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Die Wahrheit · 1931-12-18 · Heft 51 (18.12.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 51 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 80 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbartingen der Erscheint jeden Freitag israelitischen Ktritusgemeinde Wien Die tÜahrheif Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLV1I. Jahrgang Wien, 18. Dezember 1931 Nummer 51 Der kategorische Imperativ des Unterrichtsministers. Mit einer Konsequenz, die bei einem österreichischen Minister geradezu merkwürdig anmutet, und mit einem Eifer, der zweifellos einer besseren Sache würdig wäre, verfolgt Herr Doktor Czermak das Ziel, die österreichischen Hochschulen völlig dem Hakenkreuze auszuliefern. Mögen sich der Bundeskanzler und der Finanzminister den Kopf zerbrechen, wie Oesterreich vor einer Katastrophe zu bewahren wäre; möge sich der Innenminister über die Radikalisierung der breiten Volksmassen große Sorgen machen; möge sich der Handelsminister wegen der Verschlechterung der Handelsbilanz graue Haare wachsen lassen; möge der Landwirtschaftsminister verzweifelt um Rat Ausschau halten, wie der Notlage der Bauernschaft abzuhelfen ist, und mag der Sozialminister ob der wachsenden Arbeitslosigkeit .schlaflose Nächte verbringen — der Herr Unterrichtsminister hat nur die einzige und wichtigste Sorge: Die „Studentenschaften" müssen geschaffen werden! Der Herr Minister begnügt ,sich nicht mit den durch die entschiedene Rede Leuthners provozierten offiziellen Erklärungen im Parlament — er benützt jede sich darbietende Gelegenheit, um für das „Srudentenrecht" und für das Prinzip der „Volkszugehörigkeit" einzutreten, und wenn sich von katholischer Seite Bedenken äußerten, dann geht der Minister unter die Cevauer und verzapft vor ihnen seine Weisheit über das nationale Moment im Judentum, über die jiddische Sprache, über Zionismus und über das Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden usw. Das Organ des Abgeordneten Kunschak weiß über Bedenken in christlichsozialen Kreisen zu berichten; das Organ der Hakenkreuzler weiß von einer Intervention des Kardinals Dr. Piffl zu melden — Dr. Czermak aber verfolgt sein Ziel mit eiserner Konsequenz: Die „Studentenschaften" müssen geschaffen werden! Ja, „müssen" — denn es geht eben nicht anders. Das alte Oesterreich konnte ohne diese Institution das Auskommen finden; die österreichische Republik konnte sich ohne diese „Studentenschaft" 13 Jahre lang bebelfen — aber nun geht es nicht mehr weiter! Oesterreich hat zur Zeit einige wichtige Probleme zu bereinigen: Creditanstalt, Budgetdefizit, Devisenbewirtschaftung, Clearingabkommen, Abbau, Verwaltungsreform, Arbeitslosigkeit — aber dieses Sorgenbukett wäre nicht vollständig, wenn in ihm das „Studentenrecht" fehlte! .... Ueber alle anderen Probleme wird man schon irgendwie hinwegkommen; man vertraut der bewährten Verhandlungskunst des Bundeskanzlers und hofft, daß er schon das übliche österreichische Kompromiß finden werde, — aber in bezug auf das „Studentenrecht" gibt es kein Kompromiß, kein Nachgeben, keinen Aufschub, — justament und sofort müssen die „Studentenschaften" im Sinne der Forderungen der Hakenkreuzler geschaffen werden. Auf diese „Weihnachtsbescherung" wollen die Herren nicht verzichten und der Herr Unterrichtsminister will den „braven Kindern" die Freude nicht versagen .... Mit der gleichen Konsequenz kämpft aber auch das Hauptorgan der Christlichsozialen für das „Studentenrecht" und die „Volksbürgerschaft". Ja, die Konsequenz, mit der dieses Blatt eine Zeitlang den Vizekanzler Dr. Schober bekämpfte, wird direkt in den Schatten gestellt von der Konsequenz, mit der es sich für das „Studentenrecht" einsetzt. Und wenn der „Reichspost" am Schluß eines polemischen Aufsatzes das Geständnis entschlüpft, daß wir glücklich sein könnten, wenn wir keine anderen Sorgen hätten, — so spottet sie ihrer selbst und scheint dies gar nicht zu empfinden! .... Sicherlich wirkt es pittoresk, wenn Kreise, die sich sonst areligiös gebärden, plötzlich gegen die „Volkszugehörigkeit" die Dogmen der katholischen Kirche ins Treffen führen, und da hat die „Reichspost" leicht spotten. Uns Juden fällt es aber nicht im geringsten ein, uns im Kampfe gegen das „Studentenrecht" hinter denjenigen verstecken zu wollen, die durch das Taufwasser die „Schmach ihrer Geburt" abwaschen wollen; wir überlassen diese Elemente gerne ihrem Schicksal und werden wenig Empfinden haben für ihren Schmerz, wenn sie trotz 'der Taufe nicht voll genommen werden würden. Aber wenn ein christlichsoziales Organ auf diese Weise die Auswirkungen des Taufaktes einschränken will, so sägt es einen wichtigen Ast ab, auf dem die katholische Kirche sitzt. Uns kann es schließlich recht sein! Und wenn der Herr Unterrichtsminister die Frage aufwirft, ob man etwa einem getauften Juden wegen seiner Glaubenszugehörigkeit den Eintritt in die „Jüdische Studentenschaft" verweigern will, so müssen wir schon sagen: Die jüdischnationale Körperschaft, die auf dem Boden der „Czermakschen Volkszugehörigkeit" steht, kann den Täufling nicht ablehnen. Nur eine jüdische Körperschaft, die auf dem Boden der Religion und der Schicksalsverbundenheit steht, hat das Recht, dem Täufling und den Ausgetretenen voll Abscheu die Türe zu weisen. In dieser Bezieiiung sind wir eben konsequenter als die Herren Christlichsozialen und Jüdischnationalen. Unsere nationaljüdischen Glaubensbrüder können sich auf die Zusammensetzung ihrer „Jüdischen Studentenschaft" wirklich freuen. Wenn es nach dem Willen und den Worten des Herrn Ministers Czermak geht, dann werden auch die zum Katholizismus übergetretenen Juden Mitglieder der „Jüdischen Studentenschaft" sein. Wir empfinden es wahrlich als eine Schmach, daß Dr. Czermak hiebei nur die Konsequenzen aus der jüdischnationalen Einstellung eines Teiles der Judenschaft abzuleiten brauchte. Die Herren Zionisten scheinen frei von diesem Gefühl der Schmach und Beschämung zu sein. Sie fühlen scheinbar nicht die moralische Ohrfeige, die ihnen Czermak versetzt, und fühlen sich etwa noch geschmeichelt über die Komplimente, die er dem „sehr geschätzten jüdischen Volke" und dessen „bewunderungswürdigen Zusammengehörigkeitsgefühl" macht. Wenn nicht alles trügt, scheinen sie wirklich in ihrer verblendeten Konsequenz dem Herrn Minister auf den Leim zu gehen. Denn nicht nur der revisionistische Flügel, sondern auch die „Alten Herren" sämtlicher jüdischnationaler Studentenverbindungen erklärten sich mit der Bildung von „Studentennationen" bei Wahrung der Gleichberechtigung aller Nationen einverstanden. Sie stecken den Kopf in den Sand und wollen nicht sehen, wer ihnen dieses Danaergeschenk der „Studentennation" anbietet. Glauben sie wirklich, daß auf dem von Rassenantisemitismus gedüngten Boden das zarte Pflänzchen der Gleichberechtigung gedeihen kann? Es ist deshalb eine Spiegelfechterei, wenn dieser Verband der „Alten Herren" die Wahrung der Gleichberechtigung erhofft und „die Einrichtung einer Volksbürgerschaft als Staatsbürgerschaft minderen Rechtes" ablehnt. So sehr wir uns dagegen sträuben, in diese Angelegenheit persönliche Momente hineinzutragen, so können wir uns des Eindruckes nicht erwehren, daß die Propagatoren des „Studentenrechtes" gerade die schweren Sorgen, die auf den Leitern aller Ressorts zur Zeit lasten, dazu benützen wollen, um die maßgebenden Faktoren mit dem „Studentenrecht" zu überrumpeln. Wir können es uns psychologisch ganz gut vorstellen, daß die Mitglieder des Kabinetts nach einem stundenlangen Ministerrat, der sich mit dem Creditanstalt-Problem und mit der Abbaufrage befaßte, abgespannt und Jüdische Hochschüler! Auf asum. Kampfe gegen das Es geht um unsere Rechte an den Hochschulen und unsere zukünftige Stellung im Staat! Sammelt Euch in der im Rahmen der „Union" bestehenden Öster reidiisdi Jfldtsdien Ahademihcr Union? Beitrittsanmeldungen Berggasse 4, Telephon A 19-2-77. Mitglieder und freunde der „Union" ODertraten Lebens- und Elemenfar- Versidierungen der Städtischen Vercicherungsansfalt _________

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