Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 52 (25.12.1931)
- Date
- 1931-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Sseue b Städtische Vcisicheiunqsanstalt Direkflon: Wien I., Tudilautoen Nr. S Telephon U27-5^40 Alle Vereicheninaszuvetae Den Scholaum-Predigern ins Stammbuch. Der „Union" und der „Wahrheit" wird angesichts ihrer kritischen Stellungnahme zu der Haltung der Nationaljuden in der Frage des „Studentenrechtes" wieder einmal der Vorwurf gemacht, wir seien so boshaft, statt in der Stunde der Gefahr nach außen Frieden zu zeigen, uns mit unseren zionistischen Glaubensgenossen vor der Oeffentlichkeit recht scharf auseinanderzusetzen. „Selbst wenn Ihr hundertprozentig Recht hättet", sagte man uns in einer zionistischen Versammlung, „jetzt ist nicht der Moment, den Kampf auszuf echten, jetzt gilt es Scholaum, Scholaum!" An Stelle jeder eigenen Rechtfertigung gegenüber solchen kleinmütigen Vorwürfen seien hier treffliche Worte aus einem Artikel wiedergegeben, den Arnold Wiener. Beuthen, in der letzten Nummer der Breslauer zionistischen „Jüdischen Zeitung" an leitender Stelle geschrieben hat Er rückt mit ätzender Schärfe den Scholaum-Predigern zu Leibe: „Es ist endlich einmai Zeit, den Juden zu sagen, daß Frieden noch lange kein Scholaum ist. Aus dem- Vertrage von Versailles ergab sich ein Frieden, aber war es denn ein Scholaum? In der Einzelexistenz ist Scholaum dann gegeben, wenn die physischen und materiellen Erfordernisse des Lebens richtig ausbalanziert sind mit den geistigen und seelischen Bedingungen des Seins. Wenn die Not ans Fenster pocht, dann ist drinnen im Hause die Harmonie schwer aufrecht zu erhalten. Vielleicht würde es besser gehen mit mehr Gerechtigkeit In Zeitungsartikeln lese ich und aus Predigten höre ich, die Juden müßten jetzt untereinander mehr Frieden halten. Das ist wegen der Antisemiten draußen. Warum und wieso? Gibt das den Judenfeinden frischen Mut, wenn unser öffentliches Leben mit Sturm geht und hohe Wellen schlägt? Vielleicht ist es umgekehrt. Wenn die Welt sieht wie wir ringen um den Sinn des Lebens und des Judentums, wie die eine Partei der anderen nichts durchgehen läßt, da werden die Menschen mehr Vertrauen fassen zu dem Wahrheitsgehalt der Erklärung, welche wir gemeinsam abgeben. In keinem Falle kann uns der stürmische Austrag von Meinungsverschiedenheiten Unehre bereiten. Komplicen decken einander. Charaktere streiten miteinander. Viele von unseren Leuten verstehen das Wort Scholaum ganz falsch. Für sie ist es gleichbedeutend: Mit Stille wie in einer Krankenstube. Das ist aber nur dann das einzig Richtige, wenn der Patient schon im Sterben liegt. Wir aber glauben, wir können ihn noch durchbringen. Er muß nur frische Luft und mehr Bewegung haben. Die Form der Auseinandersetzung ist gar nicht so wichtig, wenn der Inhalt nur erfreulicher wäre. Man ist bei den Juden jetzt sehr fein geworden. Aber auch mit Artigkeiten kann man Menschen vergiften. Einen leichten Schuß von Satire hinein. Das liebe ich mir. Sie ist ein zulässiges Mittel der öffentlichen Diskussion. Sie regt den Wirklichkeitssinn an und macht, daß es in den Köpfen heiter wird. Die Polemik ist ja der eigentliche Beruf der Presse. Artikel, mit denen alle.Leute schon von vornherein einverstanden sind; brauchten erst gar nicht geschrieben zu werden. Aber auch die Einsicht für die Notwendigkeiten der Zeit, das ist erst der halbe Weg. Es ist nicht an dem, daß dem heutigen Menschen vernünftige Erkenntnisse und Formulierungen ganz abgehen. Sondern daran liegt's, daß sich niemand wehe tun will, um den Forderungen zu genügen. Das macht den politischen und religiösen Betrieb unserer Tage so trostlos und so hoffnungslos. „Stimme aus dem Dunkel" Stefan Zweig fuhrt einen blinden jüdischen Dichter ein. Im Verlag Felix Lehmann (Charlottenburg 2, Kantstraße 6), ist soeben unter dem Titel „Stimme ajus dem Dunkel" eine Auswahl von Gedichten und Prosa von Max Zodyk o w, mit einer Einführung von Stefan Zweig, erschienen. Der Dichter, der blind geboren ist, lebt seit seinem 13. Lebensjahr in der jüdischen Blindenanstalt in Steglitz. Seine Gedichte und Skizzen haben schon bisher in der Oeffentlichkeit Beachtung gefunden, einige derselben hat er im Rundfunk gesprochen. Stefan Zweig nennt das Buch Max Zodykows „eine seelische Tat" und „ein moralisches Dokument" und schreibt: „...Das ungeheure und einmalige Schicksal dieses jungen Menschen ausführlich zu. erzählen, hieße brutal um Mitleid für sein Werk werben, während es Achtung verdient; nur flüchtig, behutsam und ohne Sentimentalität sei es darum angedeutet. Seine Eltern flüchteten vor mehr als 25 Jahren aus Rußland, und weil sie arm sind, wollen sie nicht die Last eines blindgeborenen Kindes in ein' fremdes Land mitnehmen. So bleibt in einem jämmerlichen kleinen Dorfe bei der Großmutter ein kleiner blinder Junge zurück, vollkommen vernachlässigt und verwahrlost von seiner Umgebung und abgeschlossen wie mit stählernen Mauern von der wirklichen Welt Einem Dienstmädchen dankt er, daß er im dreizehnten Jahre einige wenige Buchstaben' abtasten kann, die er — welcher Dich- Radio, Grammophone Sdutilplatten neueste Schöpfungen, auch TaoMh, Zahlongserlelchterung. nBIphora", I., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 VonWoffke xuWodte Ein Jude Präsident der amerikanischen Einwanderung»» kommission. Das jüdische Mitglied des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten Samuel Dickstein wurde zum Präsidenten der Einwanderungskommission des Hauses gewählt Es ist dies der erste Fall in der Geschichte der Vereinigten Staaten, daß ein Jude auf diesen wichtigen Posten berufen wird. Die Wahl Dicksteins ist auch in einem anderen Sinne symptomatisch. Dickstein trat von je für eine liberale Einwanderungspolitik ein und war oft der Fürsprecher jüdischer Delegationen, die gegen die Einschränkung der Einwanderung aus den osteuropäischen Ländern bei Kongreß und Regierung intervenierten. Sein Vorläufer in dem Amte eines Präsidenten der Einwanderungskommission war das Kongreßmitglied Johnson, ein scharfer Gegner der Ein-> Wanderung und Urheber des Einwanderungseinschränkungsgesetzes von 1924. Die Oeffentlichkeit erwartet, daß Dickstein nunmehr den Staatssekretär S t i m s o n und den Sekretär für Arbeit und Einwanderung Doak auffordern wird, zu erklären, wie sie dazu gekommen sind, auf administrativem Wege ohne Ermächtigung des Kongresses neue Bestimmungen zur Beschränkung der Einwanderung zu erlassen. Dickstein ist selbst Einwanderer, er wurde in Rußland geboren und kam schon als Kind mit seinem Vater, dem Rabbiner Israel Dickstein, nach Amsterdam. Er ist 46 Jahre alt. von Beruf Anwalt und war 1911—1914 stellvertretender Oberstaatsanwalt im Staate New York. Seit 1923 gehört er dem Kongreßder Vereinigten Staaten an. Er ist Aujpr vieler Gesetze, unter anderen des sogenannten „K oscher-Gesetzes" des Staates New York, welches das Feilbieten von Nichtkoscherware als Koscherware mit schweren Strafen ahndet. Die Lehrer in Palästina bekommen keine Genälter. Am 15. Dezember, gegen 10 Uhr morgens, traten die Lehrer der Jewish Agency-Schulen in Palästina in einen eintägigen Streik zum Protest gegen die Nlchtauszahlung der Lehrergehälter für die Monate Juni und Juli. Etwa 100 Lehrer begaben sich zum Büro der Jewish Agency in Jerusalem und erzwangen dort die Unterbrechung der Arbeiten für eine Stunde. Erst als den Lehrern die Zusage gegeben wurde, daß man sich unverzüglich mit ihrer Forderung beschäftigen werde, verließen sie das Büro. LeselDs^tortetlEWfllBBEin ter würde einen solchen Zug so genial erfinden? — von den vorspringenden Glasbuchstaben auf Sodawasserflaschen gelernt hat Dann stirbt die alte Großmutter, man weiß nicht wohin mit ihm, so schickt man ihn wie ein unnützes Bündel den Eltern nach Berlin nach, aber die können dort nicht bleiben, sie ziehen nach Amerika und können oder wollen das blinde Kind abermals nicht mitnehmen. So landet es nach manchen schwierigen Verhandlungen in der Jüdischen Blindenanstalt in Steglitz. Der Direktor der Anstalt und ein paar gütige Frauen nehmen sich seiner an, man lehrt' ihn die Schrift, aus dem Radio hört er Musik und gestaltetes Wort und irgend etwas drängt in ihm, diesen fremden Stimmen zu antworten . . . Seine Stimme schwankt im Sprechen, aber sie bleibt wahr und viele seiner Bekenntnisse sind menschlich aufschlußreich, manche in einzelnen Strophen der Anklage aufwühlend und erschütternd und von dem ganzen Versuche, ohne den eingeborenen Sinn sinnliche Anschauung zu geben, geht ein so starker dynamischer Wille aus. daß man über die private Person hinaus die Triebkraft des menschlichen Geistes bewundert, der in tiefster Bedrängnis am gewaltsamsten sich seinen Weg bahnt um dem Leben sieghaft mehr abzuringen, als es freiwillig zu geben gewillt war." Venizelos gegen den Antisemitismus der Nationalisten. Während einer Debatte in der griechischen Kammer über die Umtriebe der griechischen Nationalisten, in der auch die schweren antisemitischen Ausschreitungen und die Niederbrennung des jüdischen Viertels in Saloni.ki durch Mitglieder des Hellenistischen Nationalverbandes zur Sprache kamen, erklärte Ministerpräsident Venizelos: ,J3er Hellemstische Nationalverband ist 1927, also noch vor der Bildung der jetzigen. Regierung, entstanden. Nach dem Kriege war der Geisteszustand ein derartiger, daß man vielleicht die Gründung eines solchen Verbandes als natürlich ansehen konnte. Heute kann der Bestand solcher Ligen dem Staate nur zum Schaden gereichen. Die Verteidigung des Staates gegen äußere Gefahren kann nur durch den Staat selbst geschehen." Im Verlauf seiner weiteren Rede äußerte Venizelos seine tiefe Empörung über die Ausschreitungen gegen die Juden in Saloniki und teilte mit, daß der Sekretär des National Verbandes in Saloniki vom Gericht zur Verantwortung gezogen sei. Der Führer der Republikanischen Union, Papanastassiou, forderte die Auflösung des Nationalverbandes. Die Zeitung „Progrese" teilt mit daß die Regierungden Oberstaatsanwalt angewiesen habe, den Hellenistischen Nationalverband zu überwachen und falls vom Verbände irgend welche Gesetzesüberschreitungen begangen werden, ihn a u f z u 1 ö s e n. Gescbätts-VerkanL Familienverhältnisse' halber ist ein eingeführtes Geschält für Nürnberger Waren, das seit 12 Jahren besteht, in der Nähe der Marlenbrücke zu verkaufen. Das Geschäft eignet sieb auch für Lebeosmittelver kauf. Zuschriften an die Administration dieses Blattes.