Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 51 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WATTRHEFl DAS IDEALSTE GESCHENK sind TEPPICHE «om TEPPICHHAUS VORHSNGE f .«-■•■ _ Ä SCHEIN A.G. nur I.. BAUERNMARKT 12—14 Keine Filiale In Wien DIE Bl LLIGSTE EIN KAUFSQUELLE übermüdet schließlich den Ausführungen ihres Kollegen vom Minoritenplatz nur mit halbem Ohre Gehör schenkten und Ja und Amen sagten, ohne sich über die Konseqnenzen Rechenschaft zu geben, die eine solche Neuordnung der Dinge zwangsläufig nach sich ziehen müßte. Jetzt aber, da die gesamte Presse sich mit dem Problem beschäftigt, für oder wider Stellung nimmt, jetzt müssen sich alle verantwortlichen Faktoren über die Tragweite der Frage im Klaren sein. Wir können es uns einfach nicht denken, daß sich unter den Mitgliedern des Kabinetts nicht einer findet, der Herrn Dr. Czermak darauf aufmerksam machen sollte, daß man doch die Bereinigung einer solchen Angelegenheit lieber für ruhigere Zeiten aufsparen sollte! .. . Das Hineintragen des Rassenmoments in die österreichische Gesetzgebung wird Zustände schaffen, deren Auswirkungen unabsehbar sind. Es ist höchster Leichtsinn, derartige strittige Probleme auf dem Umweg über das „Vereinsrecht" aufzuweiten; es ist im höchsten Maße unverantwortlich, die primitivste Voraussetzung für die bürgerliche Gleichberechtigung, das klare Prinzip der Staatsbürgerschaft, durch den vagen Begriff der „Volkszugehörigkeit" zu verdrängen und allen möglichen und unmögUchen Interpretationen Tür und Tor zu öffnen. Trotz Herrn Czermak und trotz der unglückseligen Haltung der Jüdischnationalen gibt die „Union österreichischer Juden" die Hoffnung nicht auf, daß es ihren ernsten Bemühungen gelingen werde, das Unheil noch abzuwenden. Die „Union" steht in diesem ihrem Kampfe um die Wahrung der Rechte der österreichischen Staatsbürger der Juden in Oesterreich nicht allein, die gesamte freiheitliche und fortschrittliche Presse hat sich die Leitgedanken der „Union" zu eigen gemacht Die Fronten sind bezogen: Hier Freiheit und Fortschritt, dort Zwang und Reaktion! *»© DerDauke"nte *™ IL Seidenstrumpf J w w aus prima Waschseide Fll d'Ecosse'SirffimpleS'VO mit iplizlerse u. Afoor 2 itO __ bei ML Rosenkram Ii., TaborstraBe 27, 3. Stiege, i. Stock Der Bezirksrkhter von Radstadt Am 8. Dezember 1. J. fand in Wien eine Versammlung der Nationalsozialisten statt, in welcher nach einer Zeitungsmeldung ein Redner unter anderem gesagt hat: „Den Juden muß man alles wegnehmen, nur die Läuse muß man ihnen lassen." Der Mann, der diese Worte sprach, ist Bezirksrichter in Radstadt, berufen, im Namen der Republik Recht zu sprechen, d. h. den bestehenden Gesetzen gemäß zu entscheiden. Es ist der Bezirksrichter Dr. Peisser, in dessen Hand ein blindes Geschick die Ausübung der Gerechtigkeit gelegt hat. Als Beamter des Staates, insbesondere aber als Richter, hat er die Einhaltung der Gesetze beschworen und er muß sich jederzeit dessen bewußt sein, Diener des Rechtes zu sein und einem Stande anzugehören, der auch außerdienstlich ein Verhalten erfordert, das nicht abfärben darf auf die reine Toga, die Um im Dienste der Gerechtigkeit umhüllt Darum muß er die Worte, die er öffentlich spricht, mehr als jeder andere wohl überlegen und darf sie nicht aus der Kloake des wüsten Versammlungsredners und Hetzers schöpfen. Wie er aber seine Worte: „Den Juden muß man alles wegnehmen, nur die Läuse muß man ihnen lassen" mit seiner beschworenen Richterpflicht in Einklang bringen will — das ist nicht mehr seine eigene Sache, das ist eine Angelegenheit, um die sich seine vorgesetzte Behörde und in letzter Linie das Justizministerium zu kümmern hätte, dessen Pflicht es ist, das Ansehen des Richterstandes zu wahren und den Glauben der Bevölkerung in die unerschütterliche Gerechtigkeit zu erhalten. Wenn ein Richter in einer öffentlichen Versammlung derart gegen Staatsbürger auftritt, die in gleicher Weise wie alle anderen den Anspruch auf den ungeschmälerten Schutz der Gesetze haben, welche in erster Linie ein Richter zu respektieren hat, wenn er in einer politisch ohnehin aufgewühlten Zeit die rohen und leicht entzündbaren Instinkte seiner Zuhörer in solcher Weise aufstachelt, wenn ein Richter eine ganze staatlich anerkannte Religionsgesellschaft in einer derart rüden Form öffentlich schwer beleidigt, dann hat er sicherlich beim größten Teile des gesamten Staatsvolkes das Vertrauen in seine richterliche Unbefangenheit verwirkt, dann hat er den Glauben an seine Berufung zum Richter verloren, dann hat er das hohe Ansehen des Richterstandes bei allen ehrlich denkenden Menschen schwer geschädigt. Um so verletzender muß aber eine solche Schädigung auf den ganzen Richterstand wirken, weil sie von einem Standesgenossen zugefügt wird, und wir sind sicher, daß alle Richter mit uns einig sind in der Verurteilung einer solchen Aeußerung. Kaum drei Wochen waren seit der Veröffentlichung des Beamtenerlasses des Bundeskanzlers verflossen, in welchem die Bundesbeamteh aufgefordert werden, in und außer Dienst alles zu vermeiden, was die Achtung und das Vertrauen, die ihre Stellung erfordert, — vor allem das Vertrauen in ihre unparteiische dienstliche Haltung — schmälern könnte, als der Bezirksrichter von Radstadt den Beweis für die Notwendigkeit dieses Erlasses, ja noch mehr für die Notwendigkeit erbrachte, die strikte Einhaltung dieses Erlasses zu fordern. Welches Amt erfordert aber so sehr Achtung und Vertrauen in die unparteiische dienstliche Haltung wie gerade das Richteramt? Mit verbundenen Augen hält Themis die Waage der Gerechtigkeit in ihren Händen, um nicht nach rechts und nicht nach links zu schauen. Ohne Ansehen der Person soll gerichtet werden. Kann ein Richter wie Dr. Peisser die Achtung und das Vertrauen aller derjenigen, die je vor seinem Richterstuhle erscheinen werden, insbesondere das so notwendige Vertrauen in seine unparteiische dienstliche Haltung für sich in Anspruch nehmen? Es könnte doch einmal der Fall eintreten, daß er über einen Angeklagten zu urteilen hätte, der einem Juden etwas weggenommen hat — wird er dann nicht in einen Konflikt mit sich selbst geraten und wird er unbefangen, gewissermaßen mit verbundenen Augen, gerecht urteilen? PeuHteton Die Juden von Florenz. Von Diplomkaufmann Theodor K o h n. II. Es ist Samstag, im Tempel ist Gottesdienst Er ist wenig besucht, die Leute sind beschäftigt Aber die wenigen, die gekommen sind, sind in aufrichtiger Andacht vertieft, jeder hat den Tallith um, jeder folgt Wort für Wort den Gebeten des Vorbeters. Auch ich bekomme Gebetmantel und Gebetbuch und ich muß es gestehen, auch ich bin bald erfüllt von tiefer Andacht. Ich habe den Eindruck, die Leute verstehen, was sie beten, und deshalb haben sie geiernt. andächtig zu sein. Ein ganz anderes Bild, als man es sonst oft in kleineren Gemeinden, besonders des Ostens, zu sehen bekommt Da gibt es kein Neigen, da <gibt es kein Beuteln, weder vorwärts noch zur Seite, da gibt es kein Schreien; wenn man nicht betet, sitzt man ruhig und '.autlos auf dem Platze und folgt dem Gebete des Vorbeters oder dem Vorlesen aus der Thcra. Diese Leute haben das Wesen der Gottesverehrung richtig erfaßt, ein solcher Gottesdienst ist imstande, dem religiösen Judeutume neue Freunde zu erwerben und in der Jugend die religiösen Ideale zu erhalten und sogar neu zu entfachen. Vielleicht auch deshalb ist unter den Anwesenden die Jugend verhältnismäßig stark vertreten. Vorne steht der Vorbeter, er betet in sephardischer Aussprache und nach orientalischen Melodien. Vor ihm ist ein riesengroßes Gebetbuch aufgeschlagen, dessen Seiten, meiner Schätzung nach, einen halben Meter lang sein dürften. Später erfahre ich, daß die Gebetbücher Geschenke von Gemeindemitgliedern sind und greßen Wert besitzen. Sie alle sind handgeschrieben und manche von ihnen, wie das für das Neujahrfest und den Versöhnungstag, sind in Gold und Silber gebunden. Jetzt liest man aus der Thora vorr ein dreizehnjähriger Bub und ein kleines Mädchen werden von den Gemeindeältesten zur Thora gefühlt Nachdem der Bub den Segenssprucli gesagt hatte, werden die beiden Kinder vom Oberrabbiner gesegnet: Er breitet den Tallith über sie und sagt laut den Segensspruch. Man sagt mir, daß es zwei Waisenkinder seien, die innerhalb eines Jahres Vater und Mutter verloren hatten, — und heute haben sie Jahrzeit Nach dem Gottesdienste geht die ganze Gemeinde zum Rabbiner und wünscht ihm einen „Schabbath Schallom"! Ich aber erwirke mir die Erlaubnis, nach dem Gottesdienste den Tempel besichtigen zu dürfen, und finde in dem Sohne des Tempeldieners, einem Studenten am Rabbinerseminar, einen sehr netten und gebildeten Wegweiser. Mein Führer erzählt mir, daß der Tempel in. den Jahren 1874—1882 erbaut wurde, und zwar von den Spenden des Florentiner Juden David ha LewL Als man im Jahre 1874 mit dem Bau beginnen wollte, wurde die behördliche Bewilligung dazu erteilt, aber zugleich auch der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß das neue Gotteshaus den anderen Baudenkmälern von Florenz würdig zur Seite stehe. Und diesem Wunsche wurde es vollauf gerecht; denn der Tempel von Florenz ist die schönste Synagoge, die ich jemals gesehen habe. Von außen gesehen ist sie ein mächtiger Kuppelbau, der auf den ersten Blick den orientalischen Stil erkennen läßt Schon dieser Anblick erfüllt mich mit Stelz, und mein Selbstbewußtsein' hebt sich; denn ich muß es gestehen: diejenigen Synagogen, die ich bis jetzt gesehen habe, waren, von außen gesehen, gar nicht imposant sie sind nicht viel anders als Wohnhäuser gebaut und oft bloß an den hebräischen Aufschriften als Tempel zu erkennen. Das erste, das einem beim Eintritt in die Augen fällt, ist die herrliche, mächtig hohe Bundeslade. Man glaubt im ersten Augenblicke, sie sei aus Gold, so glänzt sie in goldenen Farben, erst später, wenn man sie von der Nähe betrachtet, merkt man, daß sie kunstvoll aus Mosaiken ganz kleiner buntfarbiger, geschmackvoll gereihter Steinchen zusammengesetzt ist, die zusammen jenes prachtvolle Schimmern bewirken, das ich zuerst für Gold gehalten habe. Mein Führer zeigt mir den kostbaren Perserteppich, der vor der Bundeslade aufgebreitet ist und bemerkt sogleich, daß es bei weitem nicht der einzige Teppich sei, den der Tempel besitze, ebenso, wie es mehrere jener in Silber gestickten Decken gäbe, die die Bundeslade verdecken. Das Gotteshaus besitzt eine ganz Sammlung der herrlichsten Sachen dieser Art, die alle Geschenke von reichen Gemeindemitgliedern oder auswärtigen Gästen sind. Mein Cxerone nennt mir auch die Namen der Spender, er kennt die Sachen gut denn ich scheine nicht der erste zu sein, dem er diesen Dienst erweist. Hatte schon die Decke meine Bewunderung erzwungen, sie war bloß ein Auftakt zu dem Meisterwerk, das ich jetzt hinter ihr in der Türe der Bundeslade sehe. Es sind Themen aus der Bibel, handgeschnitzt und mit flüssigem Gold überzogen. Ich bin sprachlos vor Bewunderung und lasse meinen Begleiter erzählen. Der Tempel ist so gebaut, daß die heilige Lade von außen den ganzen Tag von der Sonne beschienen wird. An der Außenwand im Innern der heiligen Lade ist ein kleines Fenstercheu eingebaut Durch dieses kleine Fensterchen scheint den ganzen Tag die Sonne, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Wenn man die Türe der Bundeslade öffnet, scheint ein Kegel von Sonnenstrahlen quer durch den unbeleuchteten inneren Tempelraum. Vor der Bundesladc hängt das „Ewige Licht". Ein massiges Stück aus Silber mit Go'.dverzierungen, seinerzeit für 25.000 Lire gekauft. Ich sehe noch die 12 Jahrzeitlampen — antike Arbeiten, die teilweise aus dem alten Ghetto stammen, teilweise ein Geschenk des Baron Halevi sind. Zu beiden Seiten zwei mächtige Blumenvasen. Rechts von der Bundeslade ist die Orgel eingebaut Alle Gottesdienste — mit Ausnahme des am Versöhnungstage — sind mit Chor und Orgelbegleitung. Der ganze Innenraum des Tempels bis hinauf in die Kuppel ist handbemalt und an den Wänden sind Sprüche aus den Psalmen. Der Tempel bietet ungefähr 1000 Personen Platz. Die Bänke sind aus schwerem Nußholz mit handgeschnitzten Verzierungen,. Mein Begleiter sagt mir. daß die Bänke allein heute mehr kosten würden als seinerzeit der ganze Tempelbau. In der Vorhalle zeigen zwei Tafeln an, daß das jüdische Gotteshaus in Florenz zweimal hohen Besuch hatte: Im Jahre 1887 König Umberto I. und Margherita von Savoyen und im Jahre 1911 König Viktor Emanuel III. und Königin Elena. Die Besichtigung des Tempels ist zu Ende, ich bedanke mich und will mich empfehlen. Aber mein Führer ist noch nicht fertig, er will mir noch die Jeschiwah- Margulies zeigen. Prof. Dr. Margulies war Oberrabbiner von Florenz bis zum Jahre 1923. Er war nicht nur der größte Eibelforscher Italiens, sondern überhaupt einer der bedeutendsten Gelehrten des damaligen Judentums. Ich höre, daß viele jetzt wirkende Rabbiner Italiens Schüler Margulies sind. Er gründete diese erste Jeschi-