Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 51 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064502--18652-3083705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT bette 5 Städtische Versicherungsanstalt Direktion: Wien I-, Tuchlauben Nr. S Telephon U27-S~40 Alle YenlcheraM»zwckie Die Judenpolitik im „Dritten Reith Zwei Dokumente von der kommenden Zeiten Schande. §§ Die führenden Berliner Zeitungen weisen auf einen Artikel des Regierungsrates i. R. Ernst von Heydebrand in der Zeitschrift „Deutsches Recht", der Monatsschrift des „Bundes ■nationalsozia Iis tischer Juris ten" Mn, der die Judenpolitik der Nationalsozialisten im „Dritten Reich" enthüllt Heydebrand verbreitet sich über die Frage, ob den deutschen Juden ohne Aenderung der Reichsverfassung ihre Staatsbürger rechte entzogen werden können. Er befürchtet, daß eine solche Maßregel in der übrigen Welt böses Blut erregen könne. Aus diesem Grunde schlägt er vor: „Es ist daher zu empfehlen, nicht sogleich allzu grausige Folgen an die ersten Maßregeln zu knüpfen, vielmehr nüt Rücksicht auf das Mißtrauen d es Au sl an des, das Gerechtigkeitsgefühl der Gerichte und das zarte Gewissen etwaiger. Koalitionsgenossen sich damit zu begnügen, ein Judenverzeichnis aufzustellen, ihnen die Staatsangehörigkeit abzusprechen, sie nicht mehr wählen und Beamte werden zu lassen..., im übrigen aber zunächst alles auf sich beruhen zu lassen und allerseits beruhigende Erklärungen abzugeben, bis sich die" neue Rechtslage einigermaßengefestigt hat".. .Man würde den fremdstämmigen Deutschen eine Bezeichnung geben, die einerseits den Abstand vom Deutschen, anderseits doch eine gewisse Unterstellung unter das Reich andeutet (z. B. „Schutzfremde", „Reichsfremde"), würde ihnen weiterhin diplomatischen und konsularischen Schutz sowie den heimischen Rechtsschutz gewähren und im übrigen nach dem Spruche handeln: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!" Wenn die nationalsozialistischen Heimkrieger Frick, Goebbels, Graf Reventlow den mehr als hunderttausend jüdischen Kriegsteilnehmern das Staatsbürgerrecht entziehen wollen, so ist dies eine dem Heldentum dieser Herren durchaus entsprechende Geste. Hier soll aber hauptsächlich gezeigt werden, wie die Verstellung und Ableugnung der wahren Absichten zum Wesen nationalsozialistischer Taktik gehört. „Beruhigende Erklärungen" — „Rücksicht aufs Ausland" im Anfang, was danach kommt, wird nur angedeutet, aber nach den hessischen Dokumenten kann man sich's ausmalen. Der deutsche sozialdemokratische Pressedienst verbreitet eine Zuschrift eines Standartenführers der Berliner S. A. Darin heißt es: „Die Parteileitung der NstA.P. hat für den Fall ihrer Machtübernahme, mit der in kurzer Zeit gerechnet wird, besondere Richtlinien zur „Lösung der Judenfrage" ausgearbeitet, die streng vertraulich behandelt werden. Aus taktischen Gründen hat man augenblicklich auch jede öffentliche Erörterung der Judenfrage abgeblasen. Man fürchtet außenpolitische Wirkungen besonders in London und Paris. Für die Praxis aber liegt bereits ein genauer Plan für sämtliche Bezirke vor. Die Hauptpunkte dieses Programmes sind folgende: Sämtliche in Deutschland lebenden Juden haben kein Staatsbürgerecht. Die Fähigkeit, öffentliche Aemter zu verwalten, besitzt kein Jude. Sämtliche jüdische Beamte, wie Lehrer, Richter, Regierungsangestellte usw. werden sofort entlassen. Ein Jude kann vor einem deutschen Gericht kein Zeugnis ablegen oder Schöffe sein. Sämtliche in Deutschland lebenden Juden werden unter ein besonderes „Recht" gestellt. Sie haben eine besondere Steuer zu bezahlen und unterstehen besonderen, örtlich zu regelnden polizeilichen Vorschriften, die unter anderem über ihre Aufenthaltserlaubnis zu entscheiden haben. Kein Jude darf Anwalt sein. Die Ausübung der ärztlichen Praxis durch Juden an Christen ist nicht gestattet. Das Schächten wird verboten. Sämtliche staatliche Unterstützungen sowie die staatliche Anerkennung der ..Jüdischen Kultusgemeinschaft" fallen fort. Sämtliche seit 1914 in Deutschland naturalisierten Juden verlieren das deutsche Staatsbürgerrecht und werden als lästige Ausländer abgeschoben. Ein besonderer Unterstützungsausschuß wird sämtliche jüdische Geschäitsunternehmen, insbesondere Warenhäuser, Banken. Großhandel sowie gewerbliche Unternehmungen auf das schärfste kontrollieren und bei eventueller „Vol ksge räh r I ic hkei t" enteignen und in den „Besitz des deutschen Volkes" überführen. Ein besonderes Gesetz gilt der Bekämpfungder„jüdischenKuIturbeschmutzun g". Jüdischen Theaterinhabern wird die Konzession entzogen. An leitender Stelle von Zeitungen dürfen keine Juden stehen. Alle Presseerzeugnisse, die in jüdischen Händen sind, müssen dieses an ihrem Kopf verzeichnen. Ein besonderes Gesetz wird alle jüdischen Schriftsteller und Journalisten zur Rechenschaft ziehen, die sich „unberechtigterweise in deutsche Verhältnisse" einmischen. Die „deutsche Volksgemeinschaft" behält sich ausdrücklich das Recht vor, alle mißliebigen „jüdischen Schutzbürger" zu internieren oder auszuweisen, die gegen die „Interessen des deutschen Volkes" verstoßen. Mischehen zwischen Juden und Christen werden für ungültig erklärt. Die Genehmigung zur standesamtlichen Eheschließung wird grundsätzlich versagt. Jüdische Kinder dürfen keine deutschen Schulen und Universitäten besuchen. Zur endgültigen Lösung der Judenfrage wird vorgeschlagen, die Juden zum Arbeitsdienst und zur Urbarmachung in den deutschen Moorgebieten zu verwenden, wobei besonders die S. S. die Aufsicht führen werden." Baron Hirschs 100. Geburtstag. Am 9. Dezember sind 100 Jahre seit der Geburt von Baron Moritz Hirsch (Freiherr auf Gereuth), des großen Philanthropen vergangen, der ein Vermögen von fast 400 Millionen Goldfranken für jüdische Wohlfahrtseinrichtungen, Kolonisations- und Schulzwecke ausgegeben hat. Er wurde als Sohn des Bankiers Josef Baron Hirsch in München geboren, trat 1851 in das Bankhaus Bischoffsheim & Goldschmidt in Brüssel ein, wurde wenige Jahre darauf Mitinhaber dieser Bank und nahm Raphael Bischoffsheims Tochter Clara zur Frau. Er leitete dann die Pariser Filiale der Bank, wohnte mehrere Jahre in Konstantinopel, von wo aus er die großen Bahnbauten auf dem Balkan leitete. Er baute mehrere Bahnen in Rußland und Oesterreich und konnte allmählich sein großes Vermögen noch vervielfachen. Schon in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts machte er große Spenden für das Schulwesen Radio, Grammophone Sdraliplatten neueste Schöpfungen, auch Tausch, Zahlnngserlelehterang. „Blphora'% t., Dorainikanerbastei 22 Bcke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 der Alliance IsraeJite Universelle im Orient, für jüdische Gemeinden im Osten u. a. m. Nach dem Tode seines einzigen Sohnes Lucien widmete er sich mit großem Eifer der Wohltätigkeit. Er wollte die verarmten und geknechteten Juden des Ostens durch Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft zu einer produktiven Tätigkeit heranziehen und dadurch ihren Wohlstand und ihr Ansehen in der Welt heben. Ein Angebot von 50 Millionen Francs, das er der russischen Regierung für die Zwecke der Bildung der Juden Rußlands im Sinne seiner Produktivierungsbestrebungen machte, wurde abgelehnt, und nun begann er Pläne zur Besserung der Lage der russischen Juden auf dem Wege der Auswanderung und Kolonisierung zu verwirklichen. Von Prof. Guilleaume Lewental in Lausanne angeregt, schuf er die jüdischen Kolonien in Argentinien und gründete zur Führung dieses Werkes 1891 die Jewish Colonisation (JCA) mit einem Anfangskapital von 2 Millionen Pfund, daß er im Laufe der Jahre bis auf 180 Millionen Francs erhöhte; die JCA wurde dadurch zu der größten und bedeutendsten jüdischen Wohltätigkeitsorganisation der Welt Eine weitere große Stiftung des Barons Hirsch war der „Hirsch'sche Schulfonds" in G alizien, der von ihm 1891 auf Anregung von A. Jellin ek mit einem Kapital von 12 Millionen österr. Gulden (25 Millionen Francs) gegründet wurde und den Zweck hatte, die berufliche Erziehung der Juden in Galizien und der Bukowina zu fördern. 1904 wurden aus den Einkünften des Fonds 48 Fach- und Gewerbeschulen und Fortbildungskurse der Handwerker mit 205 Lehrern und VS00 Schülern erhalten. Da die Gelder dieser Stiftung laut Abmachung mit der österreichischen Regierung in der Staatsbank aufbewahrt werden mußten, wurde das Kapital in den Inflationsjahren fast vollständig entwertet. In den Vereinigten Staaten von Amerika stiftete Baron Hirsch ebenfalls einen Fonds, den „Baron Hirsch-Fonds in New York", zur Förderung der landwirtschaftlichen und technischen Ausbildung und materiellen Unterstützung von eingewanderten Ostjuden. Der Fonds wurde von Jakob H. Schiff und D. Seligmann verwaltet und weiter ausgebaut Aus seinen Mitteln entstanden die landwirtschaftlichen Kolonien Woodbine (New Jersey) und Hirsch (Kanada), sowie mehrere große Handwerkerschulen. Hirsch starb 1896 auf seinem Gute O-Gyala in der Nähe von Ersekujvar in Ungarn. Seine ihn drei Jahre überlebende Frau Clara führte seine philanthropische Tätigkeit fort und spendete mehr als 60 Millionen Francs für jüdische und nichtjüdische Zwecke, hauptsächlich für die von ihrem Manne ins Leben gerufenen Institutionen. VERANSTALTUNGEN DER JUGEND-UNION. Klublokal: Goldsaal des Cafe Silier, Wie« L, __ Schwedenplatz. Vergnügungssektion Samstag, den 19. Dezember, 8 Uhr abends GROSSE AKADEMIE MIT TANZ Erstklassige Kunstkräfte. Arizona-Band. * Stellenvermittlung der „Union". Ausgesteuerter Buchhalter, 30 Jahre alt, nimmt jede Arbeit an. Anfragen unter „Gewissenhaft und tüchtig" an das Sekretariat der „Union4*, IX., Bersgasse 4, Telephon A 19-2-77 erbeten. Geschäfts . Verkaut Familienverhältnisse halber Ist ein eingeführtes Geschäft für Nürnberger Waren, das seit 12 Jahren besteht, in der Nähe der Marlenbrücke zu verkaufen. Das Geschäft eignet sich auch für Lebensmittelverkauf. Zuschriften an die Administratlon dieses Blattes. Die Ergebnisse der Volkszählung in Palästina. Soeben wurden die folgenden provisorischen Ergebnisse der vor kurzem in Palästina durchgeführten Volkszählung offiziell bekanntgegeben: Die Gesamtbevölkerung Palästinas besteht aus 1,035.154 Seelen, davon sind 759.952 Moslems, 175.006 Juden, 90.607 Christen und 9.589 Angehörige anderer Konfessionen, unter ihnen etwa rund 8000 Drusen und etwa 1000 Personen, die sich als „Agnostiker" bezeichnen. Unter diesen 1000 „Agnostikern" sind etwa 600 Juden. (Die Ziffer 175.006 ist wohl nicht die Qesamtziffer der jüdischen Bevölkerung Palästinas, da sich bekanntlich die Zionisten-Revisionisten an der Volkszählung nicht beteiligten und auch andere jüdische Bevölkerungskreise davon abhielten, sich in die Volkszählungslisten eintragen zu lassen. Die Revisionisten und ihnen anhängende Kreise ließen die Volkszählungsfunktionäre nicht in ihre Häuser ein.) Die Volkszählung im Jahre 1922 ergab eine palästinensische Gesamtbevölkerung von 757.182 Seelen, davon waren 590.890 Moslems, 83.794 Juden, 73.024 Christen und 7028 Drusen. Die Zahl der Juden hat sich also um mehr als 91.000, die der Moslems aber um über 169.000, also beinahe das Doppelte, die der Christen um über 27.000 erhöht. Die Jüdischen Studenten und das Studentenrecht. Die J. A. V. „Unitas" veranstaltet am Samstag, den 19. d. M., um- 'A9 Uhr aui ihrer Bude (VIII., Auerspergstraße 21, Souterrain) einen Diskussionsabend über obiges Thema. Referent: Dr. Paul T i s 1 o w i t z. Gäste willkommen!