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Die Wahrheit · 1932-01-01 · Heft 1 (1.1.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEH füntfer« . tf«ilc?4ftf tfl£< KAifPIANN mit Kapital bietet sieb die seltene Gelegenheit, altes, glänzend in Wien uad Provinz eingeführtes Engrosgesch&ft wegen vorgerückten Alters des Besitzers zu fibernehmen. Unter , .Sichere Existenz" an die Administration des Blattes. der „Wahrheit" ein Organ, das zielbewußt und unentwegt den Kampf für die Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden führt. Diese Feststellung machen wir nicht in unserem eigenen Interesse, sondern im Interesse der österreichischen Judenheit. Ohne pro domo zu sprechen, glauben wir, behaupten zu dürfen, daß die Ausgestaltung unseres Blattes im Interesse der österreichischen Judenheit gelegen ist. Je stärker unser Anhang, je größer unser Leserkreis, je ansehnlicher dieZahl und die Bedeutung derjenigen, die hinter uns stehen und unserem Kampfe ihremoralischeundmaterielleUnterstützung" an gedeihen lassen, desto mächtiger und wirkungsvoller wird dieses Instrument sein. Die „Wahrheit" vertritt keine Verelendungstheorie, wir stehen nicht auf dem Standpunkt, „je ärger, desto besser"; wir unterschätzen die sogenannte Kleinarbeit nicht, fassen unsere Aufgabe als die des Wächters auf, der beim Herannahen einer Gefahr die breite Oeffentlichkeit alarmiert und zur Abwehr aufruft. Aber je breiter der Kreis, zu dem unser Mahnruf dringt, desto macht- und kraftvoller wird das Echo dieses Alarmrufes sein, desto wirkungsvoller die Abwehr und desto größer der Erfolg. Die breite jüdische Oeffentlichkeit wird nur sich selbst dienen, wenn sie diesem Appell Gehör schenken wird! Wir aber werden nach wie vor auf der Wacht stehen, um der österreichischen Judenheit und seinen allgemeinen Interessen zu dienen! Die Redaktion der „Wahrheit". •«•*■«• MMtuira Ein Rektor bittet ums Wort! In einer Zeit, da in Warschau, Wilna, Lemberg und Krakau der Studententerror gegen die jüdischen Kommiiitonen wütet, da sich Unterrichtsminister, Rektor und Senat der Universität Wien auf die Seite der randalierenden Antisemiten gestellt haben und Nationalsozialisten als „Ordner" eingesetzt werden, bittet ein Rektor ums Wort. „Ich biii zufrieden, wenn die wenigen Worte, die zu sagen ich beabsichtige, denjenigen Antwort geben, die es etwa interessieren mag, zu erfahren, wie ich über diese Angelegenheit denke. Sie scheidet viele sonst gut und lange Verbündete, und Scheiden tut weh. Vielleicht gelangt das Wort der Verständigung, welches als allgemeines verhallen wird, doch als persönliches hier und da ans Ziel . . . Wir älteren Männer, deren ganzes Wollen und Hoffen in dem nationalen Gedanken aufgegangen ist, stehen diesem Treiben gegenüber mit der doppelten Empfindung, teils, daß wieder einmal Satumus alle seine Kinder frißt, teils, daß diese Evolution, wie alle rückläufigen Bewegungen der Dinge, eines der retardierenden Momente ist, in denen die Geschichte sich ebenso bewegt, wie der Roman, und die schließlich an den Dingen nichts ändern. Das hindert aber nicht, daß sie schweren Schaden stiften, und gibt uns nicht das Recht, diesem selbstmörderischen Treiben des Nationalgefühls schweigend zuzuschauen . . . Wer die Geschichte wirklich kennt, der weiß es, daß die Umwandlung der Nationalität in stufenweisem Fortschreiten und mit zahlreichen und mannigfaltigen Uebergängen oft genug vorkommt. Historisch wie praktisch hat eben überall nur der Lebende Recht; so wenig wie die Nachkommen der französischen Kolonie in Deutschland geborene Franzosen sind, so wenig sind ihre jüdischen Mitbürger etwas anderes als Deutsche . . . Alle hervorragenden Arbeiten, die von Juden der Neuzeit herrühren, stehen innerhalb der Literaturkreise derjenigen Nation, welcher eben dieser Jude angehört Ich will keine Namen nennen; aber man vergegenwärtige sich jeden jüdischen Dichter und Romanschreiber von einigem Belang; man wird wohl die Spuren der Herkunft erkennen, wie denn kein Poet seinen Ursprung verleugnen kann und Goethe immer auch ein Frankfurter Kind bleibt. Aber der deutsche Israelit steht ebenso mitten im deutschen literarischen Leben wie der englische mitten im englischen . . . Dies sind Ansichten über historische Vorgänge, die anderen zum Teil anders erscheinen werden. Wenn der Fanatismus noch ein neutrales Gebiet anerkennt, sollten Meinungsverschiedenheiten über das Mehr oder Minder des Tatsächlichen nicht die Gemüter zerrütten. Die Regierung kann hier wenig tun, auch wenn sie es will; es liegt jedem einzelnen ob zu beweisen, daß wir ein freies Volk sind, fähig, sich selbst und seine Stimmungen zu beherschen und begangene Fehler zu verbessern. Die Hetze des Tages kann das Publikum nicht bannen, aber ächten. Dies wird hoffentlich nicht ausbleiben und die entwichene Toleranz zurückkehren — nicht diejenige, die sich von selbst versteht, gegen die Synagoge, sondern die wesentlichere Toleranz gegen die jüdische, den Trägern als Schicksal auf die Welt gegebener Eigenartigkeit. Was über die Stellung des deutschen Judentums im Guten wie im Bösen zu sagen ist, dafür werden die Schriftsteller, welche in Betracht kommen, sehr wohl eine Form zu finden wissen, die der verständige Jude hinnehmen kann . . . Ferner wird es gut sein, sich zu erinnern, daß im Lande Aegypten der Wucher keineswegs aufhörte, als König Pharao die Judenfrage in radikaler Weise gelöst hatte .... Die antisemitischen Agitationen, die Demonstrationen gegen einzelne akademische Lehrer und die anderen dargebrachten Ovationen dieser Art sollen und müssen ein Ende haben; die bösartige Bewegung hat Unheil genug an unserer Universität angerichtet .. . Ich bin stolz darauf, Professor zu sein an der Universität Berlin, stolz auf die Anstalt, stolz auf meine Kollegen. Aber wenn ein Teil meiner Mitbürger von den Studierenden und einem Universitätslehrer gemißhandelt wird, dann stecke ick den Professor in die Tasche und rate ihm, das gleiche zu tun." Der dies gesagt hat, ist kein Geringerer als — Theodor Mommsen, der größte Romanist aller Zeiten und Völker, der der deutschen Altertumswissenschaft den ersten Rang in der Welt erobert hat. 1881 hat er sich, lange Zeit Professor und Rektor der Berliner Universität, mit dieser Rede gegen die damals von H. v. Treitschke getragene antisemitische Welle unter den Dozenten und Studierenden gewandt. Genau nach fünfzig Jahren erreicht diese Welle eine Intensität, die Tradition, Recht und die primitivsten Anstandspflichten einer Kulturnation mit sich reißt Vielleicht hört man einen Augenblick auf Mommsens „Wort über unser Judentum", wie man auf sein Wort über Rom und Römer hört und immer weiter hören wird! H. F. «■iiiiHiHimiiiiniHiMmHiiHiinniiiniHiiiiiiiiHiiMia I ■ €«■■>■■■■««■■••■ Friedhofselegie. Motto: Denn Staub bist du und zur Erde kehrst du wieder. (1. B. M. K. 3 V. 9) Eine Denkschrift von weittragender, programmatischer Bedeutung, herausgegeben von der Israel. Kultus-Gemeinde Wien, im September 1928, beginnt folgendermaßen: „Am 9. September wira ein Werk seiner Bestimmung übergeben, das noch den späteren Geschlechtern verkünden wird, \üe die Wiener Judenschaft und ihre gesetzliche Repräsentanz auch in den schwersten Zeiten und unter großen Opfern bemüht war, ihren religiösen Pflichten und der traditionellen Pietät gegenüber ihren Dahingeschiedenen in einer, dem Ansehen und der Größe der Wiener Israel. Kultus-Gemeinde würdigen Weise gerecht zu werden." Unter den Aufgaben der Israel. Kultus-Gemeinde verzeichnet deren Statut insbesondere auch die Sorge Jeuifleton Der „Diamantenhändler" Israel Sarasohn. Eine chassidische Legende. Von J. Kreppel. (Schluß.) Als Rabbi Jakob das Hotel verließ, war es gerade um die Mittagsstunde. Seit Frühmorgens war Rabbi Jakob auf den Beinen; die Formalitäten der Landung wirkten überaus denervierend auf seinen ohnehin geschwächten Körper. Die lauwarme Luft schläferte ein und machte alle seine Glieder bleischwer. So konnte er sich kaum vorwärts bewegen und da er gerade an einem kleinen Park vorüberging, so setzte er sich auf eine Bank, um ein wenig auszuruhen. Vor Müdigkeit und Abgespanntheit fielen ihm bald die Augen zu. Da erschien ihm im Traum ein ehrwürdig aussehender Greis mit langem, wallenden Bart, leuchtenden Augen und flüsterte ihm zu: Mein Sohn, du hast heute ein großes Opfer zu Ehren der religiösen Vorschriften gebracht das um so höher einzuschätzen ist, als du fast deine letzten Groschen darbrachtest! Aber es wird dein Schaden nicht sein: Gott wird es dir tausendfach lohnen! Rabbi Jakob erwachte, rieb sich den Schlaf aus den Augen, blickte mit einiger Verwirrung um sich, reckte die müden Glieder und machte Anstalten, sich zu erheben . . . Doch was hat das zu bedeuten? Auf einer Parkbank gerade ihm gegenüber, erblickte er eine ziemlich umfangreiche lederne Tasche ... Er blickte scheu um sich, stellte fest daß weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist, trat auf die Bank zu, ergriff die Tasche, versuchte sie zu öffnen, doch sie war fest verschlossen; er tastete den Inhalt ab und erkannte, daß die Tasche irgend welche harte Gegenstände enthalte. Kurz entschlossen verließ er den Park, erkundigte sich nach der Adresse des Fundamtes und begab sich dorthin, seinen Fund anmeldend. Als er die Tasche am zuständigen Schalter hinreichte, klatschte der Funktionär in die Hände und rief mit lauter Stimme in den Saal: „Herr Israelsohn, Ihre Tasche! Ihre Tasche!" Bald erschien ein vornehm aussehender Mann am Schalter, nahm die Tasche in Augenschein und bestätigte die Annahme des Beamten, daß es sich um seine Tasche handle. Er öffnete dieselbe, packte den Inhalt aus und Rabbi Jakob konnte sich vor Ueberraschung kaum auf die Füße halten: Diamanten und Brillanten — ein fürstliches Vermögen! Nachdem der Eigentümer nach genauer Inventur feststellen konnte, daß der Finder nichts entwendet hatte, zahlte er dem noch immer fassungslosen Rabbi Jakob den gesetzlich bestimmten Finderlohn aus — eine sehr hohe Summe, dankte ihm für seine Ehrlichkeit und empfahl sich mit den besten Wünschen. Nun erst gewann Rabbi Jakob das Gleichgewicht wieder, steckte den Haufen Geld ein. bestieg einen Wagen und begab sich zu einem der Hamburger Rabbiner, dem er den Sachverhalt schilderte und sich Rat behufs entsprechenden Logis und ritueller Verpflegung erbat. Der Rabbiner nannte ihm ein vornehmes Hotel unweit der Synagoge und des rituellen Restaurants. Rabbi Jakob ließ sein Gepäck hinbringen und nachdem er sich gehörig installiert hatte, kam ihm der Gedanke, dem Manne, der ihm eine solch hohe Summe auszahlte. einen Besuch abzustatten. Er begab sich also nochmals ins Fundamt und erkundigte sich um Namen und Adresse des Mannes. Er erhielt zur Antwort, daß es sich um den Diamantenhändler Israel Sarasohn aus Amsterdam handle, der zurzeit im Hotel X. in Hamburg wohne. Rabbi Jakob begab sich dorthin. Aber im Hotel war der Name völlig unbekannt Rabbi Jakob, dem die Geschichte ein wenig rätselhaft anzumuten begann, bat den Portier, im Fundamt anzufragen, ob nicht ein Irrtum in der Adresse vorliege. Dieser erhielt Jedoch die Auskunft, daß der Verlustträger das Hotel X. als sein Logis angab. Verzweifelt stand Rabbi Jakob da; die Sache kam ihm immer merkwürdiger vor und er drängte in den Portier, ihm gegen ein gutes Trinkgeld die Adresse des Herrn Sarasohn ausfindig zu machen. Der Portier sah im Gästebuch nach und stellte fest daß im Hotel zufällig ein anderer Diamantenhändler aus Amsterdam wohne, dieser werde vielleicht Bescheid wissen. Als Rabbi Jakob diesem seine Angelegenheit vortrug, erklärte er dezidiert, er kenne persönlich alle Diamantenhändler und -makler in Amsterdam, Haag und Antwerpen — aber einen Israel Sarasohn gebe es unter diesen nicht Er sah auch im Verzeichnis der Mitglieder der Diamanienbörsen in Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen usw. nach — nirgends war dieser Name zu finden . . . Rabbi Jakob verbrachte das Neujahrsfest in Hamburg und begab sich dann direkt nach L. zu seinem Rabbi, ihm die rätselhafte Geschichte erzählend. Der Rabbi dachte ein wenig nach und meinte: — Ja, was gibt es da viel zu fragen: Israel Sarasohn — das ist doch der Name meines Großvaters, Rabbi Israel ben Sarah, des heiligen Bal-Schem . . -

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