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Die Wahrheit · 1931-12-11 · Heft 50 (11.12.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 50 (11.12.1931)
Date
1931-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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EHE WAHRHEIT Sehe i Randglossen zur Tagesgeschichte. Hitler ist voller Hoffnung, in absehbarer Zeit die Macht in Deutschland ergreifen zu können — und als Vorbereitung ist er bestrebt, seine „Regierungsfähigkeit" zu beweisen. So erläßt er Botschaften an das Ausland, hält Ansprachen vor den "Vertretern der auswärtigen Presse und entsendet seinen Adlatus nach Paris und London, um dort die wegen des Programmes der Nationalsozialisten herrschenden Bedenken zu zerstreuen. Er mausert sich also, gießt "Wasser in seinen Wein, versichert hoch und heilig, den Boden der „Legalität" nicht zu verlassen, verspricht, die privaten Schulden anzuerkennen und nur die Bezahlung der Reparationslasten abzulehnen usw. Mit einem Worte: ans dem Saulus wird nach und nach ein Paulus!... und all das nur zu dem Zwecke, um an der Uebernahme der Macht im „Dritten Reiche", die Brüning ihm im Innern schwer machen will, nicht von außenher behindert zu werden. Ob man in Paris und London diesen Versicherungen irgendwie Glauben schenken wird, bleibt dahingestellt. Begreiflich ist aber, daß dem Allgewaltigen gerade jetzt die Entdeckung der „Boxheimer Dokumente" sehr ungelegen kommen mußte und daß er daher seine eigenen Hintermänner verleugnet und jeder Eigenmächtigkeit mit dem Ausschluß droht. Nichtsdestoweniger wird Hitler wohl zugeben müssen, daß der Boxheimer „Kriegsplan" Fleisch von seinem Fleische ist und daß man in ihm den Vater dieses Gedankens erblicken müsse. Darauf deutet schon der „Judenpunkt" in diesem „Programm": die Proskriptionsliste gegen die Juden und der Plan, diese völlig dem Verhungern preiszugeben! . . . Alle Wasser des Rheins und der Spree werden es nicht vermögen, die Nationalsozialisten von diesem Schand- und Blutfleck reinzuwaschen. Da hilft kein Leugnen und kein Vertuschen! . . . Aber Hitler geht in seinen Bemühungen, als „regierungsfähig" zu gelten, noch einen Schritt weiter: Um sich auch die Gunst Mussolinis zu erwerben, „verzichtet" er auf Deutschsüdtirol! . . . Die Nationalsozialisten, denen nur die Träger der Braunhemden genug ehrlich-deutsch sind, findiese oder jene Persönlichkeit von Juden abstamme, — aber gerade die „Reichspost" sollte sich hüten, den Konvertiten so unverblümt den Stuhl vor die Türe zu stellen. Gar mancher ihrer Hintermänner würde ihr dafür wenig Dank wissen. "~ * * * * Die „Reichspost" ist aber auch national überempfindlich geworden. In einem Wiener Cafe wurden katholische Studenten von nationalsozialistischen Kollegen überfallen und ebenso verprügelt, wie einige Tage später jüdische Studenten in den Universitätshörsälen. Darob ist die „Reichspost" sehr gekränkt und findet, daß „solche Vorfälle zur Zeit des schwersten Kampfes um das deutsche Studentenrecht wenig nationale Gesinnung bei jenen beweisen, die gerade auf diese Gesinnung sonst solchen Wert zu legen scheinen." ... Also, jetzt plözlich segelt das Organ Dr. Seipels ganz im nationalistischen Fahrwasser. Will es damit dem Vorwurf der Anschlußgegnerschaft und der Sympathien für die Donauföderationspläne begegnen? Wenn es dem Blatt tatsächlich darum zu tun ist, sich von diesen Vorwürfen reinzuwaschen, warum führt es dann einen so rücksichtslosen Kampf gegen Dr. Schober wegen seiner deutschorientierten Außenpolitik? Kann man zugleich deutscher Nationalist und Anschlußgegner sein? Kann man mit Paris und Prag liebäugeln DAS IDEALSTE GESCHENK sind TEPPICHE "m TEPPICHHAUS VORHSNGE 0. A____ _ _ Ä S""). SCHEIN A.G. nur I.. 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Dieser Programmpunkt ist überall zu finden, wo es gilt, einen großen Kladderadatsch zu arrangieren, — denn dazu gehört nicht viel Weisheit, das erfordert nicht viel Kopfzerbrechen! Es ist bequem, gegen die Juden loszugehen, — und würde sich auch lohnen! Alles hat sich im Verlaufe der Zeit geändert — nur der Judenhaß behält immer seine alte Fratze weiter .... * * * Eine hakenkreuzlerische Studentin in Berlin ist auf einen eigenartigen Einfall gekommen: an einer jüdischen Leiche, die sie zu Studienzwecken sezierte, schnitt sie an einer hierzu „besonders geeigneten Stelle" — ein Hakenkreuz ein. Diese geradezu perverse Leichenschändung sollte zunächst vertuscht werden, kam aber dennoch auf und nun wird diesbezüglich eine strenge Untersuchung geführt. Das Ergebnis und die Sühne bleiben abzuwarten — aber die Tatsache bleibt bestehen, daß das Hakenkreuz bereits bei der Leichenschändung angelangt ist. Höher geht's nimmer! Spectator. Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von lfersicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt den nichts darin, die Deutschen Südtirols zu opfern . . . Daß seine Partei mit Sozialismus nichts zu tun hat, ist schon hinlänglich bekannt; jetzt zeigt sie, wie es bei ihr um den Nationalismus bestellt ist. Also, weder national noch sozial — und das nennt sich „Nationalsozialismus"! * . * * Trotz dieser Zickzackpolitik, die nur eine Konsequenz kennt, nach der Macht zu streben, wofür alle Mittel gut genug sind, finden sich noch Faktoren, die als ernste Politiker gelten wollen und die den Mut aufbringen, den Hitlerianern die Steigbügel zu halten und ihnen auch in Oesterreich zu Erfolgen zu verhelfen. Das kerndeutsche Tirol bedankt sich für ihren Besuch und versagt selbst einem leibhaftigen Hohenzollernprinzen die Redeerlaubnis — aber die Wiener Hochschulen sollen ihnen ausgeliefert werden, als erste Stufe zur Ausbreitung ihrer Macht auch in Oesterreich. Trotz aller Widerstände gegen das neue „Studentenrecht" wollen die Urheber desselben und ihre Hintermänner davon nicht ablassen. Selbst als sich aus katholischen Kreisen ernste Bedenken meldeten, läßt die „Reichspost" nicht locker und läßt einen angeblichen katholischen Führer für die „Volksbürgerschaft" eine Lanze einlegen. Die Hartnäckigkeit, mit der das Blatt den Wegbereiter für den Triumph der Rassenpolitik machen will, mutet geradezu pathologisch an. Es macht plötzlich die „Entdeckung", daß selbst die Taufe nicht hinreiche, um einen Juden zu einem Deutschen zu machen. Das Christentum ist eine Religion und keine Rasse! Sehr wohl; aber worin unterscheidet sich das christlichsoziale Blatt vom seligen Schönerer, der den Grundsatz predigte: Ob Jud', ob Christ ist einerlei — in der Rasse liegt die Schweinerei? Warum wurden Schönerer und seine Genossen gerade seitens der Christlichsozialen so arg befehdet, wenn sie sich nun sein Programm zu eigen machen? Wir haben nichts für die Täuflinge übrig und überlassen sie gerne ihrem Schicksal; wir setzen auch gar keinen Stolz darin, daß 50 Jahre nach dem Ringtheaterbrand. Von Rudolf Kraus. Anläßlich dieses traurigen Jubiläums brachten alle Tagesblätter Berichte über das schreckliche Unglück, welches durch das so viele Menschenopfer fordernde Feuer am 8. Dezember 1881 über unsere Stadt hereingebrochen war. Diejenigen, welche sich persönlich an dieses furchtbare Ereignis zurückerinnern können, erzählen noch jetzt von den Schrecknissen und Grauen dieses Brandes. Ein Ehrenzeugnis für die Wiener war das aufrichtige herzliche Mitempfinden, die allgemeine Teilnahme, die unverzüglich einsetzende beispielgebende Hilfsbereitschaft. Am 9. Dezember 1881 vormittags wurden von der Wiener Effektenbörse allein durch Sammlungen so viel Geldbeträge aufgebracht, daß dieselben einen Großteil zu dem „Ringtheater-Fonds" lieferten, aus welchem für die zu Waisen gewordenen Kinder, sowie für die in Not gebrachten Angehörigen der 386 Brandopfer in rationeller Weise durch Jahre hindurch ausgiebige Erhaltungs-, respektive Erziehungsbeiträge gegeben werden konnten. Es fanden sich auch viele gutherzige Familien, welche Kinder als eigen in voller Pflege übernahmen. Seit 1881 wird an jedem 8. Dezember im Stadttempel beim Abendgottesdienste ein besonderes Gebet verrichtet, das dem Andenken der bei dem Brande um ihr Leben gekommenen Glaubensgenossen gewidmet ist. Viele Jahre hindurch kamen zu diesen Gedenkfeiern im Stadttempel Personen, die dankerfüllten Herzens von der wunderbaren Fügung Gottes erzählten, durch die sie dem Feuertode entronnen waren. Der bedeutende (1893 verstorbene) Kanzelredner Dr. Adolf J e 11 i n e k hat aus Anlaß des Brandes mehrere im Druck erschienene Reden gehalten, von welchen die zwei nachfolgenden Ansprachen ein aktuelles Interesse finden dürften. Rede bei dem Gesamtbegräbnis der beim Theaterbrande Verunglückten (am 12. Dezember auf dem Zentral-Friedhofe gehalten). Kein Feuer, und loderte es noch so gewaltig, vermag die Nacht aufzuhellen, welche diese Särge einhüllt. Wie hieß der Tote, dessen Asche oder Leichnam jeder einzelne Sarg in sich birgt? Wir wissen es nicht! In welcher Konfession ward er geboren? Niemand antwortet uns darauf. Und doch, welche schmerzliche Teilnahme und welche tiefe Trauer verbreiten diese namenlosen Särge, nicht bloß in unserer Residenz, sondern überall, wohin die Botschaft gedrungen ist, daß eine Stätte der Lust und der Freude in einen rauchenden Altar sich verwandelte, auf welchem Hunderte von Menschen den Tod gefunden haben, den gemeinsamen Tod, einen grauenhaften Tod! Niemand fragt mehr nach ihrem Namen und Rang, nach ihrer Herkunft und Religion: es waren Gatten, Gattinnen, Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Jünglinge, Jungfrauen, denen Licht, Luft und Leben plötzlich, qualvoll und angstvoll genommen wurden. Und dieser gemeinsame Tod ist es, der jedes Menschenherz erschüttert und der diesen Brandopfern ein gemeinsames Grab bereitet. Das Leben trennte sie von einander, der Tod vereinigte sie, und verbunden im Tode soll die Erde zum ewigen Frieden sie alle aufnehmen. O, möge nicht vergebens ein jäher Tod sie ereilt, ein gemeinsames Grab sie aufgenommen haben! Möge derselbe allen, welche von ihm Kunde erhielten, eine ernste Mahnung sein, pünktlich, treu, unverdrossen und gewissenhaft das zu tun, was übernommene Pflichten und gewählter Beruf ihnen auferlegen, — denn jede, auch die geringste Pflicht in der untergeordnetsten Lebensstellung ist heilig, jede, auch die geringste Vernachlässigung dersel-

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