das Werk ist heute vollendet Wenn wir heute auch unsere Leistungen für die Schulen und die Synagogen einstellen, werden diese nicht untergehen, da die Kolonien selbst sie erhalten können. In Argentinien werden die von uns geschaffenen Gemeinden, die vorf'allen geachtet und reich an Traditionen sind, einen Markstein der JCA-Arbeit bilden. Noch ein Jahr wejäen wir diese Gemeinden, wenn auch eingeschränkt linterstützen müssen, in der Zukunft werden sie unabhängig sein. In der gleichen Weise werden wir in Uruguay, in Brasilien und in Kanada vorgehen. Eine ähnliche Linie verfolgten wir auf dem Gebiete des Fachunterrichtes. Wir haben qualifizierte jüdische Arbeiter herangebildet, Techniker, die ihre Kenntnisse der heranwachsenden Generation vermitteln können. Jetzt haben die ven uns geschaffenen Patronate solche Fortschritte gemacht, daß sie in einem gewissen Grade an die Stelle der Fachschulen treten können. Elementarschulen, Anstalten für moralischen und religiösen Unterricht sind gewiß nützlich und notwendig. Indem wir solche Anstalten schufen, haben wir Pionierarbeit geleistet Durch den Geist den wir erweckt haben, sind die jüdischen Massen heute fähig, ihr Interesse wahrzunehmen und ihre Pflicht zu erfüllen. Die-jüdischen Gemeinden werden die von uns in ihrer Mitte geschaffenen Institutionen unterstützen. Als Ergebnis unseres Sparprogramms werden wir unser Werk auf anderem Gebiete fortführen können. Die JCA, an die aus allen Teilen der Welt appelliert wird, kann sich nicht auf ein Unternehmen beschränken. Wie in Argentinien, so anderswo versuchen wir, Neuankömmlingen zu helfen, sich auf noch freistehendem Boden der JCA einzurichten, statt immer nur die gleichen Familien zu begünstigen. Wir müssen mit immer neu sich ergebenden Umständen rechnen. So waren wir in den letzten Jahren in der Lage, tausende jüdische Familien auf Boden in Rußland anzusiedeln. Neuen Boden erwarben wir in Polen, Bessarabien und in der Bukowina, auf diesem Boden entsteht jetzt eine jüdische landwirtschaftliche Bevölkerung, die ihn erfolgreich bearbeiten. Die Umstände, schloß Präsident Leonard L. Cohen, sind schwierig, aber wir werden lernen, der Umstände Herr zu werden. Jeder tue seine Pflicht Wenn wir die gegenwärtigen Schwierigkeiten überwunden haben, werden, - werden wir Mut finden zu neuem Werk. Möge die Schöpfung von Baron Maurice de Hirsch ihres Schöpfers würdig sein. Isdiias, Rheuma, öidit 14tägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, KoblensSurebfider, Diathermie Heißluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmetboden täglich von 8-6 Uhr Hellansta» „Thermla" L, Franz Josefskai 1 — Telephon R29-1-S7 Leiter: Dr. Wolf Somer Jaden und jüdisches Schrifttum in Eduard Engels „Deutscher Stilkunst' Vor kurzem ist die 31. Auflage dieses bekannten Buches im Verlag von G, Freytag A.-G., Leipzig und Wien 1931, mit dem Vermerke: 58.—64. Tausend, erschienen. Diese Zahlen sprechen für die Anerkennung und die Verbreitung, die dieses Buch gefunden. Prof. Dr. Eduard Engel in Bornim bei Potsdam wurde anläßlich seines 80. Geburtstages, den er am 17. Oktober 1931 feierte, zum Ehrenmitglied des Deutschen Sprachvereines ernannt „um damit dem unermüdlichen Vorkämpfer für die Reinheit Klarheit und Schönheit der deutschen Sprache, dem erfolgreichen Wecker und Schärfer des deutschen Sprachgewissens schuldigen Dank und verdiente Anerkennung auszusprechen." Es ist hier nicht der Ort, die vielseitige Tätigkeit Engels zu schildern, die ihm solche Ehre und Anerkennung brachte. Erwähnt sei nur, daß er seine Erfolge nicht nur seiner unbegrenzten Liebe zur deutschen Sprache verdankt sondern auch seiner Kenntnis ihres unerschöpflichen Wortschatzes sowie seiner umfassenden Kenntnis der deutschen Literatur und der Weltliteratur. Engel verweist nun an zahlreichen Stellen seines Werkes auf die Verknüpfung der hebräischen mit der deutschen Literatur sowie auf die schriftstellerischen Eigentümlichkeiten der Juden und die schriftstellerischen Werke von Juden und von Schriftstellern jüdischer Abstammung. Wir wollen im Folgenden einige dieser Aeußerungen wiedergeben: Selbstverständlich ist es der Stil der Bibel, den er mit Bewunderung betrachtet Lumers Bibelübersetzung bezeichnet er als das erste 2.ÄA Der bekannte Ä.„A 80 Dauer- \ *0 Seidenstrumpf J aus prima Waschseide FII d'Ecosse-§ (rümpfe 2"20 mit Spllzferse u. Afonr 2'StO _ bei PI. Rosenkranz Ii., Taborstraße 27, 3. Stiege, 1. Stock und das letzte klassische Buch der deutschen Sprache. So sagt er im Abschnitte über den Ton: Das unübertreffliche Vorbild goldechter Erhabenheit ist und bleibt die Bibel; gegen die ungeheure Gewalt des kurzen Verses: Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht (im Hebräischen nur sechs Worte) kommt nichts, selbst bei Homer, Dante und Goethe. Im Abschnitte über berechtigte Bilder heißt es: Der Morgenländer ist ein Sinnenmensch, drum ist er ein Bild- und Gleichnismaler. Es sagt nicht bloß „gnädig sein", sondern „sein Antlitz leuchten lassen", die Hände werden „in Unschuld gewaschen", er „pflügt mit fremdem Kalbe", Vergängliches ist ihm „Spreu im Winde", er schreit „gleich dem Hirsche nach frischem Wasser". Was in der Bibel oft nur sinnlicher Ausdruck morgenländischer Alltagsrede ist, das haben wir zum festen Bibelspruch, zum geflügelten Wort gemacht: die Lenden gürten, mit gleicher Elle messen, mir geht ein Licht auf, sein Pfund vergraben, an seine Brust schlagen, sein Licht auf oder unter den Scheffel stellen. Aus dem Abschnitt: Die Macht des Wortes: Wie oft hat ein einziges Wort Myriaden, Millionen ergriffen, bewegt, gewandelt! Drei Worte nur schrieb unsichtbarer Finger auf weiße Wand, — ein Königsthron stürzte um in selbiger Nacht und durch die Jahrtausende hallen noch immer die kaum verstandenen drei Worte: Mene Tekel Ufarsin als warnende Zauberformel gegen gleiches Geschick. Aus dem Abschnitt: Haupt- und Nebensätze: In feierlichen Hauptsätzen ohne einen einzigen Nebensatz, wird die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser, und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht und so weiter. Den Abschnitt: Fremdwörter und Deutsches Volkstum leitet Engel mit folgenden Worten ein: Ohne Sprachgefühl kein Volks- und Staatsgefühl: gibt es irgendeine unbezweifelbare Lehre der Weltgeschichte, dann diese: Als die Juden aufhörten, eine eigene Sprache zu reden, hörten sie auf ein Staatsvolk zu sein und wurden Volkssplitter. Volkstum und Heimat genießen sie erst wieder, seitdem sie reine Sprachen besitzen. (Engel denkt hier offenbar an den Gegensatz der neueren Zeit und an das Ghetto.) Im Abschnitte über Sprachschulmeisterei findet sich folgender Ausspruch, dessen Grundlage wohl allen bekannt ist: „In allerneuester Zeit haben wir denn die Spielart des groben Pedanten erlebt, der jedes Sprachunheil Deutschlands von den Berlinern oder gar den Juden herleitet Der Beweis ist ja so leicht zu führen: „Für silberne Hochzeit zu sagen Silberhochzeit, darauf kann zum ersten Male nur ein Jude verfallen sein." (Wustmann.) Die frühesten Fundstellen für Silberhochzeit stehen bei Johann Heinrich Voss und Johann Wolfgang Goethe; bei Börne und Heine kommt das gutgebildete Wort überhaupt nicht vor. Aus dem Abschnitt: Witz: Die Deutschen sind, nach den Juden, das kritischste, oder doch das krittligste Volk der Erde: Da ist es nicht verwunderlich, daß sie die besten Witzblätter haben und daß die Franzosen reichlich daraus schöpfen. An einer anderen Stelle dieses Abschnittes heißt es: Der Witz ist ein blankes schneidiges Schwert das, zu häufig geschwungen, auf den zurückschlägt der es schwingt Es ist eine gute Waffe, aber doch mehr eine der Schwachen als des Starken, mehr der Gedrückten als der Herrschenden, daher jenes Ueberwuchern/. des Witzes bei den Juden. Zu wiederholtenmalen beschäftigt sich Engel mit Heine und Börne, die trotz ihrer Taufe in der Regel als Juden bezeichnet werden. Bei Börne sagt er z. B. bei Besprechung des Reichtums der deutschen Sprache: Hören wir Börne den Schriftsteller mit den überscharfen Augen zorniger Liebe für alle Mängel Deutschen Wesens: Welche Sprache darf sich mit der deutschen messen, welche andere ist doch so reich und mächtig und anmutig, so schön und mild als unsere? Sie hat tausend Farben und hundert Schatten. Sie hat ein Wort für das kleinste Bedürfnis der Minute und ein Wort für das bodenlose Gefühl, das keine Ewigkeit ausschöpft Sie ist stark in der Not geschmeidig in Gefahren, schrecklich wenn sie zürnt, weich in ihrem Mitleide, und beweglich zu jedem Unternehmen. Sie ist die treue Dolmetscherin aller Sprachen. Was der rollende Donner grollt was die kosende Liebe tändelt, was der lärmende Tag schwätzt und die schweigende Nacht brütet; was das Morgenrot grün und gold und silbern malt, und was der ernste Herrscher auf dem Throne des Gedankens sinnt usw. Aus dem Abschnitte über: Gegensatz: Fast noch besser als Heine versteht sich Börne, der im Stile französischste unter unser neuen großen Prosaschreibern auf Spruch und Widerspruch; Weil ich als Knecht geboren, darum liebe ich die Freiheit mehr als ihr. Ja weil ich die Sklaverei gelernt darum verstehe ich die Freiheit besser als ihr. Ja weil ich keinem Vaterlande geboren, darum wünsche ich ein Vaterland heißer als ihr und weil mein Geburtsort nicht größer als die Judengasse und hinter dem verschlossenen Tore das Ausland für mich begann, genügt mir auch die Stadt (Frankfurt) nicht mehr zum Vaterlande, nicht mehr ein Landgebiet nicht mehr eine Provinz, nur das ganze große Vaterland genügt mir, so weit seine Sprache reicht. Aus dem Abschnitte: Deutsche Prosameister: Bei Lebzeiten hätte sich Treitschke empört über jede Gesellung zu Börne . . . Börne steht neben Treitschke auch wegen der peinlichen Sprachrichtigkeit und -Sauberkeit Immer wieder staunt man: woher hatte jener Juda Low Baruch, genannt Börne, aus der Frankfurter Judengasse, sein klassisches Deutsch? Des heimatlosen Volkes Sohne war einzig die deutsche Sprache Heimat und höchstes Seelengut geworden. Börne übertrifft an Sprachrichtigkeit bei weitem Heine, aber selbst die meisten anderen Zeitgenossen vom jungen und jüngsten Deutschland. Ich kann es nicht unterlassen, diese Buchbesprechung mit einer persönlichen Bemerkung zu schließen. Ich habe beim Lesen dieses Buches oft an die Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden" gedacht Sie hat sich überraschend schnell entwickelt, ein Zeichen, daß ihre Gründung ein Bedürfnis unserer Zeit war. Wie aus den Wechselreden der Jugend an den kulturellen Abenden zu ersehen ist ist sie sich des Ernstes der Zeit bewußt und auch ihrer Aufgabe, mit geistigen Waffen für die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden zu kämpfen. Denn andere