Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 50 (11.12.1931)
- Date
- 1931-12-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAJHtHBtl STEININDUSTRIE ■■■■■■■■■■■■■■■■■■HnH Jüdische Hochschüler i Auf zum Kampfe gegen das Hakenkreuz! Es geht um unsere Rechte an den Hochschulen und unsere zukünftige Stellung im Staat! Schließt Euch der im Rahmen der „Union" bestehenden Österreidiisdi Jüdlsdien Ahadcmihcr-nnlon Beifritfsanmeldungen Berggasse 4, Telephon Ä 19-2-77. an- Nationaljuden und „Studentenrecht". Die diversen zionistischen Gruppen und Grüppchen haben nunmehr ihre Stellung gegenüber der Czermak'schen „Studentenordnung" bezogen. Es ist ihnen dies offenbar nicht leicht gefallen. Mußten sie doch erkennen, daß sie sich in ihren eigenen nationalen Netzen verfangen haben. Die Herren Hakenkreuzler präsentieren ihnen ja doch nur jene „Ordnung", nach der sie so lange riefen, nach der sie sich sosehr gesehnt haben. Ein Teil des Programmes der jüdischnationalen Landespolitik soll nunmehr nach dem Plan der Antisemiten, denen die nationale Einstellung von Juden ja immer sehr sympathisch war, in Erfüllung gehen. Wahrlich, die Herren Nationaljuden hätten jetzt allen Grund, Triumphe zu feiern. Die Stimmen aber, die aus ihren Protestversammlungen in die Oeffentlichkeit dringen, zeugen mehr von einer Katzenjammerals einer Siegesstimmung. Als erste hatte sich die Gruppe der radikalen Zionisten unter Führung des Herrn Dr. Plaschkes gemeldet; sie ist so radikal, daß sie von einer nationalen Gliederung der Studenten am liebsten nichts hören möchte und für eine allgemeine Studentenkammer der gesamten Hochschülerschaft ohne Rücksicht auf Konfession und Nation plädiert. Wenn aber, so sagt ihre Entschließung, schon die Staatsfaktoren glauben, das Prinzip der „Studentennationen" festlegen zu sollen, dann müßte das freiwillige Bekenntnis für die Zugehörigkeit zu einer „Studentennation" maßgebend sein. Die Herren Radikalen — und nicht nur sie allein — besorgen, daß die Hakenkreuzler ihnen auch die Stehend-Getauften und Ausgetretenen zuteilen werden. Man muß gestehen, daß diese Zuteilung nur logisch und konsequent wäre, denn man kann wohl aus einer Glaubensgenossenschaft austreten, nie und nimmer aber aus einer Nation oder Rasse. Für den, der nationaljüdisch eingestellt ist, muß das Wort der Antisemiten Geltung haben: „Ein Jud' bleibt ein Jud' und wenn er sich hundertmal tauft!" Die Herren mögen nur an die Gottlosen- Bewegung unter den russischen Juden denken, die sich trotz ihrem atheistischen Getue „mit Stolz" gleichfalls zur jüdischen Nation bekennen. Der Radikalste der Radikalen, Herr Ing. Stricker, machte in der jüngsten zionistischen Studentenversammlung einen tiefen Kniefall vor der „Gleichberechtigung". „Hüten wir uns", rief er deklamatorisch aus, „zu protestieren gegen ein Gesetz, das die Gleichberechtigung ausspricht!" Siehe da, die vielverlästerte, verhöhnte Gleichberechtigung, die die „Assimilanten" sich und den Anhängern Strickers erkämpft und erhalten haben, kommt auch bei ihm zu Ehren. Spricht nur das neue „Studentenrecht", das in Oesterreich doch immer nur von Antisemiten erlassen werden kann, die Gleichberechtigung der Juden aus, so ist sie ihm genehm. Für die Beobachtung und tatsächliche Handhabung dieser Gleichberechtigung dürfen dann die „Assimilanten" kämpfen. Herr Stricker assimiliert sich. Die gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung scheint ihm momentan lieber zu sein als das völkerrechtlich unverbürgte Minderheitsrecht. Vorsichtig und behutsam wie immer sind die „Allgemeinen Zionisten". Das Wort Dr. Grünbaums; „Wer sich zurn~Judentum und zur jüdischen Religion bekennt, 'ist Jude", können auch wir unterschreiben. Nur verstehen er und wir etwas anderes unter Judentum. Er bringt das Kunststück zustande, die pseudowissenschaftliche CARL BENEDICT Zentrale: III., Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof,3. Tor, Tel. LMO-4-53 These des Rassenprinzips zu verwerfen, die nationale Gliederung der Studentenschaft nach „Volkszugehörigkeit" zu begrüßen und das darauf aufgebaute „Studentenrecht" abzulehnen. Die Gleichberechtigung der „Assimilanten" genügt ihm. nicht, sondern er und die Seinen wollen gleiche Wertung und Geltung. Und sie und wir wissen genau, mit welch untauglichen Mitteln sie dieses, gerade von den „Assimilanten" stets hochgehaltene Ziel zu erreichen suchen. Die Herren Nationaljuden aller Schattierungen können unbesorgt sein: die „Assimilanten" werden ihre staatsbürgerliche und jüdische Pflicht erfüllen, sie haben sich bisher mit halben Protesten nicht begnügt und werden auch weiterhin — wenn auch im stillen und ohne parteipropagandistische Aufmachung — alles Zweckdienliche tun, um die Einführung eines auf nationalen oder Volksbürgerschaftsgrundsätzen aufgebauten „Studentenrechtes" zu verhindern. Wir hoffen, daß uns dies gelingen wird. Nicht am wenigsten werden sich die Herren Zionisten aller Grade freuen, dadurch aus einer peinlichen Sackgasse entkommen zu sein. isdiias, Rheuma, Gidif Htägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Koblensäureb&der, Diathermie Heißluft, Hohensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heil- „methoden taglich, von 8-6 Uhr ilellanstfald „Ihermia" L, Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer Feuilleton Die Juden von Florenz. Von Diplomkaufmann Theodor Kohn. I. Der erste Italiener, von dem ich etwas über die Juden von Florenz höre, ist ein Katholik namens d'Aquino. Er ist Student in Florenz, zugleich auch Beamter — und will Deutsch erlernen. Seitdem er erfahren hat, daß ich aus Wien bin, weicht er nicht von meiner Seite. Deutsch will er erlernen — das ist augenblicklich sein großer Wunsch. Er ist bis zur Uebertriebenheit liebenswürdig und hilfsbereit, wie alle Italiener, und will mir die Stadt zeigen bis in ihre verstecktesten Winkel. Er will, daß auch ich seine Ansicht teile, daß seine Vaterstadt Florenz die schönste auf Erden ist Wir spazieren auf dem Piazzale Michelangelo, jenem wunderschönen Aussichtsbalkon von Florenz, auf dem ein Meisterwerk nach dem bekannten Originale „David" von Michelangelo steht. Die Aussicht ist wirklich wunderschön, das Panorama bezwingend. D'Aquino erklärt zuerst deutsch, später, als er ins Feuer kommt italienisch: Drei Gebäude beherrschen die Stadt: der Dom, der Palazzo vecchio und der jüdische Tempel. Und d'Aquino spricht vom tempio ebraico mit gleichem Feuer wie vom Dom. Für ihn ist die Synagoge ein Teil seiner Vaterstadt, für ihn gehört sie ebenso zum Gesamtbilde der Stadt wie seine jüdischen Mitbürger zur Einwohnerschaft. Ich höre zu, freue mich über d'Aquinos Mentalität und anfangs will ich es nicht glauben, daß jener Prachtbau, der die Stadt beherrscht, ein Wahrzeichen der Stadt Florenz, — der jüdische Tempel sein sollte. Ich will noch weiter hören, noch viel, viel mehr von den Juden von Florenz und ihrem Gotteshause erfahren, doch d'Aquinos Kenntnisse in dieser Beziehung reichen nicht weit Aber seine Hilfsbereitschaft läßt ihn nicht in Verlegenheit kommen: „Komm', ich führe dich zum Tempel, dort wirst du alles erfahren." Und wir gehen. Er sieht, daß mich die Situation der Juden in Florenz interessiert, und er will mir unterwegs einiges erzählen. Er will, aber er kann es nicht. Er zählt sehr viele Juden zu seinen Freunden, aber es ist ihm noch niemals eingefallen, sich nach der Lage der Juden zu erkundigen, für ihn besteht die „J ud enf r ag e" nich t. Er weiß von seinen Freunden, daß sie Juden sind, weil sie am „langen Tag" nicht essen, — aber sonst kennt er keinen Unterschied. Deshalb drängt sich alles das, was er mir sagen will, in einen Satz zusammen: Hier gibt es keinen Antisemitismus! Und d'Aquino sagt das mit einer gewissen Genugtuung, er ist stolz darauf. Der Rektor seiner Handelshochschule ist der Jude Prof. Dr. Dalla V o 11 a, dessen Stellvertreter, also sozusagen der Rangälteste unter den Professoren, der bekannte Zionist Prof. Doktor F i n z i. Aber er weiß nur zufällig, daß die zwei Gelehrten Juden sind, sonst fragt man hier nicht nach der Religion und auch nicht nach der „Volkszugehörigkeit", — weder bei Professoren noch bei Studenten. Im Gegenteil. Ausländische Studenten — es handelt sich meistens um vom Numerus clausus vertriebene Ungarn und Polen — zahlen halbe Studiengebühren, also bloß die Hälfte von dem, was der Inländer bezahlt. (In Wien Ausländergebühr 3fache Inländergebühr.) Wir kommen an einem Zeitungsverkaufsstand vorüber. Ich sehe französische, englische, amerikanische Zeitungen, Wiener Zeitungen sind nicht ausgestellt. „Haben Sie denn keine deutsche Zeitung?", frage ich den Verkäufer; „o naturalmente" entgegnet er und zieht mir aus der Mitte eines großen Stoßes ausländischer Zeitungen einen----- „Völkischen Beobachter" hervor. Oh, der glückliche, naive Geldverdiener, er reicht mir die Zeitung so treuherzig und ist gekränkt, als ich sie mit einem Lächeln zurückweise. Ja zuerst mußte ich lachen, doch später, als ich den „Völkischen Beobachter" auch bei dem zweiten, dritten, xten Zeitungsstand ausgestellt sehe, werde ich nachdenklich: Was ist denn geschehen? Hitler hat sich um die Erlaubnis beworben, sein Blatt in Italien kolportieren zu dürfen. Soviel ich weiß, sind für diese Erlaubnis in jedem Lande gewisse Bedingungen gestellt — und in Italien dürften es nicht leichte sein. Sollte sich Hitler verpflichtet haben, gewisse Themen in seinem Blatte nicht mehr zu berühren — und andere wieder in einer für die Italiener angenehmen Beleuchtung zu bringen? Ich weiß es nicht, aber unwillkürlich erscheint mir das Bild der Ansichtskarten und Photographien des „Deutschen Schulvereines" und anderer völkischer Vereine, die man immer wieder in den Anschlagkasten der „Deutschen Studentenschaft" zu sehen bekommt, — ich erinnere mich z. B. an das Bild eines karikierten, kleinen, buckligen Italieners, der die magere lange Hand nach einem gebirgigen Lande ausstreckt und darunter steht: „Deutscher Junge, vergiß das nie!" Ich erinnere mich an den Ausspruch „Gott strafe das treulose Italien" usw. usw. und frage mich nochmals: „Was ist denn geschehen?" Hat Hitler, der deutscheste aller deutschen Jungen, schon vergessen? — Oder erscheint es ihm als vorteilhaft, bei jenen heute um Erlaubnis zu bitten, die er noch vorgestern von Gott bestraft wissen wollte, — oder aber hat er sich die hohe Aufgabe gestellt, in das fremden- und judenfreundliche Italien das Gift des Antisemitismus zu importieren?-- Wir sind angelangt, d'Aquino empfiehlt sich und ich gehe in den Tempel; was ich dort sah und erlebte, sei nächstens geschildert.