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Die Wahrheit · 1931-12-18 · Heft 51 (18.12.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 51 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite a Wehe dem Staate, in dem das Vertrauen der Staatsbürger in die Rechtsprechung erschüttert wird! Die Worte des Bezirksrichters von Radstadt, der zu einer traurigen Berühmtheit gelangt ist und der — zur Ehre des gesamten Richterstandes sei es gesagt — gewiß eine vereinzelte Erscheinung unter unseren österreichischen Richtern darstellt, könnten geeignet sein, eine Erschütterung dieses Vertrauens herbeizuführen. Wir Juden sind immer joyale Staatsbürger gewesen und wollen es auch weiterhin bleiben, mag man es uns manchmal auch schwer machen und unser Staatsbürgerrecht in ungerechtfertigter und gehässiger Weise anzutasten suchen. Unser Glaube an die Macht des Rechtes und . der Gerechtigkeit wird aber gewiß durch solche Aeußerungen eines hakenkreuzlerischen Gehirnes nicht leiden und nicht wankend werden, wir empören uns nur darüber, daß gerade ein Mann aus dem Richterstande so wenig Selbstbeherrschung aufbringt, so wenig Gefühl und Verständnis hat für das hohe Amt, das er bekleidet, und für die Pflicht, die er beschworen hat, aber auch so wenig Rücksicht auf seine Standesgenossen kennt, daß er Worte in den Mund nimmt und in eine aufgeregte Masse schleudert, die ein wirklicher Richter nie hätte sprechen dürfen, ein wirklicher Richter auch niemals gesprochen hätte. Eines aber hat dieser Richter erreicht. Er wird immer in der Erinnerung der Juden leben. In Hinkunft werden sie, wenn von Läusen gesprochen wird, immer an den Bezirksrichter von Radstadt, Dr. Peisser, denken. Dr. Karl Steiner. * * Die „Union österreichischer Jud e n" hat in dieser unerhörten Angelegenheit eine ganz energisch gehaltene Beschwerde an den Herrn Bundeskanzler Dr. Buresch gerichtet Isdrtas, Rheuma, Ghht Htägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Kohlensäurebäder, Diathermie Heifiluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von S-6 Uhr Heilans<oH „IBiermlo" L, Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer Der Islam-Kongreß. Der seit längerer Zeit propagierte und vorbereitete Weltkongreß der Bekenner Mohammeds ist nunmehr vorige Woche in Jerusalem eröffnet worden. Der Kongreß findet unter den Auspizien des Führers der Mohammedaner Indiens, Schaukat Ali, statt, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Jerusalem zum Zentrum des Islam zu machen. Zunächst verfolgte Schaukat Ali auch den Plan, das Kalifat mit dem Sitze in Jerusalem wieder aufzurichten; der letzte, Kalif sollte wieder diese Würde bekleiden. Es machten sich aber dagegen heftige Widerstände geltend und so mußte vorläufig von der Verwirklichung dieses Planes Abstand genommen werden. Der Kongreß verfolgt in erster Reihe das Ziel, die Position des Islam zu stärken und ihm nach außen hin mehr Geltung zu verschaffen. Schaukat Ali ist der Ansicht, daß Mekka als Zentralpunkt des Islam geographisch zu abgelegen sei; Jerusalem hingegen ist ohnehin eine hochpolitisches Zentrum und wenn es noch dazu gewissermaßen das Erbe Mekkas antritt, wird der Islam politisch sehr viel gewinnen. In Jerusalem soll auch eine Moslem-Universität errichtet werden, womit diese Stadt auch zum kulturellen Zentrum des Islam werden soll. Als die ersten Nachrichten über diesen geplanten Kongreß auftauchten, war es klar, daß es sich nebenbei auch um einen schweren Schlag gegen die zionistischen Aspirationen handelt Wenn Jerusalem zum Zentrum des Islam erhoben werde, dann werden die Mohammedaner aller Länder noch mehr als bisher sich der Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina widersetzen. Tatsächlich ließ auch Schaukat Ali nicht darüber im unklaren, daß er die Annullierung der Balfourdeklaration fordern müsse. Man nahm also zunächst an, daß die englische Regierung die Abhaltung des Kongresses nicht zulassen werde, der ja auch aus anderen Gründen den englischen Interessen im nahen Orient entgegengesetzt ist. Wenn das Londoner Kabinett trotzdem die Abhaltung des Kongresses zuließ, so lieferte es wieder einmal den Beweis, wie sehr ihm um die Erhaltung der Freundschaft der islamitischen Welt gelegen ist. Ob England hierbei auch andere, weitgehendere Ziele verfolgt, ob es die Absicht hat, die Ausgestaltung Jerusalems zum Zentrum des religiösen Lebens des Islam zu fördern, um mit der Hilfe dieses Zentrums einen Einfluß auf die Politik der Mohammedaner im ganzen Orient zu gewinnen, ist noch nicht klar ersichtlich. Das Unbehagen, das die Abhaltung des Kongresses in Frankreich und Italien, sowie IlllllllllllllllllllllllllllllllllllflW FAMILIEN - PENSION % fHsifajratlai.Raffeehaüs | täglich 5-Uhr-Tee g PEMMERING 1 TELEPHON 11 1 Hochstraße 43 | _ neben Hotel Panhans g H Mäßige Preise. 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Es wurde auch seitens des Mufti von Jerusalem diese Gelegenheit benutzt, um gegen die Jude.i zu hetzen, und zugleich wurden auch antijüüisehe Pamphlete und Flugschriften verbreitet, deren Weisheit aus dem berüchtigten „Protokoll der Weisen von Zion" geschöpft ist. — und all dies, obwohl die Arrangeure des Kongresses sich der englischen Regierung gegenüber ausdrücklich verpflichteten, daß der Kongreß sich bloß mit religiösen fragen unter Ausschluß aller politischen Erörterungen belassen werde. Auf dem Kongreß wurden auch unter die Delegierten und Gäste zwei Photographien verteilt, die die Aufschrift trugen: „Die Engländer bewaffnen die Juden in Palästina". Obwohl somit indirekt auch gegen England gehetzt wird, lassen die englischen Behörden alles zu. Daß sich aui dem Kongresse Meinungsverschiedenheiten zeigen, ist angesichts der verschiedenen politischen und religiösen Strömungen innerhalb des Islam nicht überraschend. Nach einer Richtung scheinen alle Gruppen einig zu sein: in ihrem Kampf gegen den jüdischen V/icderautbau des Landes, gegen üle Baliaurdeklaration und das Paliistinamandat. So hat denn dieser Kongreß auch für die Juden eine große Bedeutung, und zwar nicht bloß hinsichtlich der zionistischen Bestrebungen Jerusalem ist das historische jüdische Zentrum. Wenn es nun zum Zentrum des Islutn werden sollte, nachdem auch das Christentum es als seine heilige Stätte betrachtet, so wird die jüdische Sache dort gegen zwei Fronten zu kämpfen haben. Es ist daher auch vom allgemeinen jüdischen Gesichtspunkte geboten, die Entwicklung der Aktion mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Veritas. Berufen Sie sich auf die „Union bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt wah und in ihr sammelte er seine Anhänger — unter ihnen viele Studenten anderer Fakultäten — zum Studium der Bibel oder er hielt dort mit ihnen den Gottesdienst ab, zeitlich in der Frühe, bevor sie ins Amt, In die Schule gingen. Jetzt werden in der Jeschiwah-Marguiies die Trauungen abgehalten. Im Tempelhof ist die Mikwah. das Bad der religiösen Juden, und die Talmudthoraschule. Letztere besitzt das Oeffentlichkeitsrecht und ist eine staatlich anerkannte Volksschule. Statt der Sonntagsruhe ist natürlich der Samstag schulfrei. Auch ein jüdisches Gymnasium gibt es in Florenz, das vom Prof. C h a j i m o v i c geleitet wird. Das Rabbinerseminar von Florenz ist das bekannteste Italiens. An seiner Spitze steht als Rektor der jetzige Oberrabbiner Prof. Dr. A r t o m. An diesem Seminar wirkt auch Prof. C a s s u t o, der größte italienische Bibelforscher, und ich höre von ihm überall als den Stolz der italienischen Judenschaft sprechen. Prof. Cassuto hat vor einigen Jahren mit seinem Buche: „GJi ebrei a Firenze nell'etä del rinaseimento" (Die Juden von Florenz im Zeitalter der Renaissance) unter allen italienischen Universitätsprofessoren die vom König von Italien ausgesetzte Prämie von 10.000 Lire erworben, und aus diesem Grunde erhielt er auch den Titel „cavaliere" (Ritter). Die Kultusgemeinde von Florenz zählt 3300 Personen. Einen Kultusvorstand gibt es nicht. Vor einigen Jahren dankte er korporativ ab, und seitdem hatte die Regierung einen christlichen Regierungsbeamten mit der Führung des Amtes der jüdischen Kultusgemeinde betraut. Später wurde dieser Regierungsbeamte auf Verlangen der Florentiner Juden abberufen und jetzt steht an der Spitze der Kultusgemeinde der Florentiner Jude Nino Donati. Das kulturelle Leben der Juden wird im überwiegendem Maße vom Zionismus beherrscht Die Wohltätigkeit wird auch hier hoch geschätzt und re chlich ausgeübt Es gibt ein eigenes jüdisches Spital in Florenz und erst vor kurzem hat der Jude Settimo Sadum für die Einrichtung eine Million Lire hinterlassen. Ich lasse mir noch im Tempelhof das jüdische neldendenkmal zeigen — das zu Ehren der im Kriege gefallenen Juden aus Florenz errichtet wurde —, dann verlasse ich mit Stolz den Tempel und bin glücklich, um ein interessantes Stück jüdischer Kulturgeschichte reicher geworden zu sein. Zionistische Gemeindewirtschatt. Bekanntlich verfügte die größte europäische jüdische Gemeinde, Warschau, in der früheren Legislaturperiode über eine zionistische Majorität und über eine zionistische Leitung. Bei den letzten Wahlen wurden diese durch eine orthodoxe Majorität abgelöst. Dank einer weitverzweigten, dem zionistischen Ideal ergebenen Presse hallte die Welt von Lobeshymnen auf diese Leitung wider. Nachdem aber nun in Warschau die Gegenpartei die Führung übernommen hat, stellt sich das Bild ganz anders dar, und zwar in einer Weise, wie es die schlimmsten Erwartungen nicht befürchten ließen. Die Mißwirtschaft, die in der Warschauer Gemeindestube in den letzten Jahren geherrscht hat, läßt sich selbst nicht mit den gewiß unliebsamen Zuständen vergleichen, die die jetzige Leitung der Berliner Gemeinde aus der Aera Kareski aufgedeckt hat, der übrigens kürzlich — gezwungen durch die vollauf begründeten liberalen Angriffe — sein Vorstandsmandat niedergelegt hat. Die Oeffentlichkeit erinnert sich noch der turbulenten Szenen, die sich vor wenigen Wochen in der Warschauer Gemeindestube abgespielt haben, als der gegenwärtige Gemeindepräsident Elias Mazur (Aguda) sich weigerte, der zionistischen Minorität die alten Präsidialsitze in den Kommissionen einzuräumen. Nun erfährt man, warum der Präsident damals buchstäblich blutig geschlagen wurde. Man fürchtete die starke Hand dieses Präsidenten, der gewillt ist, schonungslos den Strich unter die Praktiken der früheren Leitung zu setzen. Aus den Büchern hat Präsident Mazur festgestellt, daß Jahre hindurch — scheinbar ohne lede Kontrolle — Aussahen gemacht wurden, die geradezu einen Raubbau an dem Steuergeld der armen Warschauer Bevölkerung darstellen. Einige Beispiele aus dem Bericht des Präsidenten mögen diese Korruptionswirtschait illustrieren: Einige Wagen Heu, die in Wirklichkeit nicht über 1000 kg wogen, waren auf 3000 kg ü.kturiert. Auf dem Friedhof wurde ein riesiges Holzlager entdeckt, von welchem infolge der überaus schlechten Qualität zwei Drittel verfault waren. In der Schulverwaltung figurierte eine große Anzahl von Schulärzten weit über den Bedarf. Zur Entschuldigung erklärte der Referent, daß die meisten Mitglieder der Verwaltung ihre Aerzte empfohlen haben und man deswegen genötigt gewesen war, über Gebühr Anstellungen vorzunehmen. Die Tramwayspesen überstiegen das Zwanzigtache des Notwendigen. Die Vertretung für erkrankte Lehrer wurde mit großen Summen ausgewiesen, die mit dem Augenblick entfielen, als der gegenwärtige Präsident eine Bestätigung der Krankenkasse verlangte. In einem Gemeindewaisenhaus wurden 13 Beamte auf 22 Waisen festgestellt. Genug davon. — Der neue Präsident, ein Wirtschaftsführer ersten Ranges, wollte diese Angelegenheit nur in geheimer Sitzung zur Sprache bringen, weil ihm die Erregung der Gemüter fernlag und er nur auf Abhilfe bedacht war. Dagegen konnte der Präsident die Aufforderung der früheren zionistischen Majorität nicht erfüllen, welche verlangte, daß man in einem Communique diese Mißstände glatt in Abrede stellen soll. Das Votum der Majorität der Wähler in Berlin und Warschau zeigt jedenfalls mit aller Deutlichkeit, daß man nicht gewillt ist, ein derartiges Regime länger zu ertragen.

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