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Die Wahrheit · 1931-12-11 · Heft 50 (11.12.1931) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 50 (11.12.1931)
Date
1931-12-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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OSE WAHRHEIT S«it*5 Städtische VeisicheruiMisaiistalt Direktion: Wien I-, Tuchlauben Nr. 8 Telephon Alle Vcrsithcninqszwcinc Veröffentlichungen der „Union *€ Antisemittscher Wirtschaftsboykott. Von dem Großmeister der Wiener Hakenkreuzler, von Walter Riehl, der einstens den Ehrgeiz hatte, „ausgerechnet" die Leopoldstadt im Nationalrat zu vertreten, stammt das Wort: „Jeder Angriff gegen das Judentum muß scheitern, so lange er nicht gegen die Grundfeste der jüdischen Macht, gegen seine wirtschaftliche Stellung gerichtet ist. Wenn kein Arier beim Juden kauft, dann ist der Jude erledigt" Das ganze Jahr hindurch wird in Stadt und Land dieser Gedanke mit allen Mitteln der Propaganda in die Köpfe der christlichen Bevölkerung eingehämmert. Eine besondere Vehemenz gewinnt diese antisemitische Boykottbewegung alljährlich im Monat Dezember. Auf Plakaten und in der antisemitischen Presse prangt in Balkenlettern der Ruf: „Kauft nicht beim Juden!" Die Hakenkreuzler, die ansonsten so tun, als ob es ihnen nur um die Reinhaltung und Höherzüchtung ihrer nordischen Rasse zu tun wäre, sie, die die „materialistische Lebensauffassung der Sozi und Juden", nicht genug verdammen können, verstehen sich sehr wohl aufs Geschäft. In .W i e n selbst tritt dieser Boykott nicht so augenfällig in Erscheinung, aber in den größeren und kleineren Orten der Provinz sind die jüdischen Geschäftsleute schutzlos gegenüber den rohen und hemmungslosen Verleumdungen der antisemitischen Geschäftemacher ausgeliefert. Schutzlos! Diese antisemitischen Verleumder sind geschickt genug, um nicht dem einzelnen jüdischen Geschäftsmann die Handhabe zu einem gerichtlichen Einschreiten zu geben. Jüdischen Korporationen steht leider bisher nach der gegenwärtigen Gesetzeslage auch nicht eine Legitimation zur Erhebung einer Anklage zu. Bleibt also nur der Schutz durch Polizei und Staatsanwalt. Doch, wie sieht es damit aus?! Ein Beispiel soll dies zeigen. In einer österreichischen Landeshauptstadt rufen mannshohe Plakate die christliche Bevölkerung zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. In den Straßen werden seit den ersten Dezembertagen gleichlautende Flugzettel der Hakenkreuzler verteilt. Die Ortspolizei, von den jüdischen Geschäftsleuten zum Einschreiten, zur Konfiskation dieser gegen das Strafgesetz verstoßenden Plakate und Flugzettel aufgefordert, weist unsere Glaubensgenossen an den Staatsanwalt. Dieser tritt die Sache an die Oberbehörde ab. Die Oberbehörde, bei der ein Repräsentant der „Union österreichischer Juden" vorspricht, gibt unumwunden zu, daß dieser Boykott das Delikt des § 302 des Strafgesetzes (Aufreizung zum Haß gegen Konfessionen, Nationen usw.) beinhaltet, betont aber die Schwierigkeit, mit einer Anklage vor den in Betracht kommenden Geschworenen der Provinz durchzukommen, verweist den Intervenienten an das Justizministerium und dieses an seinen Chef, den Herrn Bundesminister für Justiz. Die „Union" wird nicht ermangeln, unverzüglich auch bei dieser Persönlichkeit vorzusprechen. Unsere Forderung ist klar vorgezeichnet: Nach der Rechtsauffassung des maßgebenden staatlichen Funktionärs ist das Delikt des § 302 gegeben. Also hat der Staatsanwalt die Anklage zu erheben. Wie die Geschworenen sich verhalten werden, kommt in zweiter Linie in Betracht. Die jüdische Bevölkerung soll aber wissen, daß die Staatsbehörden ihre gesetzliche Pflicht erfüllen, und die Antisemiten mögen erkennen, daß sie ein strafbares Delikt begehen. Ob sie der Strafe zugeführt werden oder nicht, das haben die Geschworenen vor ihrem Gewissen zu verantworten. Jagend-Union. Der heutfge Bericht über die Arbeit der Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden" umfaßt wieder eine geraume Zeit und müßte schon demgemäß einen Umfang einnehmen, der den Raumverhältaissen dieses Blattes nicht Rechnung tragen würde. Wenn man aber noch bedenkt, welch schöne Entwicklung die Vereinigung gerade in der letzten Zeit auf Grund ihrer vielen verschiedenen Veranstaltungen genommen hat. dann kann tatsächlich efa Zeitungsbericht nicht all das zum Ausdrucke bringen, was wirklich in dieser Periode Hervorragendes geleistet wurde. Der Grundsatz: „Ueberzenge dich selbst!" trifft auch hier zu: wir können mit Fug und Recht allen Lesern der „Wahrheit" empfehlen, die Abende der Jugend-Union, die nun, da sich das bisherige Lokal schon als zu klein erwiesen hat, im Goldsaal des Cafe Silier, Wien L, Schwedenplatz, stattfinden, nicht nur selbst zu besuchen, sondern auch ihre Söhne und Töchter und aU ihre Jugendlichen Bekannten zu diesen Veranstaltungen mitzubringen, sie werden — dessen sind wir gewiß — erfreut sein über die Ausbreitung, die die Jugend-Union immer mehr nimmt und insbesondere über das schöne SoSdaritätsgefühl, das in dieser Vereinigung herrscht, die ihrem Ziele, ein Mittelpunkt des jungen jüdischen Wien« zu werden, stets näherzukommen bestrebt ist. Unter diesem allgemeinen Gesichtspunkte seien die Veranstaltungan der Berichtsperiode nur einfach oharakterisieTt, gleichzeitig aber festgestellt (faß sie alle sich eines glänzenden Zuspruches erfreuten und viele unter ihnen waren, die in weitesten Kreisen einen nachhaltigen Eindruck auslösten. Dies gilt gleich von dem ersten Literarischen Abend der Jugend-Union (3. November), auf dem S. Taubes „Aus eigenen Feuilletons" (Jüdisches und Allgemeines) ausgezeichnete Proben seins ganz hervorragenden literarischen Talents bot, deren bester Interpret der Autor selbst war, der mit gediegenem Verständnis dSe begeisterten Zuhörer in seine so einheitliche Gedankenwelt einzuführen wußte. Der Abend, der von einem ätustren Publikum ausgezeichnet besucht war. das den Vortragenden mSt wohlverdientem reichen BeifaHi bedachte, war der erste in einer Reihe gleicher Veranstaltungen der Jugend-Union, in denen junge Wiener jüdische Schriftsteller und Schriftstellerinnen zum Worte kommen werden: sein hübsches Reinerträgnis floß einem neugeschaffenen Fonds dieser Vereinigung für jüdische KönstJer zu, ein Projekt, das besonderen Anklang fand. — Ein ertreuliches Zeichen des Interesses, das die Mitglieder der Jugend-Union an ihrer Organisation nehmen, ist der Umstand, daß in der Berichtsperiode zweD Diskussionsabende abgehalten wurden, auf denen Mitglieder der Vereinigung selbst ausgezeichnete Referate erstatteten. Am 10. November sprach Herr Walter Weinberg über „Die Jüdischen Seeleraforscher Freud und Adler", deren wissenschaftliche Theorien er sshr anschaulich zu entwickeln verstand. Die anschließende Debatte, an der sich insbesondere die Herren Präsident Dr. J. Ornstein, Obermedizmatrat Dr. H. Haase, der Obmann der kulturellen Sektion der Jugendgruppe Max Mark. S. Bergmann und S. Taubes beteiligten, befaßte sich vornehmlich mit dem großen Anteil der Juden an der Seelenkunde, zu der der Vortragende «n seinem interessanten Referate manches zu sagen gewußt hatte. — Der zweite von einem Vereinskollegen gebotene Vortrag betraf ein allgemeines Thema, wie es ja überhaupt dem Programm der Vereinigung entspricht, die Mitglieder nicht nur jüdisch zu bilden, sondern sie auch •über wissenswerte Dinge unserer Tage zu informieren. Angesichts der Spannung, mit der heute die ganze Welt auf Deutschland blickt, dessen Judenheit jetzt so schwere Tage durchmacht, war es ein glücklicher Gedanke der Veremsleitung. den MttgBdern durch Rudolf Steiner, der die deutsche Reichshawptstadt genau kennt. Einblick in „Das moderne Berlin" zu verschaffen. Sein hübscher Lichtbildervortrag (1. Dezember) fand denn auch lebhaftes Interesse und er erntete mit seinen teilweise launigen Ausführungen viel Beifall. Der gelungene Abend war durch eine wirkungsvolle Rede des Obmannes der Jugend-Union, Sekretär Oskar Hirsebrei d, über die unermüdliche Arbeit der „Union" in dem der österreichischen Judenschaft aufgezwungenen Kampfe um das „Studentenrecht" eingeleitet worden. — Ueberhaupt begegnet die Abwehrarbeit der „Union" sehr starker Begeisterung m den Kreisen ihrer Radio, tirammopfeeiK Mitillplaittn neueste Schöpfungen, auch Taoscfc, Zahlungserieiehterimg. „filphora", I., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 Jugendgruppe, und es haben sich in ihr schon so manche gefunden, die an dieser Tätigkeit regen Anteil nehmen. Dementsprechend war auch das Interesse für einen programmatischen Vortrag sehr stark, den der Vizepräsident der „Union", Herr Dr. Karl Steiner, am 24. v. M. unter dem Motto „Abwehren und Bekennen!" hielt. Der Redner entwickelte Programm und Geschichte der nun fast fünf Jahrzehnte für die österreichische Judenschaft hingebungsvoll arbeitenden „Union" und fand in dem mit stürmischem Jubel begrüßten Senior dieser Vereinigung. Herrn Hofrat Dr. Joset L ö w n e r, eine wirkungsvolle Ergänzung, der seine persönlichen Erfahrungen auf diesem Gebiete besprach. Auch an das fesselnde Reierat Dr. Steiners schloß sich eine lebhafte Debatte, in der insbesondere dem Wunsche nach stärkerer Propaganda Ausdruck verliehen wurde, ein Wunsch, den che Jugend-Union jetzt zu erfüllen sich anschickt, wie ihre in diesen Blättern bereits besprochene Floridsdorf er Werbeversammlung vom 17. v. M. glänzend bewies. — Schließlich sei noch der Diskussionsabend vom 8. d. M. erwähnt, auf dem Frau Louise Fischer- Treu über die tiefe Tragik sprach, die in der heute in Erscheinung tretenden Kluft zwischen „Jugend und Alter" liegt, ein Problem, das besonders für uns Juden, deren FamxKensinn seit Jahrtausenden bekannt ist, von großer Bedeutung ist Dieser Umstand wurde auch in der regen Wechselrede erörtert, in der insbesondere Reg.-Rat Dr. Lenk über das Schwinden der Autorität und Dr. Ernst Feldsberg, wie auch Präs. Dr. J. Ornstein über Jugenderziehung geistreiche Meinungen äußerten. Einen sehr schönen Aufschwung hat die Vergnügungssektion der Jugend-Union unter der neuen Leitung des Herrn N. Koff ler genommen, der mit viel Verständnis immer dem Geschmack des großen Publikums, das die geselligen Veranstaltungen der Jugend- Union besucht. Bestes zu bieten weiß. Sem Arrangement bewährte sich insbesondere bei einer großen Akademie mit anschließendem Tanz, die am 21. v. M. im Goldsaal des Cafe Silier stattfand und solche Massen anlockte, daß der Saal poüzeäich gesperrt werden mußte. Das Programm war aber auch wirklich ganz erstklassig, insbesondere entfesselten die entzückenden Gesangvorträge der ungemein talentierten Jenny Stein Beifallsstürme, die sich erst nach mehreren Darbietungen legten: auch die neuengagierte Arizone-Band sehr rasch beliebt geworden. Allgemein war der Wunsch nach emer Wiederholung dieser so gelungenen Veranstaltung, die denn auch für Samstag, den 19. d. M„ 8 Uhr abends. Im Goldsaal des Cafe Silier, angesetzt wurde, bei der wieder ein besonders reichhaltiges, schönes Programm geboten werden wird. Diese Veranstaltungen wie auch die faltweise stattfindenden Klubabende dienen der Sammlung von Interessenten für die Ende Jänner in einem der größeren Wiener Säle beabsichtigte Knastlerakademie der Jugend-Union anläßlich deren Gründungsfestes. Daß die Jugend-Union an der ..U n i o n" - C h a n u k a - F e i e r vom 5. d. M„ die wir nn anderer Stelle besprechen, hervorragenden Anteil nahm, sef in diesem Zusammenhange nur nochmals kurz erwähnt: von ihr ging auch die Anregung, das Reinerträgnis der Notstandsaktion der KuHusgemeinde zuzuwenden, aus. wie überhaupt die soziale Betätigung der Jugend-Union im eigenen Kreise oder aber in Verbindung mit befreundeten Wohitätigkeitsvereinen besonders lobend festgestellt sei. Endlich sei noch auf die Tätigkeit der Sportsektion der Jugend-Union hingewiesen, die jetzt auch einen Turnkurs eingerichtet hat (jeden Montag zwischen %9 und K>9 Uhr abends int Tarnsaal der Schwarzwald- Schule, Wien L, Reglerungsgasse 1. IV. Stock), bei dem unter Leitung eines staatlich geprüften Sportlehrers in ganz erstklassigen Räumlichkeiten gegen eine minimale Teilnehmergebühr Schwedische Gymnastik (Skigymnastik) betrieben wird. Dieser Kurs, der sich regen Zuspruches erfreut, findet seine Ergänzung durch den Schwhnmkurs, der Jeden Donnerstag. Vi9 Uhr abends. Int Dianabad. stattfindet und bei' dem die Interessenten (auch Anfänger) in allen Schwimmarten unterrichtet und trainiert werden. Die in Gründung befindliche Skteektloa plant zwischen dem 24. Dezember 1931 und 2. Jänner 1932 eine Tour nach Wiener-Bruck, für die Anmeldungen bei Herrn Erich Wechsler. Wien IL. Joseiinengasse 4, Telephon R 41-7-79. vorgenommen werden können. Union-Frauen-Klub. Nach einer durch die Umstände erzwungenen längeren Pause hat der Union-Frauen-Klub am letzten Mittwoch seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Frau Fischer-Treu erstattete ein überaus interessantes Referat über das Programm des Klubs und beleuchtete hierbei in anregender Form den großen Kreis der Aufgaben, die zu erfüllen die „Union" freiwillig auf sich genommen hat. Die Referentm betonte mit allem Nachdruck die Verpflichtung aller jüdischen Frauen, deren Leistungsfähigkeit m so mancherlei

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