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Die Wahrheit · 1931-12-18 · Heft 51 (18.12.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 51 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die „Union im Abwehrkampf gegen das „Studentenrecht". Im Zuge ihrer zahlreichen Aktionen gegen das drohende „Studentenrecht" hat die „Union österreichischer Juden" am 11. d. M. auch folgende Eingabe an den Herrn Bundeskanzler Dr. B u r e s c h gerichtet und Abschriften derselben an den Herrn Vizekanzler Dr. S ch o ber und den Herrn Unterrichtsminister Dr. C z e r m a k geleitet. Hochverehrter Herr Bundeskanzler! Die vom Herrn Bundesminister für Kultus und Unterricht in der Sitzung des Nationalrates vom 9. <L M. abgegebene Erklärung, aus der hervorgeht, daß die 'Hohe Bundesregierung — trotz aller ihr bekanntgewordenen Bedenken — eine auf volksbürgerlicher Grundlage aufgebaute Vorlage zur Regelung des Studentenrechtes demnächst dem Nationalrate zu unterbreiten beabsichtigt, veranlaßt die ergebenst gefertigte Vereinigung österreichischer Staatsbürger jüdischen Glaubens im Anschlüsse an ihr am 25. v. M. an den Hohen Ministerrat gerichtetes Telegramm zu folgenden Bemerkungen: Wir erachten es als österreichische Staatsbürger für beschämend und als für Juden überaus kränkend, daß die Hohe Bundesregierung dem Ansturm und den Schlagworten der antisemitisch eingestellten Gruppen der Studentenschaft nachzugeben gewillt ist Wir halten die geplante Unterscheidung nach „Studentennationen" unter Angehörigen gleicher Staatsbürgerschaft für überflüssig, schädlich und den geltenden Verfassungsgesetzen widersprechend: Für überflüssig, weil nach unseren Erfahrungen den modernen Bedürfnissen nach Selbstverwaltung der Hörerschaft in den bereits bestehenden Einrichtungen hinreichend Rechnung getragen erscheint Für schädlich, weil die Legalisierung der rassenpolitischen Einstellung der antisemitischen Hörerschaft den ruhigen Studienbetrieb dauernd zu gefährden geeignet ist Den geltenden Verfassungsgesetzen widersprechend, weil eine Gesetzesvorlage, welche die Volkszugehörigkeit nicht vom freien Bekenntnis, sondern von der Abstammung des Einzelnen abhängig macht eine schwere Beeinträchtigung der Gleichberechtigung der österreichischen Bundesbürger beinhaltet Wir erblicken in der beabsichtigten Durchsetzung „'S rassenantisemitischen Standpunktes auf den öster- .^ichischen Hochschulen den Versuch, den ersten Stein aus dem Gebäude der Gleichberechtigung aller Bundesbürger herauszubrechen, um der Verwirklichung des nationalsozialistischen Programmes über die Behandlung der Juden im ..Dritten Reich" die Wege zu ebnen. Es erübrigt sich nach der ganzen Sachlage, in diesem Zeitpunkte theoretische Betrachtungen über die Begriffe ..Rasse. Nation und Volk" anzustellen, da sich die gesamte Oeffentlichkeit des In- und Auslandes darüber im klaren ist daß es sich — wie die täglichen Auslassungen der Hakenkreuzpresse beweisen — den Nationalsozialisten und ihren Mitläufern praktisch nur darum handelt, zunächst auf akademischem Boden ein Ausnahmegesetz gegen die Juden geschaffen zu sehen. Auch die im Leitartikel der „Reichspost" vom IL d. M. enthaltenen Darlegungen vermögen diese unsere Auffassung nicht im Geringsten zu erschüttern. Wir legen entschiedenst Protest dagegen ein. daß der Kampf der bürgerlichen Parteien und der Nationalsozialisten gegen „die Kraftanstrengungen der Marxisten, das ganze Hochschulwesen in ihre Gewalt , zu bekommen, und die wachsende Unternehmungslust der bolschewistischen Propaganda an den Hochschulen" auf dem Rücken der jüdischen Bevölkerung ausgetragen werde. Es ist nichts als ein Schlagwort und eine Entstellung der tatsächlichen Verhältnisse — zum Zwecke der bequemeren Führung dieses Kampfes — e&ie Identität zwischen Judentum und Sozialdemokratie oder Bolschewismus zu konstruieren. Tatsache allerdings ist. daß die antisemitische Einstellung von bürgerlichen Parteien geeignet war und ist. immer wieder jüdische Bevölkerungsschichten dem Lager der Sozialdemokratie zuzuführen. Es sei uns in diesem Zusammenhange gestattet darauf zu verweisen, daß. die vom Herrn Unterrichtsminister angekündigte Vorläge in krassem Widerspruch zu den bezüglichen Rechtsverhältnissen an den reichsdeutschen Hochschulen steht die angeblich für die nationalsozialistische Studentenschaft Oesterreichs richtunggebend sind. In Staaten, wie z. B. in Bayern, in denen die „Deutsche Studentenschaft" staatliche Anerkennung genießt, sind auch die reichsdeutschen Juden ihre Mitglieder, und zwar nicht freiwillig, sondern durch staatlichen Zwang. Dort wo die „Deutsche Studentenschaft" nicht mehr staatlich anerkannt ist. wie z. B. in Preußen, besteht keinerlei Hindernis, daß jeder reichsdeutsche jüdische Student ihr beitreten kann. Wir lenken aber im besonderen die Aufmerksamkeit darauf, daß die Würzburger Verfassung der Gesamtorganisation „Deutsche Studentenschaft", die alle örtlichen „Deutschen Studentenschäften" aus Deutschland, Sudetenland. Danzig und auch Oesterreich umfaßt, ausdrücklich bestimmt, daß jeder reichsdeutsche Student (also auch der Jude) mitgliedsfähig ist. Eine nach rassischen Grundsätzen gebildete, das Staatsbürgerschaftsprinzip ablehnende „Deutsche Studentenschaft" in Oesterreich könnte demnach gar nicht Mitglied der großen alldeutschen Gesamtorganisation „Deutsche Studentenschaft" sein. Wir möchten auch diese Gelegenheit nicht ungenützt lassen, um — auf Grund von eingeholten Informationen — der in parlamentarischen Kreisen verbreiteten Behauptung entgegenzutreten, als ob das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien gelegentlich seiner Vorsprache beim Herrn Unterrichtsminister Dr. Czermak dem geplanten „Studentenrechte" zugestimmt hätte. Die Unrichtigkeit dieser Behauptung geht schon daraus hervor, daß das genannte Präsidium den Herrn Unterrichtsministar um die Ueberlassung des Gesetzentwurfes ersuchte, worauf der Herr Bundesminister zusicherte, die Herren des Präsidiums würden den Entwurf, sobald er im Ministerrate genehmigt sein würde, zur Stellungnahme übermittelt erhalten. Wir wollen uns der Hoffnung nicht verschließen, daß Herr Bundeskanzler als Chef der Regierung die von uns geäußerten Bedenken und Besorgnisse sowie unsere auf dem Verfassungsgesetz . beruhenden Verwahrungen einer neuerlichen Prüfung unterziehen und alles daransetzen werden, die zu allen Zeiten loyale und staatstreue jüdische Bevölkerung Oesterreichs, deren Vorfahren seit mehr als einem Jahrtausend in diesem Lande seßhaft sind, vor einer Schmälerung ihrer staatsbürgerlichen Stellung zu bewahren. Genehmigen, hochverehrter Herr Bundeskanzler, den Ausdruck unserer vollen Ergebenheit, mit der wir zeichnen Union deutsebösterreiebischer Juden Der Präsident: Dr. Jakob Ornstein m. p. Der Schriftführer: Reg.-Rat Dr. Max Lenk m. p. 25 Jahre American Jewish Committee. rar Bücherfreunde mit erlesenem Gesdunacft Das hohe lied Salomos Ein in seinem Genre einzigartiges Prachtwerk mit 25 farbigen Bildern und Titelbild von Zeev Raban, Bezalel Jerusalem, in prachtvollem Kunstdruck. Jedem Bilde gegenüber befindet sich der entsprechende Text aus dem hohen Lied. Zu beziehen durch: C. BARTH VERLAG Wien I., Hefegasse 7 — Tel. A18-3-86 Es sind jetzt 25 Jahre vergangen, seitdem der große amerikanische Jude Louis Marshall das American Jewish Committee, eine Organisation zum Schutze der Rechte der Juden in der ganzen Welt, begründet hat In den der Gründung vorangegangenen Konferenzen, an denen Vertreter aller Schichten der amerikanischen Judenheit teilnahmen, kam die einmütige Ansicht zum Ausdruck, daß die Schaffung des Komitees ein Gebot der Zeit sei. Das rasche Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten schuf neue Probleme auf den Gebieten des jüdischsozialen, philanthropischen religiösen und wirtschaftlichen Lebens. Das American Jewish Comittee bekämpfte mit Erfolg die organisierte Propaganda gegen die Schechita, versah die amerikanische Presse mit authentischen Nachrichten über den Beilis-Prozeß in Kiew und veranlaßt« die Regierung der Vereinigten Staaten, nach Beendigung der Balkan-Kriege Vorstellungen bei den Balkanstaaten zu erheben, die darauf hinausliefen, ausreichende Garantien für den Schutz der Rechte der Bevölkerung der eroberten Gebiete ohne Unterschied von Rasse und Glauben zu schaffen. Das A. J. C. bekämpfte die Bestrebungen zur Einschränkung der Einwanderung in die Vereinigten Staaten und ist auch jetzt bemüht, bei den inzwischen Gesetz gewordenen Einwanderungsbeschränkungen allen Härten entgegenzuwirken. Auf Wunsch des A. J. C. verständigte Präsident Taft die russische Regierung davon, daß die Vereinigten Staaten beabsichtigten, den russisch-amerikanischen Handelsvertrag zu kündigen, falls der amerikanische Paß auch der jüdischen Bürger von ihr nicht anerkannt würde. Das A. J. C. protestierte systematisch gegen die anti- Jüdische Propaganda der Presse und gegen die Beschränkungen in der Aufnahme für Juden in den Staatsdienst Auf philanthropischem Gebiete arbeitete es gemeinsam mit dem „Hilfsverein der Deutschen Juden", der „Allia-nce Israelite Universelle" und ähnlichen Körperschaften. 1912 beteiligte es sich an den Arbeiten der „Union des Associations Israelites" zugunsten der Opfer der Balkan-Kriege. Am 24. Oktober 1914 berief das A. J. C. eine Konferenz von Vertretern jüdischer Organisationen ein, in der das „American JewishRelief Committee" gegründet wurde, das die wichtigste jüdische Körperschaft für Geldsammlungen wurde und später im Verein mit dem „Central Relief Committee" und „People's Relief Committee" das „American Jewish Joint Distribution Committee" bildete. Das A. J. C. beteiligte sich an der Aktion des American Jewish Congress in Versailles, wo es galt in den Friedensverträgen ausreichende Garantien für gleiche bürgerliche und politische Rechte der Juden in allen Ländern durchzusetzen. Mehrere Mitglieder des Committees wurden zu Vertretern des Kongresses bei der Friedenskonferenz bestimmt; das Committee sandte außerdem seine eigenen Vertreter zu der Friedenskonferenz. Sie bildeten zusammen mit den jüdischen Vertretungen anderer Länder das „Comite des Delegations Juives", dessen Vorsitzender Louis Marshall war. Louis Marshall, der die Seele aller Unternehmungen des American Jewish Committee war, war bis zu seinem im Herbst 1929 in Zürich erfolgten Tode Präsident des Committee, Vizepräsidenten waren Dr. Cyrus Adler und Julius Rosenwald. Das Committee wählte zuletzt Dr. Cyrus Adler zu seinem Vorsitzenden. Das American Jewish Committee hielt seine 25. Jahrestagung in New York als Jubiläumstagung unter dem Vorsitz seines gegenwärtigen Präsidenten ab. Es wurden ein erschöpfender Bericht über die Lage der Juden in verschiedenen Ländern erstattet Die Tagung wählte Dr. Cyrus Adler wiederum zum Präsidenten des American Jewish Committee. Zu Vizepräsidenten wurden Julius Rosenwald und Richter Irving Lehman gewählt Aus Anlaß des 25jährigen Bestehens des American Jewish Committee fand eine feierliche öffentliche Kundgebung statt, in der Dr. Cyrus Adler, James Marshall (der Sohn von Louis Marshall), Irving Lehman u. a. m„ Ansprachen hielten. Antisemitischer Wirtschaftsboykott In unserer letzten Nummer haben wir von der in diesen Tagen stark erhöhten Boykottpropaganda der österreichischen Nationalsozialisten berichtet Wir glaubten damals feststellen zu können, daß diese Hetze sich vornehmlich auf die Prov.inz beschränkt und in Wien weniger merkbar sei. Diese Feststellung dürften die Wiener Hakenkreuzler als einen schweren Vorwurf empfunden haben, denn anfangs dieser Woche wurde das Sekretariat der „Union" von vielen Seiten verständigt, daß in der Inneren Stadt und in Mariahilf Flugzettel verbreitet werden, in denen die Frage aufgeworfen wird: „Weihnachten — ein Fest der Christenheit oder ein Fest ausbeutender Juden?", eine Frage, die nach wüsten Beschimpfungen der „krummnasigen Hebräer" mit der kategorischen Forderung beantwortet wird: »Unter den deutschen Christbaum keine bei Juden gekaufte Weihnachtsgeschenke!" Die „U n i o n" hat nicht verabsäumt, auch dieser neuesten Hetze mit der nötigen Schärfe entgegenzutreten. Abgesehen von Anzeigen an den zuständigen Stellen, wurde die Angelegenheit auch gelegentlich einer kürzlich stattgehabten Vorsprache beim Justizminister Schürf! zur Sprache gebracht. Die Vertreter der „Union", die Herren Vizepräsident Dr. Karl Steiner und Reg.-Rat Dr. Max Lenk, erhoben beim Minister nicht nur Beschwerde wegen der in unserer letzten Nummer besprochenen Boykottpropaganda in einer österreichischen Landeshauptstadt, sondern verlangten auch wegen des Wiener Falles das Einschreiten der Justiz- und Polizeibehörden. Wir werden nun, da auch die höchsten Stellen in diesem Staate durch die „Union" auf die infame Hetze der Nationalsozialisten aufmerksam gemacht wurden, sehen, ob die Behörden — unbeschadet aller taktischen Erwägungen — ihre gesetzliche Pflicht erfüllen werden. Die Judenschaft ist nicht gewillt, dieser Hetze ohnmächtig ausgeliefert zu werden, ihre seit Jahrzehnten bewährte Rechtsschutzorganisation, die „Union österreichischer Juden" steht auf der Wacht und wird jeden ihrem Sekretariat ohne Verzug angezeigten Fall mit der gleichen Energie wie die bisher bekannt geworr denen Fälle verfolgen.

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