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Die Wahrheit · 1931-12-11 · Heft 50 (11.12.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 50 (11.12.1931)
Date
1931-12-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ben kann Verheerung und Verwüstung anrichten. Möge aus dem tränenfeuchten Staube, den diese Särge in sich bergen, und aus der gemeinsamen Erde, in welcher sie ruhen werden, der Baum des religiösen Friedens und der konfessionellen Eintracht, nicht bloß im Tode, sondern auch im bewegten Leben emporsprießen, — möge unsere Stadt, wie sie musterhaft durch ihre Wohltätigkeit ohne Unterschied der Konfession ist, auch allen Städten und Staaten vom heutigen Tage voranieuchten durch edle Brüderlichkeit, welcher keine Sprache fremd ist, keine Konfession fernsteht: dann wird der Feuerbrand in der Nacht des 8. Dezember nicht bloß verwundet und verwüstet, zerstört und getötet, sondern auch in einer Zeit der Rassenkämpfe und der konfessionellen Zwietracht Frieden gestiftet und den Brudersinn belebt haben. Friede den Nahen, Friede den Fernen spricht Gott, ich heile den Schmerz, lindere die Trauer, tröste die Betrübten, richte auf die Gebeugten! Bei der Trauerleier am Abende des 15. Dezember 1881 im Tempel der israelitischen Kultusgemeinde in der Inneren Stadt ,Die ganze Stadt geriet in Bestürzung und Aufregung!'' (Rut 1, 19.) Welche Stadt? Etwa das kleine Bethlehem in Judäa, von welchem das Buch Rut erzählt? 0 nein! Ich meine eine der größten Weltstädte, deren Einwohner nach Hunderttausenden zählen, den Mittelpunkt eines droßen Reiches, ich meine unsere Stadt, welche in Bestürzung und Aufregung geriet bei der Schauerkunde, welche Millionen Menschen in der alten wie in der neuen Welt aufs tiefste erschütterte, die mit Flammenschrift in den Annalen Wiens verzeichnet bleibt und die ich wahrlich nicht mit besonderen Worten anzugeben brauche. Sieben Tage sind bereits vorüber, seitdem die Feuerflammen hier blutigrot gegen den Himmel aufloderten und in ihrer Nähe dichte, undurchdringliche Finsternis alles verdeckte und verhüllte und beides. Flammen und Finsternis, dem Leben von Hunderten ein schreckliches und schauerliches Ende bereiteten — aber die Bestürzung ist nicht geschwunden, die Aufregung nicht beschwichtigt, noch immer wehklagt unsere Stadt mit dem Buche Rut: Ach nennt mich nicht „Noomi", die liebliche, gemütliche, trauliche, lebensfreudige, aus deren Antlitz Frohsinn und Heiterkeit jedem Bewohner und Besucher entgegenlächeln, sondern nennet mich „Mara", die bittere und verbitterte, die trübe und betrübte, die verstörte und verheerte. Ich, die volkreiche, auf deren Plätzen und Märkten es hin und her wogt, gehe gebeugt einher, bald still weinend, bald laut klagend. Nur die Toten, ob das Feuer sie verzehrt, der Rauch erstickt, die Wucht erdrückt, der Fuß zertreten hat, nur sie ruhen bereits im einzelnen oder im gemeinsamen Grabe, vor welchem wir am zweiten Tage dieser Woche im Vereine mit den Vertretern aller Konfessionen, verbunden durch gleichen Jammer und gleiches Wehe, wehmütig standen — und heute am Abend des 15. Dezember erscheinen wir an der heiligen Andachtsstätte unserer Gemeinde mit dem Aus- und Aufrufe: Den Toten unsere Tränen, Den Trauernden unsere Teilnahme, Den Verlassenen und Verwaisten unsere Liebe Und unser Erbarmen! „Den Toten" — wer kennt sie alle, wer nennt sie alle, wer fand sie alle, wer begrub sie alle! „UnsereTräne n!" Wäre jedes Menschenauge in unserer Residenz ein fließender Tränenbach und vereinigten sich alle zu einem gewaltigen Strome, sie reichten nicht hin, diese Toten, diese Todesart voll Schrecken, Schauern und Schaudern zu beweinen und zu beklagen! Wenn die Tränen, welche man guten Menschen nachweint, nach dem Ausspruche der jüdischen Weisen von Gott gezählt und unter den kostbarsten Schätzen aufbewahrt werden als Zeugnisse dieses Menschenherzens voll Rührung: _wie erst diese Tränen, die Tränen über unsere Toten, die Toten von der Schauernacht des 8. Dezember! „Den Trauernden unsere Teilnahme!" Vergebens ringt die menschliche Sprache nach Worten und Ausdrücken, um die Trauer der Hinterbliebenen zu schildern, die Trauer der Gatten und Gattinnen, der Eltern und Kinder, der Brüder und Schwestern, die alle urplötzlich und in so grauenhafter Weise, daß die menschliche Phantasie vor den Jammerszenen zurückbebt, ihrer Lieben beraubt wurden, und vieler unter denselben, an deren Dasein nicht einmal ein bescheidener Grabstein erinnert. All diesen Trauernden können wir keinen anderen Trost bieten als unsere Teilnahme, die Teilnahme der ganzen, großen Kultusgemeinde, die nicht bloß heute, sondern jedes Jahr am 8. des Monates Dezember der Verunglückten an dieser Stätte gedenken wird. Der Tempel Salomos hatte nicht bloß einen Opferaltar, sondern auch zwei Pforten, um den Brüdern und Schwestern in Freud und Leid Teilnahme zu bezeigen. Durch die eine schritten die Brautpaare, welche die versammelte Gemeinde mit dem Wunsche begrüßte, daß deren Ehebund gesegnet sein möge, durch die andere die Trauernden und Leidtragenden, denen der Zuruf entgegentönte: Möge der Gott der Liebe und des Erbarmens, der hier thront, euch Trost spenden — und so rufe ich auch den hier versammelten, tiefgebeugten Trauernden im Namen unserer Gemeinde zu: Möge der Gott, dessen Gnade und Barmherzigkeit wir hier so oft anrufen, euere Seelen trösten und euere verwundeten Herzen heilen! „Den Verlassenen und Verwaisten unsere Liebe und unser Erbarmen!" Hier hören wir wieder die Pulsschläge des vollen Lebens mit seinen gebieterischen Forderungen, hier regt sich wieder die kraftvolle Tat mit ihren helfenden Mitteln! Liebe und Erbarmen allen, die am Morgen des 9. Dezember vor der Brandstätte standen, vereinsamt, verlassen, hilf- und ratlos, spähend, ohne zu finden, rufend, ohne Antwort zu vernehmen, ailein mit ihrem tiefen Wehe und ihrem unaussprechlichen Seelenkummer. Liebe und Erbarmen den verwaisten Kindern, denen die Nacht des 8. Dezember den Vater entrissen, welchem sie eine gute Nacht wünschen, die Mutter getötet hat, welche sie am nächsten Morgen küssen wollten und die nun mit dem Psalmisten ausrufen: „Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, ohne ein Wort des Abschiedes verlassen, ach sie kommen nicht wieder, fort, fort sind sie von dieser Erde, — Gott allein.. ist mein:. Schutz und: meine Zuflucht!" Auf denn, Israel, beherzige das Wort deiner Weisen, nimm diese verlassenen Kinder in dein Haus, widme ihnen dein Herz und deinen Geist, pflege sie, nähre sie, leite sie, erziehe sie mit väterlicher Liebe und mütterlichem Erbarmen, damit du eine Wohltat übest, die ununterbrochen fortwährt vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Auf, Volk der Thora, Volk Abrahams, deines Stammvaters, von welchem du ein Herz voll Liebe und Erbarmen geerbt hast, auf denn, die Tränen, welche du den Toten geweiht und die Teilnahme, die du den Trauernden geschenkt hast, sie mögen sich verwandeln in eine Aussaat der Liebe und des Erbarmens! Chanaka-Feiern in schwerer Zeit. Allgemein ist der Jammer: die Zeit ist schwer, die Krise furchtbar, die Geschäfte gehen schlecht, die Arbeitslosigkeit steigt von Tag zu Tag und das Entsetzlichste: ein Ende dieser Not ist nicht abzusehen, im Gegenteil, wir glauben es zu wissen, daß es noch schlechter werden wird. Und dennoch: während aller acht Chanukatage haben im jüdischen Wien Feiern stattgefunden, deren vornehmlichster Zweck es war, arme Glaubensgenosesn und insbesondere notleidende jüdische Kinder zu beschenken und zu bekleiden. Ist diese Erscheinung auffallend, ist säe unverständlich? Man bekommt, wenn man in jüdischen Kreisen dieses Problem bespricht, zu seiner Erklärung gewöhnlich die stereotype Antwort: „Das jüdische Herz schlägt noch!" Gewiß, das jüdische Mitempfinden ist noch immer stark genug, daß es auch so schweren Krisen wie denen unserer Tage zu begegnen versucht, aber was nützt alles Mitempfinden? . . . Die Not unserer Zeit hat ja auch Schichten des Judentums erfaßt, die früher noch zu den wohlhabenden zählten und gerne und willig gaben, wo zu geben Anlaß war, die sich aber heute zu gleicher Opferwilligkeit außerstande sehen. Woher aber doch dieses Aufflackern jüdischer Hilfsbereitschaft im Zeichen unseres schönen Lichtfestes? Eine Erklärung mag versucht sein, die nicht den Anspruch auf unbedingte Richtigkeit erhebt, dennoch aber dem Kern des Problems am ehesten nahekommen dürfte: Die zunehmende Verelendung des jüdischen Mittelstandes läßt diesen die furchtbare Situation erkennen, in der sich jene befinden, die schon dem Hunger und der Not preisgegeben sind. Welche Deutung man auch immer der Frage geben mag, die jetzt auch angesichts der verschiedenen Notstandsaktionen so aktuell ist, erfreulich bleibt jedenfalls die Tatsache, daß das jüdische Wien sein Chanuka-Fest mit viel Liebe feierte und daß überall Feiern stattfanden, die der Wohltätigkeit dienten. Raummangel zwingt uns, die Beschreibung der einzelnen größeren Veranstaltungen, die in allen Wiener Bezirken abgehalten wurden, für die nächste Nummer zurückzustellen.*) Die Begeisterung, mit der überall an das schöne Werk gegangen wurde, verdient rückhaltslose Anerkennung, und so ist es eigentlich ungerecht, irgendwelche Feiern besonders hervorzuheben. (In Parenthese sei vermerkt, daß die Gleichzeitigkeit dieser Feiern — so fanden in der Leopoldstadt drei besondere Veranstaltungen großer Vereine zu derselben Stunde statt — vielfach unangenehm empfunden wird; es wäre doch gut, wenn für die Zukunft hier Abhilfe geschaffen wird.) Für heute sei festgestellt, daß vor allem die Jugendgottesdienste, die Samstag, den 5. Dezember in allen Wiener Bezirken im Zeichen des Chanuka-Festes standen, ganz ausgezeichnet besucht waren, die Eltern waren der an sie ergangenen Aufforderung, ihre Kinder zu der Feier zu begleiten, in erfreulich starker Welse gefolgt und *) Zur Veröffentlichung bestimmte Berichte werden bis längstens Montae. den 14. d. M.. erbeten. D. Red. so bevölkerte überall jung und alt die Gotteshäuser, in denen erhebende Gottesdienste mit feierlichen Ansprachen stattfanden. Im Anschluß an diese Feiern, deren Gelingen ein neuerlicher Beweis der mustergültigen Arbeit der Unterrichtskommission der Kultusgemeinde (Obmann Dr. J. Ticho) und des Leiters des Schulamtes, Inspektor J. Oehler, darstellt, wurden die freudig gestimmten Kinder mit Geschenken reichlich bedacht, bei welcher Bescherung in manchen Bezirken — so im II. Bezirk — die Elternvereine rührig mitwirkten. Wie erwähnt, fanden in vielen größeren Vereinigungen schöne Chanuka-Feiern statt, die durchaus würdig verliefen und insbesondere restlos ihren Zweck erfüllten, die Bedürftigen mit Gaben zu bedenken. | In memoriam SigmundMayer\ Zu seinem 100. Geburtstag. Von Sidonie Rosenberg. Sigmund Mayer, der unermüdliche Vorkämpfer für Recht und Gerechtigkeit, wäre jetzt 100 Jahre alt gewordten. Gewiß war ihm ein hohes Alter, 89 Jahre, in vollster geistiger Rüstigkeit beschieden; die körperliche beeinträchtigte seine in den letzten Jahren eingetretene Blindheit Aber viel zu früh starb er trotzdem für uns Juden. Sein bis zuletzt noch jugendlicher Enthusiasmus, seine Energie, sein Rat fehlte oft und oft in den letzten Jahren. Sagte doch sein treuer Kampfgenosse Dr. S. Bloch, der ebenso unvergeßlich in unserem Gedienken weiter lebt, häufig zu Mayer: „Ich bin nicht so jung wie Sie, ich bin ruhiger, nicht so rasch ins Zeug gehend wie Sie." Was Mayer für die Juden geleistet soll hier nicht einzeln aufgezählt werden. Unvergängliches Verdienst erwarb er sich auch dadurch, daß er dem Judentum einen ihm gebührenden Platz in der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Wiens verschaffte. Seine zwei Standardwerke „Ein jüdischer Kaufmann, 1831—1911", wohl nur als Biographie gedacht aber weit über diesen Rahmen hinausgehend, sowie „Die Kulturgeschichte der Wiener Judlen, 1700—1900" haben auch den Nichtjuden die Bedeutung unseres Volkes für Sittengeschichte, Kultur, Erwerbswesen von altersher bis in unsere Zeit klar gelegt. Vielleicht wird der Wissenschaftler an diesem oder jenem das rein Wissenschaftliche vermissen, aber wie heißt es im Faust: „Grau, Freund, ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum". Und! wer die Schilderung des Ghetto und seiner Menschen gelesen, wird sie nie vergessen. Wie häufig war ich selbst Zeuge, wie Nichtjuden sich enthusiastisch darüber äußerten und erklärten, Mayers Buch habe ihnen grundlegende Aufschlüsse geboten. Er, der sein geliebtes Studium aufgeben mußte, um Geschäftsmann zu werden, gereichte auch auf diesem Gebiete zur Zierde, er war nach Arbeit Initiative und Gesinnung ein königlicher Kaufmann. Die Arbeit hinderte ihn nicht an karitativer, politischer und publizistischer Tätigkeit Was er darin Gutes getan, wußten oft nicht einmal seine Nächsten, sein Motto war: „Tust Du was Gutes, wirf's ins Meer, sieht's nicht der Fisch, sieht's doch der Herr!" Das Rechtsschutzbüro der „Union", der Hilfsverein für diie Juden in Galizien haben tausenden und tausenden geknechteter Menschen Recht und Gerechtigkeit, Arbeit und Brot verschafft und schon aus diesen Gründen allein sei sein Name und sein Andienken gesegnet Selbstverständlich war auch seine publizistische Tätigkeit von dem Gedanken an Gerechtigkeit beherrscht und seine damalige Opposition gegen den Befähigungsnachweis im Handelsgewerbe war ein neuer Beweis für sein unentwegtes Gerechtigkeitsgefühl, gepaart „mit kühlem Verstände und warmem Herzen." Welch großer Geist, welch profundes Wissen, unterstützt von einem treuen Gedächtnis, lebte in ihm, dessen schöner Kopf frappant dem „jüdischen Kaufmann" von Rembrandt ähnelte. Langsam schwindet die Zahl derjenigen, welche ihn, den kleinen Mann mit den trotz seiner Blindheit so klaren Augen, noch persönlich gekannt haben. Aber wer ihn gekannt, dem bleibt er unvergeßlich.

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