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Die Wahrheit · 1931-12-25 · Heft 52 (25.12.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 52 (25.12.1931)
Date
1931-12-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Satt» » Die neueste Phase: der Boykott Polnischer Brief. Allen Lebewesen, selbst niederster Art. ist Schutz vor dem Stärkeren, der nach biologischen Gesetzen ein Feind des Schwächeren ist, angeborene Pflicht Das Lebensprogramm des Tieres zerfällt in zwei Teile: Nahrung und Sicherheit vor dem Feinde. Je höherer Art das Lebewesen angehört, desto feiner, organisierter ist seine Rettungsaktion. Beim höchstentwickelten Lebewesen, dem Menschen, „der Schöpfung Meisterwerk", erreicht das. Rettungsbedürfnis die höchste Blüte. Der Mensch weiß nicht bloß, daß, er weiß auch, warum man ihn haßt, oder richtiger, er kennt die Vor wände des Hasses. Ob es sich nun um ein Individuum handelt eder um ein Kollektivum, die Seele des Gehaßten registriert mit feinnervigster Empfindlichkeit alle Haßmemente und richtet sich mit größerer oder geringerer Folgerichtigkeit danach ein. Resümee: Während die Lebewesen sich damit begnügen, den Feind zu kennen, bemüht sich der Mensch, auch die Mentalität seiner Feinde zu erfahren. Je komplizierter, je vielfarbiger, ich möchte fast sagen: je feinmaschiger dieser Haß ist, desto mehr Spürsinn. Verständnis und psychologische Treffsicherheit muß der Gehaßte aufbringen, um jeweils die geänderten Phasen des Hasses und die dadurch bedingten neugeschaffenen Verhältnisse zu erkennen. Diese Betrachtungen führen uns geradewegs zum A n t i s e m i t i s m u s. die die älteste, tiefstgehende und stärkste Erscheinung auf diesem Gebiete ist. Wir wissen heute, daß nur die Erscheinungsformen des Antisemitiismus wechseln, daß aber das latent vorhandene antisemitische Gefühl stets am Grunde der Seele schlummert. Es wechselt stets der Anlaß, der unmittelbare Antrieb, der Motor, den das antisemitische Gefühl vor den Wagen spannt, um ihm die erforderliche Bewegungskraft zu geben. Ursache bleibt das Anderssein der Juden, während ihre physische Schwäche eine geringere Widerstandsfähigkeit bedingt und dadurch den antisemitischen Aktionen Erfolgsicherheit bietet. In Palen erlebten wir in den letzten Tagen eine neue Phase antisemitischer Regsamkeit: Eine Boykottproklamation gegen die Juden. Die antisemitischen Drahtzieher, die sich bei den Unruhen der letzten Wochen eine unsterbliche Blamage holten (wir berichten darüber weiter unten), sannen darüber nach, wie man diese Niederlage in einen Sieg, in einen Triumph des antisemitischen Gedankens umwandeln könnte. Bef der Findigkeit der Antisemiten überhaupt und der polnischen Antisemiten im besonderen ist der „Erfolg" dieser Bemühungen nicht verwunderlich. Es wurde eine in den höchsten Tönen nationaler Begeisterung gehaltene Proklamation erlassen, in der die Notwendigkeit der Entjudung Polens und ihre Ausschaltung auf allen Gebieten gepredigt wird. Da werden die schönsten Worte mißbraucht und das geduldige Papier, das dazu geschaffen ward, alles über sich ergehen zu lassen, muß dazu herhalten, eine von Bosheit und Niedertracht und Dummheit triefende Predigt abzugeben. Um aber den Studenten den Dünkel ihres nationalen Heldentums nicht zu rauben, und um sie gleichgleichberechtigt und man erwartete von diesem Bekenntnis des Kandidaten keineswegs eine Besserung dieses Zustandes. aber man wollte wenigstens eine platonische Erklärung, um vor sich, vor dem eigenen Gewissen die Wahl eines ausgesprochenen Antisemiten rechtfertigen zu können.) Die Antwort war ein starres Nein! Die Juden hätten kein Recht dies zu fordern und sollten es im eigenen Interesse ja nicht verabsäumen, diesen Kandidaten zu unterstützen! Die Juden, halsstarrig und querköpfig wie immer, wagten es. aufzumucken und gaben ihre Stimmen dem Kandidaten der Arbeiterpartei, der auch, dank den jüdischen Stimmen, durchgedrungen ist. Darob Entsetzen bei den Nationaldemokraten: die Juden haben durch diese Wahl gezeigt, daß sie Feinde des polnischen Volkes sind (wie schön ist doch diese Identifizierung einer Partei mit dem ganzen polnischen Volke und die einfache Unterschlagung der Tatsache, daß der gewählte Abgeordnete ja auch Christ und Pole ist!) und daher muß man gegen sie mit Boykott vorgehen. Da die Nationaldemokraten damals die erste Geige im polnischen Lager spielten, hatten die Juden viel darunter auszustehen und es ist charakteristisch, daß sie die Hilfe der russischen Regierung anrufen mußten, um sich gegen Uebergriffe der polnischen Boykottbewegung zu schützen, mit welchem Erfolge — sei dahingestellt. Und nun vergleichen wir ganz ruhig, sine ira et studio — wenn dies in solchen Momenten, möglich ist — die damalige Lage mit der heutigen. Damals hatte man den Juden etwas vorzuwerfen. Ob der Vorwurf berechtigt war. vom Standpunkte politischer Moral berechtigt oder nicht, das sei hier nicht erörtert. Genug: die Juden taten etwas, was nach der engherzigen, intoleranten nationaldemokratischen Ideologie verwerflich war und, wiederum nach dieser Ideologie, als feindselige Handlung gegen das polnische Volk aufzufassen war. (Auch die Identifizierung der Nationaldemokraten mit dem ganzen polnischen Volke nehmen wir vor- STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III., Rennweg 112, Tel. U '5-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 33 m VORNEHME FAMILIEN - PENSION |BBstaarati03,Hat?B!haB5 täglich 5-Uhr-Tee PEMMERING TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans ^lifeS . -. ' 'itTa , ■-=—"^rr^t^-^. < g Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S aufwärts j H Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser s in jedem Zimmer. §§ uüniH: «KB leicpbaa D Z7C-24. S Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer j liiiiiiraiiiinimiiiir druck leidet, nicht übertreiben, ja es scheint sogar, daß diese neue Welle bald wieder verebben wird, weil die heutigen Vorhältnisse einem solchen Boykott aus tausend Gründen ungünstig sind, wir möchten bloß ans dieser neuesten Phase des polnischen Antisemitismus eine Lehre ziehen, die sich eigentlich schon aus der Einleitung zu diesen Zeilen ergibt: Wir haben diese neue Phase nicht verursacht, wie wir ja auch keine der früheren Phasen des Antisemitismus verursacht haben. Ursache ist und bleibt hier wie in tausend anderen Fällen, hier wie in jedem anderen Lande, der latente Antisemitismus, der aus dem nichtigsten Anlaß hervorbrechen kann, wenn es die Drahtzieher für nötig oder auch nur für wünschenswert halten. Aber dieser Boykott hat noch eine Seite, die vielleicht lehrreicher ist als man glauben sollte. Er zeigt das besondere, lokale Kolorit, er zeigt den Antisemitismus polnischer Färbung. Made in Poland. Was soll der Boykott nach dem Sinne seiner Schöpfer bringen? Die Ausschaltung der Juden als Faktor im öffentlichen Leben Polens. Die Herren haben sich überzeugt, daß die Juden zwei wertvolle Eigenschaften besitzen, um die sie zu beneiden sind: geistige Fähigkeiten und Fleiß. In dieser Beziehung sind also die Juden nicht nur nicht zu überbieten, sondern nicht einmal zu erreichen. Mit Jude» wetteifern, wäre also vergebliche Mühe. Und dann ist es auch schade um die Zeit, die man viel besser benutzen könnte. Es ist also das einfachste: man schaltet ihn aus. wird ihn los. rechnet nicht mehr mit ihm. die jüdischen! Erfolge bringen keine schlaflosen Nächte mehr und die größte Unbequemlichkeit ist vorbei... Ein herrlicher Traum, dem zur Vollständigkeit nichts mehr fehlt, als die Verwirklichung... Mehrere Auslandskorrespondenten berichteten ihren Zeitungen wegen der Hochschulunruben und brachten, sie mit der Krise in Verbindung. Weit gefehlt. Die Unruhen haben mit der Krise nichts zu tun. Gestatten wir uns am Schlüsse eine Parallele: Die letzten Jahre brachten in drei Ländern Ueberfälle auf Juden: Deutschland. Rumänien und Polen. In Deutschland Ist es die Krise, die Reparationen, die großen Lasten, unter denen Deutschland zu leiden hat und diese machen die Volksmassen empfänglich für alle Phrasen der extremsten Parteien. Der dortige Antisemitismus ist also ein wirtschaftlicher. In Rumänien ist der Antisemitismus, wie übrigens immer, ein Antisemitismus der Roheit. In Polen Ist die Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt sam für ihre Opfer zu belohnen, wurde auch an sie. die ja den „heiligen Krieg" begonnen hatten, ein Manifest erlassen. Dieses Dokument ist. wenn möglich, noch interessanter, als die Boykottproklamation selbst, weil es sich an die in solchen Dingen besonders empfindlichen Herzen der Jugend wendet. Wir können uns nicht versagen, dieses Dokument der Schande wörtlich herzusetzen. Es lautet: „Ihr habt einen gerechten und ernst aufgefaßten Kampf mit der jüdischen Ueberschwemmung begonnen. Mit Freude stellen wir fest, daß unsere Stellung einen immer stärkeren Anklang und stets wachsendes Verständnis in der polnischen Gesellschaft findet Der begonnene Kampf um die Entjudung Polens wird mit unserer Beteiligung planmäßig ebenso auf wirtschaftlichem Gebiete wie auf dem sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Gebiete geführt werden bis zum vollständigen Sieg der nationalen Sache" usw. Es ist dies eben dieselbe Studentenschaft, die in Krakau, noch bevor das Boykottsignal gegeben wurde, bei jüdischen Geschäften Posten aufstellte, um die christliche und sogar die jüdische (!) Kundschaft zu vertreiben. Eine so herrliche Jugend, die in spontaner Begeisterung alles unternimmt, noch ehe der Ruf ergeht, ist für die höchsten Postulat» der Nation wie geschaffen . . . Heil dem Volke, dem eine solche Jugend beschieden ist! ... Bei all der unerquicklichen Stimmung, die diese Atmosphäre bei Juden schafft, ist es interessant, bei dieser Gelegenheit einen Rückblick zu werfen. Ist doch der Historiker ein rückwärts schauender Prophet Werfen wir also einen Blick in die Vergangenheit und halten wir Ausschau nach einem Analogon. Der Boykott der Juden ist kein Novum in polnischen Landen. Vor dem Kriege schon hatten die Juden im „Königreich Polen", wie man den größten Teil Russisch-Polens damals nannte, unter einem Boykott zu leiden. Doch wie verschieden waren jene Zeiten und wie lehrreich ist dieser Unterschied! Dumawahlen sind im Gange. Die Juden Warschaus, über 300.000 an Zahl, schicken sich zur Teilnahme an der Wahl an. Die Nationaldemokraten unter Führung Dmowskis .stellen einen ihrer Leute als Kandidaten auf. Den Juden wird einfach aufgetragen, ihm ihre Stimmen abzugeben. Die Juden widersprechen nicht prinzipiell, stellen jedoch zur Bedingung, daß dieser Kandidat sich als Anhänger der Judenemanzipation bekennt. (In Rußland waren bekanntlich zu jener Zeit die Juden nicht läuiig, per inconcessum, zur Kenntnis.) Also: damals taten die Juden etwas, sie hatten etwas am Kerbholz, etwas, was die tausendfach vergrößernde Brille der Nationaldemokraten als Verbrechen, als Todsünde in die Welt hinausschrie. Was taten die Juden jetzt? Was hatten sie jetzt am Kerbholz? An das Märchen von den jüdischen Leichen, das ursprünglich als das wirksamste bezeichnet war. glaubt ja heutzutage kein Mensch mehr, ja nicht einmal die antisemitischen Zeitungen erwähnen es. Die Hochschulverwaltungen mußten feststellen, daß an Leichen überhaupt kein Mangel bestehe und daß niemandem in dieser Beziehung ein Vorwurf zu machen wäre. Wer kennt nicht die Aesopiabel vom jungen Schäflein. das der Wolf so gern gefressen hätte, daß ihm das Wasser im Munde zusammengelaufen! Nach all den Vorwürfen, die der grimmige Wolf machte und die das Schäflein unter Hinweis auf seine Jugend restlos zu entkräften wußte, dekretierte der Wolf Schluß der Debatte und fraß es. weil... ja well er eben der Stärkere war. Eine ewige, täglich sich erneuernde Wahrheit! Die endekische (naticnaldemokratrsche) Studentenschaft hat bei den Unruhen eine doppelte und darum besonders schmerzliche Lehre empfangen: Erstens mußte sie innewerden, daß die Regierung Ueberfälle auf Juden nicht dulden und jeden Versuch mit allen Machtmitteln unterdrücken wird. Schon das war eine Enttäuschung, weil die Herren glaubten, die Regierung werde ein Auge zudrücken und ihnen gerne die Juden als Prügelknaben hinwerfen. Aber auch eme zweite, viel schmerzlichere Enttäuschung war ihnen beschieden. Sie mußten sich überzeugen, daß diese verdammten Jaden sogar schlagen können. So mancher jener Helden holte sich einen blutigen Kopf, der vom Mute der Ueberfallenen und vom Entschlüsse zeugte, auch die eigene körperliche Kraft zu nutzen und nicht zu weichen, wenigstens nicht kampflos zu weichen. Diese neue, bisher ungewohnte und unerwartete Einstellung der jüdischen Studenten schuf eine neue Lage und dazu mußte man „würdig" Stellung nehmen. Das geeignete Mittel dazu ist nur der Boykott. Wir wollen die Bedeutung des Boykotts für die jüdische Geschäftswelt, die ohnehin unter der Krise, dem würgenden Geldmangel und dem ungewöhnlichen Steuerletzte Phase ein Antisemitismus der Trägheit, der Bequemlichkeit, der Sucht nach idyllischem Genüsse arbeits- und anstrengungslosen Erwerbs. Ein nicht besonders schmeichelhaftes Motiv. Der schwachköpfige Faulpelz wird zum Diogenes und sagt dem begabten Lernbeflissenen: Geh' mir aus der Sonne. Tempora mutantur! Lemberg. Dezember 1931. O. Preminger. Schwere antijüdische Ausschreitungen in Posen. Anläßlich eines Rezitationsabends, den der bekannte jüdische Schauspieler Jakob Weislitz am 16. d. M. in Posen angesagt hatte, drangen gegen 8 Uhr abends, als ein Teil des Publikums bereits im Saale versammelt war, einige hundert polnische nationalistische Studenten mit ungeheurem Radau in den Saal und schlugen unbarmherzig auf die Versammelten ein. Sie schonten auch Greise, Frauen und Kinder nicht. Etwa 30 jüdische Besucher wurden erheblich verletzt. Die Veranstaltung konnte nicht stattfinden. Die Exzedenten begaben sich dann in kleineren Gruppen in verschiedene Stadtviertel, wo sie jüdische Passanten überfielen und schwer mißhandelten, wobei wiederum mehrere Juden verletzt wurden. Die Polizei verhaftete 22 Exzedenten, setzte sie aber gleich wieder auf freien Fuß: Am nächsten Tage wiederholten sich die Exzesse; Studenten mißhandelten Passanten im jüdischen Viertel, unter ihnen einen Herrn Schwarz so sehr, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht Panik, niemand wagt sich abends auf die Straße.

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